daStandard.at-Reportage

"Ein Kampf der Werte"

Armand Feka, 24. März 2011, 11:10
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    Tower Hamlets ist eines der sozial schwächsten Viertel Londons.

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    Die Londoner sind nach wie vor sehr stolz auf die Vielfalt in ihrer Stadt.

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    Vaughan Jones, der engagierte Leiter von "Praxis", ist im Problemviertel Tower Hamlets bereits seit 1983 tätig.

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    Der ehemalige Flüchtling Alex Dhlakama kam Ende der Neunzigerjahre nach London und arbeitet nun als Mitarbeiter bei "Praxis".

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    Der Integrationsverein bietet regelmäßig Kurse an.

Tower Hamlets im Osten Londons ist eines der vielfältigsten Stadtviertel in der britischen Hauptstadt - Inmitten dieses sozial schwierigen und historischen Zentrums der Migration arbeitet der Integrationsverein "Praxis"

Vaughan Jones ist ein eher zurückhaltender Mann. Der Leiter des Integrationsvereins "Praxis" wählt seine Worte sehr bedacht, wenn er von den vielen kleinen und großen Herausforderungen spricht, mit denen man hier in diesem Stadtteil im Osten von London konfrontiert ist. Tower Hamlets ist eines der sozial schwächsten Viertel der Stadt, der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund einer der höchsten in ganz England. Die letzte Volkszählung 2001 ergab, dass die autochthone Bevölkerung etwa 43 Prozent der Einwohner ausmacht, während Einwanderer aus Bangladesch und dem Sudan die größten Minderheitengruppen bilden. "Man kann diese Menschen aber nicht wirklich Flüchtlinge nennen, die Mehrheit gehört bereits zu einer etablierten und langjährigen Gemeinde in diesem Bezirk", sagt Jones, der "Praxis" 1983 mitbegründet hat, und fügt hinzu, dass viele von ihnen bereits Migranten der zweiten oder dritten Generation sind. Dennoch gelangen täglich neue Flüchtlinge aus aller Welt nach Tower Hamlets und schaffen eine ethnische Vielfalt, die seinesgleichen sucht. "Wir stehen definitiv vor zahlreichen Herausforderungen in unserer täglichen Arbeit, vieles betrifft die Verbesserung der Lebensbedingungen und die Integration dieser Menschen", gesteht Jones. "Praxis" hat seinen Platz in der Gegend gefunden, seit 27 Jahren arbeiten sie als Anlaufstelle für Flüchtlinge und bieten Beratung und unterschiedliche Lehrkurse an.

Riskantes Geschäft

Der Verein richtet seine Aufmerksamkeit vor allem auf Integrationsfragen und konzentriert sich dabei auf die Probleme von Flüchtlingen in London. "Praxis" bietet regelmäßig Berufsausbildungskurse, die Menschen ermutigen sollen, an Sprach- und anderen pädagogischen Kursen teilzunehmen. Ziel ist, gemeinsam Lösungen für ihre Probleme zu finden und ihre Anliegen an die politischen Entscheidungsträger weiterzuleiten. "Wir werben hauptsächlich durch Mundpropaganda und Events, die wir in der Gegend organisieren", erklärt Jones, "aber manchmal empfehlen uns auch andere Organisationen oder sogar das Sozialamt weiter."

Da "Praxis" ein Freiwilligenverein ist, und somit nicht von öffentlichen Mitteln abhängig, können auch riskantere Migrationsthemen angepackt werden, wie zum Beispiel die Arbeit mit "vulnerable migrants". Das sind jene, die einen unklaren rechtlichen Status haben oder Asylbewerber, die untergetaucht sind. Einen Aufenthaltstitel in England zu erhalten, kann schon mal eine außergewöhnlich lange Zeit in Anspruch nehmen. Nicht selten werden Verfahren über viele Jahre verschleppt, sodass die Menschen in einem ständigen Zustand der Unsicherheit leben. Viele illegale Einwanderer werden schwarz beschäftigt und sind in der verarbeitenden Industrie und der Gastronomie tätig. Sobald man einen legalen Aufenthaltsstatus erlangt, ist man berechtigt, eine Sozialwohnung zu erhalten und sich nach Jobs umzuschauen.

Eingeklemmt zwischen Reichen

Die Stadtplanung rund um die Tower Hamlets hat in den vergangenen Jahren eine dramatische Entwicklung durchgemacht. Erschwingliche Wohnungen werden immer knapper, die Gemeinde ist zwischen zwei reicheren Gebieten eingeklemmt, wobei eines von ihnen die River Banks im Süden sind, in der die Londoner Oberschicht eine neue Heimat gefunden hat.

Jones verfolgt diese Entwicklung eher kritisch: "Früher war das hier ein traditioneller Arbeiterbezirk, während heute viele Superreiche in 'gated communities', bewachten Vierteln, vor den Toren der sozial benachteiligten Stadtteilen ansiedeln. Bill Gates ist mein Nachbar auf der gegenüberliegenden Straßenseite, so hat sich die Situation hier in der Nähe bereits verändert!"

