"Nur Spione müssen perfekt Deutsch sprechen"

Mascha Dabic, 28. Oktober 2010, 11:46
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    foto: dastandard.at/mascha dabic

    Rudolf de Cillia: "Wichtig ist, dass ein Mensch sich an seinem Arbeitsplatz verständigen kann."

Der Sprachwissenschaftler Rudolf de Cillia spricht im Interview mit daStandard.at über Spracherwerb in Zeiten der Integrationsdebatte

daStandard.at: Das schlechte Abschneiden Österreichs bei der PISA-Studie wurde vielerorts mit dem hohen Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund in Zusammenhang gebracht. Was bedeutet ein hoher Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund für das Leistungsniveau der Schulen?

Rudolf de Cillia: Es ist ein No-Na-Ergebnis, wenn man feststellt, dass Migrantenkinder schlechter abschneiden als solche mit deutscher Muttersprache, schließlich wurden die Tests auf Deutsch durchgeführt. Ich würde auch schlechter abschneiden, wenn ich einen Test auf Englisch oder Französisch machen müsste. Es ist logisch, dass man in der Erstsprache stärker ist. Es gibt aber Einwanderungsländer, wo das nicht der Fall ist, Kanada oder Singapur. Dort ist die Sprachförderung intensiver, weil diese Länder sich andere Segmente von Zuwanderern aussuchen, sie bestimmen von vornherein, wer einreisen darf.

Damit betreiben sie Elitenzuwanderung, wenn man so will. So ein PISA-Test hat eine soziale Streuung, Angehörige unterer sozialer Schichten schneiden schlechter ab als AHS-Schüler, und in dieser Hinsicht haben Migranten einen doppelten Statusnachteil. Viele stammen aus unteren Schichten, die Eltern üben manuelle Berufe aus und haben eine andere Sprache.

daStandard.at: Eigentlich sind Kinder sozusagen berühmt dafür, Sprachen schnell und leicht zu erlernen. Warum sind die Deutschkenntnisse bei vielen Kindern mit Migrationshintergrund trotzdem so schlecht?

de Cillia: Es kommt darauf an, wann man eine Sprache lernt. Wenn ein Kind bis zu seinem sechsten Lebensjahr nur die Muttersprache zu Hause verwendet hat und keinen Kontakt mit der deutschen Sprache hatte, wird es schwierig, in der Schule mit den anderen Kindern gleichzuziehen. Man braucht viel Zeit und gute Bedingungen, um ein gutes Sprachniveau zu erreichen. Wenn man etwas früher mit dem Erwerb der Zweitsprache beginnt, im Alter von drei oder vier Jahren, dann ist man auf die Schule schon viel besser vorbereitet.

daStandard.at: Mehrsprachigkeit wird auf diplomatischer und internationaler Ebene immer als ein erstrebenswertes Ziel proklamiert. Sind aber Migrantenkinder stolz auf ihre Zweisprachigkeit?

de Cillia: Die Mehrsprachigkeit mit Minderheitensprachen wird häufig viel weniger geschätzt, verdrängt und als ein Defizit wahrgenommen. Die Politik zielt darauf ab, die Defizite zu sehen, und nicht die Ressourcen. Wenn man die Ressourcen anschaut, weiß man, dass es einen großen Bedarf an hochqualifizierten Menschen mit zweisprachigen Kompetenzen gibt. Es wäre wichtig, mehr zweisprachige Kindergärtnerinnen, Lehrer, Ärzte oder Polizisten zu haben.

Ob die betroffenen Kinder stolz auf ihre Zweisprachigkeit sind, hängt ganz stark von der Umgebung ab. Wenn im Kindergarten oder in der Schule vermittelt wird, es ist toll, was du kannst, sind sie stolz. Wenn man den Kindern aber verbietet, in der Pause ihre Sprache zu verwenden oder sich über die Erstsprache der Kinder lustig macht, genieren sich die Kinder und verstecken ihre Mehrsprachigkeit.

daStandard.at: Ist es sinnvoll, die Menschen über die Integrationsvereinbarung zu zwingen, Deutsch zu lernen?

de Cillia: Bei solchen Zwangsmaßnahmen scheint es sich um Schikanen zu handeln, denn sie betreffen nur Zuwanderer aus Drittländern. Zuwanderer aus Tschechien, Portugal, Spanien oder Ungarn können ungehindert zuwandern und müssen keine Prüfung ablegen. Es kann also nicht wirklich um Sprachkenntnisse gehen.

