Rezension

Import-Bräutigame

Güler Alkan, 27. Oktober 2010, 11:55
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    foto: verlag

Isabella Kroth wagt mit "Halbmondwahrheiten" den Blick in die türkische Männerwelt in Berlin-Neukölln

Berlin-Neukölln, das ist ein Stadtteil, den man mit Kriminalität, Gewalt und einer integrationsunwilligen Parallelgesellschaft, die archaische Sitten und patriarchale Strukturen aufrechterhält, in Verbindung bringt.

Selbsthilfegruppe

Isabella Kroth, die 2004 in "Scheherazades Tochter" das Leiden einer zwangsverheirateten kurdischen Jesidin aufarbeitete, versucht einen Blick hinter die Kulissen der "geschlossenen türkisch-muslimischen Männergesellschaft" zu werfen.

Zwei Jahre lang besuchte sie die Selbsthilfegruppe des Psychosozialen Diensts Neukölln, die vom Psychologen Kazim Erdoğan ins Leben gerufen wurde. Aus den Gesprächen entstanden zwölf Portraits türkischer Männer, deren Lebenswelten und Einstellungen durchaus unterschiedlich sind.

Import-Bräutigam

Da gibt es den 40-jährigen Ahmet, den Import-Bräutigam aus der Türkei, der eine entfernte Verwandte, die in Deutschland aufgewachsen ist, heiratete. In der Anfangszeit seiner Ehe war er auf das Geld seiner Frau, die in einer Bäckerei arbeitete, angewiesen. Er fühlte sich minderwertig, weil er der Rolle des Familienernährers nicht gerecht wurde.

Schließlich fand er einen Job auf einer Baustelle. War er in der Türkei noch als Sekretär in einer Anwaltskanzlei tätig, so schleppte er in Deutschland Betonplatten hin und her. Das wollte Ahmet nicht sein ganzes Leben machen. Er lernte abends an der Volkshochschule Deutsch auf Grundniveau, besuchte einen Taxilenker-Kurs und arbeitete nach erfolgreich bestandener Prüfung als Taxifahrer.

Scheidungsvater

Als seine Frau nach vier Jahren Ehe schwanger wurde und den Job aufgab, wurde er endlich zum Alleinverdiener und fühlte sich von seiner Frau und deren Familie vollends respektiert. Die von den Eltern arrangierte Ehe hielt trotzdem nicht.

Ahmet suchte nach der Scheidung die Selbsthilfegruppe auf, die Gespräche mit dem Psychologen und den anderen Männern beruhigten ihn, er hatte keine Wut mehr im Bauch, lernte seine Gefühle zu kontrollieren. Mittlerweile teilt er sich das Sorgerecht mit seiner Ex-Frau.

Gescheiterte Väter

Die Männer in der Selbsthilfegruppe reden gerne, hier lernen manche zum ersten Mal über ihre Gefühle zu sprechen oder sich die eigenen Fehler einzugestehen. Wie Ali, der als Gastarbeiter 36 Jahre in Deutschland gearbeitet hat. Jetzt mit 65 Jahren ist er im Ruhestand, hat sich das erträumte Haus an der türkischen Küste gebaut, und ist trotzdem nicht glücklich. Es macht ihm zu schaffen, dass er kein gutes Verhältnis zu seinen zwei Söhnen hat.

Die blieben vorerst zurück bei der Mutter in der Türkei, denn Alis Plan war ja nur ein paar Jahre in Deutschland zu arbeiten. Er holte zwar seine Frau zu sich, die Söhne blieben bei den Großeltern. Erst im Teenageralter, als auch seine Frau einer Beschäftigung nachging, kamen die Söhne nach Deutschland. Viel zu spät. Für die eigenen Söhne war er ein Fremder.

Import-Söhne

Metin ist auch so ein Import-Sohn. Vorerst in der Türkei geblieben, dann erst mit sechs Jahren nachgeholt zu den Eltern, die beide im Akkord am Fließband arbeiteten. Zuneigung fand er bei seinen Eltern nicht, Schläge und blaue Flecken schon eher.

Mit zehn Jahren brach Metin in einen Keller ein, um die Nacht nicht zuhause beim gewalttätigen Vater zu verbringen. Mit 14 Jahren begann er Autoradios zu klauen und ließ sich auch von seinen Eltern nichts mehr gefallen. Heute ist er 42 Jahre alt und saß mehrfach hinter Gittern, wegen Drogenhandels, unerlaubten Waffenbesitzes und gefährlicher Körperverletzung. In seinen Gerichtsakten ist von "chronifizierter Delinquenz" zu lesen. Ihm droht die Abschiebung in die Türkei.

