Sprachkompetenz ist nicht alles

Jasmin Al-Kattib , 17. Mai 2010, 16:13
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    foto: jobst

    Das Netzwerk Dynamo erweitert Handlungsspielräume für junge MigrantInnen.

Das Projekt Dynamo begleitet Jugendliche mit Migrationshintergrund bei ihrer individuellen Karriereplanung

"Das Bildungssystem in Österreich ist leider derart rigoros, dass auf Unterbrechungen von Bildungskarrieren durch Flucht oder andere Gründe keine Rücksicht genommen wird." Das ist nur ein Aspekt, der Martin Wurzenrainer vom Integrationshaus bedenklich stimmt. "Es ist praktisch unmöglich, ohne einen formellen Abschluss (zum Beispiel Hauptschulabschluss) Arbeit oder - was bei den Jugendlichen viel wichtiger ist, einen Ausbildungsplatz zu bekommen."

Muttersprachliche Beratung

Integration ist mit dem Absolvieren eines Sprachkurses nicht getan. Auch mit guten Deutschkenntnissen ist es nicht einfach, sich durch das Was, Warum und Wie des österreichischen Bildungssystems zu schlagen. Die meisten Jugendlichen erfahren schnell über Mundpropaganda, dass es Einrichtungen gibt, an die sie sich mit ihren Fragen wenden können und die sie gegebenenfalls auch in ihrer Muttersprache beraten können.

Basisqualifikationen

Im Projekt "Dynamo" werden mit Hilfe von Kursen und Lehrgängen, individueller Bildungsberatung und sozialarbeiterischer Begleitung Basisqualifikationen und Wege zu Bildungsabschlüssen vermittelt. Das Netzwerk, bestehend aus Projekten der Volkshochschulen des 15. und 16. Bezirks sowie des Integrationshauses, unterstützt Jugendliche aktiv dabei, sich in das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt zu integrieren. Zudem geht es auch darum, die österreichische Aufnahmegesellschaft über die Lebenssituation und Kompetenzen, aber auch die Schwierigkeiten der jungen MigrantInnen zu sensibilisieren.

Hohe Motivation

Die Kurse zur Vorbereitung auf Hauptschulabschlüsse und Berufsreifeprüfungen, die Sprachförderung Deutsch als Zweitsprache oder auch die individuelle Lernbegleitung sind immer ausgebucht. "Hundert Prozent unserer TeilnehmerInnen kommen aus Eigenmotivation. Im Schnitt stehen rund 60 Anmeldungen 16 Kursplätze gegenüber," so Wurzenrainer. Auch bei JUBIZ und ISIS, den beiden Teilprojekten der Wiener Volkshochschulen, muss nicht erst um die Initiative der Jugendlichen gekämpft werden.

Unsichtbare Kompetenzen

"Die, die erst sehr kurz in Österreich sind, haben große Erwartungshaltungen und sehr viel Motivation," weiß Karin Bittner vom JUBIZ an der Volkshochschule Ottakring. "Wir schauen uns die Kompetenzen und formalen Qualifikationen an, die die Jugendlichen mitbringen und beraten sie, was sie damit machen können. Dann machen wir gemeinsam mit ihnen auch ihre informellen Qualifikationen sichtbar. Oft ist ihnen zum Beispiel gar nicht bewusst, wieviele Sprachen sie können." Schließlich "übersetzen" die JUBIZ-BeraterInnen das, was die Jugendlichen an bislang unsichtbaren Kompetenzen mitbringen in eine Sprache, die auch von Arbeitgebern verstanden wird.

Kompetenz und Autonomie

"Ein wesentlicher Punkt ist, dass wir sehr offen sind und die Welt, aus der die Jugendlichen kommen, mitdenken und wertschätzen," so Bittner zu der speziell auf ihre Zielgruppe abgestimmte Bildungsberatung. Auch Eva Schröder von der Volkshochschule Rudolfsheim-Fünfhaus betont, dass man auf Jugendliche speziell eingehen muss. Im Lernbegleitungsprojekt ISIS möchte man "durch Strategien und Maßnahmen, die den Jugendlichen speziell im Thema 'Lernen lernen' die nötige Kompetenz und Autonomie vermitteln, die sie für einen erfolgreichen Bildungsweg benötigen."

Ausbildung dem Alter entsprechend

Für viele junge MigrantInnen ist es nicht möglich, ihre unterbrochene Ausbildung in einer Schule mit Gleichaltrigen fortzusetzen. "Jugendliche, die bei ihrer Ankunft in Österreich das schulpflichtige Alter bereits überschritten haben, sind eigentlich ausschließlich auf den zweiten Bildungsweg angewiesen," beklagt Wurzenrainer. "Diese Angebote laufen aber im Bereich der Erwachsenenbildung und somit findet eine altersadäquate Sozialisation nur bedingt statt." Um den Jugendlichen dennoch zu ermöglichen, das "normale schulische Leben" Gleichaltriger kennen zu lernen, unternimmt das Integrationshaus regelmäßig "Interkultur-Tandems".

