Rezension

"Ich werde bald hingerichtet"

Meri Disoski, 8. September 2010, 16:17

Die fünfzehnjährige Fatemeh sitzt in einem iranischen Gefängnis und wartet auf ihre Hinrichtung. Ihre schriftlichen Hinterlassenschaften zeugen von der Grausamkeit des Mullah-Regimes

"Ich werde bald hingerichtet" - schon der vierte Satz aus dem Tagebuch Fatemehs konfrontiert die LeserInnen mit dem bevorstehenden Tod der jungen Iranerin. Der letzte Wunsch der zum Tode Verurteilten ist es, ein Heft und einen Stift zu bekommen, um ihre Geschichte aufschreiben zu können, "denn ich habe Angst, einfach so zu sterben, ohne etwas zu hinterlassen".

Die Stumme

So sind es also die schriftlichen Hinterlassenschaften in Tagebuchform, die die LeserInnen vorgesetzt bekommen. Fatemeh schildert darin die Lebensgeschichte ihrer Tante väterlicherseits, „der Stummen", welche eng mit der ihren verbunden ist. "Die Stumme" ist eine Frau in den Endzwanzigern, die sich über für Frauen im Iran geltende Verbote hinwegsetzt: Sie trägt kein Kopftuch, raucht, läuft barfuss und trägt bunte Gewänder. Kurzum: Sie ist „genauso frei wie ein Mann". Als sie sich schließlich verliebt und diese Liebe auch auslebt, wird sie zum Tod verurteilt: Ohne es zu wissen, ist sie von ihrer Schwägerin einem Mullah versprochen worden. Zwar ist sie offiziell noch nicht dessen Frau, doch da sie mit einem andern Mann geschlafen hat, hat sie nach Meinung der Mullahs Ehebruch begangen und soll dafür gesteinigt werden.

Frauentausch

Fatemehs Vaters setzt alles daran, den Mullah dazu zu überreden, seine Schwester "nur" hängen und nicht steinigen zu lassen. Der Mullah willigt schließlich unter der Voraussetzung, dass ihm Fatemehs Hand versprochen wird, ein. Ohne ihr Wissen wird die fünfzehnjährige dem Mullah versprochen. Dieser ist "etwa fünfzig Jahre alt, hatte eine Glatze, einen breiten Nacken, das Gesicht und der Bauch waren dick, der Blick arglistig und lüstern". Nach der Hochzeit wird Fatemeh regelmäßig vom Mullah vergewaltigt, bis sie schließlich schwanger wird.

Doppelmord

Als ihre Tochter vier Monate alt ist, realisiert Fatemeh ihre Mordpläne: „Ich hatte das Messer geschliffen, es unter der Matratze versteckt und ihm tief in die Kehle gerammt, während sein Geschlecht in mir war." Doch nicht nur den von ihr zutiefst gehassten Mullah bringt Fatemeh um, auch ihrer Tochter nimmt sie das Leben. Sich selbst kann sie nicht umbringen, da ihr „Kraft und Wut dazu" fehlen - auch ist es ihr unmöglich, „mir die Adern mit dem Messer aufzuschneiden, das vom Blut des Mullahs besudelt war".

"Großes Meisterwerk"?

Chahdortt Djavanns Roman „Die Stumme" erschien 2008 erstmals im Französischen und wurde vom "Figaro" als "großes Meisterwerk" gelobt - ein nicht nachvollziehbares Urteil. Nicht etwa wegen der einfachen Sprache, der sich die Autorin bedient, diese entspricht durchwegs der fünfzehn Jahre alten Erzählerin Fatemeh. Was den Roman wenig meisterlich erscheinen lässt, ist die Vielzahl an gängigen Iran-Klischees, die darin aufgegriffen werden. Von der Zwangsverheiratung und der Ermordung durch Steinigung bzw. durch den Strang über Vergewaltigungen, Mord bis hin zur Doppelmoral des Mullah-Regimes - all das packt die Autorin in ihren gerade etwas knapp über 100seitigen Roman. Ohne in Frage stellen zu wollen, dass die hier angeführten Grausamkeiten Frauen nach wie vor angetan werden - es sei nur an das nach wie vor ungeklärte Schicksal Sakineh Mohammadis erinnert - ist man doch versucht der Autorin zu unterstellen, sie habe aus reinem Kalkül einen klischeeüberladenen Roman verfasst. Frei nach dem Motto: Je schockierender und klischeehafter, desto besser zu verkaufen. (Meri Disoski, 08. September 2010, daStandard.at).