Man müsste kostengünstige Kurse anbieten, zum Beispiel mit einem Selbstbehalt von einem Euro und nicht fünf Euro, wie es derzeit der Fall ist. Die Sprachkurse müssen zielorientiert sein und niederschwellig, wie zum Beispiel die Kurse „Mama lernt Deutsch“, die auch Mütter mit kleinen Kindern besuchen können. Es kann ja auch nicht darum gehen, dass man perfekt Deutsch lernt. Nur Spione müssen perfekt Deutsch sprechen, um nicht aufzufallen. Wichtig ist, dass ein Mensch sich an seinem Arbeitsplatz verständigen kann.

daStandard.at: Was kann ein Lehrer tun, wenn er mit Schülern mit mangelnden Deutschkenntnissen konfrontiert ist?

de Cillia: Als Einzelperson steht man da auf verlorenem Posten. In einer solchen Klasse sind die Erfolgsprognosen schlecht, aber das ist nicht die persönliche Verantwortung des Lehrers, das ist eine Systemfrage. Man braucht zwei Lehrer, wobei ich dafür plädiere, dass man die Kinder auch zweisprachig alphabetisiert, wie es etwa in Burgenland und Kärnten bei den Kroaten und Slowenen gemacht wird. Institutionelle Begebenheiten sind auch wichtig, zum Beispiel ein kostenloser Kindergarten, damit die Kinder möglichst früh intuitiv die Sprache erlernen können. Für einen einzelnen Lehrer sind die Möglichkeiten begrenzt.

daStandard.at: Türkische Kinder und Jugendliche werden häufig als eine besondere Problemgruppe dargestellt, wenn es um den Erwerb der deutschen Sprache geht. Was ist da dran, und woran könnte das liegen?

de Cillia: Kinder aus islamischen Ländern sind stärker ausgegrenzt, seit 9/11 ist der Islam ein Feindbild in unserer Gesellschaft. Meine Kollegin Katharina Brizić hat herausgefunden, dass Kinder mit türkischer Muttersprache wesentlich schlechter als Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien abschneiden. Das liegt daran, dass das Bildungssystem im ehemaligen Jugoslawien besser war, und dass die Kinder aus der Türkei oft ein schlechteres sprachliches Kapital mitbringen. Viele Kinder stammen aus kurdischen Familien, in denen rudimentäre Türkischkenntnisse an die nächste Generation weitergegeben wurden, wodurch der Erstspracherwerb bereits stark eingeschränkt wurde. Diese Gründe dafür sind also sozialer, historischer und gesellschaftlicher Natur, es geht hierbei nicht um Sprache und Kultur. (daStandard.at, 28.10.2010)

Rudolf de Cillia ist am Institut für Sprachwissenschaft der Universität Wien tätig und beschäftigt sich unter anderem mit Spracherwerb und Migration.

Links:

„A kući sprecham Deutsch.“ Sprachstandserhebung in multikulturellen Volksschulklassen: bilingualer Spracherwerb in der Migration


Das geheime Leben der Sprachen

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 151
1 2 3 4
Sepp Papmahl
22
3.11.2010, 17:01
Nur Spione...

Diese Immigrantenkinder tun mir sehr leid.
Sie werden nie in der Genuss der sprachlichen Feinheiten und Schönheiten der deutschen Sprache kommen und nie unsere Klassiker im Original lesen und verstehen können. Bedauerlich.
Da hilft nur Eigeninitiative und üben, üben, üben.
Jammern hilft bestimmt nicht; auch kein "Mitleid".

meinrad
20
9.11.2010, 21:39

man muss ja selber nicht perfekte aussprache und grammatik zusammenbringen (wenn wir uns ehrlich sind, welcher native speaker verwendet im alltag immer nur perfekte grammatik? ich sicher nicht), passiv verstehen kann mans ja trotzdem. darum gehts hier, glaub ich.

A_Schläsinger_vu_Brassel
01
17.1.2011, 02:43

Dass Sie nicht richtiges Deutsch sprechen, glaube ich Ihnen aufs Wort. Aber man sollte nicht immer von sich selbst auf andere schließen.

Außerdem: Das deutsche Wort heißt "Muttersprachler", falls Sie es bis itzo noch nicht wussten.

Morpheus DerStandard
111
30.10.2010, 20:40

Zitat Rudolf de Cillia:"Viele stammen aus unteren Schichten, die Eltern üben manuelle Berufe aus und haben eine andere Sprache."

