Kommentar

Von Balkanfrauen und Schwabomännern

Mascha Dabić, 5. Mai 2010, 15:57

Das Biber porträtiert MigrantInnen in Wien "ohne moralische Integrationskeule". Wie sehr diese sich darin wiedererkennen (wollen), steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Migration in all ihren Facetten ist ein medialer Dauerbrenner, meist mit emotionaler Sprengkraft aufgeladen. Aber gelebte Integration musste man in der österreichischen Medienlandschaft bisher mit der Lupe suchen. Vor diesem Hintergrund ist das Stadtmagazin Biber eine längst fällige und begrüßenswerte Initiative, denn das Konzept - WienerInnen mit Migrationshintergrund schreiben über sich und für einander, aber auch für ÖsterreicherInnen ohne Migrationshintergrund - klingt originell, aufgeschlossen, innovativ. Mit scharf eben, in der parodierten biberschen Kebapstandsprache ausgedrückt.

Zahlreiche gut recherchierte und hintergründige Reportagen geben Einblick in die Welt der zweiten und dritten Generation, das Ganze wird aufgelockert durch Lifestyle-Tipps und Alltagskolumnen. So weit, so gut. Beim näheren Betrachten kann die kritische, balkanstämmige Leserin allerdings nicht umhin, sich kopfschüttelnd zu fragen, was für Frauenstereotypen da eigentlich unterschwellig transportiert werden.

Da ist immer wieder die Rede von der "Balkanfrau" oder inzwischen auch "Biberica", die einfach alles drauf hat: vom richtigen Nagellack bis zur steilen Karriere. Sie träumt von einer fetten Hochzeit im Kreise der Großfamilie, denn die Balkanfrau ist patriarchal geprägt - und sie steht dazu! Für den Familienfrieden macht sie bei Bedarf einen auf schwach und unterwürfig, auch wenn doch jeder weiß, dass in der Familie sie die Hosen anhat. Schließlich muss sie mit einem waschechten Balkan-Macho an ihrer Seite fertigwerden, und da sind raffinierte Strategien gefragt. Dass Heiraten und Familie gründen für die Balkanfrau der einzig denkbare Lebensentwurf ist, versteht sich von selbst.

Die Biberica ist sich nicht zu blöd dafür, ihrem Mann einen Kuchen zu backen, und Schlabber-Look spielt's bei ihr nicht. Gut, dagegen ist nicht einzuwenden. Jede, wie sie will, Geschmäcker sind verschieden. Nur muss man sich dessen bewusst sein, dass in diesem Kontext die Mischung von Lifestyle und politischen Botschaften ein rückständiges Frauenbild produziert.

In der Zuschreibung von Klischees lässt man sich immerhin vom Prinzip der Verteilungsgerechtigkeit leiten: Auch der Schwabo-Mann kriegt sein Fett ab, wenn die Biber-Redaktion der Frage nachgeht "Was ist dran am Schwabo-Mann?" Aber ein qualitativer Sprung ist das nicht, denn Vorurteile heben sich nicht gegenseitig auf.

Nun könnte man ja sagen, was soll's, es ist eben fröhliche Satire, und wer es nicht witzig findet, soll sich nicht aufregen. Stimmt schon, aber bei manchen stilistischen Elementen muss man sich dennoch die Frage stellen, ob den sogenannten Communities nicht ein Bärendienst erwiesen wird. Wie witzig ist es denn nun wirklich, gebrochenes Deutsch zu parodieren? (z.B. "Schreibst du Meinung, mit scharf, was du denken über...") - emanzipatorisch ist es jedenfalls nicht.

Ein mediales Konzept, das Aufmüpfigkeit mit Protest und Selbstdarstellung mit Selbstbewusstsein verwechselt, wird möglicherweise auf halbem Weg steckenbleiben, nämlich dann, wenn das wohlmeinende Hantieren mit Klischees einen Dialog auf Augenhöhe, frei von Klischees und gegenseitigen Zuschreibungen, verunmöglicht. Mediale Diversifikation sollte bestrebt sein, Kommunikation herzustellen, Randgruppen sichtbar zu machen und Vorurteile abzubauen. Die Biber-Redaktion verfügt zweifellos über das Potential, diese Ziele zu erreichen, und leistet allein schon durch ihre Existenz einen sehr wertvollen Beitrag zur Sichtbarmachung der WienerInnen mit Migrationshintergrund. Im Sinne einer echten Emanzipation wäre es aber zweckmäßig, sich weniger hinter balkanesischen Masken und anderen stereotypisierenden Schablonen zu verstecken und Mut zu einer differenzierten Sichtweise zu zeigen.

