daStandard.at-Reportage

"Übergewicht ist auch ein Bildungsthema“

Güler Alkan, 8. Februar 2011, 15:21

Menschen mit wenig Geld können beim Abnehmprogramm “rundum gsund“ mit Hilfe von Experten Gewicht verlieren

Einmal in der Woche treffen sich fünfzehn Frauen und hören gespannt zu, wenn Ernährungsmediziner Ata Kaynar auf Türkisch über gesunde Ernährung spricht. "Bei unserer türkischsprachigen Frauengruppe besteht ein größeres Wissensdefizit was Ernährungsinformation betrifft", erklärt Eva Trettler, klinische und Gesundheitspsychologin beim Frauengesundheitszentrum FEM-Süd.

Kultursensibel und geschlechtsneutral

Männer und Frauen werden bei "rundum gsund" in getrennten Gruppen betreut, die Trainer geschlechtssensibel eingesetzt und es gibt Gruppen für türkischsprachige Frauen oder Männer mit wenig Deutschkenntnissen. Wobei in den deutschsprachigen Gruppen auch türkischsprachige Frauen mit guten Deutschkenntnissen teilnehmen. "Es ist eher eine Frage, wie gut die Deutschkenntnisse sind, nachdem es sich um eine psychologisch geleitete Gruppe handelt, sollten die Infos schon verstanden werden, letztendlich ist es vollkommen egal welchen Migrationshintergrund die Teilnehmer haben", erklärt Trettler.

Sozial Schwache und Übergewicht

Zielgruppe des Projekts "rundum gsund" sind sozial Schwache mit starkem Übergewicht, also diejenigen, die einen Body-Mass-Index von 30-40 aufweisen und unter Adipositas leiden. Vor der Kursteilnahme gibt es ein Erstgespräch, in dem im Rahmen der jährlichen Gesundenuntersuchung auch medizinische Werte abgeklärt werden.

Das Programm ist niederschwellig ausgerichtet und für Menschen mit niedrigem Einkommen erschwinglich, es gibt auch Familiengruppen für stark übergewichtige Eltern und Kinder. Für den Kurs werden inklusive Kaution, die bei regelmäßiger Teilnahme nach Kurs-Ende rückerstattet wird, 100 Euro verrechnet. "Übergewicht ist ja auch ein Bildungsthema, ein Thema von sozial Schwachen", verweist Trettler auf aktuelle Studien.

"In Emotionen essen"

Trettler betont, dass keine Diät, sondern eine Ernährungsumstellung "im Sinne einer langfristigen Lebensstilveränderung" angeboten wird. Nicht nur Ernährungsinformation steht daher im Vordergrund, auch der psychologische Hintergrund von Übergewicht wird beleuchtet. "In welchen Momenten esse ich eigentlich, welche Emotionen stecken dahinter, esse ich wirklich, wenn ich hungrig bin? Die Erfahrung hat mir gezeigt, dass die Frauen gar nicht mehr wissen, wann sie hungrig sind und einfach in Emotionen essen", so Trettler über das Instrumentalisieren von Essen in bestimmten emotionalen Situationen. Neben Ernährungsberatern und Bewegungstrainern sind daher auch Psychotherapeuten im Einsatz.

Kleine Schritte

Der Kurs dauert knapp neun Monate, denn "Gewohnheiten zu verändern ist wahnsinnig schwierig und braucht viel Zeit" weist Trettler auf das größte Hindernis für eine dauerhafte Änderung des Ess- und Bewegungsverhaltens hin. Anfangs seien die Frauen zwar sehr motiviert, aber auch ungeduldig. "Sie wollen am Anfang alles verändern, bei unserer Zielvereinbarung geht es aber um kleine Schritte, darum den Lebensstil so zu verändern, dass ich ihn lebenslang aufrecht erhalten kann", so die Psychologin. Gemeinsames Kochen, um zu lernen, wo man beispielsweise Fett einsparen kann, und Einkaufstrainings stehen ebenfalls auf dem Programm, um die Alltagsgewohnheiten langfristig umzustellen.

Generell haben laut Trettler alle weiblichen Teilnehmerinnen Diäterfahrung, die Männer hingegen, egal ob mit guten oder weniger guten Deutschkenntnissen, ob mit oder ohne Migrationshintergrund eher weniger. "Oft schicken die Frauen ihre Männer zum Abnehmen in den Kurs, bei den Frauen ist es eher umgekehrt, ihre Partner unterstützen sie meist nicht bei der Lebensumstellung, die Frauen müssen dann doppelt kochen", so die Psychologin.

Wenig Sporterfahrung

Das Wort Sport wird weder bei den Frauen- noch bei den Männergruppen gerne gehört und ist laut Trettler negativ assoziiert, "damit ist gleich mühsame Anstrengung oder das Nichtgewähltwerden beim Völkerball im Schulunterricht verbunden." Ein Lauftraining dreimal in der Woche sei für diese Zielgruppe, die sich jahrzehntelang nicht bewegt oder Sport gemacht hat, unmöglich, betont Trettler.

