Altern in der Migration

"Vieles bleibt in der Familie"

Mascha Dabić, 8. April 2011, 18:00
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    Viele Menschen, die vor über vierzig Jahren als Gastarbeiter nach Österreich oder Deutschland kamen, sind nun alt und mitunter pflegebedürftig.

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    Mehrsprachige Informationsbroschüre des Hilfswerks

Kulturelle oder religiöse Faktoren können beim Älterwerden eine wichtige Rolle spielen. In der Altenpflege ist nun Diversität angesagt

Einst rief Westeuropa sie als Arbeiter, später entpuppten sie sich doch als Menschen. Heute sind viele dieser Menschen, die vor über vierzig Jahren als Gastarbeiter nach Österreich oder Deutschland kamen, alt und mitunter pflegebedürftig. Höchste Zeit, um sich Gedanken über Diversität zu machen und Konzepte für die "kultursensible" Altenpflege auszuarbeiten.

Berlin hat es schon: Ein Altersheim für türkische Mitbürger, "Türk Bakim Evi." Was daran spezifisch türkisch ist?  Türkisches Fernsehen, türkische Zeitungen, ein moslemischer Gebetsraum, Kanarienvögel, Pfefferminztee und Personal, das den Wünschen der Bewohner nachkommt: Frauen werden nur von Frauen gepflegt, Männer nur von Männern.

Österreich hinkt Deutschland hinterher

Warum Österreich noch meilenweit von einem solchen Vorhaben entfernt ist, erklärt Marko Iljić, fachlicher Abteilungsleiter der Nachbarschaftszentren des „Wiener Hilfswerk" so: „Österreich lehnt sich sozialpolitisch an Deutschland an, aber viele Dinge werden bei uns mit Verspätung umgesetzt. Die breite politische Behauptung, Österreich sei kein Zuwanderungsland, und die irreführende Annahme, die Gastarbeiter würden in ihre Herkunftsländer zurückkehren, haben lange Zeit hierzulande Entwicklungen gebremst."

Zudem sei die türkische Community sichtbarer und aktiver, im Gegensatz zur weitgehend defensiv agierenden ex-jugoslawischen Gemeinschaft, die in Österreich die Mehrheit darstellt: „Die türkischen Vertreter sind ein Segen für die ganze Szene", so Iljić. Und da die Türken in Deutschland stärker vertreten seien, würden neue Ansätze dort schneller umgesetzt. „Bei uns wird schon eine Broschüre in den Migrantensprachen als revolutionär verkauft."

Der Migrant als Kunde

Dabei war "der Migrant" doch schon immer da, fügt Iljić lächelnd hinzu. Man habe ihn früher bloß nicht gesehen. Sichtbarkeit sei aber wichtig, um das zentral organisierte Altenpflegesystem an neue Realitäten anzupassen.

Wodurch unterscheidet sich der pflegebedürftige Migrant von seinem österreichischen Leidensgenossen? Sind kultursensible Ansätze wirklich notwendig? Esmir Kavazović, Pflegemanager beim Wiener Hilfswerk, nennt ein Beispiel: Wenn eine Pflegerin in eine türkische Familie kommt, um den Mann zu pflegen, lassen die Frauen der Familie es nicht zu, dass die Pflegerin mit dem Mann allein im Zimmer bleibt. "Das kann einen Konflikt verursachen. Die Pflegerin fühlt sich von der Ehefrau in ihrer Arbeit von oben herab kontrolliert. Es ist gar nicht einfach, solche Missverständnisse aus dem Weg zu räumen."

Der Migrant als Pfleger

Um solche Konflikte erst gar nicht aufkommen zu lassen, setzen Trägerorganisationen auf Personal mit Migrationshintergrund und entsprechenden Sprachkenntnissen. Barbara Kuss vom Forschungsinstitut des Roten Kreuzes stellt fest: "Ohne Migranten könnten wir den Bedarf an Pflegekräften nicht decken." Es gäbe jedoch Probleme bei der Ausbildung, wenn die Pfleger in Ausbildung nicht im ausreichenden Ausmaß über Sprachkenntnisse verfügen.

