Auf Grund des Krieges und der permanenten politischen Nachkriegskrise, ist Bosnien unverwechselbar. Das gilt in einem noch höheren Maße für die Hauptstadt
Der frühere US-Präsident George W. Bush soll einmal Slowenien und Slowakei verwechselt haben und dem "hocherfreuten" slowenischen Premier vor laufender Kamera und vor der ganzen Welt zugesagt haben, dass die USA das befreundete Land - die Slowakei - nach Kräften unterstützen würden. Angeblich soll auch Britney Spears auf Bitte einer ungarischen Fernsehjournalistin hin, ihr ungarisches Publikum zu begrüßen, mit einem One-Million-Dollar-Lächeln in die Kamera gesagt haben: All the best for my hungry fans.Ein Scherzkeks würde hinzufügen: I hope they'll have a good lunch!
Im Übrigen hätten auch Österreicher einiges zu diesem Thema beizutragen. Die meisten Souvenir-T-Shirts in Wien ziert eine englische Aufschrift, die besagt, dass es in Österreich keine Kängurus gäbe, was bedeuten soll, dass Austria nicht mit Australia zu verwechseln ist.
Bosnien gehörte zwar einst zum selben Reich wie das heutige Österreich, Ungarn, Slowenien und Slowakei (nicht jedoch Australien!), dennoch ist der globale Wiedererkennungswert Bosniens um einiges höher. Leider, könnte man sagen. Auf Grund des Krieges (1992-1995) und einer permanenten politischen Nachkriegskrise, ist Bosnien unverwechselbar. Das gilt in einem noch höheren Maße für Sarajevo.
Allerdings ist die Beziehung zwischen der Stadt Sarajevo und ihren Besuchern von Gegenseitigkeit geprägt. Ausländer erkennen die Eigenarten Sarajevos, aber auch Sarajevo erkennt die Eigenart seiner Ausländer. Wohnungsanzeigen, in denen präzisiert wird, dass ein Wohnobjekt ausschließlich an Ausländer vermietet wird, sind nach wie vor häufig anzutreffen. Es gibt Vermieter, die ihre Wohnungen nur an Nichtraucher oder nur an Frauen vermieten, aber die größte Gruppe bilden jene Vermieter, die Ausländer vorziehen. Diese Selektivität ist eigentlich ein Relikt aus der unmittelbaren Nachkriegsperiode. Als nach Kriegsende 1996 zahlreiche internationale Organisationen in Bosnien und in Sarajevo ihre Tätigkeit aufnahmen, sollen rund zehntausend Ausländer in die bosnische Hauptstadt gekommen sein. In einer Stadt, die vor dem Krieg etwa 400 000 Einwohner zählte (eine Ziffer, die im Krieg beträchtlich zurückging), in einer Stadt, in der die meisten Häuser und Wohnungen durch Granatenbeschuss unbewohnbar war, waren die Ausländer sowohl ein Symbol für einen echten Frieden, als auch eine Gelegenheit, Geld zu verdienen.
Im Gegensatz zu den Bosniern, die während des Krieges auch die letzten Reste ihrer eventuellen Ersparnisse aufgebraucht hatten, waren die gut verdienenden Ausländer bereit, für eine solide Unterkunft viel Geld hinzublättern. Jeder, der zu dieser Zeit eine Wohnung vermieten konnte, bestand darauf, einen Ausländer als Mieter zu bekommen. Ich kenne Fälle, in denen Menschen, die eine große Wohnung im Stadtzentrum hatten, diese für viel Geld vermieteten und von diesem Geld wiederum für sich selbst eine kleine Wohnung am Stadtrand mieteten und dabei einen Gewinn erzielten. Im Jahr 1996 gab es viel weniger Wohnungen als heute, und sie waren teurer. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. In jenem Jahr mietete ich mich zum ersten Mal in eine Wohnung in Sarajevo ein, und für ein kleines Zimmer und eine Küche im Erdgeschoß eines Privathauses hoch oben auf dem Berg mussten wir vier Studenten 600 damalige Deutsche Mark berappen, also mehr als 300 Euro. Für dieses Geld bekommt man heute eine durchaus ansehnliche größere Wohnung direkt im Zentrum.
Die Vermieter in Sarajevo haben jedoch noch nicht begriffen, dass die Ausländer, die heute nach Sarajevo kommen, andere sind. Nach wie vor sind Ausländer auf Straßen, in Parks und Kaffeehäusern anzutreffen, aber im Unterschied zu jenen Ausländern von vor fünfzehn Jahren, sind es heute größtenteils Touristen, die ein paar Tage in Sarajevo Urlaub machen, und nicht Dienstnehmer, die hier einige Monate oder Jahre hier arbeiten. Früher brauchten die Ausländer Wohnungen, heute brauchen sie Hostels. Früher waren die Ausländer fast so etwas wie Abenteurer in einem unsicheren Land, in dem es noch Ruinen und Minenfelder gab. Die heutigen Ausländer sind auf der Suche nach einer relativ kostengünstigen Exotik, zu der auch Kriegsspuren zählen, aber ausschließlich als klassische Tourismusattraktion, wie etwa der Tunnel, der während der Belagerung als einzige Verbindung der besetzten Stadt mit der Außenwelt fungierte.
Kaum ein Indikator ist so bezeichnend für die Veränderungen in Sarajevo wie das veränderte Profil des sogenannten durchschnittlichen Ausländers. Und das ist, Hand aufs Herz, gut so. Ich will damit sagen, es ist gut, dass die Ausländer heute eher dem Typus Backpacker entsprechen, also Touristen, die in Kaffeehäusern in der Altstadt mit Einheimischen Kaffee und Schnaps trinken, und nicht mehr so sehr dem Typus des neokolonialen Schicki-Micki-Aktenkoffer-Funktionär, also solchen Ausländern, die in teuren Restaurants Wein verkosten und die, von der lokalen Bevölkerung nur mit Dolmetschern, Kellner und Fahrern zu tun haben, außer, sie heiraten eine Einheimische. Es ist nicht so, dass es die zweiteren gar nicht mehr gibt, aber sie sind weniger geworden, und dieser Trend möge sich fortsetzen.
In Bosnien wird in Politik und am Stammtisch häufig diskutiert, wann Bosnien endlich ein normales Land sein wird, ein Land wie jedes andere. Es ist schwer, einen zeitlichen Rahmen für diese Entwicklung abzustecken, aber man kann jetzt schon sagen, dass es dann soweit ist, wenn der durchschnittlich gebildete und informierte Westeuropäer über Bosnien nicht mehr weiß als über Slowenien oder die Slowakei. Einmal wurde ich in den USA von einem Mann gefragt: "Where are you from?" Ich antwortete: "From Bosnia." Der Mann runzelte die Stirn und sagte: "You mean from Boston?" Ich denke, das ist eine passende Antwort auf die Frage, wann Bosnien sich normalisieren wird: Das wird dann der Fall sein, wenn Bosnien zumindest so oft mit der Hauptstadt von Massachussets verwechselt wird wie Österreich mit Australien.
Muharem Bazdulj wurde 1977 in Travnik, Bosnien und Herzegowina geboren. Er ist einer der führenden Schriftsteller der jungen Generation in den Ländern des ehemaligen Jugoslawien. Bazdulj hat für seine Werke zahlreiche Preise erhalten, seine Essays und Kurzgeschichten erschienen in mehreren Sprachen. Auf Deutsch wurden bisher zwei Romane veröffentlicht: "Der Ungläubige und Suleika" sowie "Transit, Komet, Eklipse".