Chahdortt Djavann wurde 1967 im Iran geboren. Sie verbrachte ihre Kindheit und Jugend in Teheran und war zwölf Jahre alt, als Ayatollah Khomeini 1979 im Iran die Macht ergriff. 1993 flüchtet sie über Istanbul nach Frankreich, wo sie Sozialwissenschaften studierte. Djavann ist Autorin mehrere Sachbücher und Essays über die für sie alarmierende Ausbreitung des Islamismus. In Frankreich ist sie eine anerkannte und vielzitierte Islam-Expertin.

Chahdortt Djavann: Die Stumme. München: Goldmann 2010 (frz. Orig.: La muette, Paris 2008)

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bibliothekar
00
2.10.2010, 11:32

Die schlusssätze illustrieren, dass dieses medium schlimmer als die Prawda ist.

johann potakowskyj
 
00
Ein Problem, dass sich Frauen in Islamsichen Ländern öfter jedenfalls als Männer stellen müssen

Allerdings ist die Ermordung des Ehegatten eher ungewöhnlich. Viele Frauen hingehen begehen Selbstmord noch vor oder bald nach der Hochzeit um sich des Schreckens der Zwangsehe zu entziehen.

Dennoch sind sie nicht nur Opfer. Da die Erziehung der Kinder allein den Frauen obliegt, geben sie genau dieses hierarchische und patriarchalische Gesellschaftssystem an die nächste Generation weiter.

Das ist ein Kreis, der schwer durchbrochen werden kann.

black jack
01

Bei Klischees ist aber leider so, wie mit hartnäckigen Gerüchten:

Wo viel Rauch, da auch Feuer.

Dass der Iran eines der menschenverachtendsten Regime, die es heute auf der Welt gibt hat, kann schwer geleugnet werden. Doch Saudi Arabien ist sogar noch schrecklicher!

randolf
11
Ja ja

Eigentlich unvorstellbar, das im Westen daran gearbeitet wird, ein solches Weltbild Salonfähig zu machen. Ich dachte über diesen Punkt wären wir bereits heraus. Anscheinend gibt es noch genug zu tun...

rhaino
40

Also ich würde der Autorin angesichts ihrer Biografie eher den Versuch unterstellen, eine religiöse Diktatur mit den gleichen unsauberen Mitteln zu schwächen, mit dem dieses Regime seine Gegner und Gegnerinnen verfolgt.

Dass das in Europa und den USA besonders gut mit grauenhaften Klischees von armen verfolgten Frauen funktioniert wirft dabei eher einen ungünstiges Licht auf das eurozentrische Frauenbild.

Thora2
24
Geschmacklose Kritik

Für tausende frauen, die das im roman geschriebene täglich am eigenen leib erfahren, ist diese kritik sicher ein schlag ins gesicht.
Es handelt sich hier nicht um lippizaner und mozartkugeln sondern um erniedrigung, gewalt und demütigung!
Ich bin entsetzt, das so etwas in standard steht.
Da kann ich gleich auf kronenzeitung umsteigen.

ichundwiederich
05

Also einem zum Tode verurteilen Mädel, das - so habe ich es verstanden - ihr Leben erzählen wollte, Verkaufskalkül zu unterstellen, finde ich doch etwas kurios. Eigenartige Rezension.

einerlei
02

es ist ja nur ein fiktives tagebuch. fatemeh ist literarische fiktion, das kommt spätestens bei diesem satz raus: "Nicht etwa wegen der einfachen Sprache, der sich die Autorin bedient, diese entspricht durchwegs der fünfzehn Jahre alten Erzählerin Fatemeh."
es geht also nicht darum, die reale biografie eines zum tode verurteilten mädchens zu kritisieren, diesem buch verkaufskalkü zu unterstellen. das wäre mehr als nur geschmacklos ...

pox vobiscum
00

Ich glaube nicht, dass das Buch nur aus Verkaufskalkül geschrieben wurde, die Autorin will aufrütteln. Mit der komprimmierten Darstellung der schrecklichen Schicksale liefert sie mM aber die Ausrede mit: 'ist ja nur ein Roman, unrealistisch, übertrieben, schwarz-weiß-Malerei, in Wirklichkeit kommt das SO nicht vor...'. Ich glaube, mehrere Romane mit jew. geringerer Anzahl an grausamen Schicksalen könnten mehr bewirken, aber die Autorin will offenbar möglichst viele Gräuel auf einmal abhandeln. Warum sie das Buch so schreibt, könnte sie in einem guten Vorwort beantworten - vielleicht hat sie das auch getan, ich habe das Buch nicht gelesen.
Ob das Buch auch 'literarisch wertvoll' ist, ist wieder eine andere Frage.

