Kommentar

Gespaltenes Polen

Eva Zelechowski, 20. April 2010, 11:35

Nach seiner Beerdigung in der Königsgruft Wawel spaltet der polnische Präsident weiterhin die Nation. Die Medien zeigen sich dem ehemaligen Gegner gegenüber unterdessen wohlwollend.

Sämtliche polnische Medienportale betrauern mit grauem Layout und schwarzer Schleife den Flugzeugabsturz bei Smolensk, bei dem Präsident Lech Kaczyński und weitere 95 namhafte Repräsentanten des Landes ums Leben kamen. Für die kurze Dauer von drei Tagen war das Land geeint. Die Tragödie löste einen kollektiven Ohnmachtszustand aus und befriedete traditionelle Fronten zwischen Liberalen und Nationalkonservativen. Zuletzt blickten die Polen allerdings keineswegs wohlwollend auf Kaczyńskis staatspolitische Entscheidungen zurück - seine letzten Zustimmungswerte waren auf 20 Prozent gesunken. Und doch geht die Trauer über das Flugzeugunglücküber Parteigrenzen hinaus. Dies lässt sich auch in der Medienwelt beobachten.

Ehemalige Gegner wie Adam Michnik, Chefredakteur des liberalen Leitmediums "Gazeta Wyborcza" wichen von der üblichen Kritik ab und würdigten den nationalkonservativen Politiker mit wohlwollenden Worten. In einem Videoblog auf "Gazeta Wyborcza" erklärte Michnik, "häufig ungerecht" und "zu brutal" in seinen Äußerungen über Kaczyński gewesen zu sein.

Proteste gegen Wawel-Bestattung

Eine Entscheidung von Kardinal Dziwisz entzweite die Bevölkerung schließlich erneut: In der Königsgruft Wawel in Krakau, wo bisher polnische Könige, Monarchen und Nationalhelden bestattet wurden, sollte nun auch Lech Kaczyński gemeinsam mit Gattin Maria seine letzte Ruhe finden. Die Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" hatte die Leser dazu aufgefordert, ihre Meinung zur geplanten Wawel-Bestattung des Präsidentenpaares zu schicken. "Die schreckliche Tragödie bringt uns zusammen, diese Entscheidung (Wawel-Bestattung, Anm. der Red.) teilt uns", urteilt ein Leser und bringt es auf den Punkt. Auf der Website sind jedoch lediglich die Kommentare und Stimmen, die sich gegen eine solche Ruhestätte aussprechen, zu lesen.

"Unbequemer Patriot"

Wo erklingen jene Stimmen, die dieses ehrenvolle Grab befürworten? "Radio Maryja", bekanntester Mediensozius der Kaczyński-Zwillinge und Sprachrohr der Populisten, berichtet stolz über die "standesgemäße" Bestattung des Präsidenten inmitten polnischer Könige und Helden. Die "Rzeczpospolita" ist nach der "Gazeta Wyborcza" die zweitgrößte überregionale polnische Tageszeitung und wurde seit 2005 zunehmend mit nationalkonservativen Autoren besetzt. Sie huldigen dem "unbequemen Patrioten", der sich bei zahlreichen Medien und der Polit-Riege unbeliebt machte und rechtfertigen seine Wawel-Bestattung weitgehend.

Familiäre Entscheidung

Der Großteil des Medienechos spiegelt aber die Empörung der Bevölkerung wieder. Unabhängig davon, ob es sich um Befürworter Kaczyńskis handelt oder nicht. Als verschwindend gering wird hingegen der Flügel eingeschätzt, der eine solche Entscheidung rechtfertigt. Doch in einem so katholischen Land wie Polen haben der Protestwille der Menschen und der Boykott-Aufruf der Prominenz kaum eine Chance. "Die Entscheidung das Präsidentenpaar neben Könige und Nationalhelden zu legen, habe ganz allein die Familie getroffen", argumentiert Dziwisz auf dem Onlineportal der Wochenzeitschrift "Newsweek Polska".

