Die Fesseln lockern

Jasmin Al-Kattib, 10. September 2010, 15:13
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    Seit fast vier Jahren leitet Jola den wöchentlichen Tanzkurs, seit acht Jahren wartet er auf seine Beschäftigungsbewilligung.

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    Neben Tanzkursen sind Sprachkurse besonders beliebt.

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    Kursinhalte bauen auf den individuellen Kompetenzen der KursleiterInnen.

Der Verein KAMA befreit Menschen aus der Untätigkeit - verursacht durch das Beschäftigungsverbot und das Warten in jahrelangen Asylverfahren

Das Neonlicht geht aus und Tanzlehrer Jola verlässt als letzter den Veranstaltungsraum mit den großen Fenstern im Wiener WUK. Er ist sichtlich zufrieden, dass heute, beim ersten Termin nach der Sommerpause, achtzehn TeilnehmerInnen seinen Kurs besucht haben. Diesmal waren sogar zwei Männer dabei. Seit fast vier Jahren leitet Jola den wöchentlichen Tanzkurs, seit acht Jahren wartet er auf seine Beschäftigungsbewilligung.

Wissensvermittlung und Integration

Die Initiative KAMA schafft seit 2006 Beschäftigungsmöglichkeiten für Menschen, sich trotz eines Arbeitsverbots, das ihnen in Österreich auferlegt wird, nicht untätig warten wollen. Mit Hilfe des Vereins können AsylwerberInnen, MigrantInnen und Asylberechtigte verschiedenste Kurse anbieten und leiten, die gratis bzw. auf Spendenbasis von jedem/r Interessierten besucht werden können. Die Kursinhalte bauen auf den individuellen Kompetenzen der KursleiterInnen auf und ermöglichen neben der Wissensvermittlung auch ein gegenseitiges Kennenlernen. Angeboten werden unter anderem Sprach-, Tanz-, Sport-, Kunst- und Kochkurse.

Beschäftigung fehlt

Angefangen hat alles im Herbst 2006, als Sonja Pargfrieder gemeinsam mit StudienkollegInnen an der Fachhochschule für Sozialarbeit ein Projektpraktikum startete. Die Studentin hatte zuvor zwei Jahre ehrenamtlich bei Ute Bock mitgearbeitet, und es war für sie sehr schnell klar, dass sie unbedingt beim Thema Asyl und Migration bleiben wollte: "Bei der Arbeit im Verein Ute Bock habe ich sehr deutlich gemerkt, dass es den Leuten an Beschäftigung fehlt und sehr oft gefragt wird, was es denn zu tun gibt während der Wartezeit." Ergebnis der Überlegungen, wie man AsylwerberInnen das oft jahrelange Warten lebenswerter gestalten und sie aus dem erzwungenen Nichts-Tun herausholen könnte, war der Verein KAMA.

Unterdrückendste Hürden

Auf der Webseite formuliert das Team von KAMA sehr treffend, wie wichtig die Kurse und die dadurch geschaffene Möglichkeit an einer positive Teilhabe an der Gesellschaft für die Betroffenen sind: "Zwei der unterdrückendsten, fesselndsten Hürden für AsylwerberInnen können dadurch gelockert werden: einerseits die Unmöglichkeit zu arbeiten und damit Geld zu verdienen, andererseits die Schwierigkeiten der Konstruktion geeigneter Kontaktsituationen in der neuen Lebenswelt."

Weiterbildung durch Spenden

Tanzlehrer Jola, der seit Beginn des Vereins als Kursleiter mit dabei ist, darf seit dem Jahr seiner Ankunft in Österreich vor acht Jahren keiner bezahlten Arbeit nachgehen. "Ich muss sagen, die Initiative von KAMA hat mich gerettet", berichtet er mit einem herzlichen Blick zu seiner "Chefin" Sonja. Allein durch die Spenden der KursteilnehmerInnen konnte sich Jola weiterbilden: "Ich habe meinen Führerschein gemacht, einen Computerkurs besucht, und nächste Woche mache ich meine A2 Deutsch-Prüfung." Das Unterrichten hat dem 35-Jährigen aber nicht nur finanzielle Möglichkeiten geschaffen: "Ich habe durch den Kurs auch viele Österreicher und Menschen aus vielen anderen Ländern kennen gelernt."

