Wahlkampf in der Türkei: Ein Schauspiel mit zwei Hauptrollen

Yilmaz Gülüm, 6. Juni 2011, 09:49
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    Kemal Kılıçdaroğlu von der CHP (links) und Recep Tayyip Erdoğan von der AKP (rechts) widmeten einen Teil jeder Kundgebung der gegenseiteigen Attacke.

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    AnhängerInnen von Erdoğan bereiten dem Premierminister einen sehenswerten Empfang.

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    Jeweils mehrere hundert Tausend sollen bei den Kundgebungen in Istanbul dabei gewesen sein.

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    Kemal Kılıçdaroğlu begrüßt mit seinem Team Istanbul und die Türkei.

In einer Woche finden in der Türkei Parlamentswahlen statt. Der Wahlkampf erreichte diese Woche seinen Höhepunkt

Der Wahlkampf ist bis eine Woche vor den Wahlen im Großen und Ganzen ruhig verlaufen, für türkische Verhältnisse. In Kastamonu starb nach einer Kundgebung des Premierministers Recep Tayyip Erdoğan bei einem bewaffneten Angriff ein Polizist. In Hopa starb ein Demonstrant an Herzversagen in Folge von Tränengas. DemonstrantInnen gingen daraufhin mit Steinen auf Erdoğans Bus los. Ein Polizist wurde schwer verletzt. Die Ereignisse in Hopa führten in Ankara und Istanbul zu teilweise gewaltsamen Ausschreitungen mit der Polizei.

Ansonsten war der Wahlkampf ein Schauspiel mit zwei Akteuren. Die Hauptrolle gehörte Premierminister Erdoğan von der konservativen Mitte-Rechts Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP). Er ist der Gejagte. Die zweite Hauptrolle gebührte dem Jäger Kemal Kılıçdaroğlu von der Republikanischen Volkspartei (CHP), die sich als Sozialdemokraten verstehen.

Kundgebungen und Politshow

Der Wahlkampf bestand bisher großteils aus einer Kundgebung nach der anderen. Von Kılıçdaroğlu heißt es, er hätte 55.000 Kilometer zurückgelegt. Bei Erdoğan waren es vermutlich nicht viel weniger.
Die beiden widmeten einen Teil jeder Kundgebung, der gegenseiteigen Attacke. Bei der Ansprache in Istanbul am Samstag sagte Kılıçdaroğlu (sein Spitzname in den Medien lautet Ghandi, wohlgemerkt) er werde Erdoğans Zähne ziehen, ihn demaskieren und bloßstellen. Erdoğan konterte am Sonntag, ebenfalls in Istanbul, und sagte sein Kontrahent wisse nicht welchen Beruf er ausübt und sei ohnedies höchstens als Lehrling einzustufen.

Beide haben sich regelmäßig vorgeworfen unmoralisch, unqualifiziert, psychisch nicht ganz gesund und/oder undemokratisch zu sein. Die reinste Politshow. Nur zu einer TV-Konfrontation ist es nie gekommen, obwohl die Opposition mehrfach dazu eingeladen hat. "Demokratie" war während der gesamten Zeit ein Schlüsselwort. Alle Parteien versprechen "Demokratisierung", sollten sie an die Macht kommen.

Türkisches Selbstvertrauen

Erdoğan spricht von "fortgeschrittener Demokratie", wenn er sich und seine Partei bewertet. Kılıçdaroğlus CHP hingegen hat einen eigenen "Demokratie Report" veröffentlicht. Dort ist von Maßnahmen zur freien-, parlamentarischen-, pluralistischen- und sozialen Demokratie die Rede.
Das Thema "Demokratie" ist aus verschiedenen Gründen aktuell. Einmal wegen eines möglichen Beitritts zur EU. Zum anderen aber auch, weil sich die Türkei unter Erdoğan als Vorbild für die arabische Welt und die Revolutionen dort versteht. Er betont bei seinen Ansprachen immer wieder diese Rolle und wird nicht müde die Stärke seines Landes und seiner Landsleute zu betonen. Er ist damit zum Sinnbild für ein neues türkisches Selbstbewusstsein geworden. Seine Botschaft ist klar: "Wir sind die Türkei. Wir sind stark, wir können alles schaffen."

Den Ausdruck dieses Selbstvertrauens hat sich Erdoğan groß auf seine Plakate drucken lassen: "Hedef 2023" (Ziel 2023). 2023 ist das 100. jährige Gründungsjubiläum der Republik. Erdoğan rechnet also schon jetzt damit, dass die AKP bis dahin an der Macht bleibt. Und das, obwohl bis dahin drei Legislaturperioden dazwischen liegen. Wenn das kein Selbstvertrauen ist.

