Buchtipp

Die beschämte Republik

Meri Disoski, 30. August 2010, 10:21
  • Artikelbild
    foto: czernin

Im Februar 2000 protestierten Tausende Menschen in Österreich gegen die schwarz-blaue Regierung. Zehn Jahre später beschäftigt sich "Die beschämte Republik“ mit den Auswirkungen der so genannten "Wende“

Wer hat sie nicht präsent, die Bilder zur Angelobung der Schwarz-Blauen Regierung unter Wolfgang Schüssel? Wer erinnert sich nicht an die tausenden DemonstrantInnen am Ballhaus- und Heldenplatz? An die Regierung in spe, die - eine Premiere in der Geschichte der Zweiten Republik - nur durch einen unterirdischen Gang zur Angelobung in die Präsidentschaftskanzlei gelangen konnten? An die versteinerte Miene des damaligen Bundespräsidenten Thomas Klestil? Zehn Jahre nach der Angelobung von Schwarz-Blau I ziehen AutorInnen unterschiedlicher Provenienz Bilanz: Sie erinnern das Jahr 2000 und reflektieren über die konkreten Auswirkungen schwarz-blauer Politik.

Konsequenzen der "Wende"

Der von Frederick Baker und Petra Herczeg herausgegebene Band versammelt insgesamt 26 Beiträge, in denen "nicht primär Pros und Contras dieser zehn Jahre abgewogen und gegenübergestellt" werden, wie die HerausgeberInnen in ihrem Vorwort betonen. Vielmehr gehe es in den Essays, Reden und Interviews darum zu fragen, welche längerfristigen Folgen die so genannte "Wende" für Österreich hatte. Den Konsequenzen schwarz-blauer Politik wird dabei in unterschiedlichen Bereichen nachgespürt: im Fremden- und Asylrecht, im Bereich der Frauen- und Familienpolitik, der Sozialpolitik, der Kulturpolitik und nicht zuletzt auch in der österreichischen Gedächtniskultur.

Was rechtens ist

So setzt sich beispielsweise Elfriede Jelinek exemplarisch anhand des Falles der Familie Zogaj kritisch mit dem österreichischen Asylrecht auseinander. In bester Jelinek'scher Manier kritisiert die Nobelpreisträgerin die Vorgehensweise von Innenministerin Maria Fekter bei der Ausweisung der Familie Zogaj, indem sie Aussagen der Innenministerin aufgreift, diese verfremdet und in ihren Text montiert: "Das ist die Aufgabe der Politik, die wählende Bevölkerung, die zu einem Drittel rechtsextrem gewählt hat, zufriedenzustellen", denn "auf die lieben Rehaugen der 17-jährigen Arigona können wir nicht achten, wenn wir Ministerin sind." . Und bereits im Titel, "Recht muss Recht bleiben", zitiert die Autorin einen der bekanntesten und auch umstrittensten Aussagen Fekters zur "Causa Zogaj".

"Jahrzehnt kultureller Verblödelung"

Den Auswirkungen schwarz-blauer Kulturpolitik widmet sich der Medienforscher Konrad Becker der in seinem Beitrag konstatiert, dass im Jahr 2000 in Österreich ein „Jahrzehnt kultureller Verblödelung" begonnen habe. Die so genannte "Wenderegierung" habe im Bereich Kunst, Kultur und Medien vor allem eines gebracht, nämlich „vielfältige Repressionen gegenüber neuen und experimentellen Praxen" - zugunsten eines "Rollbacks einer bürgerlichen Ästhetik der Vergangenheit".

"'Naziland' Österreich"

Die Historikerin Heidemarie Uhl setzt sich in ihrem Beitrag mit den "Transformationen der österreichischen Gedächtniskultur seit 2000" auseinander. Die schwarz-blau Regierung habe es, so Uhl, verabsäumt, die Gedenkjahre 2005 und 2008 dazu zu nutzen, "einer offiziellen Erklärung zur Mitverantwortung an den NS-Verbrechen" und dem "Abschied von der Opferthese" Ausdruck zu verleihen. Stattdessen habe man im Gedenkjahr 2005 das „konfliktträchtige Datum 1945 - Besetzung oder Befreiung - durch die Fokussierung auf das Staatsvertragsjahr 1955 umschifft". Beim Umgang mit der Vergangenheit im "'Naziland' Österreich" ortet die Historikerin schließlich nach wie vor Handlungsbedarf. (Meri Disoski, 29. August 2010, daStandard.at)

 

Baker, Frederick u. Petra Herczeg (Hg.Innen): Die beschämte Republik. 10 Jahre nach Schwarz-Blau in Österreich. Wien: Czernin 2010.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 30
1 2
Roter Baron
01
land der taferln und schilder

konsequnterweise
sollte manb dort (foto)
ein schild anbringen
"hier ging wolfgang schüssel,
der einzige kanzler der 2. republik
der unterirdisch zur angelobung schlich"

roter baron

melli91
52
Politischer Nobelpreis

Ich habe den Eindruck dass Elfriede Jelinek ihren Nobelpreis nicht wegen ihrer Werke bekommen hat und die EU kann sich heute noch dafür schämen, wie sie sich damals gegenüber Österreich verhielt. Schade, dass Schüssel wegen einer Lüge die 2. Wahl verloren hat, es wäre noch viel zu tun gewesen.

