Bücher, die Welten verbinden

Olivera Stajić, 7. Juni 2010, 15:54
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    foto: sxc.hu

    Ob sie nun in Kindergärten, Kinderbetreuungseinrichtungen oder in Familien verwendet werden, der Bedarf an zweisprachigen Büchern wächst

Kinder die mit zwei oder mehr Sprachen aufwachsen, wachsen auch in zwei Welten hinein. Zweisprachige Bücher helfen, diese miteinander zu verbinden

Weltweit wachsen weniger als ein Drittel der Menschen einsprachig auf. Das, was bis vor kurzem bei uns eine große Ausnahme darstellte, ist global gesehen Normalität: Schon in frühester Kindheit wird die Mehrzahl der Kinder weltweit mit Mehrsprachigkeit konfrontiert. Sie begleitet sie durch den Alltag und die schulische Ausbildung. Umso verwunderlicher ist es, dass bis vor kurzem eine zweisprachige Kindheit als Überforderung angesehen wurde. Und noch skurriler mutet der Umstand an, dass es zwar Kindergärten gibt, die Englischunterricht für Drei- bis Fünfjährige anbieten, die Förderung der Muttersprache bei Migrantenkindern aber noch immer nicht ganz unumstritten ist.

Wichtigkeit der Lesekompetenz

Unumstritten ist aber die Bedeutung, die Bilder- und altersgerechte Kinderbücher für die frühkindliche Sprachförderung spielen können. "Die Wichtigkeit der Lesekompetenz für die weitere kognitive Entwicklung eines Kinders steht außer Frage. Für Kinder mit Migrationshintergrund gilt all dies natürlich umso mehr: sowohl das Vorlesen als auch das eigenständige Lesen deutschsprachiger Texte fördert und begünstigt den Spracherwerbsprozess in Deutsch als Zweitsprache erheblich", betont Manuela Glaboniat vom Fachbereich Deutsch als Fremdsprache an der Universität Klagenfurt. Bücher in der Erstsprache des Kindes, bzw. zweisprachige Büche erfüllen eine zusätzliche Funktion, die insbesondere für jene Kinder wichtig ist, die nicht in ihrer, bisher "stärkeren" Muttersprache eingeschult werden. "Viele Schritte der natürlichen sprachlichen und kognitiven Entwicklung werden durch diesen Bruch und einseitige Konzentration auf die neue Sprache beeinträchtigt, die betroffenen Kindern können vieles in der Erstsprache nicht mehr und in der Zweitsprache noch nicht", erklärt Glaboniat. Um dieser sogenannten "Halbsprachigkeit" entgegenzuwirken, ist es besonders wichtig, Kindern auch in ihrer Erstsprache/Muttersprache vorzulesen, bzw. sie in dieser Sprache auch zu alphabetisieren und zum selbständigen Lesen anzuregen.

Gegen die Halbsprachigkeit

Angehörige der sogenannten Zweiten Generation, die selbst von der "Halbsprachigkeit" betroffen sind, laufen Gefahr, diese an ihre Kinder weiterzugeben. Auch in diesem Umfeld kann mehrsprachige Kinderliteratur gute Dienste leisten: "Beim Betrachten mehrsprachiger Bilderbücher innerhalb der Familien können Eltern wie Kinder von der Verwendung beider Sprachen profitieren. Es können Unterhaltungen zu Themenkreisen entstehen, denen sich das Kind vielleicht in seiner Erstsprache noch nie gewidmet hat", betont Iris Grassl, Kindergarten-und Hortpädagogin der MA 10/Wiener Kindergärten.

Die Verwendung und Verbreitung zweisprachiger Kinderbücher in Kindergärten kann vor allem für Kinder aus bildungsfernen Familien eine wichtige Stütze für die Festigung beider Sprachen und der Lesekompetenz sein. Wesentlich ist natürlich auch der ideale Wert dieser integrativen Geste: Sie bewirkt die Aufwertung der "anderen" Sprachen, die Erstsprache von Migrationskindern wird hier gleichwertig behandelt, so die Germanistin Glaboniat.

