In den vergangenen Tagen ist es immer wieder zu größeren Demonstrationen gekommen. Anlässe gab es verschiedene. Der gemeinsame Nenner war jedoch die Regierungspartei.
Der 16. März ist für die Istanbul Universität an der ich studiere ein historischer Tag. 1978 kam es an diesem Tag zu einen Anschlag, bei dem sieben Studierende vor der Pharmazie-Fakultät erschossen wurden. Über 40 weitere wurden durch Bomben und Maschinengewehre verletzt. Jedes Jahr treffen sich Menschen vor der Universität im Stadtteil Beyazıt und erinnern an jenen blutigen Tag.
Die Täter waren rechtsradikale Studenten und Mitglieder der "Grauen Wölfe", einer nationalistischen Organisation. Obwohl sie bekannt waren, wurden sie nie verurteilt. Der Prozess zog sich solange hinaus, bis die Taten verjährt waren. Manche HistorikerInnen gehen davon aus, dass der Anschlag vom 16. März eines der Schlüsselereignisse für den Militärputsch zwei Jahre später war.
Ebenfalls am 16. März, zehn Jahre später 1988, starben in der irakischen Stadt Halabdscha mehrere Tausend KurdInnen bei einem Giftgasanschlag. Auch für sie wurden Reden gehalten.
"Wir werden nicht vergessen, und lassen nicht in Vergessenheit geraten", riefen die DemonstrantInnen. Fast zufällig wurde ich in diese Kundgebung hineingezogen. Ich bin nicht umher gekommen zu bemerken, dass sich der Protest zu einem Gutteil auch gegen die regierende konservativ-muslimische AKP richtete.
Im Moment kommt es regelmäßig zu größeren Demonstrationen. Gemeinsam ist ihnen nur die Kritik am Kurs der Regierungspartei. Das hat zwar mittlerweile eine gewisse Tradition, jedoch nicht unbedingt in diesem Ausmaß. Ein Grund dafür sind wohl auch die Wahlen, die am 12. Juni in der Türkei stattfinden werden.
Verschiedene große Demonstrationen in Istanbul und Ankara
Vergangenen Sonntag waren laut Polizeiangaben 20.000 Menschen in Ankara auf der Straße. Sie protestierten gegen anstehende Änderungen im Gesundheitswesen. In den Medien war darüber wenig zu hören, denn zeitgleich demonstrierten in Istanbul Tausende für die Pressefreiheit. Auslöser waren die kürzlich inhaftierten JournalistInnen, wie Kollege Markus Bernath berichtete. Auch der geplante Bau von drei Atomkraftwerken war Anlass zu Kundgebungen.
Für mich steht jedenfalls eines fest: Der Wahlkampf hier wird spannend. Denn die AKP hat freilich auch viele AnhängerInnen, die wohl bereit sein werden auf die Straßen zu gehen. (Yilmaz Gülüm, 21. März 2011, daStandard.at)