daStandard.at-Interview

"Die Ausländer sind erpressbar"

Mascha Dabić, 26. Juli 2010, 09:49
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    foto: mascha dabic

    Nino La Mattina hat in Catania, der zweitgrößten Stadt Siziliens, drei Jahrzehnte lang beim örtlichen Arbeitsmarktservice gearbeitet

Nino La Mattina hat in Catania, der zweitgrößten Stadt Siziliens, jahrzehntelang mit Migranten gearbeitet. Mit daStandard.at spricht er über die Einwanderungspolitik Italiens und über die Lebenumstände der Migranten.

daStandard.at: Sie kennen die italienische Einwanderungspolitik von ihrer praktischen Seite. Worin genau bestand Ihre Arbeit mit Migranten?

Nino La Mattina: Ich war im Arbeitsamt tätig, und unter anderem war es meine Aufgabe, Einreiseanträge zu bearbeiten und zu bewilligen. Wenn jemand also nach Italien zum Arbeiten einwandern will, muss er einen Antrag beim Arbeitsamt stellen, und wenn dieser bewilligt wird, werden die Formalitäten in weiterer Folge von der Polizei abgewickelt. Häufig kommen die Menschen über Familienzusammenführungen nach Italien, dabei müssen die hier lebenden Ausländer zunächst für den Lebensunterhalt ihrer eingewanderten Verwandten garantieren.

Nun ist es ja so, dass viele Menschen auch illegal nach Italien einreisen, übers Meer. Die Bilder von überfüllten Schiffen sind um die Welt gegangen.

La Mattina: Ja, die Insel Lampedusa ist weltberühmt, weil dort so viele Flüchtlinge ums Leben kommen, beim Versuch, nach Italien zu gelangen. Das fällt auf und macht Schlagzeilen. Aber in Wahrheit kommen die Menschen, die in Italien illegal leben, großteils nicht übers Meer, sondern vom Norden. Es waren Rumänen und Polen, die ja vor dem EU-Beitritt keinen legalen Zugang zu Italien hatten. In letzter Zeit sind es auch Chinesen, die nicht mit dem Schiff kommen. Das wissen wir deshalb, weil alle paar Jahre Legalisierungen stattfinden. Diese gesetzliche Maßnahme heißt „Sanatoria", und es bedeutet, dass illegal lebende Menschen die Möglichkeit bekommen, ihren Status in Italien zu legalisieren.

Wie sieht die Arbeitssituation der Ausländer auf Sizilien aus?

La Mattina: Es gibt hier eine Art ethnischer Aufteilung. Die Chinesen betreiben billige Geschäfte, Menschen aus Senegal betreiben Straßenhandel, ebenso wie Menschen aus Pakistan und Bangladesch. Mauretanier wiederum arbeiten großteils als Reinigungskräfte, Männer wie Frauen. Rumänen und Albaner sind meistens in der Baubranche beschäftigt. Ein Arbeitsvertrag ist jedenfalls Voraussetzung für einen Aufenthaltsstatus in Italien.

Sind die Ausländer am italienischen Arbeitsmarkt eklatant schlechter gestellt als die Inländer?

La Mattina: Das würde ich so nicht sagen. Auch die Inländer haben es schwer am Arbeitsmarkt und arbeiten auch häufig unter schlechten Bedingungen. Der Unterschied ist nur, dass die Ausländer erpressbar sind, weil sie diesen Arbeitsvertrag für ihren Aufenhaltstitel unbedingt brauchen. Die Arbeitgeber nützen das aus. Es kann vorkommen, dass eine Geldsumme als Gehalt ausgehandelt wird, aber später vom Arbeitgeber nach unten revidiert wird. Der Ausländer muss das akzeptieren, er hat keine Wahl. Aber es ist zurzeit für alle in Italien schwierig, eine gute Arbeit zu finden. Es gibt aber auch Formen der Ausbeutung durch Arbeitgeber, die nur Ausländer betreffen, die in einer verzweifelten Lage sind, etwa wenn sie am Land als billige Arbeitskräfte eingesetzt werden und beispielsweise für 15 Euro am Tag arbeiten.

