Ein Südtiroler in Serbien

"Die Verherrlichung der EU ist auch eine gefährliche Tendenz"

Mascha Dabic, 14. Mai 2010, 15:38
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    foto: dastandard.at/mascha dabic

    Dietmar Unterkofler:"Früher waren Balkanlokale in Wien für mich etwas Exotisches, inzwischen ist die Exotik verflogen."

     

Der aus Bozen stammende Germanist Dietmar Unterkofler lebt und arbeitet in Belgrad - Ein daStandard.at-Interview

Dietmar Unterkofler lebt seit zweieinhalb Jahren in Belgrad. Der 1979 in Bozen geborene Germanist und Literaturwissenschaftler studierte in Wien und Bologna. In seiner Dissertation beschäftigt er sich mit dem künstlerischen Schaffen der jugoslawischen Neoavantgarde in den Sechziger und Siebziger Jahren. Im Zuge von Recherchearbeiten zog er nach Belgrad, später nahm er die Stelle des Österreich-Lektors an der Universität Novi Sad an. Er ist auch als freier Publizist und Übersetzer tätig.

***

daStandard.at: Mit Fremdsein hast du viel Erfahrung. In Serbien bist du Österreich-Lektor, in Österreich bist du ein Südtiroler, in Italien bist du Angehöriger der deutschsprachigen Minderheit. Wie war das für dich, aus Bozen nach Wien zu ziehen?

Dietmar Unterkofler: Natürlich war Wien Ausland, aber Deutsch ist meine Muttersprache, insofern gab es keine Sprachbarriere. Bei der Wahl der Studienortes bin ich pragmatisch vorgegangen. In Österreich gab es damals keine Studiengebühren, in Italien dagegen schon, relativ hohe sogar. Und klar gibt es in Südtirol ein Naheverhältnis zu Österreich, viele Südtiroler studieren in Innsbruck. Ich wollte aber nicht jedes Wochenende nach Hause fahren, deshalb wollte ich in Wien studieren. Da musste ich mich erstmal auf das Großstadtleben einstellen, Südtirol ist ja eine provinzielle Gegend.

Mein Erasmus-Semester habe ich dann in Bologna gemacht, da habe ich mich zu Hause gefühlt, man kennt ja alles. Allerdings hört man bei mir im Italienischen einen Akzent heraus, in Italien gerät man deshalb als Südtiroler manchmal in Erklärungsnot. Viele Italiener südlich von Verona wissen gar nicht, dass es im Norden eine deutschsprachige Minderheit gibt. 

daStandard.at: Nach dem Studium folgte dann der Umzug nach Serbien. Was fandest du am Anfang gewöhnungsbedürftig?

Unterkofler: Am Anfang machte mir die Sprache zu schaffen. Ich hatte zuvor Sprachkurse auf der Slawistik besucht, aber die ersten Monate waren hart. Die Kommunikation im Alltag, im Supermarkt oder im Restaurant kostete anfangs viel Überwindung.

Ich kam im Februar 2008 nach Belgrad, und einige Tage später erklärte sich der Kosovo für unabhängig. Die Atmosphäre in der Stadt war angespannt, aggressiv, voll von Frustrationen. Ausländern wurde geraten, das Land zu verlassen und Menschenansammlungen zu meiden. 

Der Lebensstandard ist viel niedriger als in Österreich, das merkt man auf Schritt und Tritt, auch wenn man selbst nicht betroffen ist. Die Preise sind fast so hoch wie in Österreich, aber das durchschnittliche Monatsgehalt liegt bei 300 Euro. Da fragt man sich schon, wie die Leute über die Runden kommen, wie sie überleben. Früher war Europa sehr weit weg, man kannte es aus Büchern und Filmen, nicht aber aus eigener Erfahrung, es gab eine psychologische Barriere. Durch die Aufhebung der Visumspflicht (Schengen-Visum, Anm.d.Red.) ist das jetzt anders geworden.

daStandard.at: Wenn du ab und zu nach Österreich fährst, siehst du dann die hier lebenden Menschen aus Ex-Jugoslawien mit anderen Augen? 

