daStandard.at-Interview

"In der Türkei kommt die Beziehung vor der Sache“

Olivera Stajić, 30. November 2010, 09:41
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    foto: caliskan network

    "Unternehmer mit Migrationshintergrund haben es gelernt in einem herausfordernden und ihnen fremden Umfeld Geschäfte zu machen - einige von ihnen sind dabei sogar sehr erfolgreich."

Der Liebe wegen kam Çağlayan Çalışkan nach Österreich. Als Unternehmensberater und interkultureller Übersetzer sorgt er für erfolgreiche geschäftliche Beziehungen zwischen Türken und Österreichern

Die erste Hälfte seines Lebens hat Çağlayan Çalışkan in der Türkei verbracht. Seit über 20 Jahren lebt und arbeitet er in Wien. Er berät Unternehmen und Projekte in Sachen interkulturelle Kompetenz und begleitet österreichische Unternehmen bei der Erschließung des türkischen Marktes. Mit daStandard sprach er über migrantisches Unternehmertum und kulturelle Eigenheiten.

daStandard.at: Herr Çalışkan, gibt es aus Ihrer Sicht genug Beratungsangebote, die für Unternehmer mit Migrationshintergrund zugeschnitten sind?

Çalışkan: Ja, ich denke schon. Es gibt mittlerweile ausreichend Beratung in allen Bereichen, auch seitens der Interessenvertretungen. Wobei ich nicht glaube, dass die Beratung für migrantische Unternehmer immer besonders speziell sein muss. Was ich allerdings sehr schätze, ist das Projekt "Mentoring für MigrantInnen" der WKÖ. Hier bekommen Neuankömmlinge Unterstützung von erfahrenen Unternehmern oder führenden Angestellten. Für die geschäftliche Integration bzw. den Einstieg ins Berufsleben ist das sehr hilfreich.

Was können heimische Unternehmer von Unternehmern mit Migrationshintergrund lernen und umgekehrt?

Çalışkan: Unternehmer mit Migrationshintergrund haben es gelernt in einem herausfordernden und ihnen fremden Umfeld Geschäfte zu machen - einige von ihnen sind dabei sogar sehr erfolgreich. Das ist gewiss ein Plus für unsere gesamte geschäftliche Tätigkeit in Österreich. Der gegenseitige Austausch kann für beide Seiten sehr fruchtbar sein.

Welche Erfahrungen gibt es hinsichtlich der Kreditvergabepraxis seitens der Banken: Haben es Unternehmer mit Migrationshintergrund schwerer an Kredite zu kommen oder nicht?

Çalışkan: Ich habe keine Fakten in der Hand, keine Zahlen, die es nachweisen würden, dass der Migrationshintergrund Nachteile bringt. Genauso ist es mit der Diskriminierung der Arbeitnehmer. Es wurden noch keine Daten dazu erhoben, ob eine Bewerbung auf Grund der Herkunft des Bewerbers nicht berücksichtigt wird - das nachzuweisen ist sehr schwer.

Sie arbeiten auch als interkultureller Berater. Was kann man sich darunter vorstellen?

Çalışkan: Wir sind interkulturelle Übersetzer. Wir sorgen dafür, dass es weniger Missverständnisse gibt. Wir helfen dabei mit Menschen, die aus anderen Kulturkreisen kommen erfolgreich zu kommunizieren. Wenn ein Unternehmen beispielweise seine Dienstleistungen einer Migrantengruppe anbieten möchte, braucht es Detailkenntnisse und zwar nicht nur "hard facts" sondern auch Kenntnisse über Wertvorstellungen und Kommunikationsmuster. Außerdem geht es darum die Ressourcen, die man aus dem eigenen Kulturkreis mitbringt, auch in einem fremden Land erfolgreich zu nutzen.

Wenn sie österreichischen Unternehmer beraten, die in die Türkei expandieren, welchen ersten Tipp geben Sie ihnen?

