Warum Frauenhändler so leicht an ihre "Ware" kommen: MitarbeiterInnen des Traumazentrums Atoll in Tallinn geben Einblick in ihre Arbeit mit ehemaligen Sexarbeiterinnen
Ein gewöhnliches Wohnhaus nicht unweit der historischen Altstadt von Tallinn. In der guten Wohngegend deutet nichts darauf hin, dass sich hier das Trauma- und Rehabilitationszentrum Atoll der estnischen NGO Eluliin (engl. Life Line) befindet. Auf den Namensschildern an der Eingangtüre ist Atoll nicht angeschrieben. Dabei braucht sich die Beratungsstelle nicht zu verstecken, bietet doch das neunköpfige Team aus Psychologen, Anwälten und Sozialarbeitern neben Gesundheits- und Sozialberatung, Unterkünften und rechtlicher Verfahrensbegleitung auch ein umfangreiches Rehabilitationsprogramm für ehemalige Sexarbeiterinnen an.
Eda Mölder, Psychologin und Leiterin von Atoll, sitzt auf einer gemütlichen Couch. Das Rehabilitationszentrum erinnert mehr an ein Zuhause als eine Beratungsstelle, auf der unteren Ablage des Couchtisches blickt einem eine große Stoffpuppe entgegen. Diesmal ist es die Psychologin, die redet anstatt zuzuhören. Und sie hat viel zu erzählen.
Mehrfach traumatisiert
"Wir arbeiten einen Rehabilitationsplan mit den Betroffenen aus, oft in Zusammenarbeit mit der Familie, und wir machen den Frauen von Beginn an klar, dass es sich um jahrelange Rehabilitationsarbeit handelt." Denn um die Frauen, die jahrelang (meist) unfreiwillig als Sexarbeiterinnen tätig waren, zu heilen, muss man tief graben - bis in die Kindheit. "Diese Frauen sind oft mehrfach traumatisiert, und die erste Traumatisierung beginnt bereits im Alter von fünf bis sechs Jahren", erklärt Mölder.
Was sie mit Ersttraumatisierung meint, ist körperlicher und/oder seelischer Missbrauch in der Kindheit. Und sie nennt erschütternde Zahlen im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch: Die Missbrauchsrate in Estland beträgt 20 Prozent, mehr als ein Drittel der estnischen Kinder erlebt körperliche oder psychische Gewalt. Die Täter sind meist in der Familie und der Nachbarschaft zu finden. Mölder kritisiert, dass das Thema Kindesmissbrauch in der Öffentlichkeit eher ausgespart wird, vor allem wenn es um Mädchen geht: "Bei männlichen Opfern ist in den Medien gleich von Pädophilie die Rede, bei den Mädchen scheint es normal zu sein, diese schon im jungen Alter zu sexualisieren."
Psychologisch verwundbar
Die Zweittraumatisierung erfolgt laut Mölder in der Pubertät, wenn die Mädchen von Klassenkollegen oder Bekannten emotional bzw. körperlich missbraucht werden. Die Psychotraumata der Betroffenen wiederholen sich, das Trauma wird immer größer und größer, so die Psychologin: "Die persönliche Entwicklung im Kindes- und Jugendalter und der gesamte Sozialisationsprozess ist von den Traumata gekennzeichnet. Die Mädchen sind nicht imstande soziale Bindungen und Beziehungen zu verstehen. Sie fallen auf Versprechungen rein und verstehen nicht, was real mit ihnen passiert."
Ein leichtes Spiel für die Zuhälter, die auf die psychologische Verwundbarkeit ihrer Opfer setzen. Sie suchen die Mädchen gezielt aus, beobachten die Familien oft jahrelang, wohnen in der Nachbarschaft, gehören zum unmittelbaren Bekanntenkreis und wissen daher gut über kleine oder große Familienprobleme Bescheid. "Auch die Mittelschicht ist betroffen, heutzutage in Zeiten der Wirtschaftskrise ist jedes estnische Mädchen gefährdet. Wir haben auch Fälle von ausgebeuteten Frauen mit Universitätsabschluss, das ist kein rein sozio-ökonomisches Problem der Unterschichten", betont Mölder.
