Der Geschäftsführer des "WerkzeugH", Željko Jovanović und seine Vorliebe für das Außergewöhnliche
Moderne Biergartenromantik mit neongelben Tischen prägt den Vorhof des "WerkzeugH", eines von Wiens angesagtesten Lokalen. Ein kleines gepflegtes Gartenhaus, das scheinbar zufällig im Vorhof steht bildet dabei den Eingang und zugleich einen kleinen Vorgeschmack auf das, worauf sich der Besucher in der Schönbrunnerstrasse 61 einstellen kann: außergewöhnliche, von Architektur und Kunst beeinflusste Atmosphäre. Mitten drin im kreativen Zentrum sitzt der Geschäftsführer Željko Jovanović, ein gebürtiger Serbe, der das "WerkzeugH" mit seinem Partner Manfred Wuits seit 2006 leitet. Seither ist das Lokal eine der ersten Anlaufstätten in Margareten für Kreative, Laptop-Jünger und solche die es noch werden wollen.
Eine serbisch-deutsche Geschichte
Als Einzelkind einer Romafamilie verbrachte Jovanović einen großen Teil seiner Kindheit in Belegiš, einem kleinen Dorf vierzig Autominuten von Belgrad entfernt, bis seine Eltern dem Ruf der Fremde folgten und sich in Deutschland niederließen. "Als ich zehn war zogen meine Eltern mit mir nach Ravensburg ins Schwabenland, um als Gastarbeiter zu arbeiten", erzählt Jovanović mit einschlägigen deutschen Akzent. Dort sollte er auch seine restliche Jugend verbringen. Die Eltern wollten eine klassische Ausbildung und so schloss er in der damaligen Bundesrepublik die Lehre zum Kaufmann ab bis ihn die Einberufung zum Militärdienst der ehemaligen Sozialistischen Republik Jugoslawien wieder in die alte Heimat holte. "Eineinhalb Jahre verbrachte ich im heutigen Slowenien und leistete meinen Dienst ab, bis ich wieder nach Ravensburg zurückkehren konnte", erklärt der Mann mit den auffälligen blauen Haaren. Wieder in Deutschland angekommen, stellte sich aber auch keine dauerhaften "Heimatgefühle" ein. Nach nur ein paar Wochen fasste Jovanović den folgenreichen Entschluss in sein Heimatdorf ins damalige Jugoslawien zurückzukehren.
Selbstversorger Bauernhof und eine Idee
"Vielleicht liegt es daran, dass ich schon immer ein wenig anders war. Der Mut ungewöhnliche Entscheidungen zu treffen wurde mir aber auch durch meine Mutter in die Wiege gelegt", erklärt Jovanović und beschreibt eindrücklich wie sie als junge Frau im stockkonservativen Dorf der Sechzigerjahre es wagte Hosen anzuziehen. In Belegiš zurück zog Jovanović mit seiner Familie einen Selbstversorger Bauernhof auf. Eine andere Lebensweise, der klassische Anbau ohne Verwendung von schadstoffreichen Düngermittel und das Halten von Geflügel sollte bald der Lebensmittelpunkt der ganzen Familie werden. „Ich war wohl schon Biobauer, als den Begriff in Jugoslawien noch niemand kannte." Während die Nachbarn großflächige Agrarwirtschaft mit all seinen Vor- und Nachteilen betrieben, konzentrierte sich der innovative Biobauer auf eine kleine Versorgungsstruktur und auf natürliche Freilandhaltung. "Selbst den Hühnern musste ich das natürliche Brüten wieder beibringen", erzählt der Endvierziger. Erst das Ausbrechen des Jugoslawien-Krieges Anfang der Neunziger Jahre veranlasste Jovanović seinen persönlichen Traum vom Biobauernhof auf Eis zu legen.
Eine österreichisch-serbische Freundschaft
Ursprünglich auf dem Weg zurück in die schwäbische Heimat, "strandete" der gescheiterte Biobauer schließlich in Wien, das er nur als Zwischenstation betrachtete. Schwierigkeiten bei dem Erhalt eines Visas für Deutschland sollten ihn dazu veranlassen seine Zelte dauerhaft in Österreich aufzuschlagen. "Die Integration" in der Hauptstadt Wien fiel ihm aufgrund seines offenen und freundlichen Gemüts nicht sonderlich schwer. Die ausgezeichneten Deutschkenntnisse waren dabei auch sicherlich hilfreich, wie er offen zugibt. "Nur selten gab es Kommunikationsschwierigkeiten, dann aber eher weil bestimmte Dinge im bundesdeutschen einfach anders heißen", erzählt Jovanović. Nach ein paar Gelegenheitsjobs trat er Mitte der Neunzigerjahre eine Stelle im AKH an. Dort lernte er auch seinen heutigen Geschäftpartner Manfred Wuits kennen. "Er arbeitete damals als Zivildiener dort und wir kamen sofort ins Gespräch, weil er sich so wie ich sehr für die kreative Szene und die Architektur interessierte." Aus der Zufallsbekanntschaft sollte sich eine Freundschaft entwickeln, die bis heute Bestand hat und im gemeinsamen Führen eines Lokals ihren Höhepunkt gefunden hat. „Wir haben uns lange überlegt ein Lokal zu gründen, weil wir beide eine Beherbergung für das Ausführen unserer kreativen Ideen und Ausstellungen gesucht haben", erzählt der Mann der seine Haarfarbe jeden Sommer ändert und fügt hinzu, dass ihr Projekt nur in Kombination mit einem gastronomischen Betrieb funktionieren konnte: Nur von Kunstförderungen wollten sie nicht abhängig sein.
Nach monatelangem Suchen wurde man schließlich im fünften Wiener Gemeindebezirk fündig. Das ehemalige "Huber-Werkzeug"-Haus, das viele Jahre leer stand, beherbergt nun eines von Wiens kreativsten Lokalen. Aus dem Namen des Werkzeughändlers leitete sich auch der Name "WerkzeugH" ab. Bereut hat er seine Entscheidungen, seinen Lebensmittelpunkt öfters an neue Orte zu verschieben niemals, sagt der mittlerweile eingebürgerte Österreicher Jovanović. "Nur einmal bin ich bei einem Treffen des sozialdemokratischen Wirtschaftsverbandes im Hotel Intercity, aufgrund meines Aussehens hinausbefördert worden", erzählt der gebürtige Rom. Er ist einem Verantwortlichen negativ aufgefallen, seine Kleidung soll nicht dem Dresscode entsprochen haben." Trotz vorhandener Einladung und Eintreffen des Veranstalters ließ sich die Situation nicht auflösen. "Manchmal würde ich mir vielleicht ein wenig mehr Zivilcourage wünschen", erzählt er. "Dennoch ist Wien eine tolle und liebenswürdige Stadt, die ich nicht eintauschen würde. Das lasse ich mir auch durch diesen Einzelfall nicht wegnehmen."