Rund 30.000 Chinesen leben zurzeit in Österreich, doch in der Öffentlichkeit ist die chinesische Community kaum wahrnehmbar
Durch ihr zurückhaltendes Auftreten fallen sie in der Öffentlichkeit auch kaum auf. Vielleicht auch einer der Gründe, wieso ihnen Österreicher mit einer großen Portion Wohlwollen gegenübertreten. Davon weiß auch Herr Chiu zu berichten. Zusammen mit seiner Frau führt er seit 16 Jahren, für Chinesen eher unüblich, das italienische Restaurant "Casa Piccola" im 18. Wiener Gemeindebezirk. Aber Herrn Chiu trennt nicht nur die Wahl seines Restaurants von den meisten anderen Chinesen. Er gehört als "Hakka" einer der acht hanchinesischen Volksgruppen an, wurde aber in Calcutta, Indien geboren. Die Hakkachinesen sind in ganz Südasien verbreitet und verwenden ihren eigenen Dialekt. Viel Kontakt zu anderen Chinesen hat Chiu nach eigenen Angaben nicht - man bleibt tendenziell unter sich.
Konkurrenz sorgt für kreative Lösungen
Ein Großteil der Chinesen in Wien baut auf ein dichtes Familiennetzwerk auf, das sie unterstützt und ihnen die notwendigen Arbeitsplätze zur Verfügung stellt. Etwa 30.000 Chinesen leben zurzeit in Österreich, schätzt Gan Wang, Herausgeber der in Wien erscheinenden Wochenzeitung "Europe Weekly". Ein beträchtlicher Teil von ihnen arbeitet im gastronomischen Bereich. Nicht alle Lokale die von Chinesen geführt werden, sind aber notwendigerweise China Restaurants. Die schier riesige Anzahl an ebenjenen hat dafür gesorgt, dass sich viele Chinesen mit gehobener japanischer oder koreanischer Küche von ihren Landsleuten absetzen. "Als ich mich vor mehr als fünfzehn Jahren selbstständig machen wollte, gab es schon viel zu viele China Restaurants, außerdem mag ich Pizza viel lieber", erklärt Chiu etwas verlegen. Obwohl er bereits seit etwa 22 Jahren in Österreich lebt, sind seine Deutschkenntnisse noch bescheiden.
Deutsch ist noch ein Hindernis
Obwohl der Zugang zu einer regulären Arbeitsbewilligung in Österreich schwierig ist, hat es vor allem in den letzen zwei Jahrzehnten viele Chinesen nach Österreich verschlagen. Der Großteil von ihnen hat durch Verbindungen zu Verwandten in der Gastronomie Fuß fassen können. Oft beginnen sie dort, ganz nach den Vorstellungen vieler Österreicher, zunächst mal als Kellner oder Köche zu arbeiten. Den einzigen außerchinesischen sozialen Kontakt stellen dabei die Gäste da. Davon weiß auch Herr Chiu vom „Casa Piccola" zu berichten: „Ich habe gleich zu Beginn im Lokal meiner Schwester begonnen zu arbeiten und kaum bis gar kein Deutsch gesprochen. Die Gelegenheit hat sich eigentlich erst gar nicht ergeben." So kam es, dass er erst durch den Kontakt mit einer besonders engagierten Österreicherin Deutsch zu lernen begann. „Eine ältere Dame, die früher immer in unser Lokal gekommen ist, hat sich die Zeit genommen, um mir die deutsche Sprache näher zu bringen." Wehmütig blickt er auf einen der seitlichen Tische und zeigt mit dem Finger auf den Platz, auf dem sie immer gesessen ist. Vor etwa vier Jahren ist die alte Dame verstorben. Herr Chius Deutschkenntnisse sind geblieben und haben sich inzwischen sogar noch etwas verbessert.
Ein geteiltes Schicksal
Nur eine kleiner Anzahl der Chinesen in Wien bekommt nach Jahren ungewisser beruflicher Zukunft und ständigem Kampf um die Arbeitsbewilligung, eine Konzession für ein eigenes Lokal. "Dreimal ist mir die Arbeitsbewilligung nicht eteilt worden und eigentlich hätte ich meine Koffer schon packen können", erzählt Chiu. Erst beim vierten Ansuchen traf das positive Schreiben dann schließlich doch ein. Mit Kompromissbereitschaft und großer persönlicher Initiative hat er sich seinen Traum vom eigenen Restaurant erfüllt. Ein Traum, der allerdings keinen Spielraum für viele persönliche Freiheiten offen lässt. Erst in drei Jahren, wenn die Söhne alt genug sind, um im Lokal auszuhelfen, kann Herr Chiu wieder einmal Urlaub machen. Für viele der Kinder, die hier in Österreich geboren sind, verläuft der Eintritt ins Berufsleben meist über einen Job als Kellner im Lokal der Eltern. Der Großteil der Restaurants, die von Chinesen geführt werden, sind Familienbetriebe. Auch Herr Chiu kann sich gut vorstellen, dass zumindest einer seiner zwei Söhne früher oder später in seinem Lokal arbeiten wird. Derzeit ist er aber noch zu jung dafür. "Der ältere wird wohl die HTL besuchen und später hoffentlich etwas in der Computerbrache arbeiten", erzählt Chiu mit einem gewissen Stolz in der Stimme.