Und ich übe einen Automatischen Beruf aus :P

Nochmal de Cillia:"kostengünstige Kurse anbieten, zum Beispiel mit einem Selbstbehalt von einem Euro und nicht fünf Euro"

Habi kane funf eiro - um mein Kind in DER Sprache zu unterstützen in dessen Land ich ausgewander bin!? Leck mich am A....h!

Super Zitat:"Kinder aus islamischen Ländern sind stärker ausgegrenzt"

Mir fehlen die Worte!

Zitat:"seit 9/11 ist der Islam ein Feindbild in unserer Gesellschaft"

Nein, das war schon vorher so.

Pah - keine Zeit mehr um auf dieses gescheiterte Projekt "Integration" einzugehen...

gn8

leise
12
30.10.2010, 19:28

wenn die türkischen kinder in der schule nicht ausgegrenzt werden, dann lernen sie schnell deutsch, wenn sie ausgegrenzt werden, dann nicht.
in den USA oder kanada ist man ganz eifach nicht nur auf dem rationalen wege motiviert, sondern auch emotional. kinder lernen mit ferude sehr schnell.

Cielito Lindo
02
3.11.2010, 23:41

In meiner Klasse werden keine Türken ausgegrenzt, da sie in der Mehrheit sind. Die Gefahr besteht eher bei den andern Migrantenkindern in der Klasse. Da ich aber selber mehrere Sprachen beherrsche, werden sämtliche Sprachen, die wir sprechen in den Unterricht miteinbezogen. Die Kinder sind begeistert, der Lehrer auch.

bescheiden1
00
4.11.2010, 10:03

danke... ich habe es mir immer so vorgestellt. die mehrheit der österreicher glaubt, das es sowas nicht gibt.

anders and
 
00
30.10.2010, 21:14
muy buena chiste!!!

In den USA gibt es immer mehr Kinder, die nur spanisch sprechen und dem englischsprachigen Unterricht nicht mehr folgen können.

PsDa
01
1.11.2010, 15:44
El chiste!

leise
03
31.10.2010, 00:00

1. ja, aber aus ganz anderen gründen, weil z.b. die ganze stadt spanisch spricht
2. es wird dort nicht so tragisch aufgefasst (es ist auch nicht tragisch)

anders and
 
02
31.10.2010, 08:31
ich habe mich vor ein paar Wochen mit Berichten zu dem Thema beschäftigt

und war über die Ähnlichkeit zur Situation der Türken selber verblüfft.

Dass es in den USA nicht so tragisch genommen wird wie bei uns ist richtig. Es wird nämlich als noch tragischer gesehen.

Nur ein völlig absurdes Beispiel:
http://education.change.org/blog/view... ed_parents

Können Sie sich so etwas in Österreich vorstellen?

leise
00
31.10.2010, 16:52

1. nein, ähnliches kann ich mir in österreich nicht vorstellen, weil es in den katholischen schulen, mit zahlreichen fällen von missbrauch es keine türkischsprachige sekretärinnen gibt, die man feuern könnte. noch schlimmer!!! es kommt meistens keine mutter, die sich beschweren möchte, egal in welcher sprache.
2. wir kommen vom thema weg, im artikel ist kein wort über kinder, die nicht englisch können

anders and
 
00
31.10.2010, 19:27
hier haben Sie einen solchen Artikel

http://www.freerepublic.com/focus/f-n... 3707/posts

wobei Spanisch und Englisch einander wesentlich näher sind als Türkisch und Deutsch

wolf navarrete
 
00
30.10.2010, 22:17

"chiste" ist maskulinum

=> muy buen chiste

anders and
 
10
31.10.2010, 11:29

meus culpa!

meinrad
00
9.11.2010, 21:42

romani ire domus!

werwolfi
23
29.10.2010, 18:43

"Nur Spione müssen perfekt Deutsch sprechen, um nicht aufzufallen."

na ich weiß nicht so recht.
bei den manchmal inferioren sprachkenntnissen von teilen der hiesigen autochtonen bevölkerung (darunter auch jene, die von zuwanderern geifernd gute deutschkenntnisse fordern - diese schnittmenge ist der FP-wählerpool ;oP ) fällt jeder spion sofort auf wie ein grüngestreifter hund, falls er perfekt deutsch spricht...
;o)

Franz Bim
 
13
30.10.2010, 19:03
Ein Gscheiter kann sich Blöd stellen

Perfekte Sprachbeherrschung bedeutet natürlich, neben der gehobenen Umgangssprache auch die wichtigsten Unterschichtensoziolekte sprechen und verstehen zu können.

