Eine Stadt im Rausch des Wachstums

Yilmaz Gülüm, 20. Juni 2011, 09:43
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    Nach der Umstrukturierung des Taksim Platzes soll der gesamte Verkehr unterirdisch verlaufen.

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    Momentan halten am Taksim Platz nicht weniger als 62 Buslinien.

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    Unzählige Baustellen zeugen von rasanter Veränderung der Stadt.

Istanbul ist am besten Weg einer der globalen Hotspots zu werden. Das rasante Wachstum hat auch Schattenseiten

Die Stadt am Bosporus hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Die Metropole ist kontinuierlich gewachsen und hat sich zum kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum der Türkei entwickelt. Das hat viele Möglichkeiten geschaffen und nicht wenige haben davon auch profitiert. Natürlich hat diese rasante Entwicklung auch eine Schattenseite, die aber oftmals unerwähnt bleibt.

Momentan sieht jedenfalls nicht so aus, als würden diese Veränderungen aufhören. Im Gegenteil. Die regierende Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) hat großes mit Istanbul vor. Oder genauer gesagt: "Wahnwitziges".

Ein zweiter Bosporus

Es ist nämlich das "wahnwitzige Projekt" (türk.: "çılgın proje") , das Ministerpräsident Erdoğan bis 2023 verwirklichen will und das die Gemüter spaltet. Ein zweiter, künstlicher Bosporus namens "Kanal Istanbul" soll erstellt werden. Damit soll der Schiffverkehr am echten Bosporus reduziert werden. Die Industriehäfen sollen ebenfalls verschwinden, damit das Stadtbild des "alten Istanbuls" wieder zu altem Glanz findet.

Erdoğan selbst argumentiert, dass damit außerdem der Umwelt gedient wird. Schließlich hätten manche der Frachter sehr gefährliche Ladungen. Käme es zu einem Unfall, wären die ökologischen Folgen verheerend. Interessant ist dabei allerdings, dass dieselbe pro-Umwelt Argumentation Erdoğan bei der Planung dreier Atomkraftwerke in der Türkei kalt gelassen hat.

Eine dritte Bosporus Brücke

Des Weiteren ist noch eine dritte Bosporus-Brücke im Norden der Stadt, im "grünen Istanbul", geplant. Das soll den Verkehr auf den zwei vorhandenen Brücken entlasten, was auch bitter notwendig wäre. KritikerInnen bezweifeln allerdings, dass dieses Problem durch eine dritte Brücke gelöst wird. Die Grünflächen und Wälder, die diese Stadtteile ausmachen, verschwinden wohl in jedem Fall.

Zwei neue Stadtteile

Selbst wenn durch die Brücke der Verkehr reduziert werden würde, sind in Istanbul zwei weitere Stadtteile mit jeweils einer Million EinwohnerInnen geplant. Die Autos, die diese Menschen besitzen werden, werden dann auch den Verkehr weiter belasten.

Was es wirklich brauchen würde, um das Verkehrsproblem nachhaltig in den Griff zu bekommen, wäre ein massiver Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes. Auch in diesem Bereich ist einiges geplant. Es kommen neue U-Bahn strecken dazu, vorhandene werden teilweise ausgebaut. Zusätzlich ist auch ein Tunnel durch den Bosporus in Arbeit. Trotz allem werden die öffentlichen Verkehrsmittel der wachsenden Millionenstadt nicht gerecht.

Verkehrsfreies Taksim

Das Projekt, das für mich am wenigsten realistisch erscheint, ist die Neugestaltung des zentralen Taksim-Platzes. Der soll nämlich gänzlich verkehrsfrei werden. Möglich soll das werden, indem man die Zufahrtsstraßen zum Platz unterirdisch miteinander verbindet. Dass unter dem Platz bereits drei U-Bahnen miteinander verbunden sind, scheint kein Hindernis zu sein. Ein unterirdischer Parkplatz ist auch geplant. Taksim selbst soll den FußgängerInnen "zurückgegeben" werden, sagt Erdoğan. Wahrscheinlich ist, dass dort eine Reihe neuer Shops und Einkaufszentren errichtet werden.

