Die Schriftstellerin Zdenka Becker erzählt über die ersten Jahre in Österreich und wie sie durch das Schreiben der "anfänglichen Lautlosigkeit" entkommen ist
Zdenka Becker hat bereits mit fünf Jahren, noch bevor sie schreiben
konnte, begonnen Geschichten zu erzählen. Die Großeltern dienten dabei
als Inspiration: "Sie lasen mir aus der Bibel vor. Ich habe diese
Geschichten geliebt", erzählt Becker. Im Kindergarten war sie von den
Erzählungen der Brüder Grimm sowie den Volksmärchen aus aller Welt
fasziniert. Da es zu der Zeit keine allzu große Auswahl an
Märchenbüchern gab und sie den von immer gleichen Geschichten
gelangweilt war, dachte sie sich eigene aus, die bei anderen Kindern
großen Anklang fanden.
Nach der Schulreife belegte sie das Studienfach Wirtschaft: "Das hängt
mit dem Kommunismus zusammen, nicht mit meiner freien Entscheidung",
betont Becker und spricht von einem schweren Fehler im damaligen
Hochschulsystem, das von Zulassungsbeschränkungen und Protektion
gekennzeichnet war. Sie hätte lieber Publizistik studiert und wollte
eigentlich Journalistin werden, aber "da wurde nur jeder Zwölfte
aufgenommen." Daher entschloss sie sich "als Kind einfacher Eltern und
ohne Protektion" für das Wirtschaftsstudium, denn dieses Fach war
weniger überlaufen und die Aufnahmewahrscheinlichkeit dementsprechend
größer.
Der Liebe nachwandern
Der Liebe wegen kam Becker schließlich nach Österreich. 1975 folgte sie
ihrem Ehemann, den sie Anfang der 1970er während der Semesterferien in
der Hohen Tatra kennen lernte, nach Österreich. Das Übersiedeln war mit
viel Bürokratie verbunden. "Das war nicht so einfach mit der Grenze",
merkt Becker an. Insgesamt hat sie ein Jahr damit verbracht Papiere
ausfertigen zu lassen und Ausreisegenehmigungen zu erhalten. Die ersten
Jahre als Emigrantin verbrachte Becker in Wien und wollte so schnell wie
möglich die deutsche Sprache erlernen, besuchte eifrig Sprachkurse. Bis
dahin hatte sich das Ehepaar auf Englisch unterhalten.
Anfangs Lautlosigkeit
Becker hatte als Neuzugewanderte zwar keinen "Kulturschock" - Historie
und Kultur der alten und neuen Heimat ähneln sich zu sehr - dafür aber
einen Sprachschock. Das erste Jahr bezeichnet sie rückblickend als Zeit
der Lautlosigkeit. Die junge Mutter ging zwar gerne auf der
Mariahilferstrasse mit dem Kinderwagen flanieren, denn "Geschäfte und
Auslagen habe ich angeschaut wie eine Galerie", schwärmt Becker heute
noch von der ihr damals unbekannten Vielfalt von Geschäften und Marken.
Aber erst nach zwei Jahren, nachdem sie sich der Sprache etwas mächtiger
fühlte, traute sie sich in die Geschäfte hinein und beantwortete die
Fragen der Verkäuferinnen.
Verlustgefühle
Trotz der raschen Aneignung der deutschen Sprache wurde Becker aufgrund
ihres Akzents, auch nach mehreren Jahren noch, nach ihrer Herkunft
befragt: "Nach zwei, drei Jahren habe ich begriffen, ich werde hier
immer Ausländerin sein und hatte das Gefühl alles verloren zu
haben...Familie, Freunde, Heimat. Vor allem die geschlossene Grenze hat
aufs Gemüt gedrückt. Erst als ich zu schreiben begann, war dieses Gefühl
weg", erzählt die Schriftstellerin.
Schreiben...auf Deutsch
Den Weg zum Schreiben hat sie über ihre zwei Kinder gefunden, die
mehr als die üblichen Kindermärchen von der Mutter hören wollten. "Da
habe ich meine alten Geschichten herausgekramt, erzählt und
aufgeschrieben. Und mir gedacht, warum nicht gleich ein Kinderbuch
schreiben", erklärt Becker wie sie vor mehr als 25 Jahren zum Schreiben
und Geschichtenerzählen (zurück)gefunden hat.
Die Texte hat sie spontan an Rundfunkstationen geschickt, die
Erzählungen wurden daraufhin im Österreichischen und Westdeutschen
Rundfunk sowie in der Schweiz gesendet. Dabei hat sie von Anfang an auf
Deutsch geschrieben: "Ich hätte mir nie gedacht, auf Deutsch zu
schreiben. Aber es fiel mir nicht schwer, der Wunsch zu schreiben war
einfach zu stark", erzählt die Autorin von mittlerweile dreizehn
Romanen, mehreren Gedichtbänden und zahlreichen Theaterstücken.
Nicht die jammernde Ausländerin
Heute besitzt Zdenka Becker die slowakische und die österreichische
Staatsbürgerschaft. Dabei wird sie von beiden Ländern als jeweils
"heimische oder fremde" Schriftstellerin beansprucht: "In Österreich
werde ich als slowakische Schriftstellerin gesehen und in der Slowakei
als österreichische. Hier sagt man mir, ich bringe das Slowakische in
die österreichische Literatur." Wobei sich "das Slowakische" nicht näher
definieren lässt.
Die im tschechischen Eger geborene Becker legt großen Wert darauf,
sich nicht "in Nationalitäten hineinpressen zu lassen." Sie beschäftigt
sich mit dem Thema Migration weder auf provokative noch jammernde Art,
will das Anderssein nicht aufs Podest stellen und nicht in die Ecke der
"exotischen" Migrationsliteratur gestellt werden: "Ich möchte nicht die
jammernde Ausländerin sein, ich möchte akzeptiert, aber nicht
bemitleidet werden", betont Becker.
"Ränder sind interessanter"
Sehr wohl betrachte sie das Thema Migration aus einem anderen
Blickwinkel: "Mich interessiert das Andere, die Ränder sind
interessanter als die Mitte. Was passiert im Ausland in der Verbindung
mit dem Heimischen, auch bei einem Österreicher im Ausland", erklärt
Becker ihr Interesse an den Lebenswelten von Emigranten.
Ihre Romane sind exemplarisch für das Anderssein: "Was passiert wenn
ich meine Heimat verlasse, was finde ich dort? Ich gebe keine
Antworten, ich beschreibe nur eine Geschichte und viele Leute sehen sich
darin wieder und identifizieren sich damit", umschreibt die
Schriftstellerin ihr literarisches Schaffen und die Resonanz des
Leserpublikums darauf.
Der aktuelle Roman "Taubenflug" ist ebenfalls exemplarisch für die
Geschichte von Zu- bzw. Ausgewanderten: "Die Brieftaube fliegt immer
nachhause zurück, sie ist eine wunderbare Metapher für Emigranten, egal
wo wir hingehen, wir fliegen, wenn auch nur in Gedanken, nachhause",
lautet Beckers Fazit. (Güler Alkan, daStandard.at, 6.6.2010)