Während ehrgeizige Bauprojekte in unmittelbarer Umgebung der Tower Hamlets entwickelt werden, leidet die Gemeinde selbst unter Wohnproblemen. Alex Dhlakama, ein "Praxis"-Mitarbeiter und ehemaliger Flüchtling erzählt, dass sozioökonomische Probleme zu den schwierigsten Herausforderungen zählen. Er verließ seine Heimat Simbabwe im Jahr 1999 und erhielt ein paar Jahre später die Erlaubnis in England zu bleiben. "Viele Migranten haben schlecht bezahlte Jobs in der Gastronomie und in der Baubranche, außerdem ist die Arbeitslosenquote sehr hoch." Dhlakama erklärt auch, dass ein schleichender Ghettoisierungsprozess in den Hamlets stattgefunden hat. Große Teile der Migrationsbevölkerung leben in einer Parallelgesellschaft.

Multikulturalismus in Bethnal Green

Während manche Lokalpolitiker argumentieren, dass Parallelgesellschaften ein Anzeichen für fehlerhafte Integrationspolitik sind, sehen andere auch die Vorteile eines gelebten Multikulturalismus. "Es ist eine Art gegenseitiger Akkulturation, ein Prozess, bei dem zwei Kulturen - in diesem Fall die traditionell britische und die migrantischen - Seite an Seite leben", sagt Dhlakama. Das multikulturelle Klima ist sehr lebendig und die Akzeptanz von Multikulturalismus weiterhin hoch. Die Londoner sind nach wie vor sehr stolz auf die Vielfalt in ihrer Stadt. Nicht ganz unbegründet. Während man die Bethnal Green Street in den Tower Hamlets hinunterspaziert, ist man von einer immensen Menge an Aromen, Aussehen und verschiedenen Sprachen umgeben. Es ist wie eine Reise um die Welt, ohne seine eigene Heimat zu verlassen. "Kulturen schmieden sich immer einen Weg zum Zusammenleben", sagt Dhlakama, wohl wissend, dass sie immer noch mit vielen Problemen zu kämpfen haben. Eines davon ist der Kulturschock, den viele Migranten erleiden, wenn sie zum ersten Mal nach England kommen. "Viele fühlen sich wie in einem fremden Universum", sagt Jones. "Während es einfacher ist, sich an bestimmte Dinge wie Lebensmittel und Lebensbedingungen zu gewöhnen, ist es mit Grundwerten wie Religion ungleich schwieriger", so Jones. "Die Missverständnisse sind groß, manchmal ist es wirklich ein Kampf der Werte."

Obwohl die Integrationsdebatte im Land in den vergangenen Jahren chaotische Zustände angenommen hat, und die Politik einen Einwanderungsstopp berät, gibt es auch diejenigen, die ein polemisches Schuldzuschieben nicht als Ausrede nehmen wollen. "Es ist eine Zeit großer Veränderungen, und wir gehen derzeit durch eine heikle Periode von Migrationspolitik", folgert Jones. Bei "Praxis" weiß man von den Herausforderungen. "Am Ende geht es immer darum, Menschen zusammenzubringen." (Armand Feka/daStandard.at/24.3.2011)

Kommentar posten
22 Postings
Der Kluge
00

http://blogs.telegraph.co.uk/news/andr... -republic/

Schon lustig, wie der Artikel dem Thema IFE/Islamismus aus dem Weg geht, bzw. die erfolgreiche Labour Party unterwanderung. Bei allen Integrationsmodellen gibt es keines, das so versagt hat, wie tower hamlets. Etwa Kreuzberg ist ein absolutes Idyll dagegen.

Johannes Benn
00
25.3.2011, 11:41
.

"Die Londoner sind nach wie vor sehr stolz auf die Vielfalt in ihrer Stadt."
bestimmt nicht alle

MondXicht
00
25.3.2011, 14:08

Die Schweizer essen alle Käse und die Spanier tanzen permanent Flamenco.

roterbruder1
00
25.3.2011, 10:27

aha, einen sozialen brennpunkt mit zuvielen ausländern, ethnischen konflikten und extrem niedriger wohqualität nennt man jetzt vielfältig.
hm...

Foo Barazz
00
24.3.2011, 17:58

Lebe seit 3 Jahren hier. Die Mieten sind eine Frechheit und das enorme "Hipster-Aufkommen" kann einen schon mal nerven.
Ansonsten mag ich die Gegend sehr gern, und ich fühle voll integriert als Österreicher - es fragt dich auch nicht jeder gleich woher du kommst wenn du einen Akzent hast hier.

apejonk
00
25.3.2011, 09:24

Was für ein Problem haben Sie denn mit Neugierde?

