Islam und Homosexualität

"Können Gefühle haram sein?"

Güler Alkan, 29. Juni 2011, 08:30
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    foto: güler alkan

    "Können Gefühle haram sein? Was ist denn haram, was ist verboten oder erlaubt?"

Homosexualität gilt im Islam als Tabu und Sünde. Der konvertierte Andreas Ismail Mohr definiert seinen Islam anders

Andreas Ismail Mohr ist 1981 mit 17 Jahren zum Islam konvertiert. Ein Muslim und homosexuell zu sein schließen sich für ihn nicht aus. Der studierte Arabist und Islamwissenschaftler, der zur Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Koranforschungsprojekt "Corpus Coranicum" der Berlin-Brandenburgerischen Akademie der Wissenschaften tätig ist, will kein Doppelleben führen und definiert den Islam für sich anders und ohne rigide Gebote.

daStandard.at: Der Islam gilt als eine der dogmatischsten Weltreligionen, der dem Individuum weit bis in den Alltag hinein Regeln auferlegt. Warum haben Sie sich dazu entschlossen zum Islam zu konvertieren?

Andreas Ismail Mohr: Ich war als Jugendlicher sehr begeistert von Sprachen und Schriften. Besonders haben mich die hebräischen und arabischen Schriftensprachen interessiert. Ich habe Synagogen besucht und Muslime kennen gelernt. Und Einblick in zwei fremde Religionen gewonnen, die man als normaler Deutscher, als in einem katholischen Dorf Aufgewachsener nicht kennt. Aber wenn man jetzt traditionell katholisch aufgewachsen ist, gibt es auch viele Gebote, also so groß ist der Unterschied auch nicht. Leute die von Religion nichts mehr verstehen, die mögen denken, dass im Judentum oder im Islam alles streng geregelt sei.

daStandard.at: Wie alt waren Sie als Sie zum Islam übergetreten sind und wie haben Ihre Eltern und die Umgebung darauf reagiert?

Andreas Ismail Mohr: Ich war 17, das war genau vor 30 Jahren. Die im Ort wussten das ja auch gar nicht. Die Eltern fanden das natürlich nicht so gut und haben recht negativ reagiert, als sie gemerkt haben, dass das Ernst ist und kein Spaß. Sie haben versucht mir gewisse Kontakte zu verbieten. Sie wussten, dass ich abends in einem Moschee gehe und wollten das untersagen.

daStandard.at: Waren Sie denn zu dieser Zeit Mitglied einer muslimischen Gemeinde?

Andreas Ismail Mohr: Genau genommen bin ich erst einmal nur für mich selber konvertiert. Die Idee, dass man irgendwo hingeht, um dort überzutreten, gibt es ganz streng genommen eigentlich nicht unbedingt. Muslim ist man ab dem Zeitpunkt, wo man nach der islamischen Glaubensformel bezeugt, dass es einen Gott gibt und Muhammad der Gesandte Gottes ist. Ein Jahr später, 1982, habe ich dann bei einem deutschsprachigen Treffen die Schahada (Anm. d. Red.: islamisches Glaubensbekenntnis) vor Zeugen offiziell abgelegt. Ich hatte aber schon muslimische Bekannte aus Pakistan, bei denen ich mich informieren und Schriften ausleihen konnte.

daStandard.at: Für Sie besteht der Islam nicht nur aus Geboten, was ist für Sie dann der Islam? Wie schaut Ihr Alltag aus?

