Liebe MitbürgerInnen, ersparen Sie mir in Zukunft bitte diese Art von Komplimenten!
Eine offenbar ortsunkundige, etwas ratlose ältere Dame kommt hastig über den Zebrastreifen auf meine Straßenseite. Ob ich ihr helfen kann, sie suche seit einer halben Stunde diese Gasse und keiner konnte ihr bisher helfen. Ich kann und tu es auch gerne. In wenigen Sätzen ist der Weg erklärt, sie bedankt sich überschwänglich und legt nach: "Gott sei Dank, endlich eine Einheimische, die ganzen Tschuschen hier können nicht mal g‘scheit Deutsch."
Jeder kennt diese Situationen im Leben, in denen man sich überrumpelt gefühlt hat und gerne eloquent und gescheit reagiert hätte. "Nun, ich muss Sie leider enttäuschen, ich bin auch ein 'Tschusch'. Ich kenne zufällig den Weg und Deutsch kann ich auch. Das ist allerdings kein Zufall und auch keine Ausnahme". Das ist es was ich eigentlich am liebsten gesagt hätte. In Wirklichkeit habe ich milde gelächelt und bin weiter gegangen.
Wenn man für hiesige Verhältnisse kein besonders "exotisches" Erscheinungsbild hat, keinen Dialekt spricht, oder sprechen möchte und seinen Akzent auch nicht liebevoll pflegt, bekommt man von verblüfften und offensichtlich überforderten Gesprächspartnern nicht selten zu hören: "Du siehst aber gar nicht so aus", oder "Du sprichst aber gut Deutsch". Im weiteren Verlauf des Gespräches wird dann oft nachgelegt: "Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber...". Was danach kommt, sind unappetitliche Tiraden, die sich zwischen offenkundiger Xenophobie und anbiedernder, pseudo-wissenschaftlicher "Analyse" der "unerträglichen Zustände" bewegen.
Liebe MitbürgerInnen, ersparen Sie mir (und anderen, die nicht in Ihre engstirnigen Denkmuster passen) in Zukunft bitte diese Art von Komplimenten. Diese, in Ihren Augen unzivilisierten, unangepassten, eben nicht "unsrigen" Anderen sind meine Eltern, FreundInnen, KollegInnen.