Fragwürdig ist nicht die Zeitschrift selbst, sondern eine dahinterliegende Grundhaltung, die sich dem Fremden scheinbar nähert, aber in Wahrheit mit Etiketten, Schubladen und (Selbst-)exotisierung laboriert, um das vermeintlich Fremde schön fremd bleiben zu lassen. Biber ist Symptom dieser grundsätzlichen Problematik, die über den medialen Sektor hinausgeht. Den Biber-RedakteurInnen und den Biber-LeserInnen selbst kann man für die Zukunft nur Glück und Erfolg wünschen, mögen sie weiterhin mit so viel Enthusiasmus dranbleiben. Im Hinblick auf das, was man unter dem Begriff Integration so landläufig subsumiert, kann man uns allen jedoch nur wünschen, dass wir es irgendwann nicht mehr nötig haben, uns selbst oder gegenseitig als Balkanesen, Tschuschen, Schwabos oder was auch immer abzustempeln.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 40
1 2
Ayaka
01
14.5.2010, 15:26
guter artikel

der artikel stimmt großteils mit meiner meinung über biber überein. biber ist genauso wie "ex-yu in wien" auf okto einfach nur peinlich.

das eine ist künstlich erzeugter schwachsinn, das andere der ausschnitt aus einer realität, in der ein teil der "ex-jugos" seine freizeit verbringt. Niveau sucht man in beiden vergeblich und wie allgemein bekannt, neigen menschen dazu, alle in einen topf zu werfen.. Das Bild das dann womöglich daraus entsteht ist der/die typische MigrantIn! Furchtbar...


Gundel
50
13.5.2010, 00:52
irgendwie humorbefreit

gute, niveauvolle argumentation, aber auch völlig humorbefreit.
ich finde biber cool. und ich leiste mir diesen luxus als linke emanze mit akademikerinnenhintergrund ;-)

Der Waehlerwille
 
00
11.5.2010, 22:32
zu viele völlig veraltete klischees.

damit kommt man keinen schritt weiter.

teukros
02
10.5.2010, 00:08
denn die Balkanfrau ist patriarchal geprägt - und sie steht dazu

Na die Rosenkranz wird ihre Freude mit solchen Zuwanderinnen haben :)

Penelope Ody
22
Biber: Peinlich und schwachsinnig

Gebrochenes, schlechtes Deutsch als kultig und cool hinzustellen ist wohl der schlechtesete Dienst, den man den Kindern der Zuwanderer erweisen kann. Ohne korrekte Beherrschung der Landessprache haben sie am Arbeitsmarkt kaum bis keine Chancen.
Ich finde auch nichts daran lustig, gebrochen Deutsch zu schreiben. Übrigens habe ich in einer dieser schwachsinnigen Ausgaben in einem Artikel 3(!) schwere Fallfehler gefunden, die ganz sicher nicht beabsichtigt waren. Wie peinlich ist das denn, wenn eine Zeitung nicht einmal richtig redigieren kann!

Jeenyus
02
15.6.2010, 18:51
peinlich und schwachsinnig

Dazu soll gesagt sein, dass ich als aufmerksamer Leser des Standard in beinahe jeder Ausgabe einen oder mehrere Rechtschreibfehler finde (die finde ich sowieso überall) nicht anders im Biber oder in deinem Kommentar. So viel zum Thema peinlich ..
Außerdem sind die Chancen auf dem Arbeitsmarkt durch gebrochenes Deutsch nur dann eingeschränkt, wenn man daneben kein richtiges Deutsch beherrscht und darauf hat das Biber Magazin bestimmt keinen Einfluss. So viel zum Thema schwachsinnig...

politisch verfolgt
34
stimme nicht zu

wenn man die übliche verkrampft- und verkopftheit im umgang mit dem thema "migranten" bedenkt (oder gleich hier in diesem medium nachliest), muß man nach dem erstmaligen lesen von biber erleichtert ausrufen: ENDLICH! endlich ein bisserl augenzwinkern, ein bisserl schmäh, sogar ein anflug von migrantischer selbstkritik bzw. sich-auf-die-schaufel-nehmen.
mir zumindest ging es so, als ich biber vor ca. 1 jahr zum ersten mal las. frauenbild hin oder her, erstens werden die frauen im biber nicht so doof dargestellt, wie die autorin behauptet. zweitens ist es einfach so, daß migrantinnen andere sichtweisen haben, die nicht 100% fem-pc sein mögen. und drittens sind die zielgruppe von biber keine akademiker, sondern lehrlinge und schüler.

emanze c
02
11.5.2010, 13:16

Umso schlimmer (dass Stereotypisierung glorifiziert wird ebenso wie traditionelle/antifeministische Familienbilder in "nichtakademischem" Umfeld - gerade ArbeiterInnen täte emanzipatorische Bildung und Anstoss gut, sowohl Männern als auch Frauen).

Dass Migratinnen "andere Sichtweisen" haben im Durchschnitt (emphasis added) stimmt statistisch sicher - dass sie es haben müssen oder sollen sicher nicht.