Andreas Ismail Mohr: Anfangs habe ich den Islam schon sehr orthodox mit allem Drum und Dran praktiziert, auch wenn es manchmal die Gefahr in sich birgt, dass das ein bisschen routinehaft wird. Allerdings hatte ich nach neun Jahren doch eine große Krise, als ich erkannte, dass ich meine Homosexualität nicht länger unterdrücken konnte. Ich bin schwul und für mich war das große Problem: Wie kann ich damit umgehen? Die Frage, die immer im Raum bei traditionellen Muslimen steht, ist ja die nach dem Heiraten und Kinder kriegen. Rein theoretisch habe ich mir schon überlegt: Am besten wäre es zu heiraten und eine Familie zu gründen, weil es sich irgendwie schon geben wird. Aber was ist wenn das alles nicht hinhaut? Ich habe mich dann entschlossen doch kein super-islamisches Leben mit Ehe und Familie zu führen. Ich glaube, dass das nicht funktioniert hätte. Ich weiß von anderen, dass es nicht funktioniert hat. Bei uns in Mitteleuropa ist man ja seit den 1980ern darauf erpicht, alles offen zu sagen, kein Doppelleben zu führen. Für mich als Muslim mit deutschem Hintergrund ist es nicht möglich zu sagen, ich unterdrücke meine Gefühle um der rechten Lehre willen. Das wollte ich nicht, also habe ich mir vor 20 Jahren gesagt: Ich muss mir meinen eigenen Islam anders definieren.

daStandard.at: Sie haben ja auch Islamwissenschaften und Arabistik studiert und plädieren für eine differenziertere Betrachtung des Islams.

Andreas Ismail Mohr: Die zentrale Frage bei all diesen normativen Texten und Quellen ist doch: Was ist jetzt da alles Offenbarung, also echtes prophetisches Wort, und was ist menschliche Interpretation von Mystikern, Moral- oder Rechtsgelehrten? Das hat dazu geführt, dass ich den Islam nicht so orthodox praktiziere.

daStandard.at: Zu welchem Schluss sind Sie denn gekommen was das Thema Islam und Homosexualität angeht?

Andreas Ismail Mohr: Als religiöse Rechtleitung ist der Koran schon für mich Offenbarung und gültig in einer Form. Das heißt aber nicht, dass man immer alles befolgen kann. Was die Überlieferungen über Mohammeds Taten und Worte, besonders die Prophetensprüche, also Hadithe, angeht, da ist natürlich bekannt, dass sehr viele falsche und erfundene neben so genannten schwachen und stärkeren Überlieferungen stehen. Gerade bei rechtlichen oder dogmatischen Fragen gibt es viele Hadithe, die je nach Rechtsschule umstritten sind. Es gibt Gelehrte, die haben gesagt, so eine Regel kann man gar nicht aufstellen, wenn die Quellenlage zu schwach ist. Es ist wahr, es gibt im Islam in der Morallehre recht strenge Verdammung von homosexuellen Handlungen. Einige Dinge, die man gerade zum Thema Homosexualität immer wieder liest, stehen aber auf weit unsichereren Füßen als man denkt. Zum Beispiel die Lot-Geschichte im Koran, die herangezogen wird, um gegen Homosexualität Stellung zu nehmen. Obwohl im Koran nicht explizit ausgesagt wird, was das Volk Lots genau gemacht hat. Da steht ungefähr: 'Sie kommen in Begierde zu den Männern.' Die späten Überlieferungen sagen dann, diejenigen, die das tun, was das Volk Lots getan hat, sind zu verdammen. Das ist aber sehr vage.

daStandard.at: Dennoch ist Homosexualität im Islam ein Tabu und wird von vielen Gläubigen als "haram", als verbotene Sünde interpretiert.

Andreas Ismail Mohr: Heute sagen Muslime immer: 'Homosexualität ist haram.' Da möchte ich wissen, was ist das überhaupt? Homoerotische Gefühle alleine zu haben ist ja auch Homosexualität. Können Gefühle haram sein? Was ist denn haram, was ist verboten oder erlaubt? Im Islam bezieht sich "Verboten und Erlaubt" immer nur auf Handlungen, tadelnswert ist immer, das was jemand tut. Gefühle unterliegen ja nicht der gesetzlichen Beurteilung. Das ist ein wichtiger Punkt. Wenn ich also von Homosexualität rede, spreche ich ja nicht immer unbedingt von bestimmten Akten, die für Rechtsgelehrte interessant sein könnten.