Unterkofler: Ja, auf jeden Fall. Ich verstehe jetzt, was die Leute in der U-Bahn miteinander sprechen und merke, wieviel Bosnisch-Kroatisch-Serbisch in Wien gesprochen wird. Früher waren Balkanlokale in Wien für mich etwas Exotisches, inzwischen ist die Exotik in meinen Augen verflogen. Die ex-jugoslawische Community ist einfach ein absolut integraler Teil von Wien. 

Interessant finde ich auch, wie in Serbien die Gastarbeiter wahrgenommen werden. Viele haben sich in Serbien große Häuser gebaut, die dann leer stehen, oder fahren mit teuren Autos herum. Die Belgrader belächeln das ein bisschen.

daStandard.at: Hast du in Serbien viel Kontakt mit anderen Ausländern?

Unterkofler: Ich kenne viele deutschsprachige Ausländer hier, und auch Leute aus anderen europäischen Ländern, die in internationalen Organisationen oder Firmen arbeiten. Die meisten sind sehr gerne hier und haben ihre Serbien-Klischees abgelegt, bemühen sich auch, die Sprache zu lernen. Ich kenne einige Engländer, die sich weigern, die Sprache zu lernen, aber für die meisten ist die Sprache wichtig, sonst kann man ja nicht mitreden.
Manchmal haben Verschwörungstheorien in Serbien Hochkonjuntur, dann wird alles Ausländische abgelehnt. Andererseits gibt es auch viele Serben, die ihr Land überkritisch sehen, die alles Serbische hassen, und alles, wo EU draufsteht, super finden. Diese Verherrlichung der EU ist aber auch eine gefährliche Tendenz. Natürlich gibt es in Serbien vieles, das zu kritisieren ist, aber es gibt auch eine gewisse Normalität im Land.

daStandard.at: Geht dir in Serbien etwas ab? 

Unterkofler: Klar läuft vieles leichter in Österreich. In Serbien dagegen ist vieles mit Anstrengung verbunden, Reisen zum Beispiel. Andererseits kann man in Serbien spontaner leben. Manchmal habe ich Lust auf einen Schweinsbraten bei den zwei Lieseln (lacht). Aber eigentlich vermisse ich hier nur meine Freunde, die in Wien leben. (daStandard.at, 14.5.2010)

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Pessimist-Realist
 
01
4.11.2010, 14:13
No-Na-Ned

Die Frage ist nur: Wann wird er in der Versenkung (oder in schlimmeren) verschwinden?
Die EU hat es ja nicht so mit Kritikern - und wenn es doch welche wagen sollten gegen sie aufzubegehren, werden sie ins rechte Eck gestellt...
Der Grundgedanke der EU ist gut, die Umsetzung miserabel!

Ellenlang
00
11.9.2010, 11:30
Die Überschrift setzt dem Standard die Krone auf.

schlitzohr2
00
14.6.2010, 04:38
Behaupte ich seit langem

opti
00
Ein Südtiroler in Serbien

ich sah die "ober-überschrift" und da war ich hellwach (03:14), habe den rest gelesen und sehr gut gefunden. das mit dem "du" ist einfach normal - wenn ich mit jemandem "per du" bin, ist das halt so und es gibt keinen grund das für die "zeitung" ins "sie" zu übersetzen - die sprache ist ein wesentlicher bestandteil eine authentischen kommunikation und wenn ich keinen übersetzer brauche, ist das nur ein vorteil.
das mit der 2. überschrift ist zugegeben ein "marketing" element, das in die falsche richtung lenken kann. aber vielleicht bringt gerade das mehr menschen dazu den guten artikel, der einen sehr vielfältigen und daher vielleicht doch ""europäischen" themenkomplex anreisst, zu lesen. das kann eine fortsetzungsgeschichte werden?

diegegenwart
00

Die EU wird in diesem Interview mit zwei Sätzen erwähnt, der Rest hat eigentlich einen ganz anderen Fokus. Trotzdem wurde diese Überschrift gewählt.
Ist das ein Trick des Journalisten durch eine EU-kritische Aussage Leser anzulocken?

