Eren Kilic, Geschäftsführer des Weiterbildungsinstituts Bilcom, erzählt über seinen Weg zum Kleinunternehmer in Favoriten
daStandard.at: Warum haben Sie sich nach dem Studium dazu entschieden, ein Weiterbildungsinstitut zu gründen?
Kilic: Eigentlich wollte ich nach meinem Wirtschaftsinformatik-Studium nicht in Österreich bleiben, sondern für ein bis zwei Jahre ins Ausland fahren, nach England oder Frankreich, um danach mit verbesserten Sprachkenntnissen zurückkehren. Zwei Studienkollegen haben mich aber überredet, mit ihnen gemeinsam ein Unternehmen im Bereich Hard- und Software-Consulting zu gründen, das hat aber nicht wirklich funktioniert. Ich habe dann die Firma alleine weitergeführt und bin auf den Bereich Weiterbildung umgestiegen. Seit 2005, nachdem ich den Weiterbildungsbetrieb klein aufgebaut habe, wurde der Ein-Mann-Betrieb immer größer, mittlerweile beschäftige ich 25 Mitarbeiter.
Woran lag es, dass das Konzept des Hard- und Software-Consulting nicht aufging?
Kilic: Das Problem ist: Wenn Migranten mit türkischem Hintergrund zu dir kommen und wissen du sprichst Türkisch, dann verhalten sie sich anders als bei einer österreichischen Firma. Sie denken, sie können es sich bei ihren "Landsmännern" leisten, weniger oder nicht rechtzeitig zu zahlen. Es ist auch so, dass die erste Generation geistiger Arbeit nicht genug Wertschätzung entgegenbringt. Wir wurden einmal von einem Unternehmer beauftragt, das Grafik-Design zu gestalten. Als es dann um die Rechnung ging, hat er gemeint, das wäre ziemlich viel für ein bisschen Tippen auf der Tastatur. Nur weil du keine Mauern einreißt oder Fliesen legst, hat deine Arbeit dann keinen Wert.
Wie verlief dann die Umstellung auf die Weiterbildungsbranche?
Kilic: Wir haben uns sehr bemüht, anerkannte Zertifizierungen zu erhalten, um unsere Qualität zu bestätigen. Zuerst erhielten wir die ECDL-Zertifikate, das ging ziemlich rasch. Beim ÖSD (Österreichisches Sprachdiplom Deutsch) gab es Startschwierigkeiten, obwohl alle unsere TrainerInnen Germanistik studierten und die DaF-Ausbildung absolviert hatten, also an der Qualität der TrainerInnen hat es nicht gelegen. Wir wurden vom ÖSD dreimal abgelehnt, mit der Begründung, es gäbe bereits genug ÖSD-Anbieter in Wien. Letztendlich haben wir auch diese Zertifizierung erhalten.
In Österreich werden ja Jungunternehmer sowie Klein- und Mittelunternehmer besonders gefördert. Gab es Förderungen, die Sie nach der Neu-Positionierung des Unternehmens in Anspruch nehmen konnten?
Kilic: Ich habe von der WKO eine Förderung bekommen, aber die war minimal, verglichen mit meinen Ausgaben. Ich hatte ja auch die alte Firma inklusive Schuldenberg übernommen, galt daher auch nicht als Jungunternehmer. Außerdem war die Förderung auch daran gebunden, einen Bürgen aufzutreiben, was nicht sehr einfach war. Ich finde, dass man diese Forderung nicht stellen sollte. Die Wirtschaftskammer sollte selbst bürgen, die Förderung ist ja auch kein Geschenk, sondern eigentlich ein Kredit ohne Zinsen. Heute machen meine steuerlichen Abgaben monatlich mehr als das Dreifache dieser Förderungssumme aus, bringen dem Staat und unserer Wirtschaft also sehr viel ein.
Hier im 10. Bezirk sind viele Unternehmen speziell auf Migranten und sogar bestimmte Migrantengruppen ausgerichtet, werden quasi von Migranten für Migranten betrieben. Wie schaut es mit dem so genannten Migrationshintergrund ihrer Mitarbeiter und der Kursteilnehmer aus?
Kilic: Wir haben österreichische, ungarische, kroatische TrainerInnen, wir haben Kurden und Türken, eine Chinesin, eine Polin, es ist also gemischt. Zur Hälfte mit, zur Hälfte ohne Migrationshintergrund, würde ich sagen. Auch bei den Kursteilnehmern ist es sehr bunt gemischt. Bei den Deutsch- und Alphabetisierungskursen sind es zu neunundneunzig Prozent Migranten. Bei den Englisch-Kursen gibt es auch viele Kursteilnehmer ohne Migrationshintergrund, bei den EDV-Kursen sind es mehrheitlich Nicht-Migranten.
Welche Reaktionen gibt es seitens der "österreichischen" Kursteilnehmer auf Ihren Migrationshintergrund bzw. den der Trainer?
Kilic: Österreicher sind das nicht so gewohnt. Migranten aus der Türkei assoziiert man ja mit "Döner-Kebab". Und da steht eine Person mit Migrationshintergrund, die ihnen etwas beibringen möchte, das ist etwas Neues, dem sie begegnen. Es gibt immer wieder Reaktionen, genug positive und genug negative. Das ist normal und menschlich. Ich finde das gut, denn es gibt ja dann meistens einen Einstellungswechsel.
Zum Schluss die übliche Frage nach Ihrer Herkunft. Welche Bedeutung hat Ihr Migrationshintergrund für Sie?
Kilic: Ich bin seit 15 Jahren in Österreich. Als ich nach Österreich kam, habe ich zwei Identitäten gehabt: Ich bin Kurde und ich bin Türke gewesen. Diese beiden Identitäten waren im Kampf miteinander. Die kurdische Identität war irgendwann mal dominant, aber jetzt denke ich, dass ich eine kurdische und eine türkische Seite habe. Seit 15 Jahren bin ich auch ein Österreicher, habe auch eine österreichische Seite in mir. Als ich als Austauschstudent in Schweden war, hab ich nicht unbedingt Dersim (Region im Osten der Türkei, Anm.) vermisst, ich habe Wien vermisst.