Seyran Ateş im Interview: Gegen die Doppelmoral im Islam

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milkmustache
00
25.11.2011, 15:46
viele Gefühle - keine Handlungen ?

Dass homoerotische Gefühle keine Sünde sind, kann ich mir denken. Auch Bischof Küng z.B. versicherte mir, dass es keine Sünde sei homosexuell zu sein. Man sei ein Opfer und soll sich bekehren lassen, er selbst bietet seine Hilfe an.
Doch was nützt es mir, wenn ich meine Neigung nicht ausleben darf??!?!!??
Also erstens: Sind homoerotische Gefühle nicht gleich homosexuell (wenn wir bei dieser Dichotomie bleiben) sondern kommen auch bei Heteros vor. Es ist doch egal, ob gwisse Gefühle haram oder halal sind. Ist es nicht wichtig sie ausleben zu dürfen?!
Es ja nicht so ein Problem, dass diese Handlungen von der Religion verboten werden. Man kann sich schließlich davon abwenden, nicht aber von Gesetzen, die in manchen Staaten auf ihr beruhen. :/

tignosa
00
10.9.2011, 11:20
er hat in der Synagoge Muslime kennengelernt?

das nenn ich interreligiös!

Sat - Amun
00
19.8.2011, 11:42
Chaqu' un à son goût!

Reliogion und Sexualität sollten meines Erachtens immer Privatsache sein und nicht in der Öffentlichkeir breit getreten werden. Natürlich kann man sich zu seiner Einstellung bekennen, aber wen interessiert das? Meines Erachtens sind die ganzen Outings und Bekenntnisse nichts als Wichtigtuerei. Mensch ist Mensch, egal welche Vorlieben oder Überzeugungen jemand hat.

Nebenbei: Es gibt in allen Religionen so etwas wie einen gemeinsamen Konsens. Das Beachten von diesen Grundregeln im Umgang des täglichen Miteinanders ist wichtig. Welchen Weg man für sich wählt, ist egal. Sollte die Menschheit nicht endlich so weit sein, jeden nach seiner Facon leben zu lassen? Wie weit sind wir von Toleranz und gegenseitigem Respekt vor dem anderen weg?!?

knievel
00
19.8.2011, 09:37

was ich vermutlich mein lebtag nicht begreifen werde ist der umstand wozu man überhaupt ein buch, eine vorschrift, etc braucht um anständig zu leben.
wozu brauche ich ein geschreibsel von dem keiner weiss wers geschrieben hat (prophet, jünger oder doch nur irgendein poidl) um mein leben, meine ziele und meinen umgang mit anderen zu definieren?
religion ist seit anbeginn mehr fluch als segen, aber wie so oft in menschlichen gemeinschaften ist es fast unmöglich mit den jeweiligen schafen die jeweiligen dogmen einem realitätscheck zu unterziehen (das scheitert ja schon daran dass alles was nicht irdisch erklärbar ist eben einem wie auch immer gearteten fabelwesen zugeordnet wird).

Karl Kater
00
17.8.2011, 22:01
Eine Religion, die Homosexualität verdammt und unter Strafe stellt ist keine Religion.

knievel
01
19.8.2011, 09:44

hab ich neulich auf einem plakat in einem vorgarten gelesen:
die hälfte aller probleme wären gelöst wenn ihre religion und ihr sexualleben ihr schlafzimmer nicht verlässt.

josefa maier449
02
erst wenn sich ein führender Muslim

als homosexuell outet, glaub ich an die Integrität dieser Glaubensrichtung in Europa.

onduras
00

in wieviel islamischen ländern steht auf homosexualität die todesstrafe, ich helf kurz aus es sind 9 länder

Beim Barte des Proleten!
04
30.6.2011, 08:32
http://www.youtube.com/watch?v=xlTwwr-WEVo

Der beste Film der je zum Thema Religionen gemacht wurde.

Da gibts mehrere solcher Personen die sich das so hinbasteln das SIe mit dem Widerspruch leben können.

