daStandard.at-Interview

"Ein Araber bleibt immer ein Araber"

Willi Kozanek, 24. Mai 2011, 09:20
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    "Wenn ein Türke mit einer deutschen Fahne in der Straße läuft, dann nimmt ihm das keiner ab", meint Costa.

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    Sérgio Costa bei einem Gastvortrag an der Universität Innsbruck.

Armut und Mangel an Bildung führen in Brasilien zu Diskriminierung. In Deutschland dagegen die Herkunft, meint Sérgio Costa, Soziologie-Professor an der FU-Berlin

Ist Brasilien ein gelungenes Beispiel für friedliches Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft? Im fünftgrößten Land der Welt leben die größten Diaspora-Gemeinschaften von japanisch-, libanesisch- oder italienischstämmigen Menschen außerhalb ihrer Heimatländer. Gleichzeitig sind die reichsten zehn Prozent der Einwohner des Landes nahezu ausschließlich Weiße. Schwarze und Personen gemischter Herkunft machen dagegen 70 Prozent der Armen aus. Stimmt also der Mythos vom Land als Schmelztiegel der Kulturen?

daStandard.at: Das Bild von Brasilien ist hierzulande frei von Spannungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Gibt es dort tatsächlich keine ethnischen Konflikte?

Sérgio Costa: Der Mythos, dass alle gleich sind, ist falsch. Die schwarze Bevölkerung steht zum Beispiel finanziell schlechter dar als die weiße. Es stimmt aber, dass die kulturelle Herkunft keine große Rolle spielt. Seit den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts haben sich Menschen verschiedener Nationen vermischt und daraus ist eine Art Nationalideologie entstanden.

daStandard.at: Ist Brasilien also der klassische Schmelztiegel?

Costa: Kulturell ja, sozial nein. Die nationale Konstruktion ist also schon ein Melting Pot, aber sozial ist die brasilianische Gesellschaft sehr hierarchisch.

daStandard.at: Gibt es Vorbehalte gegenüber Einwanderern in Brasilien?

Costa: Heute verlassen mehr Menschen Brasilien, es ist zum Auswanderungsland geworden. Die Migrationspolitik ist und war aber sehr liberal im Vergleich zu Europa. Man muss allerdings gleichzeitig erwähnen, dass es in der Geschichte Unterscheidungen von Migranten nach ihrer Herkunft gab. Heute gibt es das nicht mehr.

daStandard.at: Aus welchen Ländern kommen die heutigen Einwanderer?

Costa: Es kommen vor allem Chinesen, Koreaner und Bolivianer nach Brasilien. Gegen die asiatischen Einwanderer gibt es kaum Widerstand, sie sind sozial besser gestellt als der Rest der Bevölkerung, haben ein besseres Einkommen. In Brasilien werden sie als fleißig wahrgenommen. Gegenüber den Bolivianern gibt es Vorbehalte, die vor allem im Alltag spürbar sind.

daStandard.at: Gibt es Ihrer Meinung nach vergleichbare Muster in Deutschland und Österreich?

Costa: In Deutschland ist die Herkunft eines Menschen wichtiger als in Brasilien. Egal wie reich und gebildet türkische oder arabische Migranten in Deutschland sind, werden sie von der Gesellschaft trotzdem nicht wirklich akzeptiert.

daStandard.at: Es gibt in Brasilien zwölf Millionen Menschen arabischer oder türkischer Herkunft...

Costa: Und sie sind Brasilianer wie alle anderen auch. Es gab während des zwanzigsten Jahrhunderts Wellen von großteils römisch-katholischen syrischen oder libanesischen Einwanderern, die nach Brasilien kamen. In Brasilien führt Armut und Mangel an Bildung zu Diskriminierung.

daStandard.at: Was könnten Österreich und Deutschland also von Brasilien lernen?

Costa: Deutschland hat ein großes Problem: Im politischen Diskurs wird jemandem mit türkischer oder arabischer Abstammung nicht die Möglichkeit gegeben als Deutscher anerkannt zu werden. Auch wenn sich diese Menschen zu Deutschland bekennen, nimmt man sie nicht als Deutsche wahr. Ein Araber bleibt immer ein Araber.

daStandard.at: Und das liegt Ihrer Meinung nach nur an der deutschen Aufnahmegesellschaft?

Costa: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn ein Türke mit einer deutschen Fahne in der Straße läuft, dann nimmt ihm das keiner ab. Deutschland muss lernen den neuen Mitgliedern des Landes auch eine neue Identität anzubieten.

daStandard.at: Was soll das heißen: "eine neue Identität anbieten"?