Jeenyus
00
15.6.2010, 18:57
traditionell Schrägstrich antifeministisch ?

Gehen Sie da nicht etwas zu weit meine Liebe? Haben Sie das Biber schon mal gelesen? "ArbeiterInnen täte emanzipatorische Bildung und Anstoss gut, sowohl Männern als auch Frauen"...
Hauptsache gendern wie? Doch wo bleibt bei Ihnen das oben beschriebene Augenzwinkern?

wrrw
10
11.5.2010, 11:05

Hier ein anschauliches Beispiel für die Gefahr die von solcher 'Satire' ausgeht.

"politisch verfolgt" sieht seine Vorurteile bestätigt und hält sich jetzt für einen Experten in Migrantenkunde der uns gerne darüber belehrt wie Migrantinnen so denken. Natürlich nicht 'fem-pc' sondern durch und durch rückständig, man muss ja dem Stereotyp huldigen.

Es ist als würde jemand sein Wissen über Österreich zu 100% von Deix beziehen oder als würde jemand ein Bild von Deutschland aus Titanic-Ausgaben destillieren wollen.

politisch verfolgt
00
11.5.2010, 11:14
völliger quatsch

das wort "rückständig" kommt in meinem posting nicht vor und biber ist etwas vollkommen anderes als titanic. vielleicht lesen sie es einmal, bevor sie hier ihren schrott abladen.

jo eh
00

exzellenter kommentar

Chien de Pique
00
10.5.2010, 14:08

Kien bisschen anders als hierorts über den Burqini berichtet würde und wurde.

knievel
03

wtf, hirnederlschwimmen im zehnten hau...

knievel
11

habe neuelich erstmalig eine ausgabe von das biber in einem lokal gesehn und es mal quer durchgelesen.
so einen einseitigen, unreflektierten schwachsinn kannte ich bis jetzt eigentlich nur aus kronenzeitung und konsorten.
ich habe keine ahnung was die macher erreichen wollen, ein besseres miteinander ist offensichtlich nicht der hintergrund...

wrrw
02
Danke!

Endlich ein kritischer Artikel zu diesem Blatt.

Stereotype bedienen um die Auflage zu steigern kann die Krone auch. Es ist nur marginal weniger verwerflich wenn man den bösen räuberischen Verbrechermigranten durch den netten Idiotenmigranten ersetzt, der zwar mental irgendwo in den 60ern hängt, manchmal schlägert, manchmal Deutsch spricht als würde er sich von einem schweren Schädel-Hirn-Trauma erholen, in der Freizeit brav den Benz poliert, doch im Grunde seines Herzens ein netter Mensch bleibt.

Sproezz Quock
03
Schade.

"das biber"-Konzept wurde von der Autorin dieses Artikels nicht verstanden. Spaß kann man auch mit politisch nicht sooo korrekten Sachen haben.

jo eh
01

die kronenzeitung ist auch nicht politisch korrekt.

wers lustig findet..

A.B. Artig
 
12

Da gibts diesen minimalen Unterschied zwischen "Spass" und "Verdummung".

bösartigster Schlechtmensch
00
Die Biberica hält nicht das, was sie verspricht.

Ein Schein.
Ein Mythos.

goldschmied van halen
02
ein sehr guter artikel...

...allerdings verlangt die autorin einen intellektuellen zugang zu einem emotionalisierten thema woran der großteil der leute mittelfristig scheitern wird...

btw ist das biber eine empfehlenswerte lektüre!

Lollo Rosso1
24

milaja mascha,

etwas weniger spießbürgerlich-affektiertes geschwätz wäre mir ein anliegen.

A.B. Artig
 
02

Nuuuuu, die Kritik ist definitiv kein Geschwätz, und wer sich von der Meinung der Kollegen so derart ausm Häuschen bringen lässt (statt vielleicht mal in sich zu gehen und den Wahrheitsgehalt zu prüfen) ist nicht sehr firm in seiner Arbeit.
Also, gleich sich selbst bei der Nase nehmen, gell?

p.s. Ich bin NICHT die Mascha.

samuel kant
41

...rückständiges Frauenbild...

Gesellschaft, Kultur, etc. sind plastisch.
An emanzipierten Frauenbildern des letzten Jahrhunderts festzuhalten ist "rückständig". Wie moderne Frauen ihr Leben gestalten möchten, sollte nicht gestrigen Ideologen sondern ihnen selbst überlassen sein.

Außerdem entwickeln sich Männer- und Frauenbilder immer parallel zueinander mit gegenseitiger Beeinflußung.

...Heiraten und Familie gründen für die Balkanfrau der einzig denkbare Lebensentwurf ist...
eine Gesellschaft stirbt aus sobald das nicht mehr der Lebensentwurf ist. Man könnte es kulturelle Selektion nennen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 40
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.