Der äußerst anspruchsvolle Pflegeberuf sei nach wie vor zu wenig anerkannt, beklagt Kuss: "In der mobilen Pflege wird den Mitarbeitern viel abverlangt. Sie müssen alleine vor Ort arbeiten, ihre Termine koordinieren, sensibel sein, gute Sprachkenntnisse mitbringen, dokumentieren können und sehr flexibel und lösungsorientiert sein. Dennoch ist die Arbeit schlecht entlohnt und wenig anerkannt."

Familie statt Altersheim?

Aber zurück zum Migranten als Kunden bzw. Patienten: Wenn von Migranten und Alterspflege die Rede ist, wird häufig vorgebracht, dass Migranten von ihren Familienmitgliedern gepflegt werden und nicht ins Altersheim "gesteckt" werden. Was ist an diesem Klischee dran? Esmir Kavazović erzählt: "Es stimmt, dass Migranten häufiger von ihren Familienmitgliedern gepflegt werden. Vieles bleibt in der Familie. Das hat mit Kultur, Mentalität und Tradition zu tun, die Familie genießt einen hohen Stellenwert." Aber das sei nicht unbedingt positiv. „Viele Migranten sind misstrauisch gegenüber Neuem. Sie haben Angst, Nachteile zu erleiden, wenn sie Beratungsangebote oder professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Man braucht viel Überzeugungskraft, um die pflegebedürftigen Menschen aus den Familien herauszuholen oder die Familien zu überzeugen, die Pflege ihrer Angehörigen in professionelle Hände zu geben." Muttersprachliche Beratung und Mundpropaganda seien für diese Kundengruppe sehr wichtig.

Säkulare Angebote statt religiöser Schiene

Von monoethnischen oder religiösen Heimen hält Kavazović nicht viel: "Ich finde türkische Altersheime oder Institutionen für Menschen aus Ex-Jugoslawien nicht zielführend. Das fördert doch nur Parallelgesellschaften." Auch Marko Iljić warnt vor einer Überbewertung der Religion in der Alterspflege: "Ich bin nicht überzeugt, dass der Zugang über Religion dominierend sein soll. In unserer Gesellschaft sollten wir auch andere Zugänge haben und säkulare Einrichtungen statt religiöser Schiene anbieten."

Die auf Deutsch, und Bosnisch-Kroatisch-Serbisch (auf lateinisch und kyrillisch) vorliegende Informationsbroschüre des Hilfswerks spricht jedoch eine andere Sprache. Da heißt es gleich auf dem Titelblatt "Älter werden in einem fremden kulturellen Umfeld" (Hervorhebung der Redaktion) und zur Illustrierung dienen eine Moschee, eine orthodoxe Kirche und der Stephansdom, vor dem Hintergrund des Wiener Riesenrads. Offenbar geht man davon aus, dass die Menschen doch am leichtesten "über die religiöse Schiene" ansprechbar sind. (Mascha Dabić, 08. April 2011, daStandard.at)

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10 Postings
fuchstritt
01
30.4.2011, 13:12

ich kann das geschwafel von diversity nicht mehr hören. sagen wir doch wie es ist:die nicht assimilierten machen schwierigkeiten u langsam aber sicher muß man diesen leuten einmal sagen bis hierher u weiter nicht.entweder ihr nehmt was es gibt oder ihr versucht es mit demokratischen mitteln zu ändern sow ie das in einer liberalen säkulären gesellschaft üblich ist.oder ihr habt ein schweres leben

Hanna Pulka
00
14.4.2011, 13:33
40 Jahre in Österreich?

...und können nicht Deutsch?
Waren nie in einem Krankenhaus, wo bekanntlich gemischtes Personal bei Behandlungen und Pflege eingesetzt wird?

Alle Migranten, auch Pfleger MÜSSEN (gesetzliche Verpflichtung) der deutschen Sprache mächtig sein, oder täusche ich mich?