Çalışkan: In jeder Branche ist es ein wenig unterschiedlich, aber eigentlich gibt es einen wichtigen Moment, der überall gleich ist: In der Türkei kommt die Beziehung immer vor der Sache. Bevor man verhandelt oder präsentiert, muss man eine Beziehung mit seinem Gegenüber herstellen. Man erzählt sich ein wenig über die Familie, ob man zum Beispiel Kinder hat oder nicht - man wird also ein wenig "persönlicher". Ich muss aber sagen, dass die Österreicher in diesem Punkt ganz geübt sind. Sie kommen mit den Kulturen im Westen aber auch mit jenen im Süden und Osten ganz gut zu recht.

Gehen die österreichischen Unternehmen derzeit gerne in die Türkei?

Çalışkan: Es gibt einige, die seit Jahrzehnten in der Türkei sehr erfolgreich sind. In den letzten Jahren nimmt dieser Trend immer mehr zu. In den letzten zehn bis fünfzehn Jahren war für österreichische Unternehmen Südosteuropa das Hauptziel. Im nächsten Jahrzehnt ist das, meiner Einschätzung nach, der türkische Markt.

In den letzten paar Wochen scheint die Beziehung zwischen den Türken, die in Österreich leben und den autochthonen Österreichern ein wenig angespannt. Bemerkt man das auch in der Geschäftswelt?

Çalışkan: Ich persönlich nehme in der geschäftlichen Sphäre keine Spannungen wahr. Mein Eindruck ist, dass die Diskussionen der letzten drei Wochen sehr emotional geführt wurden, aber auf die österreichisch-türkischen Business-Beziehungen haben diese politischen Debatten keinen Einfluss - noch nicht.

Çağlayan Çalışkan ist Unternehmensberater, Buchautor, interkultureller Trainer und Schiffskapitän. Zwar ist er schon lange nicht mehr auf den Meeren, dafür jedoch umso öfter als interkulturelle Brücke zwischen Deutschland, Österreich und der Türkei unterwegs. Nach seinem Studium an der Hochschule für Seehandel und Schifffahrt in Istanbul kam er 1988 nach Österreich.

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11 Postings
JonBut
11
17.12.2010, 11:16
Die Liebe als Brücke

Ich glaube zu wissen, seine "Liebe" ist mittlerweile in die Türkei ausgewandert und workt für eine österr. Personalfirma vor Ort.
Heisst: Der "Fesche" hat die Liebe perfekt als Brücke ausgenützt.
Und das Bild ist auch gut 5 Jahre alt.
Der Wahrheit zu Diensten...

Die Ente Lippens
12
30.11.2010, 21:31
Der fesche Herr ist genauso repraesentativ fuer seine Landsleute in Oesterreich wie Romy Schneider fuer Oesterreicher in Caorle.

Sinnlos, erfolgreiche Paradeschoenheiten vorzufuehren um gute Stimmung zu machen. Jenseits der Lebensrealitaeten. Herr Strache kann sich bei derartiger Behandlung des Themas uber weitere Stimmenzuwaechse bereits freuen.

knievel
34
30.11.2010, 15:02

"In der Türkei kommt die Beziehung immer vor der Sache"

auf gut deutsch: freunderlwirtschaft.
kenne das aus geschäftsbeziehungen mit nigeria. ist furchtbar wenn man sich leuten anbiedern muss um ein geschäft zu machen obwohl es auch auf rein sachlicher ebene ginge (zb. weils ohnehin keinen anderen anbieter gibt :-)

I know that you know it better
01
30.11.2010, 22:04
Herr oder Frau Österreich/In

Freunderlwirtschaft ist ein Phänomen,
"... die Beziehung vor der Sache" ein anderes.

