"Alles andere ist nur Brötchenverdienen"

Eva Zelechowski, 16. Dezember 2010, 16:56
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    foto: privat

    "Man kann sich anpassen, friedlich zusammenleben, sich gegenseitig respektieren und sich an Regeln halten. Das verstehe ich unter 'Integration'."

Wieso der Wiener Kurde Ali sein politisches Engagement als "Arbeit für die Seele" bezeichnet und was er absurd an Österreichs Integrationsproblem findet

In Alis Büro in der Innenstadt warten drei Personen. "Das ist Ali und das ist auch Ali", sagt mein Interviewpartner und deutet auf seine beiden Verwandten und Namensvetter, die sich lächelnd vom Ledersofa erheben. Kaum fünf Minuten später stehen Alis Schwester und seine Schwägerin mit ihrem zweijährigen Sohn im Raum. Hinter ihr auf der Eingangstür strahlt Ali von einem Werbeplakat, das für seine Kandidatur bei den Wiener Gemeinderatswahlen im Oktober aufgenommen wurde.

Migration war nicht geplant

"Geplant war das alles nicht. Es hat sich so ergeben, dass erst mein Vater und dann die ganze Familie nach Österreich eingewandert sind. Wir sind davon ausgegangen, er würde nach einigen Jahren in die Türkei zurückkehren", beginnt Ali seine Erzählungen über das Verlassen der alten und die Anfänge in der neuen Heimat. Er wuchs mit 5 Geschwistern im Dorf Dersim, im türkischen Teil Kurdistans, auf und kam 1988 als 15-Jähriger im Zuge der Familienzusammenführung nach Österreich.

Quereinsteiger

"Erst 1990 war die gesamte Familie in Wien wieder vereint. Seine älteste Schwester hat Volkswirtschaft studiert, die jüngere ist Hausfrau und hat ein feministisches Buch veröffentlicht. Der älteste Bruder arbeitet als Fahrlehrer, der jüngste ist Nachrichtentechniker und ein weiterer Bruder ist in die Fußstapfen von unserem Vater getreten. Er ist Hilfsarbeiter", lacht Ali. Er selbst absolvierte quasi als Quereinsteiger im österreichischen Gymnasium die Oberstufe samt Matura und peilte das Studium an.

Weder die Schule noch die Uni besuchte er aber gerne. Das Studium war für ihn nach zwei Jahren Theaterwissenschaften und weiteren Jahren Publizistik mit Politikwissenschaft ad acta gelegt. Dass er sich irgendwann - einerseits im Gastgewerbe und andererseits mit einer Sicherheitsfirma - selbstständig macht, war nie geplant, sondern eher eine Aneinanderreihung von Zufällen.

"Arbeit für meine Seele"

"Das einzige was mich immer interessiert hat, war die Politik. Das ist Arbeit für meine Seele", sagt der 38-Jährige und ergänzt: "Politik und Kultur - in diesen Bereichen habe ich meine Ideale und denen bleibe ich immer treu. Alles andere ist für mich Brötchenverdienen." Derzeit ist Ali an einigen Kulturprojekten dran, die im kommenden Jahr realisiert werden sollen.

Auf die Frage nach Idealen und Träumen runzelt Ali die Stirn und sagt, dass für seine individuellen Wünsche wenig Platz bleibt. Er denke beinahe gänzlich "kollektiv". "Ich gehöre zu einer Volksgruppe, die im 21. Jahrhundert immer noch unterdrückt wird und ihre eigene Muttersprache nicht sprechen darf. Wenn du so einer Gesellschaft angehörst, sind deine Ideale und Träume unweigerlich damit verbunden. Seit 20 Jahren engagiere ich mich politisch für eine freie kurdische Gesellschaft", erklärt Ali.

Wie die Situation zwischen TürkInnen und KurdInnen in Österreich aussieht? "Ziemlich entspannt, aber deshalb, weil kein Dialog stattfindet", erklärt Ali. Auf politischer Ebene sei häufig die Distanz zu spüren.

"Meine zwei Entzüge"

Freizeit scheint für den Tausendsassa ein Fremdwort zu sein. Sobald es ruhiger um ihn wird, "schaffe ich mir neue Arbeit", witzelt Ali, während mir seine müden Augen und die vielen Lachfältchen auffallen.

