Der österreichisch-kurdische Musiker Karuan sprach mit daStandard.at über seine musikalische Herkunft und die aktuelle Zuwanderungsdebatte in Österreich
daStandard.at: Karuan, deine Eltern kommen ursprünglich aus dem Irak, du bist hier in Wien geboren. Wie war das mit diesem Background in Österreich aufzuwachsen?
Karuan: Meine Eltern haben den Irak aus politischen Gründen in den 70er Jahren verlassen und sind danach nach Österreich gezogen. Ich bin also in einer kurdischen Familie in Wien Floridsdorf aufgewachsen. Es gab damals auch schon so etwas wie eine kleine kurdische Communitiy hier. Ich habe mir zu diesem Zeitpunkt allerdings nie Fragen über meine Identität gestellt und hatte damals auch keinen konkreten Bezug zu der Heimat meiner Eltern. Das meiste was ich wusste, waren Erzählungen meines Vaters, der Professor für Englisch damals im Irak war.
In Österreich hatte ich kaum Anpassungsschwierigkeiten, ich habe mich damals gleich zurecht gefunden. Die Herkunft hat damals nicht so eine große Rolle gespielt, wir hatten auch oft Österreicher zu Besuch bei uns zu Hause.
Wie hat sich deine Leidenschaft für Musik entwickelt, wusstest du schon immer, dass du einmal Musiker werden willst?
Karuan: Zunächst einmal durch die Musik, die ich zu Hause gehört habe. Die war natürlich durch die Herkunft meiner Eltern frühzeitig beeinflusst. Da es bei uns auch häufig traditionelle Feste gab, kam ich relativ bald damit in Verbindung. Ich habe dann später in der Schule in einer Band gespielt, bis ich erkannt habe, dass ich gern unabhängig meinen Stil durchziehen möchte. Aber meine zweite Leidenschaft galt dem Fußballspielen, eigentlich war das mein Traum. Ich habe damals als Tormann bei Union Landhaus in der Jugend gespielt und wollte das eigentlich professionell machen. Daraus ist dann leider nichts geworden (lacht).
Woher stammen deine musikalischen Wurzeln? Was macht deinen Stil aus?
Karuan: Als Kind kann ich mich noch gut an die Musik erinnern, die bei uns gespielt wurde, das waren unter anderem die kurdischen Musiker Mohamed Arif und auch Sivan Perwer, der auch einen gewissen internationalen Status erlangt hat. Ich habe mich allerdings nicht nur auf orientalische Elemente beschränkt, habe vor allem auch Rock und diverse andere Stilrichtungen gehört, wollte mich hier nie auf etwas beschränken. Neben Hip Hop und Elektro-Elementen wollte ich eben mehrere Stile in einer authentischen Art mit einander verweben. Die musikalischen Wurzeln meiner Herkunft wollte ich inkludieren, beide "Kulturen" mit einander verbinden.
Das Bild vom Orient wird heutzutage relativ häufig in den Medien aufgegriffen, nicht selten etwas verfälscht...
Karuan: Für mich als Musiker ist der Orient dort wo es überall die Viertel Noten gibt. Heutzutage wird das Wort etwas inflationär verwendet und beliebig für alle möglichen Länder im arabischen Raum verwendet. Es spielt da auch ein wenig Klischee mit hinein, wenn Leute in Europa darüber reden. Zumeist mit etwas Sehnsucht nach etwas, das ihnen fremd ist, dem sie neugierig gegenüberstehen. Heutzutage verbinden viele den Begriff leider auch mit Terrorismus. Er ist ein wenig negativ konnotiert.
Du hast auch an dem Soundtrack zum Film "Ein Augenblick Freiheit" des österreichischen Filmemachers Arash Riahi, der Geschichten von Flüchtlingen erzählt, gearbeitet. Wie hast du diese Geschichte wahrgenommen, konntest du dich in die einzelnen Schicksale hinein fühlen?
Karuan: Ich habe mir definitiv Gedanken darüber gemacht, die Geschichte meiner Eltern ist nicht ganz unähnlich gewesen. Die Motivation bei vielen, die damals den Irak oder den Iran verlassen haben war dieselbe: Sie wollten ein selbstbestimmtes Leben führen, eines in dem sie sich verwirklichen konnten. Meine Eltern hatten das Bedürfnis ihre kurdische Kultur auszuleben, sie nicht mehr zu unterdrücken. Viele Kurden haben aus diesen Gründen ihre Heimat verlassen, um nach Europa zu kommen. Viele von ihnen kamen eigentlich nur zum Studieren hierher, hatten kurzfristige Ziele, die sie hier verwirklichen wollten. Die Zeit wollte es so, dass viele schlussendlich dann doch in ihren jeweiligen Einwanderungsländern geblieben sind.
Was hältst du von der derzeitigen österreichischen Einwanderungspolitik, von den Methoden des Innenministeriums in Sachen Abschiebung?
Karuan: Was mir missfällt ist die Art, wie mit vielen Asylwerbern umgegangen wird. Es wird nur selten die Frage gestellt, wieso diese Menschen nach Österreich gekommen sind. Viele haben ja ganz offensichtlich dramatische Gründe. Was mir auffällt ist, das wir derzeit so etwas wie ein "Gegenteil von einem freien Europa" haben. Vor eine paar Jahrzehnten hat man die Gastarbeiter gebraucht, diese sollten am besten keine Ansprüche stellen. Dementsprechend haben diese Leute unter schwierigen Bedingungen in großer Zahl in kleinen Wohnungen gehaust und nicht allzu große Anforderungen gestellt. Heute ist das öffentliche Urteil gegenüber "Ausländern" noch härter, sie werden als Gefahr betrachtet, auch in wirtschaftlicher Hinsicht.
Was hältst du von der derzeitigen "guter Migrant/schlechter Migrant" Debatte?
Karuan: Grundsätzlich ist es abzulehnen Menschenin solche Kategorien zu unterteilen. Ich habe das Gefühl, dass viele einfach keine Ahnung von der jeweiligen Kultur dieser Menschen haben, sich auch nicht wirklich dafür interessieren. Ich stelle einfach so eine Verschlossenheit hier in Österreich fest, vor allem "Fremdem" gegenüber. Oft fehlt das Gemeinschaftsgefühl, bzw. auch ein generelles Mitgefühl für Menschen, die nicht aus Österreich stammen. Vor allem in den Debatten über diejenigen die abgeschoben werden sollen. Niemand fragt sich, wie sich diese Leute fühlen in Österreich. Es wird ihnen eine "Heimat" reingedrückt, so wie z.B.bei Arigona Zogaj, die sie selbst gar nicht als Heimat empfindet. Das sture Beharren auf Gesetzen ist schlicht Dummheit und völlig absurd. Was bringt es der Politik in Österreich diese Menschen aus ihrem gewohnten Umfeld zu reißen, einem Umfeld, das sie als Zuhause empfinden?
Karuan (bürgerlich Karwan Marou) ist ein Wiener Musiker mit kurdischen Wurzeln. Er wurde 1976 in Wien geboren. Beeinflusst von orientalischen Klänge seiner Heimat treffen auf seinen beiden Alben "Dohuki Ballet" und "Pop Arif" okzidentale Elektro- und Pop-Elemente aufeinander.
Karuan spielt am 23.12 live im Roxy in Wien.