daStandard.at

Wurzeln schlagen

Jasmin Al-Kattib, 7. Mai 2010, 15:30
  • Artikelbild
    foto: jasmin al-kattib

    Ein Gemeinschaftsgarten im 15. Wiener Gemeindebezirk

  • Artikelbild
    foto: jasmin al-kattib

    Durch die unterschiedliche Herkunft der GärtnerInnen und deren Vorlieben, entsteht auf kleinem Raum eine beachtliche Biodiversität

  • Artikelbild
    foto: jasmin al-kattib

    Feigenbaum im Innenhof: Auch die biologische Vielfalt spielt neben der kulturellen Diversität eine bedeutende Rolle

Interkulturelle Gemeinschaftsgärten sind gelebte Integration – sie schaffen Toleranz, Respekt und soziale Kompetenz

In manchen Wiener Innenhöfen ist es längst selbstverständlich: Ein Feigenbaum posiert stolz neben einem Himbeerstrauch, frischer Koriander sprießt aus der von Unkraut befreiten Erde, daneben Petersilie, Rosmarin und Kerbel. Man trifft sich beim Gießkanne auffüllen am Bassena im Stiegenhaus, beim Jäten und beim Rasten in der Sonne.

Toleranz ist das wichtigste

Birgit mag Gemeinschaftsgärten. Sie wohnt in einem hellgrünen Jahrhundertwendehaus im 15. Wiener Gemeindebezirk und hat seit ihrem Einzug vor einigen Jahren maßgeblich zur Pflege des Gartens im Innenhof beigetragen. "Das wichtigste bei der gemeinsamen Nutzung des Gartens ist Toleranz," so die 29-Jährige. Denn es kann schon mal vorkommen, dass sich ein paar Samen oder Pflänzchen in frisch gejätete Beete von jemand anderem verirren. Das, was sich in Birgits unmittelbarer Nachbarschaft entwickelte, hat eine bereits vierzigjährige Geschichte und wird mittlerweile unter anderem als gezieltes Mittel zur Förderung der gelebten Integration in der Stadtentwicklung eingesetzt.

Neue grüne Freiräume

Die Idee der Gemeinschaftsgärten geht auf die seit den siebziger Jahren in New York entstandenen "Community Gardens" zurück. Damals entstanden auf brachliegenden Flächen neue grüne Freiräume inmitten des urbanen Umfelds, die zu einer Revitalisierung und Aktivierung des Stadtteils führten. In Deutschland begannen Mitte der neunziger Jahre Frauen aus Bosnien, die aufgrund des Krieges ihre Heimat verlassen mussten, gemeinsam Gärten zu pflegen. Das daraus entstandene Konzept wurde zu einem Modellprojekt für viele weitere interkulturelle Gärten in Deutschland. Seit kurzem beginnen sich ähnliche Projekte auch in Österreich zu entwickeln.

Politik im Kleinformat

Gemeinschaftsgärten sind politische und soziale Handlungsräume im Kleinformat. Auf offen-demokratische Weise wird verhandelt, wie der Garten aussehen wird, wer was wohin pflanzt und wer für welche Belange zuständig ist. Die Teilhabe und Mitbestimmung an einem gemeinsamen Projekt wecken ein Gefühl von Partizipation, es findet ein Austausch über den eigenen gärtnerischen und sozialen Alltag statt. So können vielerlei Tipps und Tricks aus einem großen gemeinsamen Wissenspool geschöpft werden.

Boden unter den Füßen
Bei thematischen Gemeinschaftsprojekten wie den Interkulturellen Gärten kommen Menschen aus unterschiedlichsten ethnisch-kulturellen Hintergründen, sozialen Milieus, Religionen und Altersgruppen zusammen. Ähnlich wie beim Wurzeln-Schlagen von Pflanzen gibt es Menschen aus anderen Ländern die Möglichkeit, neuen "Boden unter den Füßen" zu gewinnen. Sprachkompetenzen werden gesteigert, wichtige und alltägliche Informationen werden ganz selbstverständlich weitergegeben. Zudem lernen die StadtteilbewohnerInnen ihre soziale Umgebung besser kennen und schätzen. Es entstehen Kontakte, Bekanntschaften und manchmal auch Freundschaften.