Vor vier Wochen beendete Ali nach 13 Jahren die Beziehung zu seiner Partnerin und rauchte zur gleichen Zeit, fast um sich gleich doppelt auf Entzug zu setzen, seine letzte Zigarette. "Um es in Facebooks Worten auszudrücken: Es ist kompliziert. Und einsam. Zuweilen machen mir Entzugserscheinungen zu schaffen, wobei ich nicht immer genau weiß, welcher Entzug es gerade ist", fügt er hinzu.

Wien ist der Ort, an dem ich "geboren" wurde

Ob sein Leben so verlaufen sei, wie er es geplant hatte, möchte ich von dem kurdisch-wienerischen Barbesitzer/Sicherheitsfirmenchef/Politiker wissen. "Bis 15 habe ich nur gelebt. Erst in Wien habe ich mich selbst gefunden und wahrgenommen, dass ich Kurde bin. Hier konnte ich den politischen Bezug herstellen", so Ali.

Zu seinem Ursprungsland hätte er politischen und seelischen Bezug. Über Wien sagt er: "Wien bedeutet mir mehr als dass es nur mein Wohnort ist. Vom Bewusstsein, vom Weltbild und von der Realität her ist Wien sozusagen der Ort, wo ich 'geboren' bin. Hier habe ich meine Ziele und Wünsche formuliert, was ich in der Karriere und finanziell erreichen möchte. Alle meine Ziele sind Österreichbezogen, denn ich bin österreichischer Staatsbürger und in Wien zuhause."

Maßstab für Integration

"Das Wort Integration mag ich eigentlich nicht. Man kann sich anpassen, friedlich zusammenleben, sich gegenseitig respektieren und sich an Regeln halten. Das verstehe ich unter 'Integration'", erklärt Ali. Was denn der Maßstab für Integration sei, fragt er und antwortet selbst darauf: "Geht es um die Sprache, dann bin ich zu 70 Prozent integriert, wenn es um einen Arbeitsplatz oder Geld geht, bin ich zu 150 Prozent integriert. Ich bin glücklich als Kurde und fühle mich als Österreicher auch wohl. Nach 40 Jahren (Gastarbeitererfahrung, Anm. d. Red.) von einem Integrationsproblem zu sprechen finde ich sowieso absurd. Das hätte man schon längst lösen sollen. Bei der Integrationsdebatte zieht man nicht den Menschen, sondern die Sicherheitspolitik und die Wirtschaft in den Mittelpunkt, das ist das Problem." (Eva Zelechowski, 16. Dezember 2010, daStandard.at)

 

post-ironic
02
22.12.2010, 14:24

schöne serie, diese portraits. vor allem die unterschiedlichen eigendefinitionen vom "integriert sein" sind spannend!

wär auch noch interessant gewesen, mehr von Alis politischen zielen zu hören - ist was aus der gemeinderatswahl geworden?

sonuc
00
20.12.2010, 12:23

türkischer teil kurdistans? lol

maxbz
01
17.12.2010, 22:43
Offenbar ein gutes Beispiel für Integration.

Zeigt vor allem, was so alles möglich ist. Immerhin kam er erst mit 15 Jahren nach Österreich, da noch Umstellen, Sprache lernen und Matura machen ist eine anerkennenswerte Leistung, meine Hochachtung!
Zeigt aber auch, was es hier für Migranten-Raunzer gibt, die, obwohl hier geboren, nicht mal den Hauptschulabschluss schaffen und dafür auch noch Österreich verantwortlich machen, statt sich an der eigenen Nase zu packen.

MisjÖ
10
so ein Schwachsinn

Die Herrschaften Professoren und Lehrer benachteiligen die Schüler, geben absichtlich schlechtere BEnotung und dann hat man nicht mal die Hauptschule geschafft. Spreche aus Erfahrung! Akademiker Kinder (müssen) gehen ins Gymnasium automatisch...Hilfsarbeiter Kinder gleich Hauptschule, egal welches Potential in ihnen lauert, im schlimmsten Falle sogar Sonderschule...naja...Sieht man ja an der ÖVP ja nich die Gymanisien abschaffen...

scoutclau
01
19.1.2011, 16:51
Gymnasium ist heute für den Unizugang nicht mehr notwendig!

Es kann auch die Hauptschule sein. Der positive Abschluss ist immer die Voraussetzung. Der Weg weiter über berufsbildende oder technische Höhere Schulen ist vielfältig, spannend und sehr intensiv. Also bitte keine verallgemeinernde Vorurteile posten. Jammern ist was für Weicheier.

relatio subsistens
00
17.12.2010, 14:17
Migranten BoBo ...

... zum Quadrat!

Die Assimilierung scheint in diesem Fall gelungen zu sein.

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