Filmtipp

"Sind wir jetzt Türken oder Deutsche?"

Meri Disoski, 22. April 2011, 15:00
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    Hüseyins sechsjähriger Enkel Cenk, der einen türkischstämmigen Vater und eine deutsche Mutter hat, fragt sich: "Sind wir jetzt Türken oder Deutsche?"

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    "Almanya" erzählt auch von den Anfängen der Gastarbeitergeschichte.

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    Mit der Geschichte der Familie Yilmaz werden Menschen aus der anonymen Masse der ZuwandererInnen hervorgehoben.

"Verpflichten Sie sich, die deutsche Kultur als Leitkultur zu übernehmen? Das bedeutet, Sie essen zweimal die Woche Schweinefleisch und verbringen jeden zweiten Sommer auf Mallorca!"

Diese Worte aus dem Mund eines deutschen Beamten lassen Hüseyin Yilmaz am Tag vor der Verleihung der deutschen Staatsbürgerschaft panisch aus dem Schlaf fahren. Während seine Frau Fatma es kaum erwarten kann, nach 40 Jahren in Deutschland endlich auch offiziell deutsche Staatsbürgerin zu werden, steht Hüseyin der amtlich vollzogenen und durch den deutschen Pass symbolisierten Einbürgerung etwas skeptischer gegenüber. Weitaus enthusiastischer ist er, als er im Rahmen eines Familientreffens eine "große Neuigkeit" bekanntgibt: Er habe ein Haus in der Türkei gekauft und möchte mit der gesamten Familie in die alte Heimat fahren, lässt er die verblüfften Anwesenden wissen.

"Man kann nicht beides sein!"

Nach anfänglichem Zögern willigen zwar alle Familienmitglieder ein, aber einzig Hüseyins sechsjähriger Enkel Cenk, der einen türkischstämmigen Vater und eine deutsche Mutter hat, scheint sich tatsächlich auf die Reise zu freuen. Er, der beim Fußballspiel in der Schule weder in die deutsche, noch in die türkische Mannschaft gewählt wurde, erhofft sich wohl durch die Reise eine Antwort auf seine Frage "Sind wir jetzt Türken oder Deutsche?" zu finden. Denn, so seine bestimmt hervorgebrachte Überzeugung: "Man kann nicht beides sein!"

Es war einmal ...

In Rückblenden erzählt Canan, Cenks Cousine, dem kleinen Cousin die Familiengeschichte: "Es war einmal ein junger Mann und der hieß Opa", beginnt sie und das formelhafte "Es war einmal" deutet auf den teilweise märchenhaften Charakter ihrer Erzählung hin. Während Scheherazade dem König tausendundeine Nacht lang Geschichten erzählt und so ihre Hinrichtung verhindert, zeichnet Canan in ihren Erzählungen das "klassische Gastarbeiterschicksal" ihres Großvaters, der als 1.000.001 Gastarbeiter nach Deutschland kam, nach.

... in Almanya

Mit viel Humor aber auch mit nachdenklich stimmenden Szenen wird die erste Zeit, die die Familie Yilmaz in "Almanya" verbringt, gezeigt. Eine Zeit, in der die Kinder der Familie sich über die Deutschen, die mit "großen Ratten, die an Seilen hängen", spazieren gehen, wundern und sich vor dem am Kreuz hängenden, blutüberströmten Mann, den die Deutschen anbeten und dessen Fleisch und Blut sie jeden Sonntag in der Kirche essen bzw. trinken, fürchten. Eine Zeit, in der die Kinder das Weihnachtsfest für sich entdecken und maßlos enttäuscht sind, dass die Eltern es nicht richtig zu feiern wissen.

"Jibberisch"

Eine Zeit, die aber vor allem auch von Sprachschwierigkeiten geprägt ist: So werden etwa die Kinder ohne ein Wort Deutsch zu sprechen eingeschult und Fatma muss schon am zweiten Tag in Deutschland den Familieneinkauf erledigen - große Verständigungsschwierigkeiten inklusive. Um den Effekt zu erreichen, "dass sich der deutsche Zuschauer genauso fremd und irritiert mit einer neuen Sprache auseinander setzen muss, wie unsere türkische Familie", legt Regisseurin Yasemin Samdereli den Deutschen im Film dabei eine von Charlie Chaplins Der große Diktator inspirierte Fantasiesprache, "Jibberisch", in den Mund.

