Ein Gespräch mit Zwetelina Ortega, der Geschäftsführerin des Vereins Wirtschaft für Integration, über den Wert der Mehrsprachigkeit und die Vorurteile gegenüber Gastarbeiterkindern
Fangen wir mit der üblichen Frage an: Wann und wie kamen Sie nach Österreich?
Ortega: Mein Vater kam Mitte der 80er als Korrespondent der Sofia Press, einer bulgarischen Nachrichtenagentur nach Wien. Der Vertrag lief nach fünf Jahren aus. Seit dem ich acht bin, lebe ich in Wien. Verlassen habe ich Österreich nur für ein paar Gastsemester, um in Portugal portugiesische Literatur und Sprachwissenschaft zu studieren.
Wieso haben Sie beschlossen Sprachen zu studieren und wieso ausgerechnet Romanistik ?
Ortega: Ich habe eigentlich ein Medizinstudium begonnen. Das ist ja etwas Solides, dachte ich. Aber irgendwie hat es mich nicht berührt - ich hab schnell eingesehen, dass das nichts für mich ist. Literatur hingegen hat mich schon immer interessiert. Beim zweiten Anlauf habe ich Sprachen studiert, also das, was ich eigentlich schon von Anfang an hätte tun sollen. Die Entscheidung für Romanistik war naheliegend, weil meine Mutter in Kuba aufgewachsen ist. Mein Großvater hat dort gearbeitet, und sie hat dort die Schule besucht war dort in der Schule und hatte auch ein Studium in Kuba begonnen. Zurück in Bulgarien hat sie die spanische Sprache gepflegt und sie an uns Kinder weiter gegeben.
Sie sind also quasi dreisprachig aufgewachsen?
Ortega: Ich bin meiner Mutter sehr dankbar, dass sie sehr konsequent war mit der Mehrsprachigkeit. Von ihr haben wir Spanisch-Unterricht bekommen. Sie hat uns auch für einen Monat nach Kuba bzw. Mexiko geschickt. Das Bulgarische ist mehr oder weniger automatisch gekommen, aber auch hier haben mein Bruder und ich in den Ferien von den Großeltern und den Eltern Hilfe bekommen - im Lesen und Schreiben vor allem.
Sprachen und das Arbeiten mit Sprachen haben Sie auch nach dem Studium begleitet....
Ortega: Ja, nach dem Studium habe ich viel übersetzt und gedolmetscht. Ich hab unter anderem Veranstaltungen am Spanischen Kulturinstitut Cervantes in Wien organisiert. An der Universität Wien habe ich einen kleinen Lehrauftrag als Lektorin für Spanisch.
In Ihrer neuen Funktion als Geschäftsführerin des Vereins Wirtschaft für Integration betreuen Sie das Projekt "Sag's Multi"*. War dieser Sprachwettbewerb Ihre Idee?
Ortega: Leider nein, aber es ist so als wäre sie eigens für mich konzipiert worden. Es ist eines meiner liebsten Projekte, bei dem ich mit Leib und Seele dabei bin. Ich finde, dass es ein schönes Beispiel dafür abgibt, wie man Potenzial nutzen kann und wie man Kindern und ihren Eltern sehr früh bewusst machen kann, wie wichtig Mehrsprachigkeit ist. Es ist nicht in allen Familien der Fall - wie es in meiner war - dass man einen positiven Zugang hat. Und dieses Projekt setzt sehr früh an, bereits bei den 13-Jährigen, in einem Alter, wo man noch viel retten kann.
Was ist so wichtig an der Mehrsprachigkeit?
Ortega: Sie ist ein Weltphänomen. Wir sind so gut wie alle mehrsprachig. Die Menschen, die Gesellschaften und auch die meisten Nationen - wenn man schon in solchen Kategorien denken muss. Österreich ist auch mehrsprachig. Allein wenn man die sogenannten Minderheitensprachen hernimmt. Wobei ich diese Kategorien "Mehrheitsgesellschaft" und „Minderheiten" nicht mag, denn das ist etwas, das sich relativ schnell verändert, wie die Geschichte zeigt. Sprachen verändern sich auch, denn die Menschen wandern ständig.
In Österreich wird das Thema "Sprache" in den letzten Jahren sehr emotional diskutiert...
