In einem Jenbacher Kindergarten setzt man sich aktiv und erfolgreich mit den sprachlichen Herausforderungen und Chancen der Kinder mit Migrationshintergrund auseinander
"Die Eltern sind stolz, dass sie gebraucht werden", antwortet Andrea Palaver, Leiterin des Gemeindekindergartens in Jenbach, auf die Frage, ob es nicht viel Überredungskunst brauchte, um die türkischstämmigen Mütter und Väter zur Zusammenarbeit zu animieren. Brauchte es nicht und jetzt erhalten die Kinder neben der Deutsch-Förderung auch Unterstützung in der jeweiligen Muttersprache. Vier Mal pro Monat hilft eine Mutter oder ein Vater freiwillig mit, um den Kindern einwandfreies Türkisch beizubringen. Zweifel, ob die Kinder nach dem Wechsel von Kindergarten in die Volksschule aufgrund des zweisprachigen Aufwachsens nicht Schwierigkeiten mit der Unterrichtssprache Deutsch hätten, werden verneint. Man erhalte aus den Volksschulen sehr positive Rückmeldungen über die Kinder, die aus dem Gemeindekindergarten in die VS wechseln.
Handlungsbedarf vorhanden
Ein Blick auf eine Statistik der PISA-Studie aus dem Jahr 2006 unterstreicht die Wichtigkeit der frühen sprachlichen Förderung: Zwei Drittel aller türkischstämmigen SchülerInnen gehören laut ihr zur Risikogruppe bei der Sprachkompetenzstatistik, was Auswirkungen auf die gesamte schulische Laufbahn hat. Dass dieses Problem aber nicht auf ihre nicht-deutsche Muttersprache und die Zweisprachigkeit zurückzuführen ist, erklärt Ulrike Jessner-Schmid, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Innsbruck und Präsidentin der International Association of Multilingualism: „In der angewandten Sprachwissenschaft wissen wir bereits jahrelang über die Vorteile von Bilingualismus Bescheid und versuchen gegen die Vorurteile diesbezüglich anzukämpfen. Bilingualismus hat keinen Einfluss auf Sprachstörungen und man kann Konzepte wie die des Jenbacher Kindergartens aus Sicht der Sprachwissenschaft nur unterstützen."
Die Eltern sind's
Was macht dieser Kindergarten in Jenbach anders und besser als viele andere? "Es ist vor allem die intensive Elternarbeit. Hat man die Eltern ins Boot geholt, lösen sich viele Probleme von selber. Es hat allerdings einige Zeit gedauert, bis die Kommunikation mit ihnen reibungslos geklappt hat. Wir haben zum Beispiel erst spät erfahren, dass es in der Türkei nicht üblich ist, sich aus elterlicher Seite in die schulischen Angelegenheiten der Kinder einzumischen. In Österreich ist dies genau umgekehrt", meint Andrea Palaver. Als Hauptursache von Sprachproblemen und "Nicht-Integration" sieht die Pädagogin einerseits die seltenen Begegnungen von Einheimischen und Migranten im Alltagsleben und andererseits die wenigen Mischehen in Österreich an. Sie betont aber auch, dass eine gewisse Doppelmoral in Tirol vorherrscht: Die brasilianischen Tiroler in Dreizehnlinden werden wegen der Kulturerhaltung gelobt, das Aufrechterhalten von Sprache und Tradition der nach Tirol Eingewanderten wird dagegen misstrauisch beäugt.
Kürzlich kamen in Schwaz, ein paar Kilometer westlich von Jenbach, Zweifel auf, ob eine autochthone oder allochthone Österreicherin besser für die sprachliche Ausbildung der Kinder mit Migrationshintergrund geeignet wäre. In Jenbach sieht man diese Problematik nicht: die KindergärtnerInnen werden rein nach pädagogischen Qualifikationen ausgesucht, für eine bessere muttersprachliche Kompetenz helfen vier türkischstämmige Elternteile abwechselnd freiwillig mit.