Nataraja
00

vielleicht mag die Autorin gemäß der kapitalistischen Zunft auch nur Kohle machen

In Frankreich hat auch die 1 Lady gegen den Iran, wegen der einen Steinigung, aufgerufen

pox vobiscum
01

Wahrscheinlich will sie AUCH Kohle machen,wer will das nicht, aber NUR Kohle glaube ich aufgrund ihrer Lebensgeschichte nicht.
Was ist übringens daran auszusetzten, dass jemand gegen die Steinigung auftritt - und damit auch das verantwortliche Regime kritisiert?

Gefräßige Gebärmutter
01

Es ist nicht die Lebensgeschichte der Autorin, sondern ein fiktiver Roman, auch wenn die darin geschilderten Dinge tatsächlich in der einen oder anderen Form im Iran alltäglich sind.

Shortstop
30

bei uns werden sie nicht gesteinigt sondern abseits liegen gelassen - Obdachlos/Häfn etc

da ist die Steinigung schneller vorbei - so grausam es klingen mag

pox vobiscum
03

??? sollten Sie obdachlos werden, bestehen Sie dann auf ihrer Steinigung nach Wunsch???

Shortstop
30

versetz dich in die Lage, so einer Person

was möchtest du ?
(aber bitte, Glorifiziere nicht das Obdachlosendasein)

valtheWU
00
noch mal lesen, bitte.

Michael Tropper
00
Sie haben es missverstanden ...

Chahdortt Djavann ist die Autorin, der das unterstellt wird, nicht der zum Tode verurteilten Fatemeh, die in diesem Buch zu Wort kommt ...

Timagoras
 
03
"Je schockierender und klischeehafter"

wenn für frau Disoski diese darstellungen zu schockierend und zu klischeehaft sind, empfehle ich "maps for lost lovers" von Nadeem Aslam.
da wird dieser ganze religiöse und "kulturelle" irrsinn wesentlich poetischer (und trotzdem eindrücklich) vor augen geführt.

G.O.
14

"Ohne in Frage stellen zu wollen, dass die hier angeführten Grausamkeiten Frauen nach wie vor angetan werden - es sei nur an das nach wie vor ungeklärte Schicksal Sakineh Mohammadis erinnert -" gelangt der Artikel zu einem nicht nachvollziehbaren glatten Verriss des Buches.

Was ist falsch an einer Verdichtung der dort üblichen Greuel gegen Frauen in einer einzigen, zumal stimmigen, Erzählung? Warum bloß hätte es umfangreicher werden sollen? Hat die/der AutorIn dieses ärmlichen Versuchs einer Rezension keine Kriterien für die Darstellung von Charakteren und ihren Handlungen? Hat er/sie kein Organ für die Authentizität von Lokalkolorit, psychischen Abläufen, sprachliche Differenziertheit etc? Nichts davon wird uns hier mitgeteilt. Schade.

ricko
21

versteh ich das richtig? nach all dem, was auf ganz klischeehafter weise dem armen mädl angetan wurde, wird sie von dastandard verissen, weil sie ZU klischeehaft und stereotyp schreibt?
ist das richtig, eurer meinung nach sollte sie schon ein wenig lieber über den iran im allgemeinen berichten, sonst füttert man die islam-gegner?

bitte um stellungnahme!

pox vobiscum
02

Laut obigen Artikel ist das ein Roman und kein Tatsachenbericht.

ricko
11

jaaa? uuund?

vergartenzwergelter Bananenrepublikaner
20

seit 06 15 Uhr wird zurückgeschossen

elento
 
11

Bleib beim Bussibären

Lady__Gaga
00

Islam heisst Frieden.

Und Freiheit.

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