Muttersprache

Gegen den Trend

Olivera Stajić, 15. Februar 2010, 12:04
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    Manche SchülerInnen kostet es Überwindung die Muttersprache im Unterricht zu verwenden. Doch das Selbstbewusstsein wächst von Stunde zur Stunde, bestätigen Lehrer und SchülerInnen.

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    Das innovative Unterrichtskonzept erlaubt das Arbeiten mit kleinen Schülergruppen.

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    Ganze 90 Prozent der SchülerInnen in der KMS Schopenhauerstraße haben eine nichtdeutsche Muttersprache.

In der Kooperativen Mittelschule Schopenhauerstraße wird in den Geschichte- und Geografiestunden der dreisprachige Unterricht erprobt

In der ersten Doppelstunde am Freitag herrscht in der 4B ein reges Kommen und Gehen. Am Unterrichtsplan steht die Zwischenkriegszeit, unterrichtet wird in drei kleinen Gruppen, in drei Klassenräumen: Frau Reissner erzählt über die Goldenen Zwanziger, bei Herrn Yilmaz erfahren die MittelschülerInnen das wichtigste über die Wirtschaftskrise, und bei Ana Žiga stehen die Nachfolgestaaten der Donaumonarchie auf dem Programm. Nach ca. 16 Minuten wechseln die SchülerInnen den Raum und widmen sich dem nächsten Thema. In der zweiten Stunde erfolgt die Teilung nach Muttersprache: Göksel Yilmaz vertieft den Lernstoff mit den türkischsprachigen SchülerInnen, Ana Žiga unterrichtet in Bosnisch/Kroatisch/Serbisch (B/K/S) und die Klassenvorständin Gerda Reissner hält in ihrer Gruppe den Unterricht in Deutsch bzw. Englisch ab. 

Projektkinder

Seit Anfang des Schuljahres 2009/10 wird in den Geschichte- und Geografiestunden der 4B der dreisprachige Unterricht erprobt. Nach dem ersten Semester sind alle Beteiligten mehr als zufrieden: "Nächstes Jahr gibt es ein Remake mit der jetzigen 3B", kündigt Projektleiterin Gerda Reissner an. Außerdem wolle sich im nächsten Schuljahr eine weitere Kollegin dieses Modell "näher ansehen". Die Schüler ihrer Klasse, der 4B, seien projekterprobt, erzählt Reissner. Im Rahmen des Forschungsprojektes Sparkling Science haben sie sich zum Beispiel zusammen mit StudentInnen der WU Wien mit Fragen der Integration und des Heimatbegriffs auseinandergesetzt. Hier traten sie als "AlltagsexpertInnen" auf, denn bis auf einen Burschen kommen alle SchülerInnen der 4B aus Migrantenfamilien. 

"Gegen den Trend"

Ganze 90 Prozent der SchülerInnen in der KMS Schopenhauerstraße haben eine nichtdeutsche Muttersprache. Zwei Lehrer, für B/K/S und Türkisch, sorgen seit einigen Jahren nachmittags für den Muttersprachenunterricht. Dass auch im regulären Unterricht streckenweise die Muttersprache zum Einsatz kommt, ist neu. "Derzeit sind wir mit unserem Modell gegen den Trend, aber nach den Wahlen werden wir interessant werden. Derzeit heißt es von der Politik, ‘sie sollen Deutsch lernen‘. Man muss es oft auch vor eigenen Kollegen rechtfertigen", gesteht Gerda Reissner. Doch der Erfolg motiviert: Der muttersprachliche Parallel-Unterricht zeigt bereits sehr positive Auswirkung auf die Lernerfolge, erzählt Göksel Yilmaz. Von beiden Lehrern wird überschwänglich ein Schüler gelobt, der im regulären Unterricht "eher unter ferner liefen" gelandet wäre. Als der Schüler ein - im türkischen Teil der Stunde - selbstgestaltetes Plakat der ganzen Klasse auf Deutsch vorstellen sollte, sei er regelrecht aufgeblüht, berichtet die Klassenvorständin stolz. Der Schüler hätte ohne Mühe sein Werk "simultan übersetzt".

"Halbsprachigkeit ist fatal"

"Für das Selbstbewusstsein der Kinder ist diese Art von Unterricht sehr wichtig", betont Yilmaz. Der studierte Politologe ist der Meinung, dass solche Unterrichtsmodelle unbedingt zusammen mit dem zusätzlichen muttersprachlichen Unterricht kombiniert werden müssen. Die Alphabetisierung in der Muttersprache sei wichtig. "Wenn der Aufbau der Muttersprache mit der Einschulung unterbrochen wird, schaffen es die Kinder oft nicht, in irgendeiner Sprache gut zu sein. "Diese Halbsprachigkeit ist fatal", so Yilmaz. Wissenschaftliche Theoretiker und Praktiker aus dem Lehrbetrieb sind sich einig: Wichtig ist, dass die Muttersprache nicht nur in der Volksschule, sondern auch später gefördert wird.

