Mehrsprachigkeit wird im Allgemeinen als Vorteil gesehen. Doch dies gilt meist nur für eine kleine Auswahl an Prestige-Sprachen
Svitlana und die deutsche Sprache verbindet einiges. Deutsch war die erste Fremdsprache, die die junge Ukrainerin in der Schule lernte und heute studiert sie auch Deutsch an der Wiener Universität. Trotzdem weiß Svitlana ganz genau, welchen Stellenwert ihre Muttersprache in ihrem Leben einnimmt. "Die ukrainische Sprache wird von vielen vernachlässigt. Die Hälfte der Ukrainer spricht nur Russisch. Manche schämen sich auch für die Sprache, weil sie so klein ist und immer nur mit dem Russischen verglichen wird. Das Gefühl, dass mir meine Muttersprache sehr wichtig ist, ist in Österreich stärker geworden. Ich würde meine Sprache niemals aufgeben."
Deutschkenntnisse ist gleich Sprachkompetenz?
Svitlanas Mehrsprachigkeit ist ein wichtiger Teil ihrer Persönlichkeit. Neben ihrer Muttersprache Ukrainisch spricht sie perfekt Russisch, Polnisch und Deutsch. Momentan lernt sie noch Italienisch und Englisch. "Je mehr Sprachen du sprichst, desto mehr bist du Mensch", ein Sprichwort, das gut beschreibt, wie Svitlana ihre Mehrsprachigkeit erlebt. Sie sieht sich durch das Beherrschen der verschiedenen Sprachen anderen Kulturen gegenüber näher und offener als monolinguale Menschen.
Hierzulande wird Sprachkompetenz aber sehr gerne mit der Beherrschung der deutschen Sprache gleichgesetzt. "Im Kindergarten werden die Deutschkenntnisse der Kinder im Rahmen eines Verfahrens erhoben, das sich 'Erfassung der Sprachkompetenz' nennt", so Angelika Hrubesch vom Netzwerk Sprachenrechte. "So als wäre Deutsch die einzige Sprache. Ganz ungeachtet dessen, wie eloquent die Kinder vielleicht in ihrer Erstsprache sind. Daher fordern wir, dass Mehrsprachigkeit zum allgemeinen Bildungsziel wird", betont Hrubesch.
Keine Assimilation erzwingen
Das Netzwerk Sprachenrechte, das 2003 als Reaktion auf das Inkrafttreten der so genannten "Integrationsvereinbarung" gegründet wurde, tritt für das Grundrecht eines jeden Menschen auf Schutz und Förderung seiner sprachlichen Identität ein. Ein Grundrecht, basierend auf den UN-Menschenrechtspakten (1966) und der Allgemeinen Erklärung der Sprachrechte (1996), das Staaten beauftragt, die Sprachenrechte ihrer Minderheiten (Volksgruppen, Gehörlose, MigrantInnen, Flüchtlinge) anzuerkennen. Demzufolge dürfen keinerlei Maßnahmen gesetzt werden, die eine Anpassung an Sprache und Kultur der Mehrheitsgesellschaft, sprich Assimilation, erzwingen.
Als Lehramt-Studentin weiß Svitlana genau: "Man muss motiviert werden, um eine Sprache lernen zu wollen. Zwang ist nicht der richtige Weg. Dadurch entwickelt man höchstens eine Abneigung." Ebenso dürfe weder ein Verbot noch eine Unterdrückung der Muttersprache passieren, da die betroffenen Personen auf diese Weise einen Teil ihrer Identität und ihres Selbstwertgefühls verlieren.
Fragwürdige Wertigkeiten
In der öffentlichen Meinung wird das Beherrschen mehrerer Sprachen unbestritten als Vorteil gesehen, allerdings unterscheidet man hierbei oft nach "Spachprestige". Hrubesch: "Jede/r würde unterstützen, dass Englisch und Französisch und Spanisch und vielleicht auch Russisch an den Schulen unterrichtet werden, aber wenn es Türkisch, Tschechisch, Slowenisch und Polnisch sein soll, gehen plötzlich die Wogen hoch." Diese definierten Wertigkeiten bewirken, dass mehrsprachige Kinder zum Beispiel häufig ihre Sprachkompetenzen "zurückstecken" und dann eher sagen, "Ich spreche Deutsch und Englisch" anstatt hervorzuheben, "ich spreche Wolof und Mandinka und Deutsch und Englisch und ein bisschen Französisch".
Mehrsprachigkeit soll als Mehrwert angesehen und gefördert werden. "Das entspricht auch den europäischen Bildungsprogrammen, in denen es heißt, jede/r BürgerIn soll neben seiner Erstsprache mindestens zwei weitere Sprachen beherrschen," unterstreicht Angelika Hrubesch. "Das würde aber auch bedeuten, dass man die vorhandene Mehrsprachigkeit anerkennt, sichtbar macht und nicht - wie derzeit leider die gängigere Praxis - auf Englisch als erste und noch eine zweite (europäische) Fremdsprache abzielt."