Von der Mehrsprachigkeit profitieren

Von den österreichischen Kindergärten kommt die Rückmeldung, dass „in der Arbeit mit Kindern mit Migrationshintergrund zweisprachige Bilderbücher auch von Betreuungspersonen mit entsprechenden Sprachkenntnissen" verwendet werden. „Meist werden die Bücher auch an die Familien im Rahmen einer "Kinderbibliothek" verborgt, mit dem Ziel, die Bedeutung der Beschäftigung mit Büchern in den Familien anzuregen, so Hermine Zaunmair, Kindergarten- und Hortinspektorin für Oberösterreich.

Ein weiterer wichtiger Schritt wäre natürlich der lohnende Versuch, auch Kindern mit deutscher Muttersprache, die Möglichkeit zu geben, die Sprachen aus ihrer unmittelbaren Umgebung kennenzulernen. Türkisch, Bosnisch/Kroatisch/Serbisch oder Russisch sind die Sprachen, die von den Kindern gesprochen werden, mit denen sie regelmäßig zusammen sind. Es spricht nichts dagegen auch einsprachig aufwachsende Kinder mit den mehrsprachigen Büchern bekannt zu machen, zumal sie diese Sprachen aktiv in ihrer Umgebung mit anderen Kindern verwenden können.

Der Bedarf wächst

Ob sie nun in Kindergärten, Kinderbetreuungseinrichtungen oder in Familien verwendet werden, der Bedarf an zweisprachigen Büchern wächst zusammen mit der Zahl der Kinder die neben Deutsch auch mit einer weiteren oder mehreren Sprachen aufwachsen. Auch von der offiziellen Stelle, dem österreichischen Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur wurde der Bedarf an einschlägigen Informationen erkannt. Maria Dippelreiter vom BMUKK hat auf der Internetseite www.sprich-mit-mir.at vor vier Jahre eine, wie sie selbst sagt, "bei weitem nicht vollständige" Liste, von zwei- und mehrsprachigen Kinderbüchern zusammengestellt. Diese Informationen richten sich an KindergartenpädagogInnen, VolksschullehrerInnen und interessierte Eltern und wurde zusammengetragen, "weil es bisher  nichts Ähnliches gab, und ich den Bedarf gesehen habe", sagt Dippelreiter. Besonders interessant ist die Zusammenstellung natürlich auch für Bildungsanstalten für KindergartenpädagogInnen, die sich vielleicht inspirieren lassen, Ähnliches selbst zu produzieren, hofft Dippelreiter. Ein Vorzeigeprojekt gibt es schon: Die Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik in Oberwart präsentierte im November 2005 das mehrsprachige Bilderbuch "Im Land der Kastanietten". Der Text wurde von SchülerInnen, LehrerInnen und unter Mithilfe des Romavereines in Oberwart von Deutsch auf Roman, Ungarisch und Kroatisch übersetzt.
Deutschland dominiert

Neben den Volksgruppensprachen sind es vor allem die Sprachen der österreichischen Migrantengruppen, die vermehrt auch in Bilder- und Kinderbüchern Einzug finden. Genau genommen kommt aber der Großteil dieser Bücher aus deutschen Verlagen. Hier entwickelt sich in den letzten Jahren ein wachsender Nischenmarkt: Kleine Verlage und Vereine wagen es, Bücher in den Muttersprachen der deutschen Migrantenkinder zu verlegen. Die Auswahl beschränkt sich allerdings noch auf wenige stärker präsente Sprachen. Außer Englisch-Deutschen Büchern sind es Türkisch- Deutsche und einige Spanisch-Deutsche. Vereinzelt sind auch Bücher in Bosnisch/Kroatisch/Serbisch zu haben. (Olivera Stajić, daStandard.at, 16.6.2010)

Links:

Türkische Kinderbücher: Schulbuchverlag Anadolu

Zwei- und mehrsprachige Bücher: edition bi:libri

Kinderbücher in 13 Sprachen, mehrsprachig: Edition Lingua Mundi

Internationale Kinder- und Versandbuchhandlung: Le Matou

Informationsseiten des BUMKK

Informationsseite des Vereines okay

Hamit_Hatemi
22

"zweisprachige Bücher"
Den Koran auf Türkisch und Arabisch zu lesen ist noch keine Integration.

opti
42
zweisprachige bücher

@Hamit_Hatemi
richtig bemerkt, das allein ist noch keine integration

aber ein wesentlicher bildungsvorteil und damit die voraussetzung für jede art von integration gegenüber jenen die den katechismus nur auf deutsch auswendig gelernt haben

maxbz
43
Exakt der falsche Weg! Offenbar sollen nun ö. Kinder türkisch lernen, bloß weil die selbst in der dritten Generation noch nicht in der Lage sind deutsch zu sprechen.