Zudem versprechen alle Parteien Verfassungsänderungen im Sinne der Demokratie. Weitere Details sind rar. Um die Verfassung zu ändern braucht es eine zweidrittel Mehrheit im Parlament. Mit einem starken Wahlkampffinale könnte die AKP das erreichen und die "Demokratisierung" ganz nach ihrem Willen gestalten.

Themen im Wahlkampf

Thematisch versucht es Kılıçdaroğlu mit den Klassikern der Sozialdemokratie. Arbeitnehmer- undMinderheitenrechte, Armut und eine Verbesserung des Lebensstandards der unteren Gesellschaftsschichten. Erdoğan schmückt sich mit den Erfolgen, die er seit der Machtübernahme 2002 zu verbuchen hat. Ein stetiges, üppiges Wirtschaftswachstum oder etwa die Senkung der Inflation von 30 auf sieben Prozent.

Seine Hauptanliegen bis 2023 sind allerdings die großen prestigeträchtigen Infrastrukturprojekte für Istanbul. Der Bau einer dritten Bosporusbrücke, ein zweiter Bosporus in Form eines Kanals oder ein dritter Flughafen um nur einige zu nennen. Kılıçdaroğlu kritisiert, dass in diesen Projekten die Menschen fehlen. Er sagt dann etwa: "Während Familien nicht wissen was sie Abends essen sollen, redest du (Erdoğan Anm.) von irgendwelchen Infrastrukturprojekten."

Das am stärkste beworbene Projekt der CHP hingegen ist die "Familienversicherung", die Familien ein Grundeinkommen von 600 Lira (etwa 290 Euro) zusichern soll. Außerdem wollen sie den Spritpreis für Bauern stark subventionieren und die Dauer des oft (problematisch und traumatisierend verlaufenden) Grundwehrdienstes von 15 auf sechs Monate reduzieren.

Beide haben mehrfach betont, dass alle Minderheiten respektiert und gleich behandelt werden. Zudem sicherten beide Laizismus, Rechtstaatlichkeit und Meinungsfreiheit zu. Erdoğan allerdings kritisierte bei einer Kundgebung die Artikel einiger namhafter KolumnistInnen. Darauf angesprochen hat er Sonntagabend gesagt, Meinungsfreiheit habe seine Grenzen.

Die Umfragen sagen einen klaren Sieg der AKP mit etwa 50 Prozent voraus, gefolgt von der CHP mit etwa 30 Prozent und knapp über zehn Prozent für die MHP. Den übrigen Parteien wird vermutlich aufgrund der zehn Prozent Hürde den Einzug ins Parlament misslingen. (Yilmaz Gülüm, 6. Juni 2011, daStandard.at)

Kommentar posten
20 Postings
timurinamanu
21

Die Türkei sicher nicht von selbst zum derzeitigen Stand herangewachsen.

Die CHP ist mir viel zu korrupt und hatte viel zu viel mit dem Militär unter der Decke(Putsch, Kurdenproblem)

Außerdem gehört die Verfassung geändert, vor allem die Unantastbarkeit des Militärs und die Klausel mit dem Türkentum, was ja auch die Religion einschränkt und schon mal angetastet wurde.

Deswegen finde ich, obwohl ich Erdogan nicht mag, dass er derzeit die bessere Wahl für die Türkei ist.

anders and
 
02
Erdogan hat viel für die Türkei geleistet

aber so gut wie jeder Politiker macht sich in den zweiten sieben Jahren seiner Amtszeit die Erfolge der ersten sieben Jahre kaputt.

Erdogan beginnt gerade damit die mit ihm verbundene Demokratisierung zurückzudrehen - wie lange wollen Sie ihm noch dabei zuschauen?

farsii
21

ich finde die AKP noch korrupter - siehe Deniz Feneri Verfahren - was ist mit den Millionen passiert ?

Heute ist es so, dass die regierende AKP wiederum ihren Eliten Großgrundstücke, sehr große Firmen, Lizenzen, Massenmedien usw. zuschanzt, gerne auch der nahen Verwandtschaft Erdogans, etwa private TV-Sender..

und wenn ich mir anschaue wer aller kanidiert und wer nicht, frage ich mich warum sind so viele minister nicht auf der liste ? ... komisch finden sie nicht ...

aber sie wissen ja, wenn man rte das fragt, könnte es leicht möglich sein, dass man am nächsten tag mit den putischsten eine gemeinsame gefägniszelle Sivilri teilt..