grashopper
00
schüssel konnte erfolg nicht nutzen

Schüssel hat 1995 die Große Koalition nach nur einem Jahr aufgelöst und versucht mit seiner Wahrheit zum Budget versucht eine Wahl zu Gewinnen - die er allerdings verlor. Es ging weiter bergab mit der Schüssel-övp, 1999 (26,8 %) wurde sie Dritter, und Schüssel brach sein Versprechen als Dritter in Opposition zu gehen und ließ sich stattdessen mit Hilfe einer Koalition mit der Fpö (26.9%) zum Bundeskanzler machen. Der populistische Kurs in der FPÖ in der Regierung lies sich nicht aufrechterhalten, die Partei kolabierte und es gab nach nur zwei Jahren schon wieder NR-Wahlen, 2001 konnte Schüssel mit 42 % seinen einzigen Erfolg einfahren, während die FPÖ auf 10 % einbrach. Diesen Erfolg konnte die Schüssel-ÖVP allerdings nicht halten.

vento - ora
00
31.8.2010, 08:06

schwarz blau? gedenkjahr 2008? hä?

exilkaerntner
00
31.8.2010, 11:29
2008-1938!???

2005-1945!??? klingelts??

exilkaerntner
00
31.8.2010, 11:39
ah! jetz klingelts erst bei mir!

sorry! ;) hab das post offensichtlich falsch verstanden! ich glaub sie meinten, dass es 2008 kein schwarzblau/orange mehr gab!

einerlei
00
31.8.2010, 11:46
schwarz-blau und nachfolgende regierung

ich kenne das buch und auch den aufsatz von frau uhl. sie meint, dass es sowohl schwarz-blau (2005), als auch die nachfolgende regierung (2008) verabsäumt hätten, die gedenkjahre für eine klare positionierung zur österreichischen vergangenheit zu nutzen. was ja auch stimmt ...

exilkaerntner
00
31.8.2010, 11:59
kenn das buch eben nicht.

wurde wohl oben das zitat aus dem zusammenhang gerissen.
ehrlich gesagt, das hat bis jetzt noch jede nachkriegsregierung verabsäumt. wir sind ja halt immer noch das erste opfer! eine andere meinung wird nicht vertreten.

einerlei
00
31.8.2010, 12:03

ja, die "opferthese" ist halt praktisch: wenn man sie vorschiebt, muss man sich eben nicht kritisch mit der vergangenheit auseinandersetzen ... ob es je eine regierung geben wird, die das ernsthaft macht?

fräulein potmesil
00

die opferthese ist nicht nur praktisch, die vergangenheit zu entschuldigen, sie entschuldigt auch das JETZT!!!

ignazius rummsfeld
00
30.8.2010, 19:00
"nicht primär Pros und Contras dieser zehn Jahre abgewogen und gegenübergestellt"

hätte mich auch gewundert, da ich selbst im heftigsten Bemühen um Objektivität keine Positiva entdecke,,,

...Nulldefizit? leider nicht wahr!
Die Pensionen sind gesichert? geh bitte!
Einwanderungspolitik? tendentiell mieser
Die Braunen geschwächt? dass ich nicht lächle!
Korruption und Vetternwirtschaft?.. .... ... ..

Aber sicher hab ich etwas übersehen, und vielleicht kann mir ja wer kurz und prägnant aus der Patsche helfen....

ilse schmidt
01
30.8.2010, 18:24
Nur dann gewann Gusenbauer die Wahl...

...und Schüssel wurde seiner Träume seines Schrebergarten-Sultanats enthoben.

wie es wohl um uns gestanden wäre, hätte es noch eine weitere Legislaturperiode mit Karl-Heinz "Langfinger" Grasser geben, zeigen die Prozesse die jetzt erst ins Rollen kommen.
Die Schwiegermuttern werdens sowieso nie glauben. Und wenn einer Schuld war - dann ein Schiachana!

byron sully
01
31.8.2010, 15:51

nur daß gusenbauer leider kaum was von den schwarzblauen grausamkeiten zurückgenommen hat - das muß man ihm schon anlasten. natürlich war die regierung gusenbauer das kleinere übel als die kabinette schüssel I und II, aber das war's auch schon. eine wende (so wie 2000 eine war) war 2006/07 leider nicht. nur daß es halt unter gusenbauer keine rechtsradikalen regierungsmitglieder (so wie unter schüssel oppositions-beinahe-einsperrer böhmdorfer einer war) mehr gab. das war auch schon fast der einzige fortschritt. und unter faymann hat sich auch kaum was großartig verbessert. es wird auch nach schwarzblau in vielen bereichen schwarzblaue politik einfach weitergeführt - trotz roten kanzlern.