Drop-Out-Rate verringern

Das österreichische Bildungssystem hat in den letzten Jahren verabsäumt, Ressourcen wie sprachliche und kulturelle Vielfalt zu nutzen. Die Förderung der mitgebrachten Erstsprachen wurde nur in wenigen "Projektschulen" durchgeführt, obwohl gerade die Ausbildung der Erstsprache für die Entwicklung von Deutsch als Zweitsprache förderlich wäre, so Wurzenrainer. Auch Schröder ist überzeugt: "Die fundierte Vermittlung der Erstsprachen fehlt von Beginn an. Unterschiedliche Voraussetzungen, Kenntnisse und Fähigkeiten werden nicht wahrgenommen, unter anderem auch wegen Lücken im Ausbildungssystem der Lehrer." Gerade die Sensibilisierungsarbeit für LehrerInnen ist wichtig, um die hohe Drop-Out-Rate der Jugendlichen zu verringern. (Jasmin Al-Kattib/daStandard.at/17.5.2010)

Tipp: Kostenlose Sommerintensivkurse im Projekt ISIS
Vom 2. August bis 3. September finden an der Volkshochschule Wien 15 Fördergruppen für die Fächer Deutsch, Englisch, Mathematik und Rechnungswesen statt. Zielgruppe sind Jugendliche mit Migrationshintergrund, die sich auf den Übertritt in eine weiterführende Schule oder auf eine Wiederholungsprüfung vorbereiten möchten. Persönliche Anmeldung ab Mitte Juni 2010 in der VHS 15, Schwendergasse 41, 1150 Wien. Information und Kontakt: 01/893 60 85 - 12 oder petra.amster@vhs.at

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16 Postings
Annata
20
15.3.2011, 18:50

Finde Demokratie Kompetenz wichtiger als Sprach Kompetenz, immerhin brauch ich auf der Straße auch nicht de Sprache des anderen kennen, solange er sich an die selben Regeln hält

Robert Waloch
10
19.5.2010, 08:49
Sprachkompetenz

ist nicht alles: DAS merkt man sehr gut an den STANDARD-Kulturberichten.......

Gerhard Müller
12
19.5.2010, 08:15
Das Kulturniveau von Migranten

ist teilweise auf einem Punkt, der dem entspricht, wo wir uns mit unserem Anforderungsprofil von durchschnittlicher Bildung vor 100 Jahren befunden haben.

Wenn man sich die durchschnittliche Sprach- und Lesekompetenz unserer Großeltern anschaut stellt man fest, dass diese teilweise höher war, als dies heute auch bei Nichtmigrantenkindern zu beobachten ist.

Migranten haben noch das Problem, dass ihnen ständig getrommelt wird, sie müssen die Sprache lernen. Aber welche? Aufgewachsen vielfach in Familien, wo die Mütter Analphabetinnen sind und Väter mit ihren Kindern nicht sprechen.

Ich: 45 Jahren Englisch als erste Fremdsprache mit ständiger Weiterbildung. Ergebnis: eher schwach obgleich fließend, wenn ich einen hohen Maßstab anlege.

birci mirci
30
das schweigen sollte man vom klugen lernen!

@gerhard müller

mütter - analphabeten?
väter, die nicht mit ihren kindern reden?

migranten sind keine hinterweltler......

der ausbildungsgrad von eltern sagt ihnen NICHTS darüber, wie sehr sie ihre kinder lieben oder nicht...oder ihnen ihre kultur vermitteln können oder nicht!
100 Jahre--> respektlos und dumm finde ich solche aussagen, sorry!!!! sie müssen ja ganz schön "alt" und engstirnig sein.

opti
10
müller

@birci mirci
ich würde mich über den herrn müller nicht aufregen, wenn er 45 jaher englisch gelernt hat und sich jetzt immer noch "eher schwach" einschätzt denke ich er hat da irgendwo einen fehler
entweder in der einschätzung oder in der fähigkeit etwas zu lernen
6 jährige kinder, die ihre muttersprache altersentsprechend gut beherrschen, erlernen eine fremdsprache in einer "lernfreundlichen" umgebung in ca 3 monaten ohne ihre muttersprache abzubauen - von dem zeitpunkt an, können sie "zweisprachig" aufwachsen

Galina Ulanowa
00
26.5.2010, 04:33
stimmt nur halb

und die andere hälfte ist eine kritik an unserem bildungssystem.

die erste hälfte: was glauben sie eigentlich warum menschen auf der flucht sind. das ist etwas anderes als arbeitsmigration, die tatsächlich hauptsächlich von gering qualifizierten gemacht wurde. und selbst da ist es wohl ein bißchen verfroren die leute als analphabetInnen abzuqualifizieren.

die zweite hälfte: wenn es schon stimmt, dass die leute aus bildungsfernen familien kommen sollte das wohl eher eine kritik an unserem bildungssystem sein, das chancen und sozialen status noch immer zu einem guten teil vererbt.

Gerhard Müller
03
19.5.2010, 08:06
SPRACHKOMPETENZ IST ALLES!!