Biologische und kulturelle Vielfalt

Auch die biologische Vielfalt spielt neben der kulturellen Diversität eine bedeutende Rolle. Durch die unterschiedliche Herkunft der GärtnerInnen und deren Vorlieben, entsteht auf kleinem Raum eine beachtliche Biodiversität. Aus ökologischer Sicht ist das gemeinsame Gärtnern erstrebenswert, da in einem urbanen Kontext Pflanzen angebaut werden, die im städtischen Umfeld oft längst in Vergessenheit geraten sind. Der ökologisch-verträgliche Alltag fließt ins Privatleben der GärtnerInnen mit ein. Nicht zuletzt bieten die gemeinsamen Gärten den StadtteilbewohnerInnen die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen und den Bezirk und somit das Stadtbild interkulturell und aktiv mitzugestalten.

Gemeinsame Basis

Hinter dem bunten Garten in Birgits Innenhof steht kein von öffentlicher Stelle initiiertes Projekt. Das gemeinsame Jäten und Pflanzen im Kreise der Hausbewohner hat sich ganz natürlich und langsam entwickelt. Obwohl die Organisation der Beete noch nicht immer optimal funktioniert, bedeutet der Garten den BewohnerInnen sehr viel. "Unser Hof mit dem Garten fördert die Zusammengehörigkeit in unserem Haus, er ist unsere gemeinsame Basis," stellt Birgit zufrieden fest. "Dass man seine Nachbarn nicht kennt und gar nicht miteinander spricht - diese Anonymität möchte ich nicht haben."

Kommentar posten
15 Postings
Donald Kerabatsos
01
"Das wichtigste bei der gemeinsamen Nutzung des Gartens ist Toleranz.

Denn es kann schon mal vorkommen, dass sich ein paar Samen oder Pflänzchen in frisch gejätete Beete von jemand anderem verirren."

Unfassbarer Bericht. - 1.April?

stone-free
00
verirren...na klar...

"Denn es kann schon mal vorkommen, dass sich ein paar Samen oder Pflänzchen in frisch gejätete Beete von jemand anderem verirren."
Es kann auch schon mal vorkommen, dass Mitbewohner dies bewusst machen und sogar mutwillig die frisch gesetzten Pflänzchen aus den frisch gejäteten Beeten von jemand anderem ausreißen, um Koriander-Hybridsamen von zweifelhafter Herkunft in rauen Mengen quadratmeterweise zu verteilen.

Die MURbusslPrinzessin
02
Nachbarschaftsgarten Stainz

Auch am Land sind Gemeinschaftsgärten wichtig. Soviel Grund und Boden der wenigen gehört & viele Menschen die keinen Garten ihr Eigen nennen dürfen.

So haben wir, Verein Lebenswerkstätten Stainz, hier in der SüdWest Steiermark 2009 um das Nutzungsrecht einer Wiese mitten in der Marktgemeinde Stainz angesucht. Unser Bürgermeister war sehr erfreut & hat am 1. Mai 2010 offiziell unseren Gemeinschaftsgarten in der Engelweingartenstraße eröffnet. Das Weidenzelt wurde von Kindergarten Kindern gebaut, die Naschhecke von SchülerInnen gepflanzt & 2 Tischbeete sind bereits vom in der Nähe befindlichen Seniorenheim genutzt.

Unser Ziel ist es Boden zu bieten & Wissen rund ums Gärtnern und Pflanzen weiter zu geben! Nahversorgung ist Lebensbasis.