Settembrini
25
29.10.2010, 18:43
Man muß ja kein Wissenschafter sein, um Selbsterlebtes mit Migranten zu beurteilen.

Wenn zwei Bauarbeiter, sympathische Männer übrigens, tüchtig, die seit 25 Jahren bei einer von unserer Familie öfters engagierten kleinen Baufirma arbeiten, wenn die zwei also nach 25 Jahren nur ein paar Infinitive kennen, dann kriege ich einen dicken Hals, der auch durch noch so gefinkelte Beweisführungen wie die des Interviewten nicht dünner wird. Gibt es in Wien Geschäfte, in denen fast ausschließlich slawische Kunden einkaufen? Türkische gibts sehr wohl, ebenso in Innsbruck. Dürfen ungarische oder tschechische Frauen einen freundlichen (nicht anbaggernden) Gruß eines Mannes erwidern? Ja. Türkische oftmals nicht. Wird man mit Kindern aus einem Beserlpark geekelt, weil dort Tschechen oder Ungarn sind? Nein....Beliebig fortsetzbar. Leider.

Manuel Galvestor
14
29.10.2010, 18:34
Zuwanderer aus Tschechien, Portugal, Spanien oder Ungarn

....ganz einfach, weil diese Einwanderungsgruppen normalerweise auch später deutsch spricht und sich integriert und nicht 40 Jahre sich in Österreich aufhält und immer noch kein Wort Deutsch spricht.

Jo eh...
16
29.10.2010, 18:26

Das mit Kanada stimmt nicht wirklich. Wir alle haben oft ein falsches Bild von Einwanderung nach Kanada, nur Eliten, usw. In Wahrheit gibt es aber auch viel niedrigqualifizierte Einwanderung nach Kanada, weil der Familienzuzug sehr großzügig ist. Warum klappts dort also so viel besser als bei uns? Weil man den Schülern (und den Eltern!) massive Hilfestellungen leistet, weil die Gesellschaft toleranter ist und Lernen unterstützt. Bei uns wird man schikaniert und nachgeäfft wenn man imperfekt Deutsch spricht, dort wird man gelobt für seine Fortschritte wenn man imperfekt Englisch spricht. Außerdem sind Einwanderer viel akzeptierter und deshalb sozial weniger segregiert. Kein Wunder dass Kinder dort besser Englisch lernen als bei uns Deutsch.

DM2006
02
29.10.2010, 18:41

Das stimmt schon mit dem Familienzuzug in Kanada, aber der ueberwiegende Anteil der Einwanderer ist hochqualifiziert (wobei leider trotzdem viele als Taxifahrer enden, weil ihre Titel nicht anerkannt werden).
Es gibt aber auch in Kanada Bevoelkerungsgruppen, die sehr schlecht oder gar nicht Englisch sprechen.
Sikhs sind z.B. eine dieser Bevoelkerungsgruppen.

Jo eh...
18
29.10.2010, 18:32
Teil 2

Bei uns macht sich ja auch niemand die Mühe mit Einwanderern korrektes Deutsch zu sprechen. Jeder kennt unzählige Beispiele von "Du müssen..." usw. So etwas wäre in Kanada völlig undenkbar, dort redet man mit Einwanderern korrektes Englisch, spricht halt etwas langsamer, verwendet halt etwas einfachere Worte. Na welches Verhalten ist wohl effektiver?

Insofern muss ich sagen dass die Sprachprobleme die es bei uns gibt zum Großteil hausgemacht sind und vermeidbar wären, wenn die "Eingeborenen" sich anders verhalten würden.

Man muss aber auch mal ganz ehrlich sagen dass man, wenn man in Wien mit der Straßenbahn oder U-Bahn fährt, unzählige Einwandererkinder sieht und hört die sehr gut Deutsch sprechen usw. Insofern ist das Problem klein.

gogosch der Grosse
32
29.10.2010, 18:17
Viel zielführender wäre es, wenn

erstens, Türkisch eine offizielle Unterrichtssprache wäre und zweitens, wir Österreicher endlich Türkisch lernten..
Türkisch muss in AT eine offizielle Amtssprache werden.

anders and
 
02
30.10.2010, 21:51
billige Ironie

die noch dazu übersieht, dass viele der älteren Zugewanderten Analphabeten sind und auch nicht vernünftig Türkisch können.

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