Allein das mit den Israelis die das Sabbath Arbeitsverbot umgehen und Gott austricksen wollen.

insertnamehere
 
00
17.8.2011, 23:35
Ich habs mir jetzt nicht ganz angschaut, hab aber eine Frage:

Warum is der Film spiegelverkehrt?

Mr. G
00
18.8.2011, 10:27
Das wird gemacht

damit die Verwertungsgesellschaft den Film nicht so schnell findet und abdrehen lässt.

ikra
21
30.6.2011, 12:14
ach ja noch was und dann gebe ich eine Ruh:

Seine Aussage: "Heute sagen Muslime immer: 'Homosexualität ist haram.' Da möchte ich wissen, was ist das überhaupt?" Wenn er als ein Islamwissenschaftler nicht weiß was HARAM (verboten) und HALAL (erlaubt) ist dann hat er mit seinem Studium nur Zeit vergeudet. Für die, die sich wirklich auskennen: Imam-i Rabbani sagt: "Wenn eine Person immer weitersündigt, und dies ihm gefällt, dann ist diese Person ein Heuchler (Munafiq)."

Trismegisto
 
02
30.6.2011, 13:21

so wie ich das lese fragt er eher was es bedeutet wenn man sagt dass Homosexualität "haram" ist. Was man dabei unter Homosexualität versteht, die Gefühle, die Handlungen.

knievel
02
19.8.2011, 09:39

er windet sich nur eine konkrete antwort zu geben.
in einer aufgeschlossenen gesellschaft sollte es nämlich gänzlich irrelevant sein ob das nur ein gefühl, eine neigung, die ausgeübte sexualpraxis, etc. ist.
aber das beantwortet er (wie seine studienbücher) mit einem überzeugten 'BLA'...

adabei1001
03
30.6.2011, 01:41

Was meint er mit dem letzten Satz? Dass er in Abstinenz lebt?

Timagoras
 
00
30.6.2011, 01:39
" Muslim ist man ab dem Zeitpunkt, wo man nach der islamischen Glaubensformel bezeugt, dass es einen Gott gibt und Muhammad der Gesandte Gottes ist"

.
Muhammad ist der gesandte gottes?

auf jeden fall ein gelungener beweis dafür, dass auch schwule bzw. lesben menschen mit stärken, fehlern und schwächen sind.
schwule können grüne, nadsis, bobos, autonome, kommunisten, kardinäle, katholiken, buddhisten, atheisten, lehrer, bankangstellte, köche, hoteldirektoren, sandler, fußballer, soldaten, wrestler, floristen, bürgermeister, aussenminister, vizekanzler, spö-wähler, övp-wähler, fpö-wähler, katholiken, scientologen oder muslime sein.

also ganz "normal" ;o)

tignosa
00
10.9.2011, 11:22
wieso haben Sie die Katholiken zweimal erwähnt?

Laird of Glenmore
00
27.7.2011, 21:06
Die Burschenschafter

haben Sie vergessen. Da steckt das Detail im Namen ... :-)

prusiner
08
29.6.2011, 23:00
Vorschlag

er könnte seine Konvertitenkollegen wie den Pierre Vogel oder den Sven Lau befragen wie die das so sehen

ikra
48
29.6.2011, 22:01

Ich habe den Text noch einmal genauer durchgelesen und muss meine Meinung noch vehementer vertreten, dass Herr Mohr keine Ahnung vom Islam hat. Was soll diese Aussage:"Anfangs habe ich den Islam schon sehr orthodox mit allem Drum und Dran praktiziert, auch wenn es manchmal die Gefahr in sich birgt, dass das ein bisschen routinehaft wird"?. Der Islam ist nun mal eine Religion die auf praktiken beruht wie das 5 Mal am Tag Beten oder das Fasten oder kein Alkohol trinken etc., und es SOLLTE für jeden Muslim zur Routine werden und sein (vorausgesetzt man ist gläubig). Weiters: "Das heißt aber nicht, dass man immer alles befolgen kann". Leider muss ich sagen, dass diese Aussage Herrn Mohr zu einem "Ungläubigen" macht. sorