Migration plus Bildung ergibt keine Unbekannte, sondern eine klare Benachteiligung in Österreich
Dass es um die "soziale Durchlässigkeit" des österreichischen Bildungssystems schlecht bestellt ist, zeigt der Rohbericht der Studierenden-Sozialerhebung 2009. Demnach ist der Anteil an Studierenden aus sozial schwächeren Schichten in den vergangenen zehn Jahren um sieben Prozent gesunken: von 26 auf 19 Prozent. Studierende mit Migrationshintergrund gehören oftmals sozial benachteiligten Gruppen an. Für sie ist der Zugang zur akademischen Ausbildung besonders schwierig.
Einheitsbrei?
Um die „soziale Durchlässigkeit" des österreichischen Bildungssystems und die Chancengleichheit von Personen mit Migrationshintergrund nachzuweisen, werden von den offiziellen Stellen verschiedene Zahlen herangezogen. Eine davon ist 27: Nach den Ergebnissen einer Teilstudie der Studierenden-Sozialerhebung aus dem Jahr 2006 haben 27 Prozent aller an den heimischen Universitäten Studierenden einen Migrationshintergrund. Mehr als ein Viertel aller StudentInnen ist demnach selbst im Ausland geboren oder hat einen im Ausland geborenen Elternteil. Kann da überhaupt von Benachteiligung die Rede sein? Ja, weil die unter der Bezeichnung „Studierende mit Migrationshintergrund" subsumierten StudentInnen nicht nur jene in Österreich lebenden StudentInnen aus der so genannten 2. und 3. MigrantInnengeneration umfassen. Auch alle internationalen Studierenden, die für ein oder mehrere Semester nach Österreich kommen, werden zu dieser Gruppe gezählt. Also gelten beispielsweise auch deutsche Studierende als „StudentInnen mit Migrationshintergrund". Wie hoch der Prozentsatz an Studierenden aus der 2. bzw. 3. MigrantInnengeneration ist? Darüber liegen keine Zahlen vor.
Gezielte Förderung?
Ungewiss ist auch, wie viele UniabsolventInnen mit Migrationshintergrund den Sprung in den prestigeträchtigen akademischen Forschungs- und Lehrbetrieb schaffen. Ein Blättern in den Personenverzeichnissen einzelner Institute der Universität Wien lässt jedoch erahnen, dass es AbsolventInnen mit Migrationshintergrund besonders schwer haben, im akademischen Betrieb Fuß zu fassen. In den Köpfen fest verankerte Klischeebilder sind eine der Ursachen dafür: „In meiner ersten Lehrveranstaltung hat mich die Lehrende gefragt, wo ich so gut Deutsch gelernt hätte und wie lange ich schon in Österreich sei", erzählt die in Wien geborene Germanistik-Absolventin Sabrina K.* Darüber hinaus stellen vor allem der Mangel an unterstützenden Netzwerken sowie das Fehlen gezielter Fördermaßnahmen die größten Hürden dar. Letztere werden hierzulande so formuliert: "AbsolventInnen und Studierende mit Migrationshintergrund sollen in die Studieninformation eingebunden werden." (Mitteilungsblatt Nr. 99 der Universität Wien, ausgegeben am 22.3.2007). Als zeitlicher Rahmen für die Umsetzung dieses Vorhabens wird der 31.12.2009 genannt. Über den Stand der Realisierung konnte nichts in Erfahrung gebracht werden. Eine diesbezügliche Anfrage an die zuständige Stelle der Universität Wien blieb unbeantwortet.
"Akademiker zweiter Klasse"
Welches Signal sendet die größte Universität des Landes aus, wenn sie ihren „AbsolventInnen mit Migrationshintergrund" nichts anderes in Aussicht stellt als die Möglichkeit, in der Studienberatung mitzuwirken? „Ich fühle mich als Akademiker zweiter Klasse", bringt es Daniel G.*, Doktorand der Philosophie, dessen Eltern aus Serbien stammen, auf den Punkt. Sinnvolle Vorschläge und Ideen zur Förderung von AbsolventInnen mit Migrationshintergrund im Forschungs- und Lehrbetrieb der Alma Mater Rudolphina Vindobonensis wird man vergeblich suchen. Die Wiener Universität verzichtet auf vorhandene Potenziale ihrer eigenen AbsolventInnen, die neben einer profunden fachwissenschaftlichen Ausbildung auch interkulturelle und fremdsprachliche Kompetenzen vorweisen. Für einen international agierenden und konkurrierenden akademischen Betrieb als unentbehrlich beschworene Qualifikationen. Doch die holt man sich von außerhalb, man ist doch schließlich international.
* Name von der Redaktion geändert