Polnische Frauenliteratur

"Weiblichkeit zur Zweitrangigkeit verurteilt"

Eva Zelechowski, 21. April 2011, 09:24
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    foto: mieczylaw wlodarski

    "In der Literatur wirken dieselben Mechanismen, die wir in Politik und Alltag beobachten: Das, was mit Frauen zu tun hat, weiblich ist, ist zur Zweitrangigkeit verurteilt"

Die Autorin Inga Iwasiów über polnische Frauenliteratur und wieso sich das Verwerfen des Patriarchats kaum lohnt

"Ich habe mit dieser Auszeichnung für meinen Roman 'Bambino' nicht gerechnet, obwohl er im Finale aller wichtiger polnischer literarischer Preise im Jahr 2009 war. Diese Tatsache hat mein Verhältnis zum Schreiben verändert. Nun kann ich mir Zeit zum Schreiben nehmen ", sagt Inga Iwasiów. Die polnische Literaturkritikerin und Schriftstellerin hat als eine der zehn GewinnerInnen im Rahmen des Bank Austria Literaris Preises 2010 ein Writers in Residence Stipendium in Wien bekommen. Die Auszeichnung verfolgt das Ziel, Literatur aus Ostmitteleuropa mehr Gehör im deutschsprachigen Raum zu verschaffen und regionale Literatur aufzuwerten.

Zweisprachige Veröffentlichung

"Der Preis ist eine Weiterentwicklung der EditionZwei - einer zweisprachigen Literaturreihe, die von den drei Initiatoren Bank Austria, KulturKontakt Austria und Wieser Verlag 2006 ins Leben gerufen wurde und alle zwei Jahre vergeben wird. Die Bücher wurden zweisprachig veröffentlicht - daher der Titel", erklärt Katja Erlach, verantwortlich für Kultursponsoring bei der Bank Austria.

Dass jede Auszeichnung für AutorInnen Motivation und Ehre zugleich bedeutet, ist unumstritten. Wenn aber ein Werk etliche Preise erntet, und - wie im Fall 'Bambino' - vergeblich auf einen Verlag wartet, stellt sich die Frage nach dem 'wieso'.

Kein Geld - kein Einsatz

"Es ist aus zwei Gründen so", weiß Iwasiów: "Das Interesse für 'kleinere' Literaturen ist in Krisenzeiten gering. In Polen haben wir keine Literaturagenten, die Verleger bemühen sich alleine, die Rechte zu verkaufen. Weil es sich aber finanziell nicht lohnt, ist ihr Einsatz nur begrenzt. Vielleicht bewirkt das Auszeichnen von Autoren aus Ostmitteleuropa, dass die LeserInnen auf die Existenz dieser Literatur überhaupt erst aufmerksam werden, einer Literatur, die ihre eigenen Themen, ihren Stil hat, der sich oft von dem unterscheidet, was gerade im Westen 'in' ist".

Zur Zweitrangigkeit verurteilt

Derzeit ginge eine breite Strömung der Frauenliteratur in Richtung Unterhaltung, meint Iwasiów. Dieser Umstand ist einerseits der Überzeugung zu verdanken, dass zur Leserschaft vor allem Frauen gehören, die nach Identitätsnarrationen nach einem schon bekannten Muster suchen. "Hier wirken dieselben Mechanismen, die wir in Politik und Alltag beobachten: Das, was mit Frauen zu tun hat, weiblich ist, ist zur Zweitrangigkeit verurteilt", bedauert die Autorin. "Niemand wird hier natürlich das Geschlecht als Argument nennen. Die Kritiker sagen, es ist schlechtere Literatur - wegen ihrer Themen und ihrer Form."

Lob vor allem für nicht-feministische Manifeste

Auf die Frage, ob die Frauenstimme in der polnischen Literatur zu leise oder kaum ertönt, holt Iwasiow zu einer ExpertInnenanalyse aus: "Frauen, die Erfolg haben wollen, müssen sich den Anforderungen des Markts anpassen, der wiederum eher Unterhaltungsliteratur erwartet als komplizierte feministische Manifeste. Kritiker loben vor allem Texte, die nicht feministisch sind, die aber als Stimme der Frau und einer bestimmten Generation verstanden werden können. Von Frauen werden demnach Eingeständnisse erwartet. Natürlich gibt es auch engagierte Kritik, die für Gender-Problematik offen ist, aber besonders die künstlerische Vielfalt der Frauenliteratur schätzt. Die Stimme der Frauen wird jedoch durch die illusionäre Erhabenheit männlicher Literatur gedämpft."