Ausländer und Kriminalität: Ist das ein Thema in Italien?

La Mattina: Ja, aber angesichts der Lebensbedingungen der meisten Ausländer darf man sich nicht wundern, wenn viele in die Kriminalität gedrängt werden. Rund 40 Prozent der Menschen in Gefängnissen sind Ausländer. Überhaupt war früher Migration ein soziales Problem, aber heute wird Migration in der öffentlichen Wahrnehmung viel stärker mit Kriminalität in Zusammenhang gebracht. Jemand, der illegal in Italien lebt, gilt praktisch von vornherein als Krimineller. Das war früher nicht so, früher hätte man einen solchen Menschen von der bürokratischen Seite her als Sozialfall betrachtet.

Was müsste Ihrer Meinung nach Italien tun, um diese Probleme in den Griff zu bekommen?

La Mattina: Es gibt keinen Zaubertrick, mit dem man alles lösen kann, das ist klar. Vor allem kann es keine Lösung auf nationaler Ebene geben. Die EU muss ein Gesamtkonzept verfolgen. Italien ist für Migranten attraktiv, weil es von einigen armen Ländern umgeben ist und leicht zugänglich ist. Italien hat mit einigen Staaten Abkommen abgeschlossen, um die Zuwanderung zu regulieren. Italien kann die Migrationsbewegungen nicht im Alleingang bewältigen. (Mascha Dabić, 26. Juli 2010, daStandard.at)

Malkaye
00
27.7.2010, 00:36
die EU könnte, wenn sie wollte

aber die lobbies...

ein bisschen weniger überfischung der afrikanischen küsten durch EU-flotten, ein bisschen weniger unterstützung von schlimmen diktaturen (vor allem durch paris) und ein bisschen weniger exportsubventionen, die agrargüter unter weltmarktpreis nach afrika schwemmen, wo die bauern dann pleite gehen.
und die schleuser würden von heute auf in ein paar monaten pleite gehen.

strangerinastrangeland
 
00

Das alles und noch mehr sollte die EU tun, und es würde Afrika helfen. Man sollte jedoch nicht übersehen, dass wir opportunistische Räuber sind, die sich die Beute holen, wenn es einfach ist. In Afrika ist es einfach, in den ehemaligen asiatischen Kolonien, die eine viel schlechtere Ausgangslage hatten als Afrika ,geht das schon lange nicht mehr. Für eine dauerhafte Lösung wird man die hausgemachten Ursachen für das afrikanische Problem angehen müssen.

Malkaye
00
17.8.2010, 00:02
eine schlechtere ausgangslage?

das problem vielvölkerstaat ohne gemeinsame identität ist ein typisch postkolonial-afrikanisches problem. die wenigen länder in asien, die dieses schicksal teilen laufen auch heute nicht rund (afghanistan...).

strangerinastrangeland
 
00
21.8.2010, 16:13

Im großen und ganzen sind die asiatischen Länder ethnisch, religios und sprachlich genauso zersplittert wie die afrikanischen. Als Erklärungsmodell taugt das nicht.

Malkaye
00
23.8.2010, 10:52
warum trauen sich unwissende auf konkrete beispiele immernoch pauschalisierend und ohne beispiel zu antworten?

Milia Cherubin
00
26.7.2010, 21:13

so einen menschlichen beamte haette ich bei meiner "einbuergerung" auch gerne getroffen. una mosca bianca.

hexe caracas
00
26.7.2010, 12:24
die EU kümmert sich nicht

jedes EU -Land ist sich selbst überlassen und muss schauen wie die Probleme gelöst werden
- und der Druck wird steigen - schliesslich kann die EU nicht die Probleme der Drittstaaten lösen...sie wird aber trotzdem reagieren müssen...

loundy
 
00
31.7.2010, 03:02
die eu würde sich sicher gerne kümmern...

doch die nationalen regierungen geben doch ihren wichtigsten sündenbock nicht her...

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