Costa: Deutschland erklärt Einwanderern und deren Nachfahren was es heißt deutsch zu sein. Wenn sich diese dann selber als deutsch bezeichnen, glaubt ihnen das aber keiner.

Sérgio Costa ist Professor für Soziologie am Fachbereich Politik- und Sozialwissenschaften der Freien Universität Berlin und am Lateinamerika-Institut. Nach dem Studium der Wirtschaftswissenschaften und der Soziologie an der Universidade Federal de Minas Gerais im Süden Brasiliens absolvierte er Forschungsaufenthalte in São Paulo, Lissabon und Toronto. Der gebürtige Brasilianer ist seit 1999 an der Freien Universität Berlin beschäftigt.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 38
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Moist von Lipwig
01
25.5.2011, 14:06
Ich frage mich nur, warum in der Integrationsdebatte immer nur auf schlecht integrierte Araber/Türken hingewiesen wird

Aus meiner täglichen Arbeitserfahrung kann ich sagen, dass gerade die Araber wesentlich besser deutsch sprechen u. höflicher sind als zB die Mehrzahl der Chinesen, von den importierten Thai-Bräuten pensionierter Österreicher ganz zu schweigen.

fc_uk
00
28.5.2011, 12:27

sehe ich auch so. warum wird hier eine gruppe immer als problemfall hingestellt wo in wahrheit keine probleme sind.

trollvottel
01
26.5.2011, 10:57

Ja, aber soll die FPÖ plötzlich gegen Thai-Hausfrauen wettern? Dann würd sie doch nur die kranken Thailandfreaks unter ihren Wählern vergraulen.

Thomas Eugene
00
25.5.2011, 10:50

Die meisten Länder in Europa sind nunmal als Nationalstaaten gegründet worden. Die ethnische Grenze bildeten meistens auch die Staatsgrenze. Das macht einen Teil der europäischen Identität aus und es wird noch länger dauern bis sich unser Selbstverständnis der neu geschaffenen Realität angepasst hat.

cyber ferkel
111
24.5.2011, 21:47

Das ist eine völlige Verdrehung der Tatsachen. Der überwiegende Anteil der Türken oder Araber will ja gar nicht als Deutscher gelten.

MaXiInMaLi
00
30.5.2011, 14:16
"Ein Araber bleibt immer ein Araber."

Sagt der Araber zum Araber :)

trollvottel
01
26.5.2011, 10:59

Wenn du in einem Land lebst, in der man dir ständig erklärt, dass du aufgrund deines Aussehens oder wegen deiner Eltern oder wegen einer fehlenden Vorhaut ein Außenseiter bist, unerwünscht und lästig, dann wirst du deine Identität um so radikaler in einem Gegenmodell suchen.

Da gehören immer zwei dazu: Arrogante, wichtigtuerische, offen rassistische Einheimische; und stolze, wichtigtuerische, ebenfalls rassistisch voreingenommene Zugereiste. Solche Konflikte gibt es, seit es Menschen gibt; um so erbärmlicher, wie viele in Österreich das bisserl Migration für das dringendste Anliegen überhaupt halten. IMO ist's Brot und Spiele: Der Pöbel soll sich ruhig über die Kopftüchler aufregen, dann ist er von wichtigen Dingen abgelenkt.

Alles andere is primär oder irreregulär
11
25.5.2011, 12:49
Was bleibt ihnen den anderes über?

Öst. mit Migrationshintergrund werden von "normalen" Österreichern eh nie vollständig als "normale" Österreicher akzeptiert.

Max. Power
23
24.5.2011, 20:38

ich hab brasilien immer rassistischer als ö. oder d. gehalten.

sogar in hochglanzeitschriften findet man ne*erwitze. und als ausländer wird man da wie dort ein fremdkörper bleiben.

aber in bra. stehn die chancen wahrscheinlich besser sich genetisch zu vermischen.

Johannes Benn
21
25.5.2011, 10:05
.

wahrscheinlich finden sich auch oesterreichische profs in brasilien die dort allen erzaehlen, dass brasilien das rassistischste land der welt ist aber in der eigenen heimat waere alles perfekt. so kann dem jeweils aufnehmenden land hervorragend ein schlechtes gewissen machen

Max. Power
10
25.5.2011, 18:06

neinnein, der glaubt ja, was er sagt.
und auf den ersten blick scheint er ja recht zu haben. wie auch der stefan zweig von präparadiesischen zuständen in bra. geschrieben hat.

