Die Türkei hat gewählt

Wird Erdoğan Kompromisse schließen?

Yilmaz Gülüm, 13. Juni 2011, 09:30
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    foto: yilmaz gülüm

    Erdogan sieht sich als großer starker Mann der Türkei und der gesamten Region. Autoritäre Tendenzen werden dabei immer deutlicher.

Für eine neue demokratische Verfassung müsste die AKP nach den Wahlen etwas machen, was sie nicht so gerne tut: Sich auf einen demokratischen Diskurs einlassen

Die Türkei hat gewählt. Sie hat sich zum dritten Mal in Folge zu etwa 50 Prozent für die islamisch-konservative AKP entschieden. Allerdings nicht in dem Ausmaß, in dem sich Ministerpräsident Recep Tayyip Erdoğan das gewünscht hätte. Sein erklärtes Ziel war die Zweidrittel-Mehrheit im Parlament, mit der es ihm möglich gewesen wäre, die Verfassung quasi im Alleingang zu ändern.

Nun ist es anders gekommen. Aufgrund der Eigenheiten des türkischen Wahlsystems, hat die AKP zwar um über drei Prozent zugelegt, allerdings an Sitzen im Parlament verloren. Eine neue Verfassung bleibt dennoch weiterhin an der Tagesordnung, denn die alte trägt die Handschrift des Militärputsches von 1980.

Zusammenarbeit mit unabhängigen Abgeordneten

Eine neue Verfassung wird kommen. Oder zumindest umfassende Verfassungsreformen. Die Frage ist nur: Wie wird sie aussehen? Von ihr ist der weitere Werdegang der Türkei, ebenso wie eine Positionierung zwischen West und Ost maßgeblich abhängig.

Da es nun nicht einzig nach dem Willen Erdoğans gehen wird, muss er sich mit den Oppositionsparteien einigen. Oder, und das könnte wahrscheinlicher sein, mit den unabhängigen (überwiegend kurdischen) Abgeordneten. Erdoğan hat während des Wahlkampfs wiederholt gesagt, dass er mit keinem der führenden Oppositionspolitiker (Kemal Kılıçdaroğlu von der CHP und Devlet Bahçeli von der MHP) gemeinsame Sache machen werde.

Außerdem gibt es noch einen anderen Grund, der für die Zusammenarbeit mit den Unabhängigen spricht. Es fehlen der AKP lediglich vier Sitze im Parlament, um eine neue Verfassung einem Referendum zu unterziehen. Nun ist Erdoğan ein mächtiger Politiker, der vorrangig eines zu wollen scheint: Noch mehr Macht. Es ist unwahrscheinlich, dass ihn die Opposition dabei unterstützen wird. Vier Unabhängige mit ins Boot zu holen scheint realistischer.

"Diktator des Schreckenimperiums"?

Für den demokratischen Prozess in der Türkei ist dieses Wahlergebnis allerdings ein Gewinn. Erdoğan hat in den letzten Jahren immer größere Anzeichen für seine allumfassende Autorität gezeigt. Ein aktuelles Beispiel ist etwa ein bekannter Unternehmer, der vor laufenden Kameras sagte, die AKP werde die Wahl nicht gewinnen. Erdoğan antwortete, dass er nicht gedacht hätte, dass der Unternehmer so ein Risiko eingehen würde. Wieso eine Aussage ein Risiko darstellt, bleibt offen.

Offen kritisierte Medienmacher und über 50 inhaftierte JournalistInnen sind andere Beispiele für Erdoğans autoritären Still. Ebenso wie die Entmachtung des Militärs unter der AKP Regierung. Diese geht zugunsten der Demokratie, sagen zwar die AnhängerInnen. KritikerInnen erwidern jedoch, dass diese Macht nun in der Ein-Mann-Partei AKP liegt.

