Viele türkischstämmige Menschen sind in die Heimat ihrer Eltern zurückgekehrt. In Istanbul treffen sie sich monatlich an einem Stammtisch
"In Istanbul fühle ich mich eigentlich auch fremd" sagt Şükriye. In Deutschland war das zwar auch so, aber hier fühle sie sich trotzdem wohler. Denn es gibt einen Unterschied, der das Fremdsein erträglicher macht: In Istanbul verstehe sie es, weil sie hier vorher nie gelebt habe. Aber für Deutschland gilt das nicht. Dort sei sie schließlich aufgewachsen und kenne alles.
"Integration reicht eben nicht. Ich war sogar assimiliert und war immer noch für viele eine Fremde", sagt sie. Die Schauspielerin ist eine von etwa dreißig türkischstämmigen Deutschen, die diesmal am monatlichen Treffen der "Rückkehrer" teilnehmen. 2005 wurde die Initiative gegründet. Mittlerweile gibt es mehr als 1.000 Mitglieder aus dem gesamten deutschsprachigen Raum.
Rückkehr oder Auswanderung?
"Rückkehrer" ist für viele streng genommen der falsche Begriff. Denn zurückgekehrt sind sie ja nicht. Viele sind in Deutschland oder Österreich geboren und leben nun zum ersten Mal in der Türkei. Şükriye bezeichnet sich selbst nicht als Rückkehrerin, sondern als Auswanderin. Eigentlich ist die Bezeichnung egal. Allen ist gemein, dass sie türkische Wurzeln haben und zumindest einige Jahre in einem deutschsprachigen Land verbracht haben.
Was mich an diesem Abend am meisten überrascht, ist, dass überwiegend Deutsch gesprochen wird. Auch die meisten der Kommentare in der Facebook-Gruppe sind auf Deutsch verfasst, ebenso wie die Einladung zum Stammtisch.
Dass Deutsch gesprochen wird hat wohl verschiedene Gründe. Manche sagen, das sei deshalb, weil sie auf diese Art und Weise ihre Deutschkenntnisse fit halten. Andere, weil sich darin das Heimweh zeigt.
Fest steht jedenfalls, dass sie ihre Verbindungen zur alten Heimat nicht aufgegeben haben. Viele reisen regelmäßig zurück, schließlich sind FreundInnen und Familie meistens noch dort. Auch wegen der Geschäfte zieht es einige immer wieder nach Deutschland.
Unterschiedliche Auswanderungsgründe
Die Geschichten der Auswanderung (oder Rückkehr) sind sehr unterschiedlich. Manche erzählen von Jobangeboten, die in der Türkei lukrativer gewesen seien. Andere sprechen von Anfang an von ihren Diskriminierungserfahrungen und wie sie es satt hatten, Teil der Integrationsdebatte zu sein, obwohl sie voll integriert sind. Bei anderen dauert es länger, bis sie auf diesen Punkt zu sprechen kommen.
Der Unternehmer Erkan Balkis erzählt eine Liebesgeschichte, wenn man ihn nach seiner Rückkehr fragt. Zuerst habe er sich in ein Mädchen verliebt, dann in Istanbul. Dann hat sich auch noch eine Jobmöglichkeit geboten und mehr brauchte es auch nicht. Er fühlte sich in Deutschland immer wohl, nie fremd. Aber dennoch: Beim Hockeyspielen darauf angesprochen zu werden, dass man so anders als "die Türken" sei, anders spricht, sich anders verhält, sogar anders riecht, sei doch störend gewesen. "Es war seltsam immer die Ausnahme 'der Türken' zu sein, wenn man doch einer von ihnen ist", so Balkis.
Rückkehr im Trend
Eines haben den vielen RückkehrerInnen und AuswanderInnen jedenfalls gemeinsam: Deutschland konnte sie nicht halten. Am Stammtisch sitzen keine SchulabbrecherInnen und "gewalttätige Machotürken", die in der medialen Berichterstattung oft beim Integrationsthema als "Argumente" herhalten müssen. Hier sitzen AnwältInnen, KünstlerInnen, UnternehmensberaterInnen, ManagerInnen. Die meisten jedenfalls haben ein Hochschuldiplom und werden auch in ihrer alten Heimat zwecks Fachkräftemangel benötigt. Der Rückkehrer Stammtisch ist somit auch eine Netzwerkplattform, bei der über Geschäfte gesprochen wird.
In Deutschland sind in den letzten Jahren mehr Menschen in die Türkei ausgewandert, als aus der Gegenrichtung kamen. Nach Österreich kommen zwar nach wie vor mehr TürkInnen, es zeichnet sich jedoch ein ähnlicher Trend ab: 2007 lag die Differenz zwischen Zu- und Fortzügen zwischen Österreich und der Türkei noch bei über 2.000 Menschen. 2010 waren es nur noch um 1.120 Menschen mehr.
An diesem Abend sind nur RückkehrerInnen aus Deutschland dabei. Ihre alte Heimat hat sie sichtlich geprägt. So sehr, dass ich mir aufgrund meines Wiener Dialekts den einen oder anderen lieb gemeinten Seitenhieb gefallen lassen muss. Gut zu wissen, dass ich auch in Istanbul nicht auf den Charme der "Lieblingsnachbarn" verzichten muss. (Yilmaz Gülüm, 23. Mai 2011, daStandard.at)