daStandard.at-Interview

Gegenseitige Integration

Güler Alkan, 28. April 2010, 16:31
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    foto: migra train

    Die MigrantInnen werden zu BeraterInnen im Kontext von Bildungs- und Arbeitsmarkt ausgebildet

Seit 2008 gibt es den Lehrgang "Migra-Train" im Integrationshaus Wien. Elisabeth Freithofer, Lehrgangsleiterin im Gespräch über Ziele, Inhalte und Zielgruppen.

daStandard.at: Ist der Bedarf an Beratern mit Migrationshintergrund so groß, besteht da immer noch ein Mangel?

Elisabeth Freithofer: Das kann ich bejahen. Die interkulturelle Öffnung der Bildungs- und Beratungsinstitutionen hat noch nicht den Stand erreicht, wo man sagen kann, es sind jetzt genug Personen mit Migrationshintergrund beschäftigt. Da kann man noch sehr viel machen, beim AMS zum Beispiel.

Es geht also um Beratung von und für Menschen mit Migrationshintergrund?

Freithofer: Es ist nicht so, dass Migranten für Migranten ausgebildet werden. Die Teilnehmer sind natürlich auf die Themen Interkulturalität und Diversität spezialisiert. Aber sie sollen nicht nur mit Migranten arbeiten. Es ist zum Beispiel für eine arbeitslose Österreicherin wichtig, die Erfahrung zu machen eine Trainerin mit Migrationshintergrund zu haben, damit der Gedanke von gegenseitiger Integration auch Fuß fassen kann. Wir haben auch Absolventen, die in der Arbeiterkammer oder beim WAFF beschäftigt sind.

Wer gehört zur Zielgruppe des Lehrgangs?

Freithofer: Menschen mit Berufserfahrung, die eine Voraussetzung darstellen kann, um in der Beratung, dem Training oder der interkulturellen Vermittlung tätig zu sein. Beispielsweise jemand mit Erfahrung im pädagogischen, psychologischen oder juristischen Bereich, aber auch jemand aus dem Gesundheits- oder Sozialbereich. Es gibt auch aber Teilnehmer, die von der Ausbildung her gar nicht aus dieser Richtung kommen, sich sehr viel Erfahrung angeeignet, aber diese nie professionalisiert haben.

Welche Inhalte werden vermittelt?

Freithofer: Wichtige Schwerpunkte sind Methoden der Beratung, Kommunikation, interkulturelle Kompetenzen, Konfliktmanagement und Inhalte des Berufsorientierungstrainings. Es gibt auch EDV-Unterricht, vor allem für diejenigen die bisher wenig Erfahrung mit Computern hatten. Wesentlich dabei ist auch die Reflexion und Auseinandersetzung der Teilnehmer mit den eigenen Migrationserfahrungen.

Wie schwierig ist es für Migranten, die in den Herkunftsländern im Sozial- und Beratungsbereich tätig waren, in Österreich denselben Job zu bekommen?

Freithofer: Also, das ist jetzt der dritte Lehrgang und ich hab noch keinen Teilnehmer getroffen, der mit seiner Ausbildung aus dem Herkunftsland hier in Österreich in den Beruf einsteigen konnte, den sie oder er ausgeübt hat. Das hat nicht nur mit der Sprache zu tun, sondern auch mit dem Phänomen der Dequalifizierung. Es gibt wenig maßgeschneiderte Angebote, wo versucht wird, eine Brücke zu bauen, zwischen dem was im Herkunftsland gemacht worden ist und den Anforderungen hier. Es muss sich auch noch viel mehr tun in Bezug auf eine Erleichterung der Nostrifikationen und Anerkennungen.

Wieviele Absolventen schaffen den Einstieg in die Berufswelt?

Freithofer: Bisher gab es zwei Lehrgänge mit insgesamt 30 Teilnehmer. Aus dem ersten Lehrgang sind beispielsweise 75 Prozent im angestrebten Bereich tätig. Die meisten Absolventen sind in Vereinen und NGOs beschäftigt, bei den Behörden eher weniger, im öffentlichen Bereich werden momentan wenig freie Stellen genehmigt.

Sie waren jahrelang als Bildungsberaterin für Migranten und Flüchtlinge tätig. Welche sind Ihrer Meinung die größten Schwierigkeiten für Menschem mit Migrationshintergrund, um auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen?

Freithofer: Da ist wie erwähnt das Problem der Dequalifizierung, dass Migranten stärker davon betroffen sind, dass sie unter ihrer Ausbildung und ihren Fähigkeiten arbeiten. Auch die Diskriminierung am Arbeitsmarkt ist immer noch Tatsache, jemand mit den gleichen Fähigkeiten wie ein Österreicher hat nicht dieselben Chancen. Es müsste der Diversitätsgedanke noch viel mehr in die Unternehmen hineinkommen. Und weg von dieser Defizit-Orientierung, dass man hinschaut was können Migranten nicht, sondern was können sie, also ressourcenorientiertes Hinschauen. Das ist in unserer Gesellschaft noch sehr tief eingeprägt, das jemandem der aus einem anderen Land kommt, prinzipiell etwas fehlt und die Person von uns was will. Hinzuschauen, was die Person uns bringt, würde schon sehr viel auf ökonomischer und psychologischer Ebene bringen. Ich bin bei jedem Lehrgang immer wieder überrascht, wie viel Motivation, Engagement und Fähigkeiten vorhanden sind.

Der "Migra-Train" Lehrgang "zur Qualifizierung von MigrantInnen zu BeraterInnen im Kontext von Bildungs- und Arbeitsmarkt" wird vom Europäischen Sozialfonds (ESF) und dem Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds (WAFF) gefördert. Der Lehrgang dauert 10 Monate, umfasst mehr als 900 Unterrichtseinheiten und schließt mit einer Abschlussarbeit und kommissionellen Prüfung ab. Gute Deutschkenntnisse, Zugang zum Arbeitsmarkt und berufsrelevante Erfahrungen sind Voraussetzungen für die Teilnahme.

Link: Migra Train

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