"Brauchen mehr Lehrer"

Davon ist auch Schuldirektorin Erika Tiefenbacher, die sich eine Fortsetzung des innovativen Unterrichtsansatzes wünscht, überzeugt: "Es kommt auf die Ressourcen der Muttersprachen- Lehrer an, aber dieses Projekt könnte auch auf andere Fächer umgelegt werden. Wir beobachten auch, dass die Parallelklasse nicht so schnell voran kommt, wie die, die vertiefend und projektorientiert arbeiten. Wir könnten also parallel evaluieren und beweisen, dass die Schüler motiviert sind". Einen konkreten Beweis für die Motivation der Schüler kann Tiefenbacher bereits nennen: "Eine unserer dreisprachigen Doppelstunden ist am Mittwochnachmittag, und Vierzehnjährige haben nachmittags oft ein anderes Programm, aber hier fehlt niemand", erklärt Tiefenbacher schmunzelnd. Die Erweiterung des Projektes kann aber nur mit zusätzlichen Muttersprachenlehrern realisiert werden. "Man will nicht wahrnehmen, dass die Festigung der Muttersprache eine wichtige Voraussetzung ist. Der zuständige Schulinspektor Manfred Pinterits wollte uns einen weiteren Lehrer geben, aber die jetzt genehmigten Lehrer sind nur für Volksschulen vorgesehen", bedauert Tiefenbacher.

Gute und schlechte Sprachen 

Den Schülern in der KMS Schopenhauerstraße wird durch das Projekt des dreisprachigen Unterrichts vor allem die soziale Wertschätzung ihrer Muttersprachen vermittelt. In der großen Pause hört man in den Gängen der KMS Schopenhauerstrasse eine bunte sprachliche Mischung. Davon fühle sich hier niemand gestört, betont Gerda Reissner. "Sie switchen alle mühelos zwischen beiden Sprachen. Das machen meine eigenen Kinder auch zwischen Englisch und Deutsch, aber Englisch ist offenbar eine gute Sprache, und Türkisch ist es nicht".

Wissen

Seit 1972 gibt es an den österreichischen Schulen muttersprachlichen Unterricht. Damals wurde er  als "Rückkehrhilfe" für die Gastarbeiterkinder eingeführt. Derzeit unterrichten in Wien ca. 200 Muttersprache-LehrerInnen in 17 unterschiendlichen Sprachen; Englisch, Französisch und andere Sprachen, die ohnehin als Unterrichtsfach vorhanden sind, werden nicht mitgezählt. Laut Manfred Pinterits, Schulinspektor in Wien und zuständig für interkulturelles Lernen, bemühe man sich derzeit um die Aufwertung der Sprache. Wichtig sei es aus der Muttersprache eine akademische Sprache zu machen, "Kuchel-Kroatisch" nützt uns nichts, so Pintarits.

Links

KMS Schopenhauerstraße 79

Muttersprachlicher Unterricht

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 153
1 2 3 4
Ndugu
00
Tolles Projekt, sollte unbedingt ausgeweitet werden!

Ich verstehe nicht, warum die Erkenntnisse der Sprachwissenschaft (es ist längst erwiesen, dass muttersprachliche Förderung den Erwerb von Zweit- und Drittsprachen leichter macht) nur so zögerlich in die Bildungsarbeit integriert werden. Außerdem macht es sozial einfach Sinn, und bietet sich in bestimmten Fächern auch an - es schadet auch österr. Kindern nicht, mehrere Sprachen zu hören & mitzulernen, denn: Der Großteil der Welt ist mehrsprachig - das hat man hierzulande noch nicht wirklich kapiert.

Kra Wuzikabuzi
03
17.2.2010, 09:38
ich kenne diverse auswandererfamilien

wo zb zu hause perfekt deutsch etc gesprochen wurde und das kind in einem falle perfekt deutsch sprechend mit schwachem englisch ins schulsystem eingestiegen ist. grosse schwierigkeiten.

ab dann wurde zu hause nur mehr englisch gesprochen, um das kind nicht weiter zu isolieren.


obiges ist für mich isolation und hat mit integration überhaupt nichts zu tun.

anne manner
40
17.2.2010, 09:47
isolation

wenn ein kind schlecht in englisch ist??? UNd das finden Sie akzeptabel????