Diese und viele kleinere Ereignisse haben Erdoğan quer durch die regierungskritische Presse den Titel "Diktator des Schreckenimperiums" gebracht. Anstelle eines Militärputsches fürchten manche Zeitungen einen "zivilen Putsch". Einige reden sogar davon, dass sich die Türkei in Richtung eines streng religiösen Staates wie dem Iran entwickelt. Außenstehende BeobachterInnen können diese Tendenz allerdings nicht erkennen.

Erdoğan ist es gewohnt zu gewinnen und zu bekommen was immer er will. Das hat ihn in den letzten Jahren unempfindlicher gegen Kritik gemacht, gleich von wem sie kommt.

Auf dem Weg zur Regionalmacht

Und genau in so einer Situation braucht es eine starke Opposition. In einer Demokratie kann es nie sinnvoll sein, wenn zu viel Macht in zu wenigen Händen konzentriert ist. Nach dem die AKP die Verfassung nun nicht im Alleingang zu schreiben kann, wird es der Diskurs zumindest bis zu einem gewissen Grad transparent ablaufen müssen, so wie es sich für echte Demokratien gehört.

Das Ergebnis und der Ablauf dieses Prozesses wird auch das wahre Demokratieverständnis der AKP und die Stoßrichtung der Türkei offenbaren. Es ist während des Wahlkampfes klar geworden, dass der EU-Beitritt nicht mehr vorrangiges Ziel der AKP ist. Ein EU-Mitglied "zweiter Klasse zu" werden, scheint angesichts des neuen türkischen Selbstvertrauens undenkbar.

Die AKP ist eher auf dem Weg zu einer Regionalmacht zwischen dem Westen und Osten. Das Bekenntnis zum Islam ist Erdoğan dabei ebenso wichtig wie der wirtschaftliche Erfolg.

Und dennoch hat er, der "Sultan von Ankara", eines nicht geschafft, nämlich die Menschen in der Türkei zu einen. Vielmehr hat er einen tiefen Keil zwischen seine AnhängerInnen und KritikerInnen getrieben. Mit einer demokratischen Verfassung, die im Diskurs entsteht, könnte er dieses Problem angehen. Ob der Machtmensch Erdoğan allerdings ein Freund des Diskurses ist, bleibt abzuwarten. (Yilmaz Gülüm, 13. Juni 2011, daStandard.at)

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11 Postings
Rosa Stahl
01
14.6.2011, 10:25

Erdogan wird solange Kompromisse schließen, solange er das muss. Und keine Sekunde länger.
Zahlreiche europäische Politiker lassen sich dabei auch noch an der Nase herumführen.

Dirty Sanchez
 
13
14.6.2011, 10:43
Demokratie ist wie eine Straßenbahn. Wenn du an deiner Haltestelle angekommen bist, steigst du aus

RTE, damals Bürgermeister von Istanbul, Mai 1998

Stifter
11
14.6.2011, 09:56

Also, dass "die Entmachtung des Militärs unter der AKP Regierung" ein Beispiel für den "autoritären Stil" Erdogans ist, ist schon absurd. Normalerweise gilt es als demokratische Reife eines Staates, wenn das Militär keine eigene politische Macht darstellt!

Yilmaz Gülüm
11
14.6.2011, 14:29

Es kommt darauf an, zu wessen Gunsten das Militär entmachtet wird. Also: Wer hat jetzt die Macht, die vorher das Militär hatte? Freilich ist das nicht so einfach und eindeutig zu beantworten. Wie ich schon oben geschrieben habe, gibt es nicht wenige, die meinen, die frühere Macht der Militärs liegt nun bei der Regierungspartei (sprich der AKP, sprich bei Erdogan)

Helicopterman
10
14.6.2011, 10:48
Das türkische Militär

ist (noch) die stärkste Stütze eines laizistischen Staatsprinzips, das passt dem Islamisten Erdogan, dessen "Reformen" nicht zuletzt auf die Stärkung des religiösen Einflusses auf hinzielen, halt nicht ins Konzept. Mit der reinen Freude dieses Herrn an einer pluralistischen Demokratie hat das aber wenig zu tun.

