Die gebürtige Türkin Kaya I. befindet sich in der Grundausbildung zur Polizeibeamtin. In ihrem zukünftigen Beruf sieht sie sich auch als Vermittlerin zwischen den Kulturen
Die 19-jährige Kaya I. tritt selbstbewusst auf und hat einen festen Händedruck. Seit fünf Monaten ist sie Schülerin der Sicherheitsakademie (SIAK) im Bildungszentrum Wien und bezeichnet das Gebäude in der Marokkanergasse im Dritten Wiener Gemeindebezirk inzwischen als ihr „zweites Zuhause“. Die Uniform wirkt an der jungen Frau auch bereits wie eine zweite Haut.
Wienerisch mit Akzent
Ihre türkische Heimat hat Kaya I. als Zehnjährige gemeinsam mit ihren Eltern verlassen. Nach drei Jahren Volksschule in der Türkei landete sie unmittelbar in der dritten Klasse einer Wiener Volksschule – ohne jegliche Sprachkenntnisse. „Die Sprache war natürlich eine totale Umstellung und das erste Problem, aber ich konnte mich schnell einleben“, sagt sie in einer vertrauten regionalen Mischung aus typischem Wienerisch und leichtem Akzent.
Vorurteile in beiden Kulturen
„In der Türkei bin ich eine Ausländerin, in Österreich heißt es wiederum, ich habe Migrationshintergrund, ich bin also auch hier eine Ausländerin. Man lebt gewissermaßen zwischen zwei Welten“, beschreibt die Penzingerin ihre Identität und ergänzt lächelnd: „Zuhause fühle mich aber in Österreich. Hier habe ich meine Freunde und meine Familie.“ Die Konfrontation mit Vorurteilen von Bekannten oder Nachbarn kennt Kaya I. aus beiden Kulturen: In der Türkei wird sie nun mehr als Gast gesehen, in Österreich kämpft sie mit gängigen Parolen wie das „Drängen“ der Migranten in den Arbeitsplatz.
„Die Prüfung war einfach“
Im Ausbildungsjahrgang 2010/2011 ist Kaya I. eine von zwei weiblichen türkischen Polizeianwärterinnen, doch von den SIAK-MitschülerInnen wurde sie durchwegs positiv angenommen. In der Vorstellungsrunde stieß sie vor allem auf Neugier: Wie sie es geschafft habe, so schnell die deutsche Sprache zu erlernen. „Die Aufnahmeprüfung selbst war aber eigentlich ziemlich einfach“, erklärt sie mit einem Lächeln.
Neue Aspekte einbringen
Über ihren Berufswunsch erzählt Kaya: „Ich weiß, dass es viele Menschen in Österreich gibt, die kaum oder nicht gut Deutsch sprechen. In diesem Beruf sehe ich mich deshalb auch als Vermittlerin zwischen der türkischen und österreichischen Bevölkerung. Hier kann ich viel zur besseren Verständigung zwischen den Kulturen einbringen“.
„Familienfreundlichere“ Berufsvorschläge
Als die 19-Jährige der Familie und Freunden von ihrer Berufswahl erzählte, blickte sie in begeisterte und schockierte Gesichter gleichermaßen. Nach etlichen Diskussionsmarathons, ob sie sich das denn wirklich alles gut überlegt hat und sich der Gefahren und der weniger reizvollen Aspekte wie Nachtschichten bewusst ist, hat man sich damit abgefunden. „Besonders meine Familie hatte Bedenken, dass es mit der Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht einfach werden würde. Sie haben es mit ‚familienfreundlicheren‘ Alternativvorschlägen versucht“, fügt sie hinzu und lacht. Nicht zuletzt aufgrund des Images der Polizei als Ordnungshüter wurde letztendlich die Entscheidung der Tochter positiv angenommen.
Zwischen Krisensicherheit und Fehlentscheidung
Kayas Einstellung zu der gezielten verstärkten Rekrutierung von PolizeibeamtInnen mit Migrationshintergrund überrascht: „Wenn in Werbekampagnen explizit Menschen mit Migrationshintergrund angesprochen werden, könnte es sein, dass sich Personen bewerben ohne jemals mit dem Gedanken gespielt zu haben diesem Beruf nachzugehen. Also ohne zu wissen, was der Beruf mit sich bringt oder welche Bedeutung es hat, PolizistIn zu sein. Denn auch zwei wichtige Punkte sprechen auch für diesen Beruf: Die Krisensicherheit und das Interesse des Staates, Menschen mit Migrationshintergrund für den Polizeiberuf zu begeistern. Wichtig ist dabei jedoch, alle Aspekte abzuwägen, um eine Fehlentscheidung zu vermeiden", so Kaya. (Eva Zelechowski, daStandard.at, 12.5.2010)