Die Pädagogen sind's
Neben den Eltern sieht Andrea Palaver die Verantwortung bei ihren KindergärtnerInnen - sie sollen für die Kinder als Bezugsperson so wichtig sein, dass das Deutschlernen zur Selbstverständlichkeit wird. Für die 44 Prozent der Kinder, die im Ganztagskindergarten nicht Deutsch als Erstsprache haben, ist dies auch von großer Bedeutung. Viele Kinder starten den Kindergartenbesuch nämlich ohne Deutschkenntnisse. Dass dies kein Grund zur Panik ist, betonen sowohl die Kindergartenleiterin wie auch Jessner-Schmid: "Unterschiedliche Sprachen werden in unterschiedlichen Kontexten eingesetzt. Es ist aus wissenschaftlicher Seite kein Problem, wenn ein Kind im Kindergarten Deutsch und zu Hause eine andere Sprache spricht."
Die Migranten sind's
Die Schwazer Stadträtin Ingrid Schlierenzauer sieht die Verantwortung nicht nur bei der Politik und den Pädagogen, sondern auch bei den Migranten und ihren Kindern: "Von unserer Seite wurde in den letzten Jahren sehr viel getan, es gab Deutschunterricht für Mütter und Kinder. Es ist aber auch Aufgabe unserer Mitbürger, dass sie diese Angebote annehmen und die Kurse besuchen." Ähnlich sieht es auch Reinhard Prinz, Amtsleiter für Jugend und Familie in Schwaz: "Es ist natürlich positiv zweisprachig aufzuwachsen, nur ist die Gefahr gegeben, dass man beide Sprachen nur unbefriedigend gut spricht." Unter Experten ist diese Sichtweise mehr als umstritten. In zahlreichen Untersuchungen wurde sie widerlegt und Modellversuche beweisen, dass Kinder bilingual aufwachsen und beide Sprachen perfekt beherrschen können.
Die Zusammenarbeit ist's
Was den Gemeindekindergarten in Jenbach auszeichnet ist seine aktive und positive Problemorientierung. Es ist die Einbindung von Eltern bzw. KindergartenmitarbeiterInnen und die Förderung beider Sprachen. Die mangelnden Deutschkenntnisse von einigen Migranten und ihren Kindern dürfen nicht ignoriert werden. Sie dürfen aber auch nicht für politische Zwecke instrumentalisiert und hochgespielt werden. Im Kindergarten von Andrea Palaver ist man sich dieses Drahtseilaktes bewusst und mit dem Konzept einer aktiven Sprachenpolitik sehr erfolgreich. (Willi Kozanek*, 21. Juli 2010, daStandrad.at)
In allen untersuchten Bundesländern sinkt der Anteil an Kindern mit Bedarf an Sprachförderung nach bereits einem Jahr Kindergartenbesuch: In Wien bei Kindern mit Deutsch als Muttersprache um 28% und bei Migrantenkindern mit nichtdeutscher Muttersprache um 29%. Dass Kinder mit Migrationshintergrund seltener den Kindergarten besuchen als ihre Alterskollegen mit Migratiosnhintergrunf ist nur in Wien der Fall. In allen anderen Bundesländern ist der Kindergartenbesuch bei Migranten höher. In Wien schicken laut BIFIE 76,6 % der MigrantInnen ihre Kinder in den Kindergarten. In allen übrigen Bundesländern besuchen Migrantenkinder den Kindergarten öfter - in Tirol 93 %, im Gegensatz zu nur 87,7 % der Einheimischen. Spitzenreiter ist das Burgenland, wo die Kinderbetreuungsquote bei 104,5% der Migrantenkinder liegt. Die Quote übersteigt 100%, weil in Grenznähe ungarische Kinder österreichische Kindergärten besuchen.
*Willi Kozanek, geboren 1986 in Myjava/Slowakei, kam 1992 mit seiner Familie nach Tirol und studiert derzeit in Innsbruck Deutsch und Spanisch.