Herr Unforgettable
11
...

kilicdaroglu, der der die ssk(wgkk) zum konkurs brachte.. und überall seine verwandten installiert... ist nur jemand, der von den medien hochgepuscht wird..

und das weitere müsst ihr schon selber rechchieren ;) wär doch fad, wenn ich schon alles verraten würde :)

farsii
11
Deniz Feneri Verfahren (gg die AKP)... :-))))

hahahaha :-)))
diese vorwürfe sind so haltlos, keines dieser vorwürfe hat sich bestätigt, warum unterhalten wir uns lieber nicht von deniz feneri verfahren :-)
Das Strafverfahren gegen Deniz Feneri hat in der Türkei einen politischen Skandal und eine – die deutsche weit übertreffende – Medienberichterstattung ausgelöst. Recep Tayyip Erdogan drohte den Medienanstalten, die über den Skandal berichteten. Die EU und verschiedene Pressevereinigungen mahnten daraufhin an, dass die Pressefreiheit durch Erdogans Drohungen in Gefahr sei. Trotz der Mahnungen an Erdogan, die Pressefreiheit zu respektieren, rief dieser wegen der Berichterstattung über Korruptionsfälle zu einem Presseboykott auf...und diese Menschen nennen sich Muslime pahhhh pahhh

pfarrwiese
29
Kemal Kiliçdaroglu ist eine sehr

integre Person, hier in Österreich viel zu wenig bekannt. Er brachte die CHP wieder auf einen vernünftigen Kurs. Ich wünsche ihm alles Gute.

timurinamanu
31
Sry aber er ist eine Witzfigur, die nicht mal selbst weiß auf welcher Seite er steht

farsii
20
und RTE ist eine schlechte One-Man Show.

dia_lektik
16
"Erdogan allerdings kritisierte bei einer Kundgebung die Artikel einiger namhafter KolumnistInnen. Darauf angesprochen hat er Sonntagabend gesagt, Meinungsfreiheit habe seine Grenzen."

Das zeigt wieder einmal wie weit sein demokratieverständis reicht. er hat schon öfter zeitungsherausgeber "gewarnt". die sollten aufpassen was ihre kolumnisten schreiben, schließlich seien sie auch für die inhalte verantwortlich, hieß es. das kann ja heiter werden, wenn die akp bis 2023 weiterregiert...

nach dem posten des premiers will erdogan ja auch staatspräsident werden. mir erscheint es demokratiepolitisch sehr bedenklich, wenn ein ex-premier gleich nach seiner amtszeit als regierungschef staatspräsident wird. wenn ein mensch bzw. eine partei (egal welche partei) so lange so viel einfluss auf staatsgeschäfte hat, lähmt das nicht nur das system. ist die demokratie nicht ausgereift, wird das faktisch zur alleinherrschaft.

anders and
 
10
ein schöner, richtiger Fehler:

"Meinungsfreiheit hat seine Grenzen"

farsii
12

Wer an der Vorgehensweise oder Regierungsarbeit von Tayyip Erdogan Kritik ausübt, ein Buch oder einen Aufsatz schreibt, wird sofort zum Putschisten erklärt. Kritik und Opposition werden nicht geduldet. Demonstrierende Studenten und Intellektuelle landen reihenweise im Gefängnis. Journalisten werden verhaftet, weil sie kritische Bücher und Aufsätze schreiben. Die Türkei wird unter der Führung von Tayyip Erdogan von Tag zu Tag autoritärer und wandelt sich zum Polizeistaat.

anders and
 
01

genau das wollte ich mit meinem Posting ausdrücken - war aber wohl zu elegant geplant.

Dirty Sanchez
 
25
Ja,

da hat Sultan Tayyip I. wieder eine Irade vom Stapel gelassen, der zufolge er alleine entscheidet, wo die Meinungsfreiheit beginnt und endet. Ein lupenreiner Demokrat, wie ihn sich die EU wünscht.

Brunsky
37

Die islamistische AKP als "konservative Mitte-Rechts Partei" zu bezeichnen halte ich etwas gewagt. Millî Görüs ist ja auch nur ein Kulturverein. Schade, dass nur mehr die sozialistische CHP als einizge den Prinzipien der Aufklärung verpflichtet ist.

Herr Unforgettable
21
...

haben sie ihre meinung aus der krone....?

oder haben sie sich nur verirrt...

Herr und Frau Österreicher
 
12

Sozialistisch ist aber die CHP keineswegs, sondern kemalistisch.

Brunsky
22

Sie ist beides und auch Mitglied der Sozintern.

Brunsky
21

Sie ist beides und auch Mitglied der Sozintern.

Herr und Frau Österreicher
 
11

Ja, aber trotzdem nicht sozialistisch!

farsii
00

unter kilicdaroglu hat sich viel geändert, ich habe in diesem wahlkampf keine nationalistische töne gehört, eher von erdogan ...

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