Innenpolitische Angelegenheit

Dort zitierte man auch einen Artikel der deutschen TAZ, in dem eine Redakteurin die Proteste gegen die Wawel-Bestattung lobt und mehr Nachforschungen über die Absturzursache fordert. Dem ohnehin problematischen deutsch-polnischen Verhältnis kommen derartige Formulierungen nicht zugute. Foren-User empören sich über die "Einmischung" der deutschen Medien.
Newsweek-Journalisten wie der langjährige Kritiker Kaczyńskis Grzegorz Ziętkiewicz spricht sich - trotz zahlreicher Differenzen in der Vergangenheit - für ein würdevolles Ende der zähen Wawel-Debatte aus.

Aschewolke über Europa
Für ein anderes Nachbarland hat man indes ganz besonders viel Lob übrig. Die Beileidsbekundungen der russischen Bevölkerung und des Staatsoberhauptes Dmitri Medwedew gehen den Polen zu Herzen. Man begrüßte Medwedews Teilnahme an der Beisetzung - das mediale Echo ist gewaltig. Von einigen Medien wird das allerdings als selbstverständliches Symbol bezeichnet. Den Besuch von Dmitri Medwedew sieht man allerdings trotzdem als bedeutender an, als den von US-Präsident Barack Obama oder Kanzlerin Angela Merkel. Dass nun Staatsoberhäupter aus der ganzen Welt aufgrund des lahmgelegten Flugverkehrs infolge des isländischen Vulkanausbruchs nicht an der Zeremonie teilnehmen konnten, sehen die Polen nicht als persönlichen Affront.

M. P.4
 
02
20.4.2010, 21:01

Die ganze Trauer in Polen war größtenteils ein Medien-Hype. Ich war 2 Tage nach dem Absturz in Krakau. Um Kaczynski trauerte sein Elektorat, alte Frauen (sog "Mohair Baretten"), Kleinbauern, div. Verlierer des Wandels, eben diese 20%. Für die anderen Polen waren viel mehr die Umstände des Unglücks, die Symbolik des Ortes und der Tod der anderen Passagiere aus unterschiedlichen polit. Lagern schockierend. Man hörte vielerorts Unmut über die mediale Hysterie rund um Kaczynski und seine Frau (aus Angst vor dem Vorwurf von Respektlosigkeit und Mangel an Patriotismus meist mit gesenkter Stimme). Da wird in den nächsten Wochen noch einiges an Konflikten auftauchen, der Vorwurf der Schuld Kaczynskis ist noch nicht ausgeräumt.

pantha rei
00
21.4.2010, 09:47
man sollte doch

trotz "medialer hysterie" den tatbestand neutral sehen. aufgeblasen ist aber meiner meinung nichts.

natürlich trauern seine anhänger, aber "standesgemäß" ist dies es grab ja wohl nlange noch nicht. ich nehme stark an, dass auch die Polen entrüstet sind - wie hier über die forennutzer geschrieben wird. das kann ich mir vorstellen. ich adaptier das mal auf österreich: irgendein heini stürzt ab und mit ihm (!!!! das wird ja oftmals vergessen) die riege der nation.....

ich nehme auch an, dass - gerade - die polen das quasi als "watschn" nehmen. und mit recht.

byron sully
00
21.4.2010, 01:50

"Für die anderen Polen waren viel mehr die Umstände des Unglücks, die Symbolik des Ortes und der Tod der anderen Passagiere aus unterschiedlichen polit. Lagern schockierend"

denke ich eben auch, das ist der punkt. da wurde in den westlichen medien bzw. auch z.b. in den postings hier im standard zu wenig differenziert.
laut aktuellster umfrage von heute würde komorowski gegen jaroslaw kaczynski die wahl ähnlich klar gewinnen, wie er vor dem unglück vor lech kaczynski geführt hat. da können die polInnen also anscheinend gut unterscheiden.

till claudius
01
20.4.2010, 17:01
de mortuis ...

Der alte lateinische Spruch " de mortuis nihil nise bene" ist und bleibt falsch.
Wenn jm ein Gauner, ein Ungustl oder so was ähnliches gewesen ist, dann war er es vor und auch nach seinem Tod.

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