daStandard.at-Interview

"Alphabetisierung in der Muttersprache ist wichtig"

Willi Kozanek, 4. Oktober 2010, 17:58
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    Was mich an der Diskussion um den Deutschunterricht stört ist diese "entweder-oder"-Haltung.

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Wie sich die Ausbildung von FremdsprachenlehrerInnen ändern muss, warum Basken und Bretonen Vorbilder sein können und was für mehr muttersprachlichen Unterricht spricht – ein Gespräch mit der Lehrerin und Sprachwissenschafterin Eva Vetter

daStandard.at: Angenommen Sie sind 19 und beginnen ein Lehramtsstudium: Wie wäre Ihre Ausbildung aus Sicht der Förderung von Mehrsprachigkeit in einer idealen Universitätswelt?

Eva Vetter: Studien haben gezeigt, dass die eigenen Lernerfahrungen ausschlaggebend für das spätere Lehrverhalten sind. Lehramtsstudierende in Fremdsprachen sollten also mehr eigene Lernerfahrungen in Fremdsprachen machen. Statt FranzösischlehrerInnen könnte es zum Beispiel LehrerInnen für romanische Sprachen geben, die sehr gute Kompetenzen in Französisch haben, sich aber während des Studiums auch rezeptive Fähigkeiten in anderen romanischen Sprachen wie Italienisch, Rumänisch, Portugiesisch oder Katalanisch angeeignet haben.

Wie mehrsprachig sind österreichische Universitäten heute?

Vetter: Nicht besonders mehrsprachig. Mehrsprachigkeit wird an den Universitäten selten systematisch gefördert. Auch im Sprachenunterricht dominiert immer noch die mono- und bilinguale Tradition.

Existieren internationale Vorbilder in der Ausbildung von LehrerInnen?

Vetter: Regionale Minderheiten haben aber aufgrund eines Überlebenswillens sehr innovative und an Mehrsprachigkeit orientierte Modelle entwickelt, oft auch ohne speziell ausgebildete LehrerInnen zur Verfügung zu haben. In der Bretagne gibt es beispielsweise mehrsprachige Modelle mit Bretonisch und Französisch von Anfang der Schulzeit an. Bis zur Matura werden neben Englisch noch ein bis drei weitere Sprachen gelernt. Die Ergebnisse der SchülerInnen sind im nationalen Vergleich mehr als zufriedenstellend.

Rudolf de Cillia von der Universität Wien hat vorgeschlagen, dass LehrerInnen nicht ausschließlich fächerspezifisch, sondern sprachenübergreifend ausgebildet werden sollten, um zu "Experten für Mehrsprachigkeit" zu werden. Ein guter Ansatz?

Vetter: Rudolf de Cillia ist ein Pionier in diesem Forschungsgebiet. Sprachenübergreifend auszubilden ist der Weg der Zukunft. Das Innsbrucker Modell* kommt diesem sprachübergreifenden Weg in Österreich zurzeit am nächsten.

Gibt es Rückmeldungen aus Schulen, in denen Nebenfächer in einer Fremdsprache unterrichtet werden?

Vetter: Es gehört mittlerweile zum "guten Ton", dass zumindest ein Fach in einer Fremdsprache unterrichtet wird. Meistens ist diese Fremdsprache Englisch und das ist verständlich. Englisch hat eine Sonderrolle.

Wie sieht es aus mit Mehrsprachigkeit und Klassen, in denen oft Kinder mit zehn und mehr verschiedenen Muttersprachen sitzen? Wie soll man diese Kinder fördern?

Vetter: Das ist schon eine Herausforderung. Eine Alphabetisierung in der Muttersprache ist unheimlich wichtig für einen weiteren Spracherwerb und so auch für den Erwerb der Bildungssprache Deutsch. Den Eltern und LehrerInnen sollte dies noch mehr vermittelt werden.

Hartmut Esser, Experte in Migrationsfragen, meinte allerdings zuletzt, dass "die Sprache des Aufnahmelandes, in unserem Fall also Deutsch, der allerwichtigste Schlüssel für den Bildungs- und Berufserfolg sei." Spricht das nicht gegen zu viel muttersprachlichen Unterricht?

Vetter: Hartmut Esser ist Soziologe und seine Thesen stehen im völligen Widerspruch zu denen der Sprachwissenschaft. Es ist eigentlich ein alter Streit. Aus unserer Sicht tun sich Kinder wesentlich schwerer eine Bildungssprache zu erlernen, wenn sie ihre Muttersprache nicht beherrschen. Der Satz an sich stimmt natürlich schon, aber die Gesamtheit der Thesen von Esser ist aus linguistischer Sicht abzulehnen.

Sie unterrichten seit Jahren selber und kennen die Praxis: Ws stört Sie an mehr Deutschunterricht in Volksschulen wie es zum Beispiel die ÖVP fordert?

Vetter: Deutschunterricht ist wichtig - mehr Deutschunterricht aber geht zu Lasten anderer Fächer, die ebenfalls ihre Berechtigung haben. Was mich an der Diskussion um den Deutschunterricht stört ist diese "entweder-oder"-Haltung. Sprachwissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass gerade LehrerInnen oft fürchten, dass die Verwendung der Muttersprache das Deutsch-Lernen behindert. Es sind aber genau diese Thesen, die einer erfolgreichen Deutsch-Aneignung im Wege stehen.

Finden Sie es in Ordnung, wenn KindergärtnerInnen neben ihrer Rolle als pädagogische Kräfte auch noch als SprachlehrerInnen aushelfen müssen?

Vetter: Es gibt auch englischsprachige Kindergärten, in denen die Kinder in den ersten Wochen und Monaten nichts verstehen. In solchen Elitemodellen spricht man dann von Immersion und nicht vom Problem der Vielsprachigkeit. In beiden Fällen ist eine Unterstützung der KindergärtnerInnen durch SprachexpertInnen wünschenswert.