"Frischfleisch"
Die Frauen, die bei Eluliin Hilfe suchen haben Beispielloses durchgemacht. Ein besonders drastischer Fall ist der Psychologin noch gut in Erinnerung: "Eine Klientin ernährte sich über mehr als drei Jahre nur von Hot Dogs, die sie an der Tankstelle kaufte, während der Fahrer, der sie zu den Freiern hin- und zurück ins Bordell brachte, dort einen kurzen Stopp machte. Ihr Körper war so geschädigt, am Anfang der Therapie hat sie außer Tee nichts anderes vertragen", berichtet Eda Mölder."Die Frau erhielt von den 1000 kroons (ca. 64 EUR) pro Stunde, die ihre Freier bezahlten, nur 300 kroons, von diesem Betrag wurde ihr Geld für die Miete und für Lebensmittel abgezogen. Außerdem hatte sie Schulden bei ihrem Zuhälter, der ihr Amphetamine besorgte, damit sie frisch und munter ihre "Dienste", manchmal 40 Stunden ohne Unterbrechung, antreten konnte, denn die Freier wollen frisches Fleisch, keine depressiven oder müden Mädchen", so Mölder. Um die Schulden für die Drogen zu bezahlen, musste R. mind. fünf Freier abarbeiten. Dass der Zuhälter am Gewinn des Dealers mitverdiente, war ihr dabei nicht klar.
Gewiefte Ausbeuter
Frauenhandel ist lukrativ. Insbesondere für die Zuhälter, die gewieft ihren Gewinn verdoppeln und an den Frauen so lange wie möglich verdienen wollen. So werden Frauen, die im Ausland wie z.B. in Finnland oder Italien gut verdienen, mal für eine Weile nach Estland zurückgeschickt, dort verdienen sie weniger und brauchen dann länger zum Abarbeiten der Schulden. Oder die Freier, die ja der Zuhälter vermittelt, bleiben auf einmal aus, was für die Prostituierte weniger Einnahmen und mehr Schulden bedeutet.
"Die Frauen realisieren die systematische Ausbeutung oft gar nicht", erzählt Eda Mölder. Diese Ausbeutung bedeutet auch die Kontrolle des gesamten Tagesablaufes und der sozialen Kontakte. Dabei gehen die Zuhälter äußerst geschickt vor. So werden "Freunde" für die Frauen engagiert, die Mädchen verlieben sich und haben keine Ahnung, dass der Partner vom Zuhälter bezahlt wird. Oft sind die Zuhälter auch die Ehemänner der Prostituierten, was eine Aufdeckung der kriminellen Machenschaften nicht gerade begünstigt.
Sextourismus
Schätzungen zufolge gibt es 3000 bis 5000 Prostituierte in Estland, "in Tallinn alleine sind es 500", so Mölder. Offizielle Statistiken gibt es kaum. Organisierte Prostitution ist verboten, den Zuhältern drohen zwar Strafen, einen gesonderten Menschenhandelsparagraphen sieht das estnische Strafgesetzbuch (noch) nicht vor. "Früher gab es rund 17 Bordelle in Tallinn, die Polizei hat da aber gute Arbeit geleistet, jetzt gibt es nur zwei bis drei Bordelle", weiß Eda Mölder zu berichten. Straßenprostitution gäbe es kaum mehr. Die Zuhälter haben das Geschäft auf Nacht- und Stripclubs, Saunabetriebe und Massagesalons ausgelagert, die von Touristen aus z.B. Finnland, England und Italien gerne im Rahmen von "Junggesellenfeiern" und Wochenend-Saufgelagen besucht werden.