Zuspitzung

Die zweite Erzählebene des Films spielt in der Gegenwart und begleitet die Familie auf ihrer Reise in die "alte Heimat", nach Anatolien. Die zentralen, im Film verhandelten Fragen nach Heimat, Zugehörigkeit und Identität spitzen sich zu, als die Reise eine völlig unerwartete Wendung nimmt: Hüseyin Yilmaz stirbt und dem Verstorbenen soll, da er jetzt offiziell deutscher Staatsbürger ist, ein Begräbnis auf dem muslimischen Friedhof seines Heimatdorfes verwehrt werden. Und das von ihm gekaufte Haus hält für seine Familie noch eine Überraschung bereit.

Man kann beides sein

So groß und existentiell die Fragen, die im Film aufgeworfen werden, auch sein mögen, so banal scheint deren Beantwortung am Ende zu sein: Wenn der kleine Cenk an Stelle des verstorbenen Großvaters anlässlich der Ehrung des 1.000.001 Gastarbeiters durch die Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem großen Festakt vor Publikum spricht, versinnbildlicht der Sechsjährige jene Generation, die offenbar beides sein kann: Türkisch und Deutsch zugleich.

"Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen"

Yasemin Samdereli (Regie) und Nesrin Samdereli (Drehbuch) erzählen in "Almanya - Willkommen in Deutschland" ein Stück Migrationsgeschichte aus der Perspektive zugewanderter Menschen und deren Nachkommen. Die so entstehende Perspektivumkehr ist eine der großen Stärken des Filmes. "Wir riefen Arbeitskräfte, es kamen Menschen", kann Max Frischs vielzitierter Ausspruch im Abspann des Films gelesen werden. Mit der Familie Yilmaz werden einige dieser Menschen aus der Masse der ZuwandererInnen hervorgehoben und nicht als anonyme Arbeitskräfte, sondern als Menschen in all ihren unterschiedlichen Facetten gezeigt. Sehenswert! (Meri Disoski, 22. April 2011, daStandard.at)

 

Almanya. Willkommen in Deutschland. Ein Film von Yasemin Samdereli. Deutschland 2010. Kinostart: 13. Mai 2011.

Kommentar posten
17 Postings
Justin Credible
00
13.5.2011, 12:15
Bitte nicht schon im Artikel spoilern :(

Beim Barte des Proleten!
00
27.4.2011, 08:03
Die Identitätsfrage ist ja das Übel des Problems

Ist doch wurscht was jemand ist.
Ein symphatischer Türke ist mir lieber als ein unsymphatischer DeutschTürke der sich selbst als Deutscher bezeichnet.
90% der Österreicher haben nie länger außerhalb Österreichs gelebt und kennen nicht das gefühl "fremd" zu sein. Du kannst die auf den Kopf stellen, du bleibst fremd. Das einzige was diese Menschen haben sind glecihgesinnte.

Daran hat keiner "Schuld" soetwas entwickelt sich, überall.

mehmetali erbil
12
23.4.2011, 12:42
??

"Sind wir jetzt Türken oder Deutsche?"
Dumme Frage. Ihr seid Deutsche weil ihr Deutsche Staatsbürger geworden seid. Wenn ihr euch danach die Frage stellt was ihr seid - seid ihr wirklich nur dumm.

Nevim
02
23.4.2011, 18:30

So einfach hätt ichs auch gern, bitte.

mehmetali erbil
00
20.5.2011, 10:28
Yo

Es ist einfach. Es bleibt jedem selber überlassen. Hast Du einen Türkischen Pass - bist Du Türke. Hast Du einen Deutschen Pas - bist Du Deutscher. Egal wo Du herkommst. Kinder.

ehgida
10
22.4.2011, 10:34
man,frau kann beides sein, ja!

http://www.youtube.com/watch?v=h56xPN6hjMo

Nur ein Beispiel für Multikulti bzw. Transkultur; und zwar nicht nebeneinander, sondern im Sinne einer Melange , in einer Person; Immigranten sind "zerrissen", bis sie persönlich ankommen;
Nicht im sinn einer Verallgemeinerung zu verstehen, es ist ein sehr weites Feld, vom Deutschen , der aus der Türkei stammt, vom Deutschtürken und bis zum Türken, der in Deutschland lebt, ein buntes Spektrum, ein weites Gesichtsfeld.

Demagogen und Pauschalisierer verharren im Tunnenblick bzw. in Verblendung.

