Die Migrationsforscherin Christiane Hintermann über das kollektive Gedächtnis der ÖsterreicherInnen und den "Albtraum" in einigen österreichischen Schulbüchern
daStandard.at: Sie forschen am Ludwig Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit. Was sind Ihre Forschungsschwerpunkte?
Hintermann: Wir haben uns Migration und Erinnerung zum Schwerpunkt gesetzt. Die Ursprungsthese oder besser gesagt Beobachtung war, dass Migration im österreichischen Gedächtnis keine Rolle spielt. Es gibt ja das Selbstverständnis, dass Österreich während der Zeit des kalten Krieges das supertolle Asylland war. Was aber die Arbeitsmigration nach dem Zweiten Weltkrieg betrifft, versteht sich Österreich nach wie vor überhaupt nicht als Einwanderungsland.
Woher kommt diese Differenz in der Wahrnehmung?
Hintermann: Das ist auch eine der Forschungsfragen, die wir uns stellen. Wieso etwas, das so konstitutiv ist, nicht Teil der bestimmenden Narrative der zweiten Republik geworden ist? Eine mögliche Erklärung, bzw. eine These besteht darin, dass diese junge Nation, die nach den Zweiten Weltkrieg noch im Aufbau begriffen war, etwas das von außerhalb kam als "Gefahr" betrachtet hat. Man sah sich lieber als etwas Homogenes, das abgeschlossen ist. Wieso das heute auch so ist, liegt vielleicht auch am angeblich vorübergehenden Charakter der Arbeitsmigration.
Sie haben konkret Ausstellungen und Schulbücher zum Thema Migration untersucht. Welche Fragen haben Sie gestellt?
Hintermann: Im Rahmen eines Projektes, an dem ich und zwei schwedische KollegInnen von der Universität Malmö gearbeitet haben, haben wir Schulbücher und Ausstellungen untersucht. Ich habe österreichische Geographie- und Geschichte-Schulbücher der AHS-Oberstufe der letzen vierzig Jahre untersucht sowie Migrationsausstellungen, um zu sehen, wie Migration in Österreich erzählt wird. Welche Narrative werden weitergegeben und wie werden MigrantInnen dargestellt? Das waren unsere Forschungsfragen.
Welche Ausstellungen haben sie konkret untersucht?
Hintermann: Zunächst "Gastarbajteri", die ich für die wichtigste Ausstellung zu diesem Thema halte. Dann habe ich noch eine Ausstellung im Museum Arbeitswelt Steyr aus dem Jahre 2003 untersucht. Sie hieß "Migration, Eine Zeitreise nach Europa" und war in ein größeres europäisches Projekt "Migration, Work, Identity" eingebunden. Die dritte war eine relativ kleine Wanderausstellung in Tirol "Migration in Bildern", die 2006 fertig geworden ist und die vom Zentrum für MigrantInnen (ZeMiT) organisiert worden ist. Allen Ausstellungen war gemeinsam, dass sie das Thema Migration in das kollektive Gedächtnis schreiben wollten. Sie wollten darauf hinweisen, dass diese Geschichte nichts Neues ist, und dass es ein Teil der österreichischen Geschichte ist. Dass Migration einfach Normalität ist.
Zum Unterschied zu anderen Ländern, wie zum Beispiel Frankreich oder Kanada, gibt es in Österreich kein Museum mit einer ständigen Ausstellung zum Thema "Migration". Woran liegt das?
Hintermann: Ich glaube, es liegt zum Teil daran, dass die historischen Museen ein eher konservatives Geschichtsverständnis haben und "lang vergangene Geschichte" ausstellen, also etwa "Römer in Wien", Mittelalter ect. Es gibt auch z. B. von der Politik keinen Impuls in die Richtung. Im Unterschied zu den Wiener Bezirksmuseen sind in Berlin zum Beispiel die "Nachbarschaftsmuseen" auf diesen Zug aufgesprungen und organisieren immer wieder Ausstellungen.
In den USA geht man mit dem Thema Migration und dem Inkludieren aller Bürger anders um. New York hat das tolle Ellis Island-Museum. Wann ist bei uns Vergleichbares denkbar?
Hintermann: Das Ellis Island ist ja auch erst 1990 als "Immigration Museum" gewidmet worden. Das ist, wenn man die Geschichte der USA betrachtet, auch sehr spät passiert. Bis zu der Institutionalisierung eines solchen Museums ist es also ein relativ weiter Weg.
Schulbücher waren auch Gegenstand Ihrer Untersuchungen. Wie sieht hier der Befund aus?