Ist die Literatur eine Frau?

Eine Veränderung ist laut Iwasiow bereits im Gange, jedoch zu langsam. Im Jahr 2000 habe sie auf der Frankfurter Buchmesse eine Diskussion darüber geleitet, ob 'die Literatur eine Frau' ist, und bekannte polnische Autorinnen weigerten sich unter diesem Motto aufzutreten. "Heute sagen dieselben Schriftstellerinnen: Schon wieder? Das haben wir doch schon durch. Ist doch klar, dass wir Frauen sind!", sagt Iwasiów.

Sie selbst sagt seit 20 Jahren: "Ich bin eine Frau, ich erforsche Literatur und ich schreibe als Frau. Lasse ich mein Geschlecht im Warteraum der Bibliothek stehen? Nein, ich lese als Frau und ich schreibe als Frau. Ich bin aber nicht damit einverstanden, dass diese Tatsache über Wertungen, Hierarchien und über den literarischen Kanon entscheidet. Ich beschreibe die Geschichte, die zwischenmenschlichen Beziehungen und die Literatur natürlich als Frau.

"Frauen sind viel seltener pathetisch und aufgeblasen"

Die Art der Subjektivität und ihr existenzieller Einsatz sind es, die männliche von weiblicher Literatur unterscheiden, meint die Literaturkritikerin. Danach reihen sich laut Iwasiów alle anderen thematischen und formellen Eigenschaften, die mit Macht und gesellschaftlichen Rollen zu tun haben und danach würde auch die eigene Wahrnehmung beeinflusst: "Als wer empfinden sich Männer, wenn sie schreiben und als wer empfinden sich Frauen, wenn sie schreiben? Frauen sind viel seltener pathetisch und aufgeblasen, sie beanspruchen nicht das Recht auf Unfehlbarkeit. Geschlecht kann man im Schreiben aber auch als Haltung annehmen, weshalb Männer manchmal 'weibliche' und Frauen 'männliche' Narrationen schreiben."

Frauen müssen sich entscheiden

Inga Iwasiów schreib einmal in einem Blog: "Es ist zu bemerken, dass in der polnischen Literatur die Konfrontation und die entschiedene Kritik am Patriarchat eine Seltenheit sind." Die Gründe sieht die Autorin in der polnischen Geschichte und dem gesellschaftlichen Training, denn "in der polnischen Kultur hatten wir immer Wichtigeres zu tun als uns mit der Gleichheit der Geschlechter zu befassen. Das Verwerfen des Patriarchats lohnt sich auch heute kaum. Egal in welcher Berufsbranche - um uns herum sind Männer, die ihre Privilegien untereinander verteilen. Frauen versuchen manchmal, zwischen dem Patriarchat und der eigenen Selbstverwirklichung hin und her zu pendeln, doch irgendwann müssen sie meist eine Wahl treffen." (Eva Zelechowski, daStandard.at, 21. April 2011)

Zum Thema: "Egal, ob Mann, Frau oder Außerirdischer" - Serbische Lyrikerin Mladenović im Interview

Inga Iwasiów (geb. 1963) Schriftstellerin, Literaturkritikerin, Professorin für Literatur, Chefredakteurin des Magazins Pogranicze.

Inga Iwasiów arbeitet hauptsächlich im Bereich der Literaturforschung. Sie hat mehrere Bücher über Literatur und Literaturkritik veröffentlicht. Ihre von Feminismus und Gender-Theorie inspirierten Essays erregten Aufmerksamkeit, darunter Repossession - The Reading Woman Today (2002) und Gender for Intermediates - the Szczecin Lectures (2004 ).
Werke: The City-Me-The City (1998), Liebe (2001) und 39/41 (2004), Tastes and Touches; Bambino Dairy Bar (2008), Toward the Sun (2010). Inga Iwasiów ist im April 2011 Writer in Residence von KulturKontakt Austria.

 

Kommentar posten
14 Postings
tony
00
22.4.2011, 00:55

eine fotoreportage zu diesem event findet sich (leider nur) mit polischem Text hier:
http://www.polonia-w-austrii.at/polska-pi... %E2%80%9D/

falls es jemanden interessiert ;)

Erimet
01
21.4.2011, 17:40
Wenn ich ein Buch lese...

...dann ist es mir wirklich schnurzegal, ob es sich nun um eine Autorin oder einen Autor handelt.