Neukölln ist nicht Deutschland

Isabella Kroth liefert mit ihrem Buch interessante Einblicke in die Welt der türkischen Einwanderer in Neukölln. Den Untertitel "Türkische Männer in Deutschland" hätte sie sich aber sparen können.

Im Problembezirk Neukölln lassen sich sicher dramatische Lebensgeschichten finden, aber zwölf Portraits, noch dazu indirekt nacherzählt, können bei weitem nicht exemplarisch für die gesamte Gruppe der türkischen Einwanderer stehen. Der Untertitel türkische Männer im Problembezirk Neukölln wäre daher völlig ausreichend, mehr sollte sich die Leserschaft auch nicht erwarten. (Güler Alkan/daStandard.at/27.10.2010)

 

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 33
1 2
helge schneider
11
14.12.2010, 17:29
an alle poster da unten

frau Alkan meint, 12 männergespräche aus SELBSTHILFEGRUPPEN in neukölln entsprächen doch eher nicht den untertitel "türkische männer in deutschland", ausser einer der obergescheiten da unten meint ernsthaft alle türkischen männer in deutschland sind gescheiterte existenzen in selbsthilfegruppen.

langsam verstehe ich sekundären analphabetismus und pisa.

Fritz Wunderlich
10
11.11.2010, 10:01

m Problembezirk Neukölln lassen sich sicher dramatische Lebensgeschichten finden, aber zwölf Portraits, noch dazu indirekt nacherzählt, können bei weitem nicht exemplarisch für die gesamte Gruppe der türkischen Einwanderer stehen. Der Untertitel türkische Männer im Problembezirk Neukölln wäre daher völlig ausreichend, mehr sollte sich die Leserschaft auch nicht erwarten.

ja und, wovor hat alkan angst???

oder schlägt sie vor, tausende porträts, NOCH DAZU INDIREKT, nachzuerzählen???
merkwürdige rezeption

sepp schilehrer
11
8.11.2010, 12:40

Ein türkischer Mann ist also erst dann ganz Mann, wenn er seine Familie alleine mit seinem Taxler-Gehalt erhält.....

Hat jemand vergangene Woche "Die Hebamme" gesehen. Das Rollenverständnis Mann - Frau war bei uns im 18. Jahrhundert so, wie es in der Türkischen Communitiy heute immer noch ist.

Daher sollten die Türken und alle anderen rückständigen Sarazenen zuerst mal die Aufklärung durchmachen, 250 Jahre aufholen und erst dann kann man wieder über Zuzug reden.

PS: Warum DROHT Metin nur die Abschiebung, warum ist er nicht schon lange weg...?

emanze c
11
3.11.2010, 10:13
Klingt recht "typisch"

"aber zwölf Portraits, noch dazu indirekt nacherzählt, können bei weitem nicht exemplarisch für die gesamte Gruppe der türkischen Einwanderer stehen"

Kommt auf die Recherche und Methode an. Aus Dutzenden Gesprächen lassen sich durchaus 12 "typische" Geschichten machen. In der Biographieforschung (sehr interessant zB Holocaustüberlebendenbiographien/Rosenthal) anerkannt, dann sollte es auch bei der "so schwierigen" Gruppe der Deutschtürken möglich sein. Allein von der Beschreibung her fällt mir die Mehrheit der mir bekannten nach Dt und Ö gezogenen türkischen Männer ein, ob im Teenageralter den Altern nachfolgend oder im jungen Erwachsenenalter ins goldene Europa heiratend, zu jedem Schicksals"typ" kommen unzählige Geschichten.

miraculix66
 
23
30.10.2010, 19:23

...der eine entfernte Verwandte, die in Deutschland aufgewachsen ist, heiratete. ...
inzest bei trk weit verbreitet...- das hat natürl. unterschiedl. auswirkungen auch auf das ges-syst..

Captain Ludd
104
29.10.2010, 11:11

Was ist eigentlich falsch an einer "Parallelgesellschaft"??

Da ich Musikantenstadl, Ö3, Bierzelte, ÖVP, Fremdenhass, Engstirnigkeit, Backhendl, Lederhosen und Dirndl zum kotzen finde und auch mit Lipizzaner, Mozartkugeln und Sängerknaben nichts anfangen kann, gehöre auch ich zu einer Minderheit und lebe in einer Parallelgesellschaft!!!

A_Schläsinger_vu_Brassel
00

Backhendel und Dirndln mag ich schon.

Rosa Stahl
31
5.11.2010, 12:00

Wenn ihnen Frau X dirndelbekleidet entgegenkommt, sehen Sie sie dann als minderwertiges Wesen an, weil sie eben nicht das trägt, was ihnen als richtig erscheint? Ausschnitt zu tief, Rock zu kurz....