In den einmal pro Woche stattfindenden Kurseinheiten wird daher neben Ernährungsinformation auf schonende Gymnastik mit Therabändern gesetzt. Um die Alltagsbewegung zu erhöhen, bekommen die TeilnehmerInnen auch einen Schrittzähler für zuhause, der anscheinend sehr beliebt ist. "Die Kursteilnehmer lieben den Schrittzähler, das motiviert sie sehr." Erste Evaluierungen des "rundum gsund"-Projekts zeigen, dass sich die Blutdruck- und Zuckerwerte der Teilnehmer nach einem Jahr besserten, die kleinen Schritte zeigen also ihre Wirkung. (Güler Alkan, 9. Februar 2011, daStandard.at)

Der nächste Kurs startet im März 2011, Informationen zur Anmeldung gibt es hier.

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13 Postings
Oma bitte kommen
00
15.2.2011, 10:47
Klingt nach einem sinnvollen Projekt.

Mal sehen, wie lang die finanziellen Mittel dafür reichen.

Montgomery McFerryn
00
10.2.2011, 22:47

Ja genau alle Fetten sind Dumm, das ist doch nett ausgedrückt die Übersetzung der Überschrift.

Cuchullain
00
20.2.2011, 12:43
Feingefühl

Ein Mensch sieht ein - und das ist wichtig:
Nichts ist ganz falsch und nichts ganz richtig.
(Eugen Roth)

Gestern z. B. bemerkte ich wieder mal eine junge BILLA-Angestellte (mit - pardon- Hängebauch) , als sie mehrere halbleergetrunkene Zuckerwasserlimonaden bei ihrer Kollegin bezahlte. :(

zahnloser Tiger
78
oO

auf diestandard.at wird Körperfett als feministisches Anliegen bezeichnet und gegen den "Gesundheits-" und "Schlankheitswahn" argumentiert, und hier regiert der Bohnenstangenfaschismus wieder ungeniert?

erbärmlich wie sehr sich die ehtischen und moralischen Paradigmen wandeln wenn ein Artikel und ein paar Quotenjobs betroffen sind

denn die gute Frau aus dem "Frauengesundheitszentrum FEM-Süd"

soll sich doch einmal mit der "ARGE Dicke Weiber" kurzschliessen

http://argedickeweiber.wordpress.com/

es wäre schön wenn nicht die "Richtigkeit des Fettseins" propagiert und als politisch korrekt publiziert wird, während gleichzeitig das Schlankheitsideal verherrlicht wird...

Oma bitte kommen
01
15.2.2011, 10:53
Die Zielgruppe sind wohl nicht Menschen,

die einem Ideal nacheifern.
Hier geht es doch um grundlegende Gesundheitsfragen und um das Anbieten von Alternativen!

Captain Smoker
00

Äh, warum soll krankhaft übergewichtigen Frauen nicht geholfen werden dürfen? Ich verstehe Ihr Problem nicht ganz. Hier geht es um keinen Magerwahn sondern um Menschen die ernsthafte gesundheitliche Probleme durch ihr Übergewicht haben.

fertigprodukt
00
assimilierung von migranten.

während genau diese frauen in ihrer heimat als schön bezeichnet werden, werden sie hier diskriminiert.
wer sich nicht anpassen will an den westlichen schlankheitswahnsinn, soll angepasst gemacht werden.

das passt nicht nur nicht zu diestandard, sondern auch nicht zu dastandard.

Montgomery McFerryn
00
10.2.2011, 22:44

Sie scheinen zu vergessen das viele Menschen abnehmen weil sie gesundheitliche Probleme haben und nicht um einem Schönheitsideal nachzulaufen.

Para Dox
12

Weil es vorhin nicht erschienen ist:

Warum müssen alle Redakteure einer Zeitung der gleichen Meinung sein? Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft und nicht in einer totalitären Diktatur.

Es ist sogar etwas sehr positives, wenn es auch innerhalb einer Zeitung verschiedene Meinungen gibt.

Balkonbepflanzer
18

Wenn man Menschen mit BMI über 30 helfen möchte, sprechen Sie von Schlankheitswahn und Bohnenstangenfaschismus? Sie haben wohl auch eine verzerrte Ansicht der Realität!

Para Dox
11
Erbärmlich? Hast du ein Problem mit einer pluralistischen Zeitung in einer pluralistischen Gesellschaft

Oder sollen alle Redakteure die gleiche Meinung haben? Die Prawda lässt grüßen.

BTW: Ich sehe jeden Tag jemanden mit einem BMI von, naja ich schätze mal mind. 35. Der ist 1. gesundheitlich ziemlich angeschlagen und 2. ganz sicher nicht glücklich.

youmakemefart
14

Wie sollen migrantische Frauen ein positives, gesundes Sport- bzw. Körperbild entwickeln wenn der Familienpatriarch mit 6,7 seine Töchter verhüllt und mit 11 die Teilnahme am Sport- und Schwimmunterricht verbietet?

Para Dox
00
Genau,

das ist ja die Regel.

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