semper fidelis
01
21.5.2010, 12:30
Jösass,

hab glaubt,des is da Heli Deinböck(Germanist ;-))

hmm..
01
17.5.2010, 14:10

hach.. da hab ich mich doch vom titel verleiten lassen^^

Timagoras
 
12
16.5.2010, 19:04
"Diese Verherrlichung der EU ist aber auch eine gefährliche Tendenz"


diese tendenz ist in Serbien ein massenphänomen?

oder eher ein minderheitenprogramm?

ich vermute letzteres (wie ja in Österreich auch).

und warum ist sie dann so brandgefährlich?


abgesehen davon: ich finde, zwischen serbischer und österreichischer mentalität gibt es m.m.n. eine weit größere ähnlichkeit, als es beiden vermutlich lieb sein dürfte ;o)

footprint
00
16.5.2010, 15:55
Die Zwei Lieserln sind auch nicht mehr das...

...was sie waren, da die beiden Lieserln in Pension gegangen sind und unter dem Nachfolger Küche und Service sehr zu wünschen übrig lassen...

Es gibt aber noch viele andere gute Lokale mit heimischer Küche im 7.

Seria
00
16.5.2010, 11:26

ist es mangel an nachrichten oder Anpassung an Leserinteressen, was diese zeitung manchmal Öde wirken lässt.
Andererseits muß man vorsichtig sein nicht nur Sensationen zu verlangen

P S
01
16.5.2010, 08:23
Gerüchte

"Ich kenne jemanden, der gehört hat, dass man gesagt hat, der Standard sei möglicherweise früher auch schon einmal besser gewesen. Angeblich habe man sie für eine Qualitätszeitung gehalten."

Eine Reaktion der Redaktion ist angebracht. Ausser EU-Kritik ist Blattlinie und Dogma.

viridisdens
02
15.5.2010, 22:14
schade, für dieses interview einen derartig dämlichen titel zu wählen, das gehört eher der krone!

joergipoergi
00
15.5.2010, 15:30
hue/saturation runterdrehen hilft meistens

es gibt auch noch die color balance aber das ist schon sehr fancy ;)

Para Dox
01
16.5.2010, 01:47

Das ist schlicht und einfach ein falscher Weißabgleich.

joergipoergi
00
16.5.2010, 12:22

eben, dafür geibt es ja photoshop...

Nathaniel Winerib
00
15.5.2010, 12:12

Was soll das vertrauliche "DU" in einem Interview?

Adolf Ogi
00
16.5.2010, 00:01
Tiroler

sind immer per du. Woasch des nit?

Triggerfish77
00
15.5.2010, 15:05
Foto..

..das Foto wurde einfach ohne Blitz gemacht, die Einstellungen alle auf Manuell so angepasst, daß das fehlende Licht kompensiert wird. Schaut oft gesünder aus, als diese Blitzlichtgewitterfotos, ist aber Geschmackssache.

Triggerfish77
41
15.5.2010, 15:03
"vertrauliches Duwort"

Also mich stört das vertrauliche Duwort überhaupt nicht. Im Gegenteil, ein künstliches SIE ist oft peinlich und anachronistisch. Nebenbei erwähnt stört ausser Ihnen nur HC Strache das vertrauliche Duwort :-)
Im Kurier bietet eine jungendiche Interviewpartnerin das DU-Wort an und was macht die Redakteurin, ohne Kommentar weiter mit Sie, DAS ist peinlich.

byron sully
00
16.5.2010, 16:02
danke,

kann mich nur anschließen. sehe das problem echt nicht.

. Kramar
 
10
15.5.2010, 13:30

Wo ist das Problem?

Seria
01
15.5.2010, 10:33
"Die Verherrlichung der EU ist auch eine gefährliche Tendenz"

wurde eine Überschrift gewählt mit dem Zweck die Leser dazu zu bekommen den Artikel zu lesen. Istt wohl ein netter junger Mann

Litschi Monster
12
15.5.2010, 13:47
Bravo!

Die Natur der Phänomens Überschrift verstanden! Gibt einen goldenen Stern ins Klassenbuch, versprochen.

systemfehler1
00
15.5.2010, 06:04
Sonnenbrand, Leberschaden

oder falscher Weißabgleich?
Das Foto zumindest ist skuril.

. Kramar
 
00
15.5.2010, 13:31

Kunstlicht.

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