neeed
00
16.2.2010, 18:59
naja

bin mir nicht sicher ob das so eine gute idee ist
aber was solls, sollen sie es dort ausprobieren von mir aus - und am ende des jahres gibts dann einen (standardisierten) deutsch-test, und wenn sich die leute verbessert haben schauen wir weiter
also, wieso nicht WENN es hilft?! warten wir ab ob es hilft...

anne manner
53
16.2.2010, 18:47
super projekt!

und dass die (bezahlten fpoe) postlerInnen sich nicht vorstellen koenne, dass man MEHRERE Sprachen beherrschen kann und daher von Unterricht in MEHREREN Sprachen (deeutsch, tuerkisch, was auch immer) profitiert, finde ich hinreissend entlarvend. Die fuerchten sich schlicht vor Sprachen, weil sie vermutlich keine koennen. Und auch nicht wissen, wie man eine lernt, geschweige denn lehrt.

Madame Haram
04
22.2.2010, 00:36
So naiv können Sie aber doch nicht wirklich sein,

dass Sie ernsthaft glauben, dass wir es hier mit einem Konzept wie in den div. International Schools (wo zwei- oder mehrsprachige Kinder aus gehobenem sozialen Umfeld z.B. auf Englisch unterrichtet werden) zu tun haben.

Wir reden hier von bildungsfernen Kindern aus oft sozial /kulturell schwierigen Verhältnissen, die dem Unterricht auf Deutsch schlichtweg nicht folgen können, weshalb kapituliert wurde und ihnen halt ein bisschen was in der Muttersprache beigebracht wird (was diese Kinder aber wohl trotzdem nicht von der Versager-Straße runterbringen wird, zumal zu befürchten steht, dass auch die Sprachkompetenz in der Muttersprache sehr beschränkt ist).

anne manner
41
22.2.2010, 13:54
nicht naiv

Naiv ist es zu glauben, Kinder aus bildungsfernen Schichten brauchen weniger Förderung als solche aus bildungsnahen Schichten. Dass man das Konzept einer international school nicht 1:1 übernehmen kann, weiß ich schon. Aber abschauen kann man sich viel, zB die gezielte Förderung der Unterrichtssprache bei gleichzeitiger Förderung der Muttersprachen. NUr das Ausmaß müsste man verdoppeln. Es stimmt nicht, dass in öffentlichen Schulen die Muttersprachen unterrichtet und Deutsch vernachlässigt wird. Das ist eine glatte Lüge!

Madame Haram
03
22.2.2010, 20:24
Nun ja,

zumindest in der Hauptschule, von welcher im Artikel die Rede ist, wird nicht nur am Nachmittag Muttersprachenunterricht erteilt (zumindest für die Abkömmlinge der "wichtigsten" - gemeine Leute würden sagen "integrationsunwilligsten bzw. -unfähigsten" - Migranten), sondern die Muttersprachen bereits als Unterrichtssprachen verwendet.

Ob das gerade für Kinder, die in Parallelgesellschaften leben und ohnehin kaum in Kontakt mit der deutschen Sprache kommen, ideal ist, möchte ich bezweifeln.
Wie sollen diese Kinder je eine höhere Bildung erwerben und in höhere berufliche Positionen eindringen können? Oder glauben Sie, der Teamleiter der Firma XY wird die Projekte auch zuerst in den jeweiligen Muttersprachen erläutern?

Franz Bim
 
30
24.2.2010, 15:19
Parallelgesellschaft

Hiermat schlage ich das Wort "Parallelgesellschaft" als Unwort des Jahres vor! Es ist ja nicht so, dass das indigene Volk Österreichs eine homogene Gruppe bildet. Ich als Studierender hab ja auch fast nur mit anderen Universitätsangehörigen zu tun. Lebe ich deshalb in einer Parallelgesellschaft?

Madame Haram
12
26.2.2010, 21:07
Na so abgehoben und realitätsfremd

wie Sie sich hier darüber echauffieren, dass ich schlicht festgestellt habe, dass sich in den letzten Jahrzehnten ethnische Parallelgesellschaften in Wien gebildet haben, muss man wohl eher davon ausgehen, dass Sie nicht nur in einer Parallelgesellschaft leben, sondern schlichtweg in Ihrer eigenen Welt.

Aber als jemand, dessen Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen und vor allem Familie nur aus Universitätsangehörigen besteht, können Sie es sich immerhin leisten, bei alltäglichen Erledigungen (Einkaufen, Bank, Ämter etc.) oder auch solchen, die ev. noch auf Sie zukommen werden (Elternsprechtage) stets einen von Ihnen selbst bezahlten Dolmetscher mitzuführen. Gell?

RS69
 
31
27.2.2010, 10:09

Jaja, diese Parallelgesesllschaften - besonders die der wenig gebildeten, und xenophoben macht Probleme.