Ortega: Der einsprachige Weg, der uns da propagiert wird, ist ein Politikum. Österreich ist nicht einsprachig, obwohl uns das manche Politiker so verkaufen wollen. Die Kinder in den Bildungsstätten sind nicht einsprachig. Man muss das einsehen und dieses Potenzial endlich nutzen.
Trotz dieser Wirklichkeit und trotz zahlreicher sprachwissenschaftlicher Erkenntnisse, kommt es in Österreich immer wieder vor, dass Stimmen laut werden, die Kindern vorschreiben wollen, welche Sprache sie am Schulhof oder auf Ausflügen sprechen dürfen. Wie ist das zu erklären?
Ortega: Angst und Unwissen sind es, wahrscheinlich, die da sprechen. Und es ist ein einfacher Weg, mit der Mehrsprachigkeit umzugeben. Dieser Weg ist jedoch falsch. Das führt bei Kindern zu großen Identitätsproblemen. Wenn sie sehen, dass ein Teil von ihnen nicht angenommen wird, ist das sehr kontraproduktiv und höchst problematisch. Wenn eine Community ökonomische schwächer ist, , dann ist die Ablehnung massiver, glaube ich. Es ist immer eine Frage des Geldes und der Macht.
"Sag's multi" ist ein gutes Projekt, aber es findet leider nur einmal im Jahr statt. Was könnte man im Österreich noch unternehmen, um die Mehrsprachigkeit aufzuwerten?
Ortega: Man müsste sich auf höchster Ebene für die Mehrsprachigkeit entscheiden. Das wären eine Atmosphärenveränderung, ein Signal der Wertschätzung, das sich auf die öffentliche Meinung auswirken würde. Wir hoffen zumindest, dass der Stadtschulrat und das BMUKK unser Projekt als Modell nimmt und es auch im gesamten Land unterstützt. Aber eigentlich müsste das alles systematisch angegangen werden und nicht auf Projektbasis.
Diese Woche wurde eine Untersuchung veröffentlicht, die besagt, dass die wenigsten Kinder, nämlich nur 11 Prozent, zuhause nur ihre Muttersprache sprechen, die überwiegende Mehrheit spricht auch Deutsch...
Ortega: Das unterschreibe ich sofort. Das ist genau die Erfahrung, die ich mit "Sag's multi" mache. Die Kinder sprechen immer beide Sprachen. Genauso war es bei meinem Bruder und mir auch und bei vielen anderen Familien, die ich kenne.
Es gibt aber trotzdem die Meinung, dass Migrantenkinder keine der beiden Sprachen gut beherrschen. Stimmt das Ihrer Meinung nach?
Ja, das stimmt in vielen Fällen, es ist aber kein Phänomen, das allein die Gastarbeiterkinder betrifft. Wenn man nicht in der Umgebung lebt, in der die Sprache gesprochen wird, ist es schwierig, die Sprache zu pflegen und weiter zu entwickeln. Ich verwende Bulgarisch nur noch mit meinen Eltern, aber nicht mit Kollegen, um zum Beispiel über Literatur zu reden. Medien konsumiere ich auf Deutsch. Das heißt ich muss aktiv und bewusst diese Sprache pflegen, denn im Alltag begegne ich ihr nicht. Wenn die Eltern nicht dahinter sind, reduzieren sich immer mehr die Möglichkeiten, die Sprache nebenbei zu perfektionieren. Aber das ist nicht schlimm - eine Sprache ist immer ein wenig schwächer. Wichtig wäre es sich bewusst damit auseinanderzusetzten.
Wenn es um Deutschkenntnisse geht ist das Bildungssystem verantwortlich. Und hier sehe ich Problemen auch bei Kindern mit deutscher Muttersprache!
Zwetelina Ortega wurde 1979 in Sofia, Bulgarien geboren. Sie ist Übersetzerin, Dolmetscherin und Autorin. Seit März 2009 ist sie die Geschäftsführerin des Vereins Wirtschaft für Integration. Sie konzipiert und setzt die Projekte des Vereins um (z.B. Mehrsprachiger Redewettbewerb "Sag's multi", "Österreichischer Integrationspreis 2010").
*Link:
Sag's multi