In der Freunderlwirtschaft "hilft" man sich gegenseitig ein wenig wie allgemein bekannt ist.
In der Türkei ist auch außerhalb der Geschäftswelt immer eine der ersten Fragen: " Wie gehts der Familie?" ... Das hat nix mit Freunderlwirtschaft zu tun. Das Gespräch verläuft immer zuerst auf persönlicher Ebene. Zumindest meiner Erfahrung nach... Sofern ich das als Österreicher der nur für ein halbes Jahr in der Türkei gelebt hat beurteilen kann.

knievel
00
1.12.2010, 16:44

interessant wäre ob es auf türkischer seite ein depandant dazu gibt das den dortigen wirtschaftstreibenden empfiehlt sich diese frage zu verkneifen wenn sie mit österreichern geschäfte machen.

mr. z
01
30.11.2010, 16:01
wie in österreich

damit erfüllen die türken doch die perfekten assimilationsbedingungen.
freunderlwirtschaft, insbesondere in politiknahen bereichen, ist doch auch bei uns das a und o des erfolgs (oder misserfolgs. siehe skylink)

Die Ente Lippens
00
30.11.2010, 21:33
Auch schoenes Geschaeft: "Interkulturelle Beratung". Kann auf staatliche Foerderung zaehlen, kann sich dessen ungeachtet als Wirtschaftsgroesse feiern lassen.

AllesWieImmer
22
30.11.2010, 13:15
Das gilt in Österreich mittlerweile auch!

... Österreich verkommt mehr und mehr zu einem leistungsfeindlichen Staat der Erben.
Die OEVP Salzburg z.B. will allen Ernstes die Aufnahmeprüfung in die Langform der AHS wieder einführen! (Dabei geht es diesen Lodenträgern nicht um Leistung sondern um vererbtes kulturelles Kapital, das vor der Pubertät der Kids noch schnell "verewigt" werden soll!)
Volkswirtschaftliche gesehen ist das so absurd und so zukunftsabträglich, schlimmer geht es "nimmer"!
Doch man scheint aus der Vergangenheit nichts zu lernen! Distinktion ist wieder im Kommen: Statt in die Zukunft wird Energie in sinnlose, psychosozial extrem auffällige Statusabgrenzungen investiert!

mika33
02
30.11.2010, 14:43
Vererbets kulturelles Kapital

Was isn das?
Und was hätte das dann mit einer AHS-Aufnahmeprüfung zu tun?

AllesWieImmer
00
30.11.2010, 16:30
"Bildung" hat insbes. in jungen Jahren wenig mit Leistung & Intelligenz zu tun

Ein Stichwort ist z.B. Chancengleichheit.
Frauen z.B. wurde der Zugang zur Bildung, insbes. der, die sich materiell kapitalisieren läßt, lange Zeit vorenthalten: Dazu wurden die absurdesten Argumente konstruiert und "naturalisiert": die natürliche Bestimmung, die Natur der Frau sei ...
Mit Leistung & Intelligenz in jungen Jahren verhält es sich nämlich: Eine Aufnahmeprüfung in ein Gym mit 10 / 11 Jahren - und ich hab eine solchen Unsinn 1969 ja noch gemacht - wählt nicht die Intelligentesten & Leistungsfähigsten aus sondern die Kids, die ihre Bildung qua Elternhaus - ich schreib mal - einfach so mitbekommen, also ererbt, haben. Dass Bildung "Kapital" ist & sich kapitalisieren läßt, das ist ja mittlerweile eine Binsenweisheit!

johann potakowskyj
 
00
30.11.2010, 12:34
da kommen wir auf einen der wenigen Punkte

wo - sagen wir - gar nicht einmal so die Integration, aber doch der Kulturaustausch gut funktioniert hat.

Insbesondere kleine Urösterreichische Unternehmer haben schnell gelernt, wie schlecht man Personal behandeln kann. Ich mein, so trotz dem vollem Durchschlagen der Aufklärung des christlichen Europa in der zweiten Hälfte des 20 Jahrhunderts.

Man hat sich der gemeinsamen schlechten Eigenschaften der Hierarchien schnell erinnert und diese sofort wieder angenommen.

Ohne den patriarchalischen Vorbildern der levantinischen und orientalischen Immigration wäre anfangs des 21 Jahrhunderts wäre ja ein offenes Bekenntnis zum wertkonservativen Weltbild wohl mehr als Obskur gewesen.

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