Foo Barazz
00
28.3.2011, 15:55

Ich hab natürlich gar kein Problem mit Neugierde, ganz im Gegenteil - eigenartig dass du mir das unterstellst. Ich wollte damit eher ausdrücken dass es nicht so eine große Rolle spielt woher man kommt, was ich gut finde. Sorry wenn du das falsch verstanden hast.

der gärtner
14
24.3.2011, 17:44

naja wer großstädte, soziale brennpunkte, kriminelle hotspots und multikulti mag.

Troy Mc_Clure
00
24.3.2011, 20:55

am schönsten ists noch immer im Schebergarten zaus, gell

Ernst Kratochwil
00
25.3.2011, 11:10
Ja, eigentlich schon. Jedenfalls weit schöner als in

einen der Ghettos wie es in dem Artikel beschrieben wird.

Die Abstimmung mit den Füssen, von denen die es sich leisten können, weit auch darauf hin, dass die meisten das auch so sehen.

MondXicht
00
25.3.2011, 14:11

Offensichtlich ziehen so manche Leute FREIWILLIG dorthin, vielleicht sind das auch Leute die ein bisschen einen anderen Geschmack, einen anderen Lebensentwurf, eine andere Attitüde und vorallem kein Problem mit dem Unbekannten haben?

Nee-Chee
04
24.3.2011, 13:48

"eine ethnische Vielfalt, die seinesgleichen sucht"
<nitpick>
"ihregleichen". Bitte.
</nitpick>

phoenix133
02
24.3.2011, 13:34

ich kann nur empfehlen, sich die gegend anzusehen. habe dort ein jahr lang gelebt ("just off bethnal green road") und es sehr genossen.

nach kurzer zeit kennt man sich dort, die verkäufer in den off licences sind wahnsinnig nett und erklären auch gern mal, was mit dieser oder jener komischen frucht auf sich hat (bzw. wo sie herkommt und wie man sie isst ;-)

in wien weiß "mein" trafikant nach fast 7 jahren noch immer nicht, was meine marke ist.

das grätzel-gefühl habe ich in london ungleich stärker empfunden als in wien (und ich bin in beiden städten "herumgezogen")

damals, 2003/2004, waren die wohnungen im east end noch leistbar - was man hört, steigen die preise durch gentrification immer mehr

phoenix133
03
24.3.2011, 13:43

gründe sich die gegend anzusehen, neben der kulturellen vielfalt, der man begegnet:

jack the ripper tour (puma court)
spitalfields market
brick lane (sonntagsmarkt & zahllose bars & cafés)
columbia road flower market
bestes english breakfast im astro star café
rhythm factory
pleasure unit
uvm.

Ziemlich leichter Stessa
01
24.3.2011, 15:55

Naja, also die Gegend um die Brick Lane ist Naschmakt, nix für ungut. Hip und gentrifiziert. Hohes "latest Apple gadget"-Aufkommen. Das muss nicht negativ sein (naja...), aber mit den oben beschriebenen Zuständen hat das nix zu tun.

Rodrigo FC
01
24.3.2011, 13:59
"Banglatown" wie es auch genannt wir ist wirklich eine lässige

Gegend, wenn auch die Brick Lane glaub ich eines der wenigen Dinge ist, die Touristen mal in die Hamlets führt. Ziemlich hip mit seinen ganzen Lokalen und Clubs. Die Bangladeschi Community in dem Viertel wurde ja auch in dem Buch "Brick Lane" (das später verfilmt wurde) eingängig beschrieben. Nicht immer gerade positiv.

aculus populus
 
11
24.3.2011, 13:42
In London ist ein anderes Feeling

weil die gegenseitige Akzeptanz höher ist (Migration gibt es auch länger und ist stärker ausgeprägt) und die Kultur sich vermischen kann ... in Wien ist es immer noch nicht soweit...es wird 20-30 Jahren dauern (wenn's gut geht) dieses Phänomen wurde auch von Soziologen untersucht.

knievel
04
24.3.2011, 14:43

hätten die österreicher jahrhundertelang andere länder am ganzen erdball unterjocht wäre die durchmischung vielleicht auch anders abgelaufen.

Rodrigo FC
01
24.3.2011, 13:49
Migration gibt es dort tatsächlich schon

wesentlich länger, aber dennoch ist nicht alles heile Welt. Vor allem Tower Hamlets genießt einen nicht gerade guten Ruf diesbezüglich. Wenn mans positiv sehen möchte ist es eine schöne multinationale Gegend mit viel Kultur, negativ wärs eine Parallelgesellschaft.

phoenix133
00
24.3.2011, 13:48

absolut!

die bevölkerung ist viel mehr durchmischt. im lonely planet steht, dass es nirgends so viele mixed couples gibt, wie in london.

Compound Interest Is Usury
00
24.3.2011, 19:58
revolting

christoph hofbaur
00
24.3.2011, 16:20

die gesellschaft der zukunft!

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