Hintermann: Ich muss sagen, dass sich die Lage, Gott sei Dank, langsam bessert. Es ist aber erschreckend, wie wenig dieses Thema behandelt wurde. Noch in den 1970er Jahren kommt es kaum vor, erst in den Neunzigern und in den Büchern, die seit 2000 herausgekommen sind, wird das Thema durchgehend behandelt. In Geografie-Schulbüchern wird es viel früher und viel ausführlicher thematisiert, als Teil räumlicher Mobilität zum Beispiel. In den Geschichte-Schulbüchern, die ich analysiert habe, wurde Migration 1986 zum ersten Mal erwähnt und zwar in Form einer Grafik "Asylland-Österreich" und einem Bezug zu "Deutschland als Gastarbeiterland", Deutschland also als Ziel der Arbeitsmigration und Österreich als Asylland.
Wie sehen die aktuellen Schulbücher aus?
Hintermann: Seit der letzten Lehrplanreform 2004 ist Migration als wesentlicher Bestandteil im Geografie -Lehrplan verankert. Jetzt findet man auch Überschriften wie "Migration ist der Normalfall" oder "Einwanderungskontinent Europa". Nicht alle kommen aber ohne Stereotype und "Wir"/"Sie"-Kategorisierungen aus: Dann findet man zum Beispiel im Kapitel über Einwanderung nach Österreich die Überschrift "Die 'anderen' Österreicherinnen und Österreicher".
Finden Sie, dass das Thema mittlerweile in Schulbüchern auf einem ausreichenden Niveau thematisiert ist?
Hintermann: Wenn wir zum Beispiel das GW-Buch Kompass (für 11. Und 12. Schulstufe, Anm. d. Redaktion), hernehmen, dann würde ich sagen "ja". Hier wird Migration nicht nur in eigenen Kapiteln abgehandelt. In einem Kapitel über Armut in Österreich gibt es z. B. einen Absatz über MigrantInnen. Die Narrative werden vielfältiger, es wird Diversität aufgezeigt. In den Geschichtebüchern ist es anders, hier wurde Migration lange Zeit nur als Flucht oder Vertreibung thematisiert.
Was haben ihre KollegInnen aus Schweden zum Thema "Schulbücher" zu berichten?
Hintermann: In den Achtzigerjahren, als bei uns das Thema überhaupt erst in die Bücher kam, wurde in Schweden bereits die multikulturelle Gesellschaft thematisiert. Es hängt also schon mit der gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmung und dem Diskurs zusammen. Bei uns ist es sehr stark als finanzielles und wirtschaftliches Problem dargestellt worden. Ein Problem mit dem "wir fertig werden müssen" und dieses "wir" ist durchgehend, bis auf wenige Ausnahmen, klar abgegrenzt.
Ist das nicht absurd, wenn man die Strukturen der Schulklassen betrachtet, zumindest hier in Wien?
Hintermann: Das ist ja der Albtraum dabei. Nehmen wir mal ein Beispiel dafür wie Formulierungen SchülerInnen aus Einwandererfamilien aus der Klassengemeinschaft ausschließen: In der Einleitung zum Kapitel "Bevölkerung in Österreich" steht in einem Geographiebuch: "Am Beispiel ausländischer MitschülerInnen wird gezeigt werden, dass Fremdsein auch mit vielen Nachteilen verbunden sein kann". Dann gibt es aber wieder ein sehr integrierendes Beispiel im bereits erwähnten Kompass, in dem alle SchülerInnen, auch jene ohne offensichtliche Migrationsbiografie einen Fragenbogen zur Migrationsgeschichte der eigenen Familien ausfüllen sollen. Die Schülerinnen werden dazu angeleitet, zu erforschen, ob es mal Migration in der Familie gab und ob sie sich auch selber vorstellen könnten, einmal "auf Wanderschaft" zu gehen. (Olivera Stajić, 26. Juli 2010, daStandard.at)
Christiane Hintermann hat Geographie an der Universität Wien (Schwerpunk Migrationsforschung) studiert. Seit 2006 forscht sie am Ludwig Boltzmann-Institut für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit. Die im Interview besprochenen Forschungsergebnisse zu Österreich, Schweden und einigen anderen europäischen Ländern erscheinen im September 2010 in einem Sammelband beim StudienVerlag: Christiane Hintermann/Christina Johansson (eds.): Migration and Memory. Representations of Migration in Europe since 1960.
Links:
LBI für Europäische Geschichte und Öffentlichkeit
Gastarbajteri - Virtuelle Ausstellung