Tanzen und Sprachunterricht

Jola kommt aus Gambia in Westafrika und getanzt hat er bereits in seiner frühen Kindheit. Im Stamm seiner Familie spielt Tanz eine zentrale Rolle, bei allen möglichen Festen, sei es eine Hochzeit oder Taufe, gibt es traditionelle Tänze mit Trommeln und Musik. Nach seinem Schulabschluss arbeitete er als DJ in Gambia. So lag es nahe, im Rahmen der KAMA-Kurse sein Wissen über SeneGambia- und andere afrikanische Tänze an andere weiterzugeben. Zusätzlich gibt Jola aber auch Sprachkurse: Demnächst startet wieder eine Mandinka-Gruppe, in der Jola seine Muttersprache unterrichtet.

Kein Budget für Kursräume

"Wir sind rein über Privatspenden finanziert, die immer schwerer zu bekommen sind", schildert Sozialarbeiterin Sonja die finanzielle Situation von KAMA. Da die Spendeneinnahmen aber gerade mal für die ohnehin niedrige Büromiete ausreichen, bleibt kein Budget mehr für die nötigen Kursräume übrig. Neben der ehrenamtlichen Mitarbeit des gesamten Teams müssen also auch kostenlose Räumlichkeiten gefunden werden. "Es wird aber immer schwieriger, jemanden zu finden, der bereit ist, uns gratis einen Raum zu Verfügung zu stellen. Das ist wohl ein Zeichen der Zeit, wo sich ohnehin alles eher gegen Migration und AsylwerberInnen richtet."

Multidisziplinäres Team

Auch was die nicht-finanziellen Ressourcen betrifft, ist der Verein immer auf der Suche nach Unterstützung. "Es stehen und fallen die Ressourcen von KAMA ja auch mit der Teamgröße," so Christine Stadlbauer, Studentin der Kultur- und Sozialanthropologie, die seit 2008 im Kernteam mit dabei ist. " Besonders bereichern würde das das Team mit Zugängen aus Sozialarbeit, Soziologie, Kultur- und Sozialanthropologie, Pädagogik und Internationaler Entwicklung ein/e MitarbeiterIn mit juristischem Hintergrund, um noch besser alle arbeits- und asylrechtlichen Fragen abklären zu können.

Kochkurse in kleiner Runde

Neben Tanz- und Sprachkursen sind besonders die laufend angebotenen Kochkurse sehr beliebt. "In den besten Zeiten haben wir alle zwei Wochen einen Kochkurs", erläutert Christine. "Sonst gibt es auch immer die Möglichkeit, einen Kochkurs privat bei sich zu Hause unter Freunden zu veranstalten." Welche landesspezifischen Kochkurse es gerade gibt, hängt immer davon ab, welche Köche Österreich wieder verlassen müssen bwz. welche neu zu KAMA kommen. Momentan gibt es Köche aus Afghanistan, Westafrika, Indien, Syrien, Libanon, Ungarn und Haiti. Christine ist selbst aus Leidenschaft oft bei den Kochkursen dabei: "Es wird gemeinsam gekocht und gegessen, das Lebensmittelgeld zahlen alle gemeinsam, und wer möchte, gibt eine Spende an den Koch bzw. die Köchin." (Jasmin Al-Kattib, 10. September 2010, daStandard.at)

KAMA bietet auch auf Anfrage interkulturelle Workshops für Volksschulklassen an. Infos dazu und aktuelle Kursangebote unter www.kama.or.at

 

 

cuautemoc
02
14.9.2010, 19:39

Bravo, KAMA!

notanickname
14
12.9.2010, 20:18

Es ist schon längst überfällig, Menschen die auf ein Asylverfahren warten auch arbeiten zu lassen.

Aber dann hat die Politik ein unnötig aufgeputschtes Thema weniger, mit dem von den wirklichen Problemen abgelenkt werden kann. Und von denen gibts in Ö ja mehr als genug (und keins davon wird ernsthaft gelöst, sondern nur aufgeschoben), darum wird sich da wohl noch lange nichts ändern.....

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