Dhimmi
23
13.6.2011, 23:56
"Für den demokratischen Prozess in der Türkei ist dieses Wahlergebnis allerdings ein Gewinn."

Das glaube ich allerdings weniger.
Die Verfassung wird nicht EU-kompatibel werden.
Der Mann ist grössenwahnsinnig geworden, sein Ziel ist nicht mehr EU-Anschluss sondern ein Neo-Osmanisches-Reich.
Das wird die Türkei letztlich wieder weit zurückwerfen - wegen "Überdehnung der Kräfte" wie es so schön heisst.
Aber da ist Erdogan schon längst in Rente und hat für Jahrzehnte irreparablen Schaden angerichtet.

dia_lektik
24
13.6.2011, 21:04
kein wunder, dass er viele stimmen aus zentral- und ostanatolien bekommt, wo erzkonservative männer das sagen haben.

wenn vor der wahl lebensmittel und waschmaschinen verschenkt werden ist das ergebnis auch nicht mehr so verwunderlich. erdogan hat die masse der konservativen kleinbürger u. einkommensschwachen auf seiner seite (obwohl er gewerkschaften, die vehement arbeiterrechte einfordern nicht freundlich gesinnt ist, die werden nämlich regelmäßig verhaftet)
die mehrheit der türken bevorzugt anscheinend präpotente, herumschreiende, autoritäre politiker.

die chp bräuchte ein neues, charismatisches gesicht und weniger kemalismus. und die türkei unbedingt eine neue partei, die weder die religion noch den kemalismus oder den kommunismus zu sehr verehrt, aber ob bzw. wann das volk so weit ist für solch eine partei ist die andere frage.

f von und zu x
12
13.6.2011, 18:32
Parallelen

"Erdogan ist es gewohnt zu gewinnen und zu bekommen was immer er will. Das hat ihn in den letzten Jahren unempfindlicher gegen Kritik gemacht, gleich von wem sie kommt."

Das erinnert mich irgendwie an unseren Erwin XIV. :)

ragusanoisette
14
13.6.2011, 14:58
Erdogan will nicht die Iranisierung, ABER

Kein Geringerer als Fetullah Gülen proklamierte, dass es kein Traum sei, dass die Türkei die Stärke und Wirkungskraft des Osmanischen Reiches wiedererlangen werde. Auch der verstorbene Staatspräsident Turgut Özal hatte diese Vision.Die (AKP)Neo-Osmanen haben sich erfolgreich in die imperialen Strategien des Westens einbinden können. Dabei wenden sie die Regeln des Neoliberalismus konsequent und unerbittlich an...

ragusanoisette
22
13.6.2011, 13:52
Erdogan ist nur eine billige Marionette von Gülen !!Er sagt und handelt nach Fetullah Gülen !!

Die Gülen-Gemeinde unterstützt die AKP. Sowohl die AKP-Oligarchie als auch die Gülen-Sekte haben eine Sympathie für die osmanische Ideologie.Es hieß, Gülen beabsichtige die Beseitigung der demokratisch-laizistischen Türkei und strebe die Errichtung eines theokratischen Staates auf religiöser Grundlage an. Und genau diesen Aspekt dürfen wir nicht aus dem Auge verlieren, auch wenn Gülen im Westen als jemand gilt, der islamische Lehren mit liberalen Ideen verbindet und den interreligiösen Dialog propagiert, als „gemäßigter Islamist mit seinen tränenreichen Toleranz- und Friedensbotschaften Der Schein trügt. Die Gülen-Bewegung ist eine Glaubensgemeinschaft mit missionarischen Zweck.

anders and
 
23
13.6.2011, 10:04
ich habe Angst vor Leuten, welche "die Menschen einen" wollen

Ob in den USA, Frankreich, oder Polen: in allen größeren Ländern liegen Welten zwischen Konservativen und Liberalen.

Man kann soll Spielregeln für ein Zusammenleben finden, mehr nicht.
Denn eine "Einigung" ist nur mit Gewalt zu erreichen.

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