Wie es ist in Volksschulklassen zu arbeiten, in denen gut zwei Drittel der SchülerInnen mit nichtdeutscher Muttersprache sitzen, berichten Direktorin und Lehrerin der Volksschule Neu-Arzl
"Ich möchte aber trotzdem nirgendwo anders unterrichten", meint die Volksschullehrerin Elisabeth Kathrein, nachdem sie minutenlang über ihre Schwierigkeiten beim Unterrichten gesprochen hat. Es sind vor allem die Unterschiede in den Sprachlevels ihrer SchülerInnen und die damit verbundene Herausforderung das richtige Sprachniveau für die gesamte Klasse zu finden, die der Lehrerin zu schaffen machen. "Gerade heute merkte ich es wieder: Im Sachunterricht sprachen wir über Verletzungen und Krankheiten, als mehrere SchülerInnen meinten, dass sie das Wort 'Verband' nicht kennen. Ich erklärte dann das Wort, damit diese SchülerInnen dann wirklich weiter mitarbeiten konnten. Solche Wortschatzdefizite treten im Unterricht ständig auf und kosten viel Zeit. Ich versuche alle Kinder auf einen Mindestlevel zu bringen damit sie dem Unterricht folgen können. Dadurch findet leider manchmal eine Nivellierung nach unten statt."
Differenzierter Unterricht?!
In der Volksschule Neu-Arzl (Innsbruck) sprechen 171 von 270 SchülerInnen neben Deutsch eine weitere Sprache. Die Klassen sind bunt gemischt, es gibt unter anderem Kinder tschetschenischer, türkischer, serbokroatischer oder albanischer Muttersprache. Mit derart heterogenen Klassen zu arbeiten ist laut Elisabeth Kathrein nicht schwieriger, aber weniger effektiv als mit sprachlich homogenen. „Eine Gruppe zahlt immer drauf, ich kann nicht gerecht sein. Was für die einen zu leicht ist, ist für die anderen schon zu schwer." Der Forderung von Bildungsexperten differenzierten Unterricht zu gestalten, können sowohl Direktorin als auch Lehrerin wenig abgewinnen. "Bei einer Klassengröße von 24 Kindern ist es schlicht unmöglich, alleine einen solchen Unterricht effizient anzubieten. Wir bemühen uns sehr allen Kindern zu helfen, sind aber überfordert. In einer solch heterogenen und großen Klasse bräuchte es zumindest zwei LehrerInnen." Als zweite Option komme nur eine Senkung der Klassengröße auf maximal 20 Schüler in Frage.
Halbtagsjob VolksschullehrerIn
Erika Bucher meint, dass es ihrem Beruf außerdem auch an Ansehen in der Öffentlichkeit fehle. Die Ausbildung aller LehrerInnen sollte auf Masterniveau stattfinden und auch das Gehalt der VolksschullehrerInnen sollte die höhere Wertschätzung widerspiegeln. "Im so hochgelobten Finnland genießen VolksschullehrerInnen das höchste Ansehen in der Gesellschaft. Bei uns dagegen ist das Image noch immer das des Halbtagsbeschäftigten. Das ist vielleicht auf dem Land so, dort sind die Klassen kleiner und sprachlich nicht so unterschiedlich, aber ich weiß, dass viele meiner LehrerInnen geschlaucht nach Hause gehen." Elisabeth Kathrein beschreibt ihre Arbeit trotzdem als "spannend, toll, aber auch anstrengend". Sie meint, es sei schön, wenn sie in der Klasse Zahlen lernen und diese in zehn verschiedenen Sprachen aufzählen können. Im Sachunterricht lerne man viel über die anderen Bräuche der Mitschüler, sie sagt, ihre SchülerInnen werden weltoffener und toleranter sein, als Kinder die in vergleichsweise homogenen Klassen sitzen. Auch persönlich sei die Arbeit in der Volksschule Neu-Arzl horizonterweiternd: "Ich hatte vor fünfzehn Jahren keine Ahnung von islamischen Bräuchen und Festen."
It's all about the money
Das Wort, das die beiden Pädagoginnen am öftesten verwenden ist "Ressourcen". Es fehle an Team-LehrerInnen, LogopädInnen, BeratungslehrerInnen aber auch an personeller Unterstützung für die KindergartenpädagogInnen für eine bessere Vorbereitung der zukünftigen SchülerInnen im Kindergarten. "Der Spracherwerb müsste viel früher beginnen. Man weiß, dass Kinder zwischen drei und sechs Jahren am einfachsten Sprache erlernen und ein breiter Wortschatz ist die Voraussetzung für Bildungserwerb." Die Kinder bemühen sich zwar sehr, meint Elisabeth Kathrein, den Aufstieg ins Gymnasium habe bisher aber trotzdem erst eine ihrer türkischen SchülerInnen geschafft. Der schwache Wortschatz vieler Kinder hätte auch mit mangelnden Kenntnissen der Muttersprache zu tun. Aus der Hauptschule höre man, dass türkische Kinder dort mittlerweile besser Deutsch als Türkisch sprächen und dabei sei ihr Deutsch-Niveau nicht besonders hoch, ergänzt Erika Bucher.
Nicht nur die äußeren Umstände sind schuld
Erika Bucher meint, dass einerseits viele Probleme in den Volksschulen der Politik anzulasten sind: Man hätte Migration und Integration in der Vergangenheit besser steuern sollen und auch der heutige LehrerInnenmangel sei auf schlechte politische Planung zurückzuführen. Andererseits tragen aber auch die Eltern vieler SchülerInnen mit und ohne Migrationshintergrund Verantwortung für den oftmals mangelhaften Bildungserfolg ihrer Kinder. "Bildungsferne und Bildungsunwillen existieren, es gibt Eltern, die Analphabeten sind und die einfach nicht wissen, dass Bildung Grundvoraussetzung für sozialen und ökonomischen Erfolg ist. Heute muss auch ein Hilfsarbeiter lesen können, dessen sind sich vor allem einige Halbwüchsige anscheinend nicht bewusst. Eltern sind in meinen Augen nicht nur erziehungsberechtigt, sondern auch erziehungsverpflichtet." (Willi Kozanek, 9. März 2011, daStandard.at)