Zwischen Burkas und Irokesen

  • "Taqwacore: The Birth of Punk Islam" hat mehrere Dokumentarfilm-Preise gewonnen.
    foto: taqwacore: the birth of punk islam

    "Taqwacore: The Birth of Punk Islam" hat mehrere Dokumentarfilm-Preise gewonnen.

  • Mode für Taqwacore-Anhängerinnen
    foto: www.kristinask.net

    Mode für Taqwacore-Anhängerinnen

Taqwacore - wie sich aus einem Underground Roman eine Subkultur junger muslimischer Punker formierte

"Ich bin ein Moslem, ich bin der Antichrist", so oder ähnlich provokant klingen Taqwacore-Texte, während sie ins Mikrofon geschrien werden. Taqwacore bezeichnet ein Musikgenre, das sich als Bindeglied zwischen Punk und dem Islam versteht. Allein schon der Begriff will provozieren: "Taqwa", auf Arabisch "Gottesfurcht", wird mit "core", das sich von "hardcore" ableitet, vermischt. Es handelt sich um eine Brücke, die zwei Ufer miteinander verbindet, welche auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher sein könnten.

Gebetsteppiche gegen Punk getauscht

Der Begriff entstammt der Feder des Schriftstellers und Journalisten Michael Muhammad Knight. Als 13-Jähriger kam er mit der muslimischen Kultur und den im Hiphop verarbeiteten Texten von Malcom X in Berührung. Drei Jahre später konvertierte Knight zum Islam. Mit seinem Roman "The Taqwacores" hat der Autor eine ganze Generation von Teenagern geprägt und ihnen nicht nur eine musikalische Heimat gegeben. Gleichzeitig legitimiert er damit auf eine gewisse Weise ihre Identität, die Punk und Islam vereint.

Das Buch erzählt die fiktive Geschichte einer New Yorker Punk-WG, deren Bewohner gläubige Muslime sind. Nachts werden die Gebetsteppiche gegen wilden Punk-Rock und düstere Kellerkneipen getauscht. Was als Fiktion begann, hat mittlerweile eine richtige Bewegung nach sich gezogen: Bekennende Taqwacores gibt es mittlerweile in den USA, in Europa und Südasien.

"Cooler Islam"

Inspiriert haben Knight Freundschaften und Kontakte zu Punk Rockern. Durch die strenge Einhaltung der muslimischen Regeln desillusioniert, bewunderte er sie für ihre kompromisslose und ehrliche Lebensweise. Die hätte er sich auch für den Islam gewünscht. "Es müsse auch einen coolen Islam geben", wird er in den Medien zitiert. In der US-amerikanischen muslimischen Community gilt er als kultureller Provokateur. Seine Forderung nach der Freiheit und Existenzberechtigung als muslimischer Punk fand bald enormen Anklang. Obwohl die Szene merklich weniger weibliche Akteure hervorgebracht hat als männliche, wird selbstverständlich auch auf Frauenseite nach Rebellion gelechzt. Vielleicht sogar umso vehementer.

 

Die Geburt des Punk Islam

Die Dokumentation "Taqwacore - die Geburt des Punk Islam" von 2009 fand internationalen Zuspruch und wurde auf zahlreichen Filmfestivals mit Lob überhäuft. Der Regisseur Omar Majeed, ein Kanadier mit pakistanischen Wurzeln, begleitete drei Jahre lang eine Reihe von Islampunk-Bands auf ihrer Tour durch die USA und Pakistan. Die an ein Roadmovie erinnernde Dokumentation zeigt ihre Protagonisten bei leidenschaftlichen Punk-Auftritten, Selbstgeißelungen und Kiff-Exzessen - nicht ohne ein entsprechendes Maß an Selbstinszenierung.

Eigene Islam-Interpretation

Es scheint so, als könnten junge Muslime dank "Taqwacore" den Islam auf ihre eigene Weise interpretieren. Und das ohne den bitteren Zusatz von Gewissensbissen oder vor anderen Muslimen das Gesicht zu verlieren.

Michael Muhammad Knight, dessen nächster Roman den Titel "Osama Van Halen" tragen soll, wehrt sich dagegen, dass sein Erstlingswerk als Manifest für die Bewegung gesehen wird. Die Szene war bereits da, ist er überzeugt, vielleicht hat sie bloß auf den richtigen Namen gewartet. (Eva Zelechowski, daStandard.at, 28. April 2011)

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