Welche konkreten Änderungen braucht es also in der LehrerInnen-Ausbildung?

Vetter: Man sollte integrative Modelle einführen, in denen LehrerInnen der Muttersprachen, von Deutsch als zweite Sprache und FremdsprachenlehrerInnen zusammen ausgebildet werden. Studierende sollten vielfältige Sprachlernerfahrungen machen und die Beschäftigung mit Konzepten von Mehrsprachigkeit sollte im Zentrum stehen. Zurzeit sind die AbsolventInnen sicherlich nicht auf sprachliche Heterogenität ihrer Schüler und die Förderung von Mehrsprachigkeit vorbereitet.

*Das Innsbrucker Modell IMoF bildet seit 2002 alle zukünftigen SprachenlehrerInnen sprachübergreifend und mehrsprachig ausgerichtet aus. Studierende der Unterrichtsfächer Französisch, Italienisch, Englisch, Spanisch, Russisch und Latein/Griechisch besuchen gemeinsam sprachübergreifende Lehrveranstaltungen, die von sprachspezifischen Workshops begleitet werden.

Eva Vetter ist Romanistik-Dozentin an der Universität Wien und seit 1992 Geografie- und Französisch-Lehrerin an einem Oberstufenrealgymnasium Krems. Vetter ist Mitglied der IAM (International Association of Multilingualism) und forscht zu den Themen Mehrsprachigkeit, Diskursanalyse sowie Sprachlehr- und -lernforschung.

mountaineer
02
6.10.2010, 15:12
Wohin die Reise?

zu meiner Schulzeit hieß es noch: lernt Fremdsprachen so viel Ihr könnt, das kann euch keiner mehr nehmen.

Heute heißt es: lernt doch bitte die Muttersprache...

das zeigt schon, wo die Reise hingeht.

Hubert Ungeist
 
03
5.10.2010, 15:09
Alphabetisierung ...wichtig

Zustimmung. Nur in der 3. Generation sollte wohl die Muttersprache auch schon Deutsch sein.

catfish eyes
42
5.10.2010, 16:38

Wenn die Mutter (2. Generation) Türkin ist, ist die Muttersprache des Kindes eben Türkisch, auch wenn das nicht in österreichische Gehirne passen will.

Gehen S' doch missionieren zu den Katalanen, die sprechen empörenderweise immer noch Katalonisch, obwohl sie seit 400 Jahren keinen eigenen Staat haben.
Oder die vielen deutschsprachigen Inseln in Osteuropa, sind Ihnen diese auch unerträglich?

populäre Front
 
01
11.10.2010, 14:47
Aja..und wenn der Vater aus der Türkei kommt, ist dann das Vaterland die Türkei? LOL

http://de.wikipedia.org/wiki/Muttersprache

PS: Meine Mutter war Migrantin 2. Generation aus Tschechien. Sie sprach nurmehr sehr, sehr gebrochen Tschechisch, jedoch perfekt Deutsch. Ich spreche (leider) überhaupt kein Tschechisch mehr (und bin sicher kein Einzelfall). Worin liegt der Unterschied? Wurde etwa vor Jahrzehnten die sprachliche Integration besser gefördert?

catfish eyes
20
11.10.2010, 16:57

Das nicht, aber Tschechen wurden hier (anders als die Türken) nicht als Menschen zweiter Klasse behandelt und hatten daher kaum das Bedürfnis, ihre eigene Kultur und Muttersprache zu erhalten.

P.S. Ich lebe in einem Land, wo alle Ausländer nach 5 Jahren Aufenthalt ein unbefristetes Visum bekommen, wenn sie es wollen, und es NATÜRLICH keinerlei Sprach- oder sonstige Tests dafür gibt. Viele Ausländer sprechen die Landessprache nicht oder sehr gebrochen, sie werden deshalb aber von NIEMANDEM angefeindet, denn es ist ihr freies Recht, Sprachen (nicht) zu erlernen.

Ihr werdet in Österreich schon seit 20 Jahren mit ständiger Anti-Ausländer-Propaganda zugeschüttet und wisst einfach nicht mehr, was sich menschlich gehört.

LGL
03
5.10.2010, 08:36
Interessante Tatsache aus Südtirol

Südtirol ist dreisprachig. Für Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst ist eine Doppelsprachigkeitsprüfung (Deutsch, Italienisch) erforderlich, deren erfolgreiche Ablegung auch eine Gehaltszulage bringt. Die Ergebnisse sind je nach Muttersprache recht unterschiedlich. Die schwächsten Resultate haben italienischsprachige Südtiroler, in der breiten Mitte liegen die deutschsprachigen, die besten Ergebnisse haben aber Südtiroler mit ladinischer Muttersprache, für die ja sowohl Deutsch als auch Italienisch Fremdsprachen sind, wobei die Unterschiede zwischen dem westromanischen Ladinisch (verwandt mit Provencalisch, Katalanisch oder Spanisch) und dem ostromanischen Italienisch (verwandt mit Rumänisch) grösser sind als gemeinhin angenommen wird.

populäre Front
 
00
11.10.2010, 14:51
Sehr interessant, aber offtopic. Erinnert mich irgendwie an...

http://www.youtube.com/watch?v=ARXfQzfl9EQ

;-)

mountaineer
02
6.10.2010, 15:14

und was hat das bitte mit den mangelnden Deutschkenntnissen österreichischer Staatsbürger mit z. B. türkischen Wurzeln zu tun?

Vielleicht lässt sich aus Ihrem Posting eine Gleichung formulieren

Türke ist nicht gleich Ladiner

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