Istanbul auf dem Weg zur Weltstadt

Und genau das ist auch der gemeinsame Nenner all dieser Projekte: Geld. Sie kosten viel und sollen auch viel wieder hereinbringen. Istanbul lockt durch solche Projekte jedenfalls immer mehr und mehr InvestorInnen aus dem Ausland an. Die Stadt ist außerdem in den vergangenen Jahren immer öfter Gastgeber verschiedener kultureller oder sportlicher Veranstaltungen geworden.

Laut einer kürzlich veröffentlichten Studie von "Mastercard Worldwide Insights", ist Istanbul die am siebent häufigste besuchte Stadt der Welt. Bei der Frage, wie viel Geld BesucherInnen ausgeben, hat sich gezeigt, dass Istanbul mit 10,2 Milliarden Dollar weltweit auf Platz zwölf liegt. Allerdings- und das ist der springende Punkt- hat Istanbul gegenüber 2010 geschätzt um sagenhafte 30,1 Prozent zugelegt. Die Stadt am Bosporus ist damit am besten Weg, einer der globalen Hotspots zu werden. Hoffentlich verträgt sie das auch. (Yilmaz Gülüm, 20. Juni 2011, daStandard.at)

Kommentar posten
16 Postings
Derya Baysal
00
21.6.2011, 09:47
nicht nur wahnwitzig auch unrealistisch

Meines Erachtens sind die Pläne/Projekte der AKP& Erdogan unrealistisch. Istanbul ist ein Erbebengebiet und sollte nicht mit riesigen Projekten überstürzt werden. Man sollte vorausschauend und überlegt planen.

universelles recht auf atomwaffen
10
27.6.2011, 11:46
wann war das letzte schwere beben in istanbul?

nachdem die jahrhunderte alten minaretten der großen moscheen noch immer stehen, kann istanbul nicht so eine "erdbebenstadt" sein oder?

nichts desto trotz bin ich auch gegen das projekt, doch man muss darüber nachdenken, vor allem der vertrag von montreux, welches die benutzung des bosporus regelt wäre danach hinfällig, es stellt sich die frage ob die türkei profitiert oder nicht.

Derya Baysal
00
29.6.2011, 10:43
das letzte grosse beben war 1999

ok die moscheen sind nicht eingestürzt aber vieleicht sind sie einfach standhafter gebaut als andere gebäuden in istanbul.

gute anmerkung, was passiert dann mit dem vertrag von montreux, keine ahnug. das interessiert mich jetzt auch....

Michael Lan
00
20.6.2011, 19:18
Die Zahl der Einwanderer ist in beiden Städten ca. Gleich...

...doch Tokyo ist doppolt so groß.
Ausserdem spricht sichs in Hongkong Englisch, dass hat's mir auch leichter gemacht.

knievel
11
20.6.2011, 16:28

"ist Istanbul die am siebent häufigste besuchte Stadt der Welt."

liest man sich die erhebungsmethode in appendix b der zitierten studie durch fällt allerdings schnell auf das darin nicht berücksichtigt wird welche nationalität bzw. geburtsland die reisenden haben, der besuch wird aus fludaten ermittelt die rück- nud transferflugbereinigt sind.
meine erfahrung: wo andere in der welt herumgondeln fliegt der türke (auch wenn er mittlerweile eine andere staatsbürgerschaft hat) im urlaub zurück in die türkei.
so gesehen also kein kunststück, exportiert man viele bürger ins ausland steigt dieser wert automatisch (ausser das ursprungsland ist selbst so unattraktiv geworden das keiner je zurück will).

Osman Mert
00
21.6.2011, 16:07

Natürlich fliegt ein Türke häufiger in die Türkei , ein Italiener häufiger nach Italien etc.

Interessant ist doch aber das Istanbul laut dieser Studie Platz 7 bei den meisten Besuchern und Platz 12 bei den höchsten Ausgaben pro Besucher belegt.
Noch vor Städten wie Rom, Barcelona, Dubai und Tokyo.