Ein/e gute/r Autor/in kann sich in beide Geschlechter einfühlen und für entsprechend komplexe Plots mit entsprechend komplexen emotionalen Verflechtungen sorgen. Alles andere ist einfach schlechte Literatur.

Thomas Felder1
23
21.4.2011, 16:40
heul ned rum

peinlich

Anton J. Helmreich
01
21.4.2011, 15:13
weiblichkeit zur zweitrangigkeit verurteilt

ja - ist auch richtig so
und auch männlichkeit

erstrangig und in vordergrund zu stehen hat die menschlichkeit

dieses gegeneinander ausspielen von männlein und weiblein hilft beiden nicht

ecologystin
20
21.4.2011, 16:21

warum darf man als frau nicht die weiblichkeit an vorderer stelle haben?

kann man nicht mensch und weib gleichzeitig sein?

Anton J. Helmreich
00
21.4.2011, 16:39

man ( also frau ) darf ja eh - ich finde halt nur, dass es keine positiven effekte, sondern wenn dann negative effekte hat - wie unnötige konfrontation und unnötiger wettbewerb
wir sind alle menschen, die unterschiedlichen ausprägungen sin wegen der vielfalt wunderbar - und thats it

alles andere führt zu rassismus, unterdrückung, herren und untermenschentum und im endeffekt zu mord und totschlag

wenn etwas anders ist als ich muss es weder besser noch schlechter sein - sondern aeinfach nur anders

und frau sein hat genauso wie mann sein vor und nachteile und immer nur über die nachteile zu jammern bringt niemansden was - besser ist es doch die vorteile zu würdigen

ecologystin
00
21.4.2011, 20:53

was für negative effekte?

die männer, die ich kenne und ihr echtes mannsein betonen, wollen keine widerrede. es soll gemacht werden, wie sie es wollen. da gibt es weder konfrontation noch wettbewerb, selbst wenn die lösung schlecht ist.

dürfen kinder auch nicht ihr kindsein an vorderster stelle haben, senioren ihr seniorsein, ausländer ihr ausländersein?

alle muss man gleich machen und wird die gesellschaft zufällig durch männer dominiert, dann ist das "gleich" eben auch "zufällig" das mannsein.

Anton J. Helmreich
00
21.4.2011, 23:14
wollen sie mich bewusst missverstehen

dann kennen sie die falschen männer

ich halte mich für einen echten mann und kenne meine stärken und schwächen und natürlich will ich kritik um mich weiterzuentwickeln - die positive ist angenehm, die negative bringt einen weiter aber eben egal ob von mann oder frau - das ist nicht wichtig, wichtig ist, dass sie ehrlich ist

und so ist ein richtiger mann - und so ist auch eine richtige frau - das ist doch keine gleichmacherei - es gibt bei beiden geschlechtern dumme und gscheite, nette und arschlöcher - nur weil ich ein mann bin beurteile ich doch nicht eine aussage eines mannes wohlwollender als die einer frau...

und sind sie wirklich sicher, dass unsere gesellschaft von männern dominiert wird

Ira1
01
21.4.2011, 17:19
aha

super, dass es keine diskriminierung gibt. frauen sollen bloß nicht rumheulen, sondern sich übers frausein freuen. ja?

Anton J. Helmreich
11
21.4.2011, 23:19

diskriminierung gibt es immer und überall und dagegen muss man auch eintreten egal ob mann oder frau

ja und freuen sie sich über ihr frausein - geniessen sie die vorteile, akzeptieren sie die nachteile, die sie nicht ändern können und ändern sie die, die sie ändern können
und seien sie glücklich

und falls sie einen netten mann suchen, der sie respektiert und akzeptiert als mensch und damit auch als frau, dann melden sie sich doch bei mir, ich wäre grad zu haben

und sie werden sehen mann und frau miteinander ist für alle besser als gegeneinander

Johannes Benn
01
21.4.2011, 16:36
.

weil man dann vom feministinnen angegriffen wird, den laut feministinnen gibt es keine weiblichkeit

dieWolfsmutter
00
23.4.2011, 07:36
Scheint

ein Missverständnis. Natürlich gibts Weiblichkeit, allerdings verstehen Feministinnen wahrscheinlich nicht dasselbe darunter wie du.

-Lucien-
00
21.4.2011, 13:54

"Weiblichkeit zur Zweitrangigkeit verurteilt"

lmao

dünneseis
22
21.4.2011, 11:17
das nenne ich kunstsponsoring! ein konzept, das mal wirklich durchdacht ist und auch die kommunkation über kulturgrenzen hinaus unterstützt!

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