Saurer Zivi
210
als ob der 15. bezirk nur aus paradiesischen gärten bestünde.

das ist ja glatte verkehrung. jahrelang hatten wir schwarz-afrikanische drogenringe, dealer sind ums bürohaus geschwirrt, haben geschäftskunden stoff angeboten.

häuserfassaden brechen herunter, verkommene keller, schmutz, unrat, hundemist und urin am gehweg. brutal zugeparkte gehsteige, so dass man mit kinderwagen nicht durchkommt. graffiti allenthalben, ein höherwertiges fahrrad kann keine stunde an ein Vz angesperrt werden, weil es sonst weg ist.

Geschäftssterben auf den Hauptstraßen wie der Sechshauser Straße, es finden sich kaum potente Mieter... enorme Leerstehungen, Abwanderung, Zuwanderung von Flüchtlingen, Migranten...Schutzzone...

Mir kommt vor man steckt hier den Kopf nicht in den sand , sondern in den Innengarten.

Robert S.
10
ja mit der potenz der mieter im 15 geht es rasant bergab

oder stellt einfach der strache zu große ansprüche an die potenz seiner wähler ? hmmm....

Donald Kerabatsos
04

Sie lesen den Stadtrand noch nicht allzulange, oder - sonst wüßten Sie, daß es sich um ein Feigenblatt handelt, ein Organ der gezielten Ablenkung - Desinformation wäre vielleicht zu hart...wobei - doch nicht.

stone-free
00
übertrieben

ich wohne hier seit 12 jahren und muss feststellen, dass sich die situation enorm gebessert hat. die dealer, und damit auch die drogenabhängigen und die kriminalität, sind großteils veschwunden (kein ahnung wohin), der zustand der häuser ist sache der hauseigentümer. unser haus und der garten sind großartig, nicht zuletzt weil sich wir, die eigentümer, einfach gut darum kümmern. in manchen straßen gibt es grauenhafte fassadenbeschmierungen (ich würde so etwas nicht graffiti nennen), richtig. auch wurde mir schon mein fahrrad aus dem hof geklaut (was mir allerdings auch schon im 6. bezirk passiert ist), die sechshauser straße wird immer mehr zu billigsdorfer-chinatown, was ich auch nicht gerade toll finde. aber es wird besser hier, tatsache!

pike bishop
02

Ob sich die Frauen aus Bosnien wirklich an den New Yorker community gardens orientiert haben...

Hauptsache die Idee kan auf dei USA zurückgeführt werden, dann ist sie sicher gut

maxbz
62
Sehr schönes Projekt.

So lernen die Migranten auch, das hier einiges anders ist und man nicht alles 1:1 übernehmen kann, denn Bananen, Dattelpalmen und viele andere Pflanzen mehr werden im Wiener Winter nicht überleben.
Trotzdem hat man viele Möglichkeiten und manche Pflanzen kann man auch nur für einen Sommer pflanzen. Ich ziehe derzeit einige Chili-Sorten, die gedeihen in geschützten sonnigen Gärten auch in Wien sehr gut und bringen Exotik ins Essen.

Ingrid Goeschl1
24

Glauben Sie, dass es MigrantInnen gibt, die glauben, dass sie hier Dattelpalmen im Garten pflanzen können?

vheissu
23

Sie Gutmensch, Sie hocken wahrscheinlich in Ihrem Nobelbezirk und verschließen die Augen vor dem virulenten Dattelpalmenproblem!

hergey
16
Vermutlich nicht

aber es passt so gut ins Integrationsbild: Schließlich sollen die Zuwanderer lernen, was hier geht und was nicht.

vi3
02

eben! stellen sie sich doch mal vor, jeder migrant würde seine dattelpalme dorthin pflanzen, wo es ihm gerade passt... wo kämmen wir denn da hin ...? da wär ja dann gar kein platz mehr fürs maggi-kraut! ;-)

hellfast
11

sozusagen integration von oben...

-.-

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.