Ein Stück Stoff als schützende Festung: Wie ein Buch mit teils hanebüchenen Argumenten den Frauen das Kopftuch schmackhaft machen will
Im türkischen Buchladen "Divan" in Wien-Favoriten, der sich insbesondere auf Bücher zu religiösen Themen und zur osmanischen Geschichte spezialisiert hat, stoßen interessierte LeserInnen auf ein dünnes Büchlein mit rosa Einband und dem Titel "Her Kadin Örtünmek Ister" - auf Deutsch "Jede Frau will sich bedecken".
Die Autorin Gülay Atasoy, selbst stolze Kopftuch-Trägerin, hat in der Türkei bereits mehrere Bücher veröffentlicht, u.a. eines über Frauen, die sich zum Kopftuch-Tragen entschieden haben, in dem auch Emine Erdoğan, die Gattin des türkischen Premiers, zu Wort kommen durfte.
Das Kopftuch als Panzer
Das Buch, das für die jugendliche Leserschaft konzipiert ist, liest sich jedoch anfangs nicht wie vielleicht erwartet als religiöses Pamphlet. Der erste Teil des Buches widmet sich gänzlich dem "Wesen" der Frau. Demnach hätten selbst nicht-religiöse Frauen den geheimen Wunsch sich zu bedecken. Als Beispiel wird hier die Mini-Rock-Trägerin genannt, die immer am kurzen Rock herumzerre und stets versuchen würde ihn hinunterzuziehen.
Das Kopftuch bzw. der Schleier diene dabei als Schutzpanzer vor männlicher Belästigung. Frauen, die ein Kopftuch tragen würden den Männern signalisieren, dass "ich eine Frau bin und wenn du mir Schaden zufügst, dann greifst du nicht eine Frau, sondern eine Muslimin an." Dieser Argumentationslogik nach leben Frauen ohne Kopftuch in einer gefährlichen Welt, weil sie andauernd belästigenden männlichen Blicken ausgeliefert sind.
Befehl Gottes?
Um vor solchen Blicken und sexuellen Belästigungen geschützt zu sein, bedarf es daher der Bedeckung, die nicht nur als schützende Festung vor dem männlichen Geschlecht diene, sondern den Frauen überhaupt erst ihre Identität und Weiblichkeit gäbe. Der Schleier mache dabei den Unterschied zwischen Mann und Frau fest und gebe auch vor, wie man sich den Frauen, deren Naturell durch die Bedeckung gekennzeichnet sei, gegenüber verhalten solle. Erst durch das Kopftuch werde die Frau als Frau von den Männern respektiert.
Hier wird seitens der Autorin auf die Al-Ahzab-Sure (Sure 33, Vers 59) verwiesen, in der Gattinnen und Töchtern von Gläubigen das Überziehen eines "Überwurfs" nahe gelegt wird, sodass sie erkannt und nicht belästigt werden. Die Verschleierung (im Buch wird der Begriff "örtü" (türk. Schleier) öfter als "başörtü" (türk. Kopftuch) verwendet) fasst Atasoy als Befehl Gottes auf. Die Frauen, die Kopf und/oder Körper bedecken, wollten also nichts anderes "als Gottes Befehl zu befolgen und den Schöpfer dadurch zufrieden stellen."
Weiblichkeit
Atasoy lässt auch Frauen zu Wort kommen, die von ihrer Erfahrung das Kopftuch zu tragen, erzählen. Vorher hätten sie sich unglücklich gefühlt, erst durch den Schleier sei es ihnen gelungen ihre innere Unruhe und Leere zu füllen. Unter den Frauen befinden sich eine ehemalige Soziologin, die ihren Posten als Professorin gegen das Leben als Gläubige eintauschte sowie eine Frau, die immer um ihre Schönheit bewundert wurde, aber das leidliche Schminken, Zurechtmachen und Diäthalten satt war und sich dadurch in ihrer Freiheit beschränkt fühlte.