Profitables Auslandsgeschäft
Vielen Frauen, die in heimischen Nacht- und Stripklubs arbeiten, wird auch ein Auslandsjob angeboten. "Neu-Einsteigerinnen" werden ebenfalls angeworben. Im öffentlichen Fernsehen werden unverhohlen Werbespots gesendet, die eine geldreiche Karriere als Tänzerin in Nachtklubs im Ausland, z.B. in Zypern, versprechen. "Die estnischen Vermittlungsagenturen und Nachtklubbetreiber wissen das Gesetz dabei immer auf ihrer Seite", berichtet ein Sozialarbeiter, der anonym bleiben will. Denn sind die Mädchen einmal im Ausland, wird ein Vertrag mit dem Nachtklub vor Ort abgeschlossen, mit dem die Herren in Estland natürlich nichts zu tun haben.
Mit den Geschehnissen im Ausland ebenso wenig. Nicht selten werden Mädchen, die als Tänzerinnen engagiert wurden, zur Prostitution gezwungen. Auch diejenigen, die bewusst mit Sexarbeit ihr Geld verdienen wollten, erleben dann eine bittere Enttäuschung. Wenn nämlich die Pässe weg sind, und ihnen kein oder zu wenig Geld ausbezahlt wird.
Innerstaatlicher Frauenhandel
"Die meisten unserer Klientinnen sind Opfer des innerstaatlichen Frauenhandels, dabei handelt es sich meist um junge Mädchen und Frauen aus dem Nordosten Estlands, die nach Tallinn oder andere Großstädte gebracht werden", erklärt Mölder. Das nordöstliche Estland, das sind die Landkreise Lääne-Virumaa, Ida-Virumaa und Narva, das sind neben unberührter Natur auch Industriegebiete, die ihre Blütezeit schon längst hinter sich haben, was einen hohen Anteil an Arbeitslosigkeit bedeutet, mit der die dortige Bevölkerung, mehrheitlich russischsprachig, zu kämpfen hat.
Atoll arbeitet auch mit NGOs und Frauenhäusern im Ausland zusammen, um Betroffenen vor Ort die Rückkehr nachhause zu ermöglichen, hier sind laut Mölder vor allem Finnland und Schweden die anvisierten Zielländer der Frauenhändler. Kooperiert wird auch mit den estnischen Grenzbehörden, die Atoll über Fälle von Frauenhandel informieren. Die MitarbeiterInnen des Beratungszentrums betreiben aber auch aufsuchende Sozialarbeit, oft in den vielen "Wohnungsbordellen" Tallins.
Freier kriminalisieren
In den "Wohnungsbordellen" leben zwei bis sechs Frauen und bieten ihre Dienste an, ohne klar ersichtliche Zuhälterstrukturen. "Das ist ja auch das Schwierige, die Ausbeutung zu beweisen, wenn keine direkte Gewalt, sondern Manipulation und emotionale Erpressung ausgeübt wird", klagt Mölder über den geringen Anteil der strafrechtlich verurteilten Zuhälter in Estland. Viele Frauen trauen sich nicht gegen die Zuhälter auszusagen, dafür sei der Opferschutz für Betroffene von Menschenhandel in Estland nicht ausreichend genug, fügt die Leiterin von Atoll hinzu. Verständnis für die Opfer ist auch nicht immer gegeben. "Eine Klientin wurde sogar nach einem Verhör von einem Polizisten in die Sauna eingeladen", so Mölder.
Prostitution und Frauenhandel sind für Mölder eng miteinander verwoben, denn "Prostitution treibt den Frauenhandel an." Langfristig wünscht sich Mölder, dass Estland dem Nachbarn Schweden folgt, und nicht nur Zuhälter, sondern auch die Freier kriminalisiert werden: "Denn was für die Freier zehn Minuten Spaß bedeutet, richtet gesamt gesehen enorm großen gesellschaftlichen Schaden an, wenn man schon allein die epidemische HIV-Situation bedenkt." (Güler Alkan, 27. September 2010, daStandard.at)