Wer nicht in der Lage ist, einen Gegenstand, eine Funktion, einen Vorgang oder eine Beziehung (welcher Art auch immer) zu beschreiben, für den existiert dieses auch nicht.

Sprache ist alles. Sprache ist alles. Sprache ist alles.

Ohne Sprache keine Gefühle, ohne Sprache keine sozialen Bindungen, ohne Sprache keine Wahrnehmung. Die Wirklichkeit wird erst dann zu einer, wenn sie beschrieben wird. Schriftlich oder mündlich. Ohne dieser Beschreibung existiert Wirklichkeit nicht.

An alle Esoteriker die glauben, dass man Gefühle fühlt und Erlebnisse erlebt: Nonsens! Erst die Beschreibung lässt einem die Wirklichkeit erfahren. Das Gegenüberstellen. Und das geht ohne Sprachkompetenz nicht.

Nevim
01
19.5.2010, 09:44

Mir scheint, Sie missverstehen den Titel (und erst recht den Inhalt). Dass Sprachkompetenz wichtig und notwendig ist, wird ja nicht in Frage gestellt (sonst hieße es ja "Sprachkompetenz ist nix"). Es wird allerdings darauf hingewiesen, dass Sprachkompetenz alleine nicht reicht, Was auch stimmt.

Madame Haram
112
18.5.2010, 15:35
Weil ich da unlängst ähnliches in einem Artikel im "normalen" Online-Standard gelesen habe: ist das jetzt der neue Schmäh, dass man die Fähigkeit, sich in der hiesigen Landessprache artikulieren zu können, als Nebensächlichkeit wertet, die nur

pingelige Arbeitgeber mit Diskriminierungsambition erwarten?

Das find ich ja wirklich erstaunlich. In den 90er Jahren wurde die Existenz von Migranten, die auch nach Jahren schlichtweg kein Deutsch sprechen, kategorisch geleugnet. In den Nuller-Jahren ging man über zur Argumentation "Ja, gut, so was gibt`s schon. Aber schuld sind nur die Österreicher. Weil die ihre Kinder nicht in die Migrantenschulen schicken und nicht nett sind und die türk. Mami zum Kaffeetratsch einladen und überhaupt."

Und im nächsten Jahrzehnt darf ich mich also darauf freuen, dass die Belanglosigkeit der deutschen Sprache - in einem deutschsprachigen Land - beschworen wird.

Aber sonst geht`s euch hoffentlich noch gut.

Sie sind doch der Rührer!
05
18.5.2010, 08:37

Mich würde interessieren, ob es in anderen Ländern, wie z.B. Frankreich, Einrichtungen gibt, in denen Migranten in deren Muttersprahce betreut/informiert werden.

Jedenfalls ist die Sprachkompetenz die Basis, auf der man dann mit allen anderen Maßnahmen aufbauen kann. Ohne die Basis ist es eben sehr schwer.

Galina Ulanowa
00
26.5.2010, 04:41
hoffentlich

oder wollen sie die leute dumm krepieren lassen?

was glauben sie passiert hier mit diesen menschen ohne hauptschulabschluss? die werden in einen basisbildungskurs geschickt und machen ihren abschluss nach. und raten sie mal was da am lehrplan steht? yoruba, farsi oder chinesisch? wohl eher deutsch und englisch.

klar muss es auch darum gehen den leuten deutsch zu vermitteln. ohne dem werden die doch nie aus der nische rauskommen. aber erstberatungen für leute die sich zB vor einem halben jahr im kriegsgebiet befanden auf deutsch? solche projekte sind sozialarbeiterische maßnahmen für leute die eh schon kein leiberl haben, und da wird man wohl entgegenkommen dürfen.

Penelope Ody
06
18.5.2010, 21:32
Absolut richtig: ohne möglichst hohe Sprachkompetenz geht GAR NICHTS!

Jeder, der den Jugendlichen etwas anderes erzählt, lügt sich und ihnen in die Tasche! Niemals werden sprachlich holprig und fehlerhaft Sprechende an gute Jobs kommen! Wie denn auch, ihnen fehlt ja auch oft die Kompetenz, deutsche Texte verstehen zu können. Und die österreichische Staatssprache IST Deutsch! Man tut den Jugendlichen nichts Gutes, wenn man sie etwas anderes glauben macht!

sadfasd sdfasdfas
24
18.5.2010, 09:12

In Frankreich brauchens das nicht. Da gibt es, z.B. in Marseille, ganze Stadtteile in denen sie sich ausschließlich auf arabisch verständigen können.

...das sind Verhältnisse von denen die Moslemos auch bei uns träumen.

uinsel
12
18.5.2010, 16:00

so?

weil alle türken so gut arabisch sprechen, oder wie?

a grünes stricherl
 
01
18.5.2010, 20:17
haha :-)

Neuer Nick neues Glück
04
18.5.2010, 07:55

Ist schon richtig, dass Sprachkompetenz nicht alles ist. Aber sie ist eben wichtig genug, um als Drop-Out-Kriterium zu gelten.

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