Seit Jänner 2010 gibt es das Kolportage-Projekt von SOS Mitmensch. Eric, einer der vielen Straßenverkäufer, erzählt über seinen Alltag als Kolporteur.
In den Büroräumlichkeiten von SOS Mitmensch herrscht an diesem Tag ein reges Kommen und Gehen. Sebastian Seidl, Leiter des Kolportage-Projekts, unterhält sich auf Englisch mit einem Inder, der Interesse an der Tätigkeit als Kolporteur des einmal im Quartal erscheinenden MO-Magazins hat. Hauptsächlich handle es sich bei den Kolporteuren um Asylwerber, vor allem aus Afrika, aber auch aus Ländern wie Georgien, erzählt Seidl.
Leben ohne Grundversorgung
Die Rekrutierung erfolgt über Mundpropaganda, meistens werden die angehenden Kolporteure von Freunden über das Projekt informiert. Auch Eric, der seit etwas mehr als einem Jahr in Österreich lebt, hat von einem Bekannten beim sonntäglichen Kirchenbesuch davon erfahren. Der 26-jährige Nigerianer ist dankbar für die Chance als Kolporteur einer regelmäßigen Tätigkeit nachgehen zu können und dabei etwas Geld zu verdienen. Pro verkaufter Ausgabe erhalten die Kolporteure einen Euro, also die Hälfte des Verkaufspreises.
Seit sein Asylantrag in der ersten Instanz abgelehnt wurde, und er in zweiter Instanz dagegen berufen hat, erhält Eric keine Grundversorgung mehr. Er hat daher keinen Anspruch auf organisierte Unterkunft bzw. Mietzuschuss und auf das monatliche "Taschengeld" in der Höhe von 40 Euro monatlich. Auch krankenversichert ist er nicht mehr.
Angst vorm schwarzen Mann?
Abgesehen von den vielen Erkältungen, den "witterungsbedingten Nebenwirkungen" des Alltags als Straßenverkäufer, gefällt Eric das Arbeiten als Kolporteur sehr. Anfangs fiel ihm das Verkaufen zwar nicht leicht: "Beim ersten Mal war ich sehr nervös", gibt er lächelnd zu. Mittlerweile habe er aber seine eigene Art zu verkaufen gefunden: grüßen, lachen, Hände schütteln, reden - "interacting with people" nennt Eric das. Nervosität gab es nicht nur bei Eric. Auch einige Passanten reagierten nervös auf ihn: "Oft haben Österreicher Angst vor mir, dem black man", erzählt der Nigerianer, der sich an ängstliche Blicke schon gewöhnt hat.
Viele seien auch verwirrt, weil er dem gängigen Bild des "drogendealenden Afrikaners" nicht entspricht. So warten manche Interessenten mit dem Kauf des Magazins erst einige Wochen, bis sie wirklich überzeugt sind und eine Zeitschrift kaufen. Polizisten, wenn auch nicht viele, gehören ebenfalls zu den Käufern der Monatszeitschrift. Anfangs waren die Exekutivbeamten irritiert: "Sie sind immer wieder gekommen und haben gefragt, warum ich das Magazin verkaufe. Sie kennen Nigerianer nur als Drogenhändler", erzählt Eric.
Doch es gibt auch positive Begegnungen und Gespräche. Wie die meisten Straßenverkäufer hat Eric seine Stammplätze, an denen er tagtäglich das Magazin an den Mann/die Frau bringen will. Viele Passanten kennen ihn mittlerweile gut, einige wollten ihn schon zu sich nachhause oder auf einen Kaffee einladen, "manche haben mir auch ihre Telefonnummer angeboten, für den Fall, dass ich mal Hilfe brauche", erzählt Eric mit strahlenden Augen.