Einfach unfassbar, das noch Kindern der Dritten Generation !!! "ihre Muttersprache" beigebracht werden soll und dann sollen die ö. Kinder auch noch türkisch und bosnisch lernen. Offenbar müssen sie die Fremdsprachen lernen um die Zuwanderer zu verstehen. Unglaublich!

Wir brauchen vor allem eine Fremdsprache und das ist englisch. Alle anderen Länder lernen auch englisch, wer englisch kann, kann sich überall verständigen und deshalb sollte dies als einzige weitere Sprache im Kindergarten gelernt werden. Kinder sind auch nicht beliebig aufnahmefähig. Wenn sie türkisch lernen, bleibt weniger Zeit für englisch und das ist schädlich, denn der Bedarf an englisch ist in der Wirtschaft um Welten höher und auch wichtiger als der für türkisch.

opti
32
sind heute die FPÖ anhänger am werk?

@maxbz
oder ist die idee englisch zu lernen schon zu exotisch und dahoam nicht mehr zumutbar?

englisch zu lernen ist sicher kein fehler, was kindern zumutbar ist, ist eine ganz andere frage und ob englisch die lösung aller kommunikationsprobleme darstellt, ist sehr fraglich und welche bedeutung eine sprache und die damit verbundene kultur für den einzelnen menschen haben kann ist ganz sicher - um bei unserer "leitkultur" zu bleiben "gott sei dank" - nicht in der bibel festgelegt

und von wegen lernen: es gab eine zeit in österreich, da lernten diplomaten und gebildete menschen türkisch und das galt als schick .. heute scheint sich das auf das sprachlose bestellen von bier zu beschränken

maxbz
13
Für die Integration ist es am sinnvollsten intensiv die Landessprache zu lernen. Jedenfalls geht man in allen anderen Einwanderungsländern so vor.

Eine Sprache zusätzlich zu lernen weil man Zeit und Geld hat und es als Schick empfindet bleibt jedem selbst überlassen.
Türkisch in Kindergärten zu forcieren, weil die Einwanderer unfähig sind deutsch zu lernen ist ein Unding und wird die Ghettobildung verstärken, denn wer will schon das seine Kinder türkisch und bosnisch statt englisch lernen.



Nevim
34

Es ist mehrfach erwiesen, dass es einfacher ist, eine zweite Sprache zu lernen, wenn die Erstsprache gefestigt ist. Das heißt: Ein türkisches Kind, das besser Türkisch spricht, wird auch besser Deutsch sprechen.

Englisch können sie ja trotzdem lernen, das ist durchaus nicht unrealistisch. Ich kenne sehr viele Leute (und gehöre zu denen), die zweisprachig aufgewachsen sind und zusätzlich noch sehr gut Englisch sprechen.

Niemals wieder im Leben ist Sprachen lernen so einfach wie in der Kindheit, deshalb sollte so früh wie möglich damit angefangen werden.

maxbz
14
"Es ist mehrfach erwiesen, dass es einfacher ist, eine zweite Sprache zu lernen, wenn die Erstsprache gefestigt ist."

Soweit richtig und nachvollziehbar, da bräuchte es nicht mal eine Studie.
Nur wird diese Studie vielfach (bewußt?) massiv fehlinterpretiert wenn man für Zuwanderer der dritten Generation (also eigentlich Österreicher) fordert, das sie zuerst wieder die Muttersprache der Großeltern lernen sollen um anschließend besser deutsch zu können. Das ist einfach hochgradig Unsinn und nicht die Aussage der Studie.
Für diese Kinder heißt die Lernaufgabe deutsch, das ist ihre Muttersprache, die müssen sie in Österreich können. Wichtiger wäre es noch, die Eltern mit Sprachkursen mit einzubinden.

Gerade die Türken haben massive Integrationsprobleme, weil sie inzwischen fast alles auf türkisch erledigen können. Das sollte man nicht noch im Kiga fördern.

helmson
00

vielleicht eltern deren kinder nicht non stop in die glotze schauen sollen und die nicht jacqueline justin usw heißen... die auch keine prada iphones zum geburtstag haben müssen usw usw

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