Wären diese LEute ein bisschen aufgeschlossener und weniger fremdenfeindlich - und das gepaart mit ein bisschen mehr Bildung - dann wären alle Zutaten für bessere Kulturenübergreifende Kommunikation gegeben: Wollen und Können.

Bezeichnender Weise ist das auch die Schicht, die sogar ungebildete Migranten als Wettbewerb und Bedrohung empfindet, und trotz Ihres eigenen nicht sonderlich hohen Beitrages zum Sozialsystem Ihren Platz am von grösstenteils anderen befüllten Futtertrog aggressiv vertreidigt.

Qualtinger
 
01
17.2.2010, 06:52
Und wie viele Spricht Du?

Ich spreche 4

anne manner
21
17.2.2010, 07:48
fuenf

Latein und Griechisch nicht mitgerechnet.

axeman
01
18.2.2010, 03:39

politisch korrekt ist keine sprache

Kra Wuzikabuzi
11
16.2.2010, 18:13
was haben wir früher über die fp und ihre visionen gelacht...

killerbaerchen
22
16.2.2010, 18:04
Gestern türkische Untertitel im ORF

heute wird in 2 Sprachen unterrichtet die kein Mensch braucht ...
Nicht das man mich hier falsch versteht. Ich bin auch der Meinung das man seine Muttersprache können muss, aber viel wichtiger finde ich es das man die Sprache beherrsch, die in dem Land gesprochen wird in den man lebt.
Jeder Versuch Integration langfristig und positiv zu festigen scheitert wenn der wichtigste Schlüssel, die Sprache, fehlt!!!!!!!!
Keiner von diesen Kindern wird es den engagierten Lehrern danken wenn sie einen Job suchen und die Jugendlichen ihr Bewerbungsgespräch dann leider nur auf türkisch und bosnisch führen können... Aber der Staat wird dafür schon zahlen .....

Das allmächtige Rad
43
16.2.2010, 20:06
"heute wird in 2 Sprachen unterrichtet die kein Mensch braucht ..."

Du bist ein lustiger...deitsch brauch ma a ned, ko e a jeda englisch gö? hian brach i a kans wö da HC denkt fia mi...

Festnetzwiederanmelder
10
16.2.2010, 18:02
wäre eine Jobperspektive für

türkische Eltern, wenn sie die Lehrerausbildung schaffen. Die Arbeitslosigkeit unter den Migranten würde zurückgehen und wenn die Eltern deutsch können, ist es für deren Kinder kein Problem. Derzeit muss man halt so unterrichten, damit überhaupt was weitergeht und die Kinder ihre zweite Kultur kennenlernen. Das Problem ist eben, dass in 2. und 3. Generation daheim keiner deutsch mit den Kindern redet.

Marcus Maccabaeus
03
16.2.2010, 17:36
Das Ende der Integrationslüge!

Der Krug geht solange zum Brunnen bis er bricht und jede Lüge lässt sich irgend wann nicht mehr aufrechthalten!

aufregung
72
16.2.2010, 17:10
wieder einmal erschreckend

wie sehr xenophobie unter oesterreicherInnen verbreitet ist, wenn ich mir die postings hier so durchlese...

Georg Schütt
15
16.2.2010, 18:01
Ommer wieder empörend, dieser billige Vorwurf!

Nicht viele Länder haben so viele Menschen aus anderen Ländern aufgenommen wie unseres und ermöglichen ihnen immerhin ein Lebensniveau, von dem die meisten in ihren Herkunftsländern oft nicht einmal träumen konnten.

Und das z.T. über viele Jahre, ohne dass erkennbare Gegenleistungen erbracht werden.

Woher nehmen Sie das Recht, uns pauschal Fremdenfeindlichkeit vorzuwerfen?!

Franz Bim
 
40
24.2.2010, 15:40

Es sind vielleicht nicht viele Länder, die mehr Menschen aus anderen Ländern aufgenommen haben, aber dafür sehr große und erfolgreiche Länder wie die USA und Kanada.

jo eh
00
das sozialsystem der USA

ist aber nicht mal annähernd vergleichbar mit dem österreichischen.

dh integrationsprobleme und integrationsresistenz treffen den US-amerik. steuerzahler wohl sicherlich weniger

Madame Haram
12
26.2.2010, 21:09
Was Sie nicht sagen?

Die USA und Kanada haben - in absoluten Zahlen - tatsächlich mehr Menschen aufgenommen als Ö? Na die sind aber lieb.

Franz Bim
 
10
27.2.2010, 12:09
Nicht nur in absoluten Zahlen...

... auch relativ zu der bereits im Land lebenden Bevölkerung.

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