the cato eater
00
31.8.2010, 19:15
sie sagen es.

nach dem bawag debakel rechnete ich nicht mehr damit dass es die sp schaffen würde die vp zu überholen. als es dann doch passierte währte die freude über die abservierung von schüssel nur kurz.
es war unfassbar wie gusenbauer sich über den tisch ziehen ließ.
und was faymann betrifft so fehlt nur noch eine wahlempfehlung für die övp von seiner seite.

gärtner
53
30.8.2010, 15:51
in dem buch wird die neurose von beleidigten sozis mit brett vor dem kopf aufgearbeitet

und euch, aus euren löchern hervorkriechenden, schüsselhassern sei folgendes gesagt:

freunderlwirtschaft und korruption is nicht auf fpövp beschränkt, das haben spövp vorher schon jahrzehnte genauso gemacht, machen sie auch jetzt gerade,
ihr habt nur die skandale schon wieder vergessen, bzw. nie davon erfahren.

the cato eater
02
31.8.2010, 19:35
jetzt machen sie mal halblang und wischen sie sich bitte den schaum vorm mund ab

niemand hat behauptet dass die sp fern von jeglicher korruption und machtmissbrauch ist, niemand.allerdings sagen immer mehr poitische kommentatoren und zwar keineswegs nur soziaffine oder gar linke dass das schwarzblaue regime das korrupteste der zweiten republik war.
sie haben außerdem vergessen dass soziminister für ihre verfehlungen angeklagt und verurteilt wurden.
und kommen's jetzt bitte nicht mit dem sprücherl daher dass da eben alles "supersauber" abgelaufen ist und deshalb niemand vor gericht zu stellen gewesen wäre. und was ihre blumige wortwahl betrifft, so sollten sie nicht vergessen dass es die schwarzblaue partie ist die da aus dem loch gekrochen kam: im wahrsten sinne des wortes, am tag der schwarzblauen regierungsangelobung.

fräulein potmesil
00

DANKE!!!

Febobo
02
31.8.2010, 18:08

es wird ja auch deshalb niemand von den "goldenen vranitzky-jahren" sprechen. schüssel wird von den geistlos-konservativen in den himmerl gelobt, da er die "wende" geschafft habe..

Michael B
01
30.8.2010, 15:19
Im Nachhinein betrachtet ist etwas - für die meisten Beobachter doch überraschendes - eingetreten:

Die Politik unter dieser Regierungskonstellation war nicht wesentlich fremdenfeindlicher als die von vorhergegangenen oder nachfolgenden Regierungen MIT SPÖ Beteiligung.
ABER es hat eine Steigerung bei den kriminellen und semikriminellen Machenschaften gegeben, die nicht einmal die phantasievollsten Donnerstags-Demonstranten für möglich gehalten hätten!

Fritz Meyer
26
30.8.2010, 14:43
Aus dem Gesudere der "üblichen rechten Verdächtigen"...

(QED, hurchzua etc.) kann man entnehmen, dass dieses Buch wohl genau jene unbequemen Wahrheiten ausspricht, die den Rechten so überhaupt gar nicht in den Kram passen wollen.

Ein echtes Lob von dieser Seite also!

4321
01
30.8.2010, 14:36
passende Ergänzung ...

Hans Weiss "Schwarzbuch Landwirtschaft"

http://www.hanser-literaturverlage.de/buecher/b... 52-06145-3

Liliom
01
30.8.2010, 14:35
Supersauber

Wie sich jetzt herasustellt, hat uns diese beschämende
Koalition den teuersten Finanzminister aller Zeiten
beschert.

Gilgamesch
16
30.8.2010, 12:06

österreich war schon vor dem jahr 2000 eine freunderlwirtschaft - aber schwarz/blau war der absolute niedergang politischer moral. die folgen sind augescheinlich katastrophal.
es wird noch jahre dauern, die kriminellen machenschaften aufzuklären - falls es überhaupt dazu kommt, sind doch die verantwortlichen, gelinde gesagt, nicht sonderlich bemüht, in den eigenen kreisen aufzuräumen ...

Harry Y.
30
30.8.2010, 12:35

Du bist doch selbst tief konservativ und auf jeden Fall sehr frauenfeindlich. Was hast du denn gewählt?

hurchzua
82
30.8.2010, 11:30
"beschämt" sind höchstens die linksgerichteten Medien,

die im Jahr 2000 den "Rückfall in Faschismus" und die "Machtübernahme der FPÖ" angekündigt haben. Nic

Das Klima für Ausländer ist weder besser noch schlechter geworden. Dafür wurde die Entschädigung der NS-OPFER endlich geschafft und der Erfolgslauf der FPÖ gebrochen.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 30
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.