Pendolino
00
21.6.2011, 00:47
in jedem land gibt es auswanderer

Türkei ist nicht das einzige land, das Touristen aus dem eigenen land hat.siehe Deutschland und andere Staaten.

knievel
11
21.6.2011, 10:06

alles eine frage der quantität.
die grosse auswanderungswelle der deutschen und österreicher ist jahrzehnte her. menschen die vor vierzig oder mehr jahren ausgewandert sind fliegen wohl kaum regelmässig in die 'alte heimat'.
dazu kommt wohl auch dass der hintergrund der auswanderung nicht unrelevant ist. wenn jemand aus schlechten wirtschaftlichen verhältnissen 'flüchtet' ist die reisefreudigkeit/möglichkeit danach wohl eine andere als bei jemandem der eine ohnehin gute position weiter ausbaut.
meines erachtens ist es ein nicht zu vernachlässigender faktor der aber aufgrund der fehlenden daten und der komplexität nur sehr schwer mit einzurechnen ist.
aussagen wie die obige finde ich eben immer hinterfragenswert.

mehmetali erbil
00
21.6.2011, 13:35
Oh schaut

die Schlechmacher sind wieder unterwegs.

knievel
00
21.6.2011, 14:12

haben sie auch inhaltlich etwas beizutragen oder reichts nur für einzeiler und rote stricherln?
im gegensatz zu ihnen hab ich die durchaus interessante studie zumindest ansatzweise durchgelesen.

Standard Leser4
 
00
21.6.2011, 22:06

So gesehen hat Istanbul etwa 45 % aller Fremdenverkehrseinnahmen der Tuerkei.
Kommt mir ein bisschen viel vor wenn man die vielen schoenen Orte am Meer kennt, die im Sommer total ueberlaufen sind.
Ich vermute in diesen Geldern sind auch die Ausgaben der Textileinkaeufer aus der Ukraine enthalten, die mit der Faehre gern nach Istanbul zum einkaufen fahren.
Dies gilt natuerlich auch fuer die Flugtouristen aus der Ukraine und Russland, die vermehrt Istanbul zum Einkaufen wegen der billigen Schmuckstuecke im Basar anfliegen. Waere interessant zu hoeren wieviele Tage die Touristen in Istanbul bleiben.

valtheWU
10
20.6.2011, 13:12
"Istanbul auf dem Weg zur Weltstadt"

what?

der erleuchtete
42
20.6.2011, 12:45
da können solche provinznester wie wien oder berlin

natürlich nicht mithalten!
und den össi-rassisten frisst der neid :))
nicht mehr lange - und ich seh unsere alpen-dodeln in istanbul um arbeit betteln... dann reden wir weiter hinsichtlich integration&akkulturation und türkische sprachkenntnisse bei diesen neue wirtschaftsflüchtlingen aus österreich am bosporus.
die türkei sollte so schnell wie möglich in die EU; dumme sumper-länder wie österreich gehören endlich rausgeworfen und ihnen der euro entzogen.

Michael Lan
00
20.6.2011, 10:22
Go Istanbul!

Eine Weltstadt vor der Haustür, fände ich Klasse.
Eine Sache die eine Weltstadt für mich unbedingt braucht ist Diversität. Aus diesem Grund ist für mich Hong Kong eine Weltstadt, Tokio aber nicht. Weltstätte haben die Eigenschaft dass man sich sofort in Ihnen zu Hause fühlen kann, weil Menschen aus allen Ländern dort zu finden sind. Wenn Istanbul so würde, würde ich auch hinziehen. Das Wetter ist dort viel besser als in London.

Osman Mert
00
20.6.2011, 12:38

In Tokyo gibt es auch viele Ausländer, wo sehen Sie denn genau den Unterschied zu Hong Kong?

mehmetali erbil
00
21.6.2011, 13:36
In Tokyo sind die Menschen

viel netter. Alle haben ein strahlendes Lächeln.

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