Und ist jemand, der im Hauptabendprogramm Musikantenstadel anschaut für Sie einfach schon deswegen verachtenswert und sie wollen mit ihm deswegen erst gar nichts zu tun haben?

Hätten sie ein massives persönliches und familiäres Problem, wenn ihre Tochter einen Lederhosenträger heiraten will??

meinrad
11
7.11.2010, 09:16
3x ja!

miraculix66
 
00
8.11.2010, 07:43

das nennt man weltoffen...lol

emanze c
24
3.11.2010, 10:15

Wenn eine Parallelgesellschaft die Mehrheitsgesellschaft strikt ablehnt, mit ihr und deren Verfassung teils stark konfliktierende Praktiken, Lebensweisen und Ansichten lebt und weitergibt, dann ist das schon ein gewisses Problem. Da muss gar nicht erst die Ablehnung der Sicherheitsbehörden, die in Neukölln zu einem waschechten Problem der öffentlichen Ordnung und Sicherheit geworden ist, dazukommen.

a grünes stricherl
 
43
31.10.2010, 21:37
erstaunlich rassistische stereotype die sie da wälzen.

docw
00
29.10.2010, 23:15
Was ist eigentlich falsch an einer "Parallelgesellschaft"??

die gemeinsame sprache!

Mittel zum Zweck
01
2.11.2010, 14:29

Wenn ich die Vorarlberger beim Reden nicht verstehe, Parallelgesellschaft.
Skinheads, Punks, Biker, Sportfreaks, Emos, Teckno Kids usw. alles Parallelgesellschaft.

rhaino
21
31.10.2010, 00:21

Also in meiner Parallelgesllschaft wird zwar Deutsch gesprochen, die Sprache ist aber trotzdem eine andere, als die des Musikantenstadls, Ö3 etc.

miraculix66
 
04
30.10.2010, 19:24

verwandt-ehen?

Mathias
 
02
29.10.2010, 13:24
Lipizzaner

Sie sind also auch ein Pferdehasser? Nun, niemand ist perfekt ... Pferde sind als Leberkäse auch zu empfehlen ;-)

Captain Ludd
00
29.10.2010, 17:10
na ja

Leberkäse ist ok, aber aus Lipizzanern ist er mir, glaube ich, zu teuer.

knievel
33
29.10.2010, 10:53

mich würd ja mal interessieren wer sich so ein buch überhaupt kauft und wozu man es lesen sollte.
ausser anderen türkischen männern die probleme haben und sich vielleicht nicht in selbsthilfegruppen trauen oder keine parat haben fällt mir da keine wirkliche zielgruppe ein...

kinderansprecher
03
31.10.2010, 11:37

die zielgruppe ist die politik.

bald werden sozialarbeiterInnnen und manche parteien fordern, jeden türkischen zuwanderer zu einer 1-jährigen therapie zu verpflichten.

Captain Ludd
02
29.10.2010, 11:04
tja

Vielleicht, da es hilft andere Menschen zu verstehen???

Oder lesen Sie nur Bücher, in denen es über Sie geht?

knievel
21
29.10.2010, 11:10

da brauchen sie ja nicht gleich untergriffig werden.(übrigens heisst es 'um Sie geht').

um leute zu verstehen sollte man mit ihnen reden und nicht ihre geschichten aus dritter hand lesen.
ich lese sehr viel mit ethnologischem bezug, einzelschicksale wie diese regen mich allerdings genausowenig zum lesen an wie beispielsweise ein kampusch-biografie. deswegen auch die frage.

Captain Ludd
21
29.10.2010, 17:07

Das "Problem" ist also die "grosse anzahl männlicher türkischstämmiger männer"?

Die Anwesenheit reicht also um ein Problem darzustellen?

Sorry, aber das ist purer Rassismus!

knievel
03
29.10.2010, 23:50

sind sie grad aus einem längeren koma erwacht?
ja, genau darum drehen sich gerade in mehreren europäischen länder die grossen debatten.
wo sie die anwesenheit herauslesen bleibt mir schleierhaft es geht um anzahl, bildungsgrad, religionshörigkeit und integrationsbereitschaft.

Captain Ludd
21
29.10.2010, 11:17

("übrigens heisst es 'um Sie geht'"
danke.
übrigens heisst es "heißt")

Es ist schön für Sie, dass Sie die Möglichkeit haben, mit Menschen aus allen Teilen der Erde und aus unterschiedlichsten Schichten mit unterschiedlichsten Problemlagen zu sprechen.

Manche haben diese Möglichkeit halt nicht, die wollen solche Bücher vlt lesen.

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