Religion ist jedem seine Privatsache. In den meisten Krankenhäusern und Seniorenheimen gibt es kleine Kapellen, wo man sich zum Gebet zurückziehen kann. Ich könnte mir vorstellen, dass sie jedem, egal welcher Religionszugehörigkeit, zugänglich gemacht werden.

Außer Streit steht für mich, dass der Pflegeberuf mehr Anerkennung verdient und besser bezahlt gehört!

Josef Kreilmeier
 
01
13.4.2011, 12:53
Integration

Solange man nur von Intergration spricht und sich das Wort Assimilation nicht aussprechen traut, solange wird es die Bildung von Parallelgesellschaften geben - auch im Seniorenheim. Manche wollen das wirklich , na dann !

mans zelmerlöw
00

frau dabic wünscht sich also die parallelkultur bis ganz zum schluss!

dia_lektik
00
was hat ihr posting mit dem artikel zu tun?

aufmerksamen leserInnen dürfte v.a. gegen ende dieses artikels nicht entgangen sein, dass frau dabic der "religiösen schiene" gegenüber doch eher kritisch gegenüberstehen dürfte.

da wird keine parallelgesellschaft gewünscht, sondern die "kultursensible" alterspflege inkl. der abgebildeten broschüren mit religiöser symbolik auch hinterfragt.

aber solange sie den artikel bzw. die autorin dazu nutzen können, um ihren alltagsfrust rauslassen zu können, ist die welt ja noch in ordnung...

Ira1
00
nein,

frau dabic berichtet.

Johannes Benn
01
.

"Zudem sei die türkische Community sichtbarer und aktiver, im Gegensatz zur weitgehend defensiv agierenden ex-jugoslawischen Gemeinschaft, die in Österreich die Mehrheit darstellt"
das ist im grunde díe positive formulierung einer problematischen eigenschaft der türkischen zuwanderer...
-
aber schade, dass behörden meinen sie müssten die pflegebedürftige aus den familien reißen, zuhause ist es eh viel besser, und wenn man hinreichend viele kinder hat geht das auch. wem es nicht gut gefällt sind krankenkassen und konsorten

van.der.stiege
02
wie es umgesetzt wird....

... ist mir ziemlich egal. oberste premisse sollte halt nur die "gleichheit" sein, sprich jeden pensionist steht gleich viel geld zu.

und da haben wir auch schon den haken: eine "kultursensible" altenpflege kostet wohl mehr als die betreuung eines alten (ohne religionsbekenntnis) den man ja gleich jegliche "kultur" abnimmt.

und somit haben wir wohl zukuenftig nicht mehr eine pensionistenvertretung sondern eine die sich in kath., evang. und islamische aufspaltet wo natuerlich jede gruppe versucht ihr klientel bestmöglich zu versorgen.

Ira1
00
gleichheit?

es ist ja jetzt, wie wir wissen, der fall, dass allen pensionisten gleich viel geld zusteht. und gleichheit heißt auch, dass alle das gleiche brauchen. oder?

van.der.stiege
00
"und gleichheit heißt auch, dass alle das gleiche brauchen. oder?"

ja, aber darum gehts doch.... was abseits von dem was gleich ist (essen, dach ueber dem kopf, betreuung) noch dazu kommt wenn man "kultursensibel" pflegen will.

sprache und wer wann wen waschen darf ist da erst der anfang :-)

der "kulturelle background" definiert die gruppenzugehörigkeit. vertreter dieser gruppen bestimmen was "kulturspezifisch" ist + somit den personen der gruppe zusteht - und das individuum bzw. die frage wie stark es sich eigentlich mit diesen definierten kulturregeln selbst identifiziert spielen keine rolle.

aber so ist's halt immer beim normativen multikulturalismus verständnis, das eigentlich nur darin endet gruppen gegeneinander auszuspielen. als individuum bist nix. als teil einer gruppe bekommst deine rechte.

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