Ethnograph
01
25.5.2011, 12:50

Nach Ihrer Denkweise dürfe dann ein österreichischer Prof gar nicht an einer brasilianischen Uni unterrichten.

Dr._Caipirinha
22
24.5.2011, 15:34
Meine Hochachtung!

In genau 9 Antworten die Thematik dermassen auf den Punkt zu bringen, sowohl was Brasilien als auch Deutschland und Österreich betrifft - Chapeau!! Es werden halt - wie hierzulande meist bei intelligenten Ausführungen - nur sehr wenige verstehen (wollen).

Chili73
 
12
24.5.2011, 15:58
Ja, aber leider glaube ich,

dass viele/die meisten Leute hier (Ö) so tief in ihrer national/farbig/religiös aufgeteilten Welt leben, dass sie nicht einmal verstehen können, was Costa meint... :o(

MarcoBahia
00
24.5.2011, 15:05
Um negrao

e um negrao
um branco - e um branco
un indio - e um indio
mais:
Todos e Brasileiros!

valeo!

Count Saurüssel
27
24.5.2011, 14:06

Laut wikipedia gib's in Brasilien ungefähr 27 000 M*slems.Das heißt, man kann wohl davon ausgehen, dass es sich bei nahezu allen türkischen und arabischen Einwanderern um Christen handelt.

In Europa, und insbesondere Deutschland, ist das genau umgekehrt.

Ich lehne mich jetzt mal etwas weit aus dem Fenster, und stelle die These auf, dass das eine nicht unbedeutende Rolle spielt, und man schon alleine deswegen keine direkten Vergleichen ziehen kann.

Würden 20 Millionen M*slems ins tief christliche Brasilien einwandern, brächte das die Melting-Pot-Konstruktion dort wahrscheinlich ziemlich schnell ins Wanken.

maxbz
01
25.5.2011, 21:07

Türke ist nicht gleich Türke. Es gibt unterschiedliche Strömungen von Auswanderern. Auch in die USA sind überwiegend sehr gebildete Türken ausgewandert und dies gleichzeitig in kleineren Einheiten, so dass sie dort überhaupt keine Problem verursachen.
Die Masseneinwanderung von völlig ungebildeten Türken aus ländlichen, unterentwickelten Regionen nach Europa stellt dagegen immer noch ein großes Problem dar.

joe86
02
24.5.2011, 16:22

Wie der Islam in Brasilien gesehen wird weis ich nicht, aber auf Österreich umgelegt muss ich ihnen leider zustimmen. Gegen den Islam hat sich ein Gefühl von Angst und Ablehnung aufgebaut. (meine Meinung)
Bei Migranten aus Christlichen Ländern funktioniert die Integration eigentlich recht gut (Ich kenne einige Bsp.)

statistischer ausreißer
20
24.5.2011, 15:20

worauf basiert ihre Prognose?

Johannes Benn
14
24.5.2011, 16:05
.

gibt es ein land auf der welt dass in den letzten dreissig jahren nicht massive probleme mit einer muslimischen minderheit hatte?

statistischer ausreißer
60
24.5.2011, 17:06

na, dann! wenn sie es sagen! (wenn man sich ihre sonstigen beiträge im standard durchliest, erkennt man sofort den vorurteilsfreien intellektuellen. wahrscheinlich gehens auch mit der geladenen waffe schlafen.) und ja, in brasilien spielt die religiöse zgehörigkeit tatsächlich keine rolle! (siehe artikel! da gehts mehr um ökonomische hierarchisierungen)

M. Stahr
00
24.5.2011, 13:50
Wozu dient eigentlich eine Überschrift, Herr Kozanek?

Diese ist irreführend (man denkt, es sei gemeint: in Brasilien) um den Preis des Auffallens. Wirklich qualitativer Alltagsjournalismus in Ö.: nichtexistent.

Zum Thema lese man Stefan Zweigs "Brasilien". Populär und erhellend.

Igor Gassner
15
24.5.2011, 13:03
haben wir da etwass übersehen

Es gab Wellen von Einwanderen arabisch aber offenbar christlicher Herkunft.

cyber ferkel
01
24.5.2011, 21:54

Na sicher gab es die. Die aus ihren Heimatländern vertriebenen libanesischen, syrischen und iranischen Christen sind dorthin ausgewandert.

Wenns einmal einen moslemischen Einwanderungsschub in Brasilien gibt, wandern auch massive Probleme ein.

Ranalt
03
24.5.2011, 11:52

mich stört, dass auf daStandard Deutschland und Österreich zusammengefasst wird.

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