SterzinOz
11
22.4.2011, 02:28
"Jibberisch" ist natürlich nicht "eine von Charlie Chaplins Der große Diktator inspirierte Fantasiesprache",

das Wort (auch "gibberish" geschrieben) gibt es im Englischen seit dem 16. Jahrhundert, und es lässt sich sehr gut mit dem deutschen "Kauderwelsch" übersetzen. Und während die Deutschen in manchen Rückblende-Sequenzen des (nebenbei wirklich sehr gelungenen!) Films tatsächlich ein den neu ankommenden Türken komplett unverständliches Kauderwelsch sprechen, ist Chaplins Kunstsprache in der berühmten Hynkel-Rede seines Films ein für Englischsprachige vermeintlich deutsch klingendes, Hitlers Geblöke karikierendes englischbasiertes Makkaronisch:http://de.wikipedia.org/wiki/Makk... teren_Sinn
Zum Anhören: http://www.youtube.com/watch?v=LMV4oGzxu7g

Nevim
00
22.4.2011, 08:52

Jedes Mal wieder lustig! Danke für den Link.

Krawuzi Kabuzi
22
21.4.2011, 23:27
Deppertes Schubladisieren

Es braucht einen längeren Aufenthalt im Ausland, um das zu verstehen, aber im Grunde bin ich Weltenbürger und Staatszugehörigkeiten sind nur etwas für Regierungen und Einreisebehörden.

Sicherlich wird man von der Kultur des entsprechenden Wohnorts beeinflußt, aber man wird doch wählen dürfen. So bin ich beim Essen des selbgebrutzelten Wiener Schnitzels Österreicher, beim Spiel um den 3. Platz bei der Fußball-WM 2010 bin ich Deutscher und bei der Angelobung von Obama bin ich US Amy - so what?

Krawuzi (emmigiert)

Nevim
00
22.4.2011, 08:51

Da haben Sie Recht. Seltsamerweise ist "Where are you from" trotzdem oft die erste Smalltalk-Frage, die man gestellt bekommt und (leider) auch selber stellt. Ist vielleicht was, was ich mir abgewöhnen sollte :)

SterzinOz
22
22.4.2011, 10:55
Das werde ich hier in Melbourne auch oft gefragt,

man wird halt seinen Akzent nie ganz los. Aber der Ton der Frage ist hier, anders als oft in Europa, freundlich-interessiert und nicht aggressiv.

Johannes Benn
23
21.4.2011, 18:26
.

solche identitäts-, zugehörigkeits- und heimatunklarheiten stellen sich nur für einen bruchteil der zugewandreten türken. der allergrößte teil ist mit kopf und herz, leib und seele türke

D. C.
20
22.4.2011, 19:38
der allergrößte teil ist mit kopf und herz, leib und seele türke

Das hätten sie dann mit den meisten Österreichern und den allermeisten Menschen aller Frauen und Herren Länder gemein, dass man die Herkunft, die Zugehörigkeit zur Kultur und Tradition der Familie als identitätsstiftend empfindet.
Wenn man woanders ist, kommt halt je nach den Umständen auch Anderes, Neues dazu.

dia_lektik
20
21.4.2011, 22:47
unsinn

das ist so wie wenn ich pauschal sagen würde "alle österreicher sind nazis", was natürlich nicht stimmt.

sie können es mit ihrer eindimensionalen auf's national-österreichische (od. christlich-österreichische?) begrenzten identität nicht aushalten, dass andere menschen sich nicht nur einer heimat/nation/kultur zugehörig fühlen. kein wunder, dass ihnen das nicht behagt...sind die ausländer, sprich in dem fall hier türken, zu nationalistisch behagt es ihnen nicht, fühlen sich die zugewanderten und deren nachkommen beiden kulturen hinzugezogen behagt es ihnen auch nicht, was behagt ihnen eigentlich?

paradigmenwechsel
21
21.4.2011, 21:33
?

und wie wollen Sie das wissen? Haben Sie empirische Daten, die eine derart allgemeine Behauptung belegen?

Johannes Benn
12
21.4.2011, 22:18
.

das ewige tabellenrumgeschiebe bringt doch auch keinem was. wer ein bisschen rumkommt und genug türkischstämmige mitbürger kennt weiß wovon die rede ist

B.Kiddo
00
21.4.2011, 21:45
Manche wissen eben alles

auch wenn sie nichts wissen!

Steht doch eh alles in der Zeitung.
In welcher Zeitung?
Ja in allen; und wenn sie mir nicht glauben, dann fragen sie mal die Türken am Reumann-Platz in Favoriten; die geben ihnen schon die richtige Antwort und zeigen, dass ich absolut recht habe;
sie sehen also, ich habe immer/doch recht!
Wollen sie noch weiter mit mir diskutieren?

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