Im Sammelband "Integration in Österreich" gehen Experten der Frage nach, was Integration eigentlich ist und welche Mechanismen hinter dem Migrationsdiskurs stecken.
"Integration ist heute ein verdächtig positiv besetzter Begriff", stellt der Politikwissenschaftler Bernhard Perchinig in seinem Aufsatz fest. Das unstillbare Verlangen nach mehr Integration ziehe sich durch alle politischen Lager. Was ist es jedoch, das "Integration" leisten kann? Und wer ist es, der sich integrieren soll, und vor allem wie?
Integration als "Containerbegriff"
Damit sich jemand integrieren kann, muss es eine „Leitkultur" geben, was wiederum das Bild einer kulturell homogenen Bevölkerung voraussetzt. Eine solche Homogenität hat es nie gegebenen, dennoch geistert die Idee der geordneten, weil einheitlichen Gesellschaft im öffentlichen Diskurs herum. Dabei fungiert der Integrationsbegriff wie ein Container, in den man alles hineinpacken, und aus dem man alles herausziehen kann. Mal ist Integration eine Bringschuld des Migranten, mal ist Integration ein Synonym für Vielfalt, mal ist es eigentlich eine Identitätsdebatte, die dahintersteckt.
Ein Begriff, viele Dimensionen
Der vorliegende Band wurde vom Sozialanthropologen und Journalisten Herbert Langthaler herausgegeben und vereint Arbeiten von Experten, die sich mit unterschiedlichen Dimensionen des Integrationsbegriffs auseinandersetzen: angefangen bei Migrationstheorien, über die Situation der MigrantInnen am Arbeitsmarkt und im Bildungssektor, familiäre Netzwerke und Sprachtests bis hin zu psychischen Prozessen, die durch Migration ausgelöst werden.
Staatsbürgerschaftstests als Unterwerfungsrituale
Perchinig vergleicht die heutigen Staatsbürgerschaftstests mit den Initiationsritualen in vorindustriellen Gesellschaften, in denen der Übergang von Kindheit zum Erwachsenenalter wie eine Prüfung inszeniert wurde. Analog dazu müssen heute Ausländer eine Prüfung mit größtenteils sinnlosen Inhalten bestehen, um Teil der Aufnahmegesellschaft zu werden. Dabei kann die Aufnahmegesellschaft in Form des Staates ihre volle Macht ausüben und so eine Art Unterwerfungsritual am Ausländer vollziehen.
Die Germanistin Verena Plutzar geht kritisch der Frage nach, ob Sprache tatsächlich der "Schlüssel zur Integration" ist und wie viel Sprachtests über den Integrationsgrad aussagen.
Die Psychotherapeutin Ruth Kronsteiner gibt einen sehr persönlichen und reflektierten Einblick in den Therapieprozess mit dem Tschetschenen Herrn M., der Folter, Flucht und Migration erfahren hat. Die detailliert geschilderte Fallgeschichte macht nachvollziehbar, was ein traumatisierter Flüchtling in seiner Heimat erlebt hat und im vermeintlich sicheren Aufnahmeland erlebt.
Beträchtlicher Erkenntnisgewinn
Der Sammelband ist ein Muss für alle, die sich beruflich oder interessenshalber mit dem Themenkomplex Migration beschäftigen, da die Vielfalt an abgehandelten Themen und Zugängen sehr groß und der Erkenntnisgewinn beträchtlich ist. Zwischendurch könnte beim Lesen vereinzelt der Eindruck entstehen, die zuständigen Schulbehörden und Ministerien seien grundsätzlich "böse", die NGOs und HelferInnen der Flüchtlinge hingegen grundsätzlich "gut". Eine solche vereinfachende Sichtweise ist sicherlich keine Intention der AutorInnen, sondern vielmehr Ausdruck der Bedingungen in einer gesellschaftlich heiß umkämpften Arena, in der es für viele Menschen, die sehr wenig haben, um sehr viel geht.
Zu befürchten ist, dass dieser Sammelband auch wieder nur die "üblichen Verdächtigen" erreichen wird, die ohnehin schon mit der Thematik vertraut sind. Dabei eignet sich der vorliegende Band wunderbar auch als Einstiegslektüre, die trotz eines hohen wissenschaftlichen Anspruchs das Phänomen Migration erfassbar und spürbar macht. (Mascha Dabić, 22. September 2010, daStandard.at)
Der Sammelband "Integration in Österreich" (Hrsg. Herbert Langthaler) ist 2010 im Studienverlag erschienen.