Frauen würden heutzutage nur noch mehr über Äußerlichkeiten definiert werden und durch den Zwang von Schönheitsidealen, Modetrends und Diätvorgaben ihrer Freiheit und Persönlichkeit beraubt. Die Persönlichkeit einer Frau würde in den Hintergrund geraten, wenn man die Aufmerksamkeit nur auf das äußere Erscheinungsbild der Frau lenke, so Atasoy. Dass nicht wenige kopftuchtragende Fragen sehr viel Wert auf ihr Äußeres legen und nicht auf Make-up oder Schmuck verzichten wollen sowie viele Modefirmen nicht gerade wenig Geld mit Mode für Muslimas verdienen, lässt sie dabei jedoch außer Acht.
Beschränkte Freiheit
Durch das Kopftuch bzw. den Schleier, die Autorin macht keinen besonderen Unterschied zwischen den beiden, könne eine Frau dieser Reduzierung auf das Körperliche, ihr Äußeres, entgehen. Das Kopftuch stellt für Atasoy also die weibliche Identität und Freiheit für die von Schönheitsidealen und Modetrends geknechteten Frauen dar.
Am Ende des Buches werden daher noch mal diejenigen kritisiert, die nach Ansicht Atasoys den Laizismus missbrauchen, um die Freiheit der Frauen einzuschränken. In der Türkei würden Frauen, die mit einem Kopftuch ein öffentliches Gebäude betreten wollen oder als Lehrerin arbeiten wollen, durch das Kopftuchverbot in ihrer Freiheit eingeschränkt. Die Kopftuch-Frage werde durch Begriffe wie "türban" statt "başörtü" politisiert. Das Kopftuch hingegen sei kein politisches Symbol verweist Atasoy auf ein entsprechendes Statement des Diyanet (Amt für Religiöse Angelegenheiten in der Türkei).
Was ist mit den Männern?
Hat dieses Buch irgendeine Relevanz für Österreich? Es ist offensichtlich auf die Kopftuch-Frage in der Türkei zugemünzt, auch wenn die Autorin vehement die politische Symbolik des Kopftuchs bestreitet. Ihre Verweise auf Statements der türkischen Religionsbehörde und Zitate von Fethullah Gülen, einem islamischer Prediger, der vor einem Verfahren wegen Republikverrats aus der Türkei in die USA geflüchtet ist und dessen Bewegung starken Einfluss im türkischen Staatsapparat einnimmt, sprechen nicht gerade für eine apolitische Haltung.
Der Inhalt des Buches ist auch relevant für uns in Österreich, denn hier wird ein Männerbild transportiert, das so nicht zu tolerieren ist. Eine Frau, die kein Kopftuch trägt, und sich damit dem Befehl Gottes widersetzt, ist damit nach Atasoys Argumentationslogik als nicht bekennende Muslimin Freiwild für die Männer? Anstatt das Verhalten der Männer anzuprangern bzw. zu hinterfragen, ob alle Männer (allein durch ihre Blicke) belästigen oder sich alle Frauen durch männliche Blicke gestört fühlen, wird die Frau dazu verdonnert sich zu bedecken, weil das ihr natürlicher Schutz vor männlicher Belästigung sei.
Zähmung per Kopftuch
Dass das Buch für junge Frauen geschrieben wurde, ist besorgniserregend, denn anstatt das belästigende Verhalten einiger Männer in Frage zu stellen, wird dieses Verhalten als gegeben und unveränderbar betrachtet. Der einzige Ausweg keine männlichen Blicke mehr zu auf sich zu ziehen, ist demnach die Haare und den Körper zu verhüllen. Jungen Frauen wird dabei die Botschaft vermittelt, dass erst durch das Kopftuch der Mann sich in seinem Verhalten zähmen könne. Und erst mithilfe des "dem weiblichen Wesen entsprechenden Panzers" in Form von Kopfbedeckung und Körperverhüllung die Beziehung zwischen Mann und Frau friedlich verlaufen könne. Es ist zu hoffen, dass nicht viele junge Menschen auf solche Botschaften reinfallen. (Güler Alkan, daStandard.at, 29.3.2011)