Im Rahmen einer Weiterbildung für Imame werden türkische Religionsbeauftragte für ihre berufliche Praxis in den österreichischen Moschee-Gemeinden geschult
Vorige Woche fand im Seminarraum des Schulzentrums Friesgasse im 15. Wiener Gemeindebezirk eine überaus charmant anzusehende Begebenheit statt: 20 türkische Religionsbeauftragte, davon 17 Männer in gepflegten dunklen Anzügen und drei Frauen mit farbenfrohen Kopftüchern, lauschen dem Vortrag einer katholischen Ordensschwester - ebenfalls in dunkler Kleidung und mit schwarzer Kopfbedeckung.
Zustimmendes Nicken und viel Lob erfährt Ordensschwester Karin Kuttner, Leiterin der katholischen Privatschule in der Friesgasse, von ihren Zuhörern. In ihrer Präsentation erzählt sie, wie sie ihren Bildungsauftrag sehe, erklärt das interkulturell angelegte Schulkonzept und betont die Offenheit der Schule gegenüber anderen Religionen. Am Ende ihres Vortrags gibt es zahlreiche interessierte Wortmeldungen aus dem Publikum.
Schwerpunkt Bildung und Schulsystem
Von 5. bis 10. März 2011 fand bereits zum dritten Mal eine landeskundliche Schulung für türkische Imame und Frauenbeauftragte aus Moschee-Gemeinden in Österreich statt. Initiiert wurde das Projekt vom österreichischen Außenministerium in Kooperation mit dem Türkischen Präsidium für Religionsangelegenheiten (Diyanet/ATIB). Ziel dieser speziellen Weiterbildung ist es, Wissen und Kompetenzen zu vermitteln, die es den Religionsbeauftragten in Österreich erleichtern sollen, mit den Herausforderungen der Migration und Integration in ihren Gemeinden besser umgehen zu können.
Neben Themen wie der österreichischen und europäischen Rechtsordnung, Menschenrechte, Demokratie oder Religionsfreiheit wurden gemeinsam mit diversen Beratungseinrichtungen auch Fragen zu Gewalt in der Familie und Frauenrechte beleuchtet. Die diesjährige Schulung rückte zudem den Schwerpunkt Bildung und österreichisches Schulsystem ins Zentrum ihres Dialogs, in Rahmen dessen auch die Exkursion in das für seine interkulturelle Kompetenz bekannte Schulzentrum Friesgasse organisiert wurde.
Nachholbedarf und große Verantwortung
"Im November 2008 haben wir nach einem längeren Vorbereitungsprozess die erste Schulung als Pilotprojekt gestartet", schildert Agnes Tuna, Projektkonsulentin und Mitarbeiterin der "Task Force Dialog der Kulturen" des Außenministeriums. Trotz vorausgesetztem Theologiestudium und einer in der Türkei absolvierten Vorbereitung für den Einsatz in Österreich seien bei den Imamen viele Grundvoraussetzungen für eine optimale Handlungskompetenz oft nicht vorhanden: "Zum Beispiel bezüglich Wissen über das Christentum und andere Religionen, da gibt es viel Nachholbedarf", erklärt Tuna.
Jährlich werden zehn bis fünfzehn Religionsbeauftragte von Diyanet für etwa fünf Jahre nach Österreich entsandt. Diese Imame und Frauenbeauftragten spielen als MultiplikatorInnen in ihren türkischen Gemeinschaften eine bedeutende Rolle, da sie für viele Menschen innerhalb der Moschee-Gemeinde eine Anlaufstelle für Probleme und verschiedenste Angelegenheiten darstellen. Dieser großen Verantwortung sind sich die Entsandten aus der Türkei sehr wohl bewusst.
Themen in Freitagspredigt integriert
Vildan Öz, eine der drei Frauen im Seminar, ist seit zwei Jahren Religionsbeauftragte in Bregenz und bezeichnet ihre Teilnahme an der Schulung als sehr "wertvolle Erfahrung" für ihre Praxis. "Das Seminar ermöglicht es uns zu sehen, wie es unseren türkischen Mitbürgern hier in ganz Österreich geht und welche Möglichkeiten der Integration und Lösungsansätze es geben kann. Das ist sehr wichtig", erzählt Öz.
Auch Erdal Ertorun, Imam im 10. Wiener Gemeindebezirk, hat bereits viel des erworbenen landesspezifischen Österreich-Wissens an seine Gemeinde weitergeben können. Er besuchte bereits 2008 die erste Imame-Schulung: "Danach habe ich die wichtigen Themen auch in meine Freitagspredigt integriert, jedes Mal bin ich auf etwas anderes eingegangen." Auch heuer drückt der Imam wieder begeistert die "Schulbank". Trotz der verpflichtenden Teilnahme (durch ATIB, Anm.) empfindet er das Seminar ganz und gar nicht als Zwang: "Ich sehe diese Weiterbildung nicht als Verpflichtung, sondern als meine Hausaufgabe." Ebenfalls zu seiner Aufgabe gehöre es, "die Gemeinde über Bildung, die Rechte der Migranten und Themen wie Spracherwerb in Österreich aufzuklären."
Thema Ausländerfeindlichkeit
Teilnehmerin Fatma Günay lebt und arbeitet als Frauenbeauftragte in Hallein in Salzburg und weist darauf hin, dass man auch das Thema Ausländerfeindlichkeit nicht ausklammern könne: "Ich glaube, es kommt daher, dass sich die Angehörigen beider Kulturen nicht besser kennen und kennenlernen. Es müssen Möglichkeiten geschaffen werden, wo wir alle uns besser verstehen lernen." Sie selbst werde in Zukunft vermehrt mit öffentlichen Stellen in Hallein zusammen arbeiten und auch in ihrer Moschee versuchen, mehr Kooperationen mit Schulen zu initiieren, um "in dieser Hinsicht voran zu kommen."
Eigentlich sollte das Projekt nicht lediglich für türkische Imame und Frauenbeauftragte in Österreich stattfinden. "Es war von Anfang an unsere Idee, es immer mehr auszuweiten", so Tuna. "Nur leider haben wir in Österreich die Problematik, dass wir in so einer kompakten Organisation eigentlich nur die ATIB-Imame zur Verfügung haben." Hier gebe es klare Kontaktpersonen, die bei der Koordination der Gemeinden und der Organisation der Seminarreihe helfen können. "Die anderen Moscheen sind teilweise so zerstreut, da ist es leider schwierig, einen Ansprechpartner zu finden."
Überwindung religiöser Grenzen
Zurück in die Friesgasse: Der Vortrag von Leiterin Kuttner wird durch eine Fragerunde mit einem der insgesamt vier muslimischen Religionslehrer der katholischen Privatschule unterbrochen. Wie selbstverständlich erzählt er von der Zusammenarbeit der Religionslehrer unterschiedlicher Konfessionen und den gemeinsamen Workshops, in denen die Kinder Einblick in die anderen Glaubensrichtungen bekommen sollen. Die Schule feiere interreligiöse Feste, am Schulbeginn und -ende finde eine Art "multireligiöser Gottesdienst" für alle statt, und auch sonst stehen interkulturelle Themen wie die Wertschätzung verschiedener Muttersprachen im Vordergrund. Ein Schulkonzept, das wohl nicht nur in den Köpfen der türkischen Imame für frischen Wind sorgt. (Jasmin Al-Kattib, 15. März 2011, daStandard.at)