Istanbul ist am besten Weg einer der globalen Hotspots zu werden. Das rasante Wachstum hat auch Schattenseiten
Die Stadt am Bosporus hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Die Metropole ist kontinuierlich gewachsen und hat sich zum kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum der Türkei entwickelt. Das hat viele Möglichkeiten geschaffen und nicht wenige haben davon auch profitiert. Natürlich hat diese rasante Entwicklung auch eine Schattenseite, die aber oftmals unerwähnt bleibt.
Momentan sieht jedenfalls nicht so aus, als würden diese Veränderungen aufhören. Im Gegenteil. Die regierende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) hat großes mit Istanbul vor. Oder genauer gesagt: "Wahnwitziges".
Ein zweiter Bosporus
Es ist nämlich das "wahnwitzige Projekt" (türk.: "çılgın proje") , das Ministerpräsident Erdoğan bis 2023 verwirklichen will und das die Gemüter spaltet. Ein zweiter, künstlicher Bosporus namens "Kanal Istanbul" soll erstellt werden. Damit soll der Schiffverkehr am echten Bosporus reduziert werden. Die Industriehäfen sollen ebenfalls verschwinden, damit das Stadtbild des "alten Istanbuls" wieder zu altem Glanz findet.
Erdoğan selbst argumentiert, dass damit außerdem der Umwelt gedient wird. Schließlich hätten manche der Frachter sehr gefährliche Ladungen. Käme es zu einem Unfall, wären die ökologischen Folgen verheerend. Interessant ist dabei allerdings, dass dieselbe pro-Umwelt Argumentation Erdoğan bei der Planung dreier Atomkraftwerke in der Türkei kalt gelassen hat.
Eine dritte Bosporus Brücke
Des Weiteren ist noch eine dritte Bosporus-Brücke im Norden der Stadt, im "grünen Istanbul", geplant. Das soll den Verkehr auf den zwei vorhandenen Brücken entlasten, was auch bitter notwendig wäre. KritikerInnen bezweifeln allerdings, dass dieses Problem durch eine dritte Brücke gelöst wird. Die Grünflächen und Wälder, die diese Stadtteile ausmachen, verschwinden wohl in jedem Fall.
Zwei neue Stadtteile
Selbst wenn durch die Brücke der Verkehr reduziert werden würde, sind in Istanbul zwei weitere Stadtteile mit jeweils einer Million EinwohnerInnen geplant. Die Autos, die diese Menschen besitzen werden, werden dann auch den Verkehr weiter belasten.
Was es wirklich brauchen würde, um das Verkehrsproblem nachhaltig in den Griff zu bekommen, wäre ein massiver Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes. Auch in diesem Bereich ist einiges geplant. Es kommen neue U-Bahn strecken dazu, vorhandene werden teilweise ausgebaut. Zusätzlich ist auch ein Tunnel durch den Bosporus in Arbeit. Trotz allem werden die öffentlichen Verkehrsmittel der wachsenden Millionenstadt nicht gerecht.
Verkehrsfreies Taksim
Das Projekt, das für mich am wenigsten realistisch erscheint, ist die Neugestaltung des zentralen Taksim-Platzes. Der soll nämlich gänzlich verkehrsfrei werden. Möglich soll das werden, indem man die Zufahrtsstraßen zum Platz unterirdisch miteinander verbindet. Dass unter dem Platz bereits drei U-Bahnen miteinander verbunden sind, scheint kein Hindernis zu sein. Ein unterirdischer Parkplatz ist auch geplant. Taksim selbst soll den FußgängerInnen "zurückgegeben" werden, sagt Erdoğan. Wahrscheinlich ist, dass dort eine Reihe neuer Shops und Einkaufszentren errichtet werden.
Istanbul auf dem Weg zur Weltstadt
Und genau das ist auch der gemeinsame Nenner all dieser Projekte: Geld. Sie kosten viel und sollen auch viel wieder hereinbringen. Istanbul lockt durch solche Projekte jedenfalls immer mehr und mehr InvestorInnen aus dem Ausland an. Die Stadt ist außerdem in den vergangenen Jahren immer öfter Gastgeber verschiedener kultureller oder sportlicher Veranstaltungen geworden.
Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie von "Mastercard Worldwide Insights", ist Istanbul die am siebent häufigste besuchte Stadt der Welt. Bei der Frage, wie viel Geld BesucherInnen ausgeben, hat sich gezeigt, dass Istanbul mit 10,2 Milliarden Dollar weltweit auf Platz zwölf liegt. Allerdings- und das ist der springende Punkt- hat Istanbul gegenüber 2010 geschätzt um sagenhafte 30,1 Prozent zugelegt. Die Stadt am Bosporus ist damit am besten Weg, einer der globalen Hotspots zu werden. Hoffentlich verträgt sie das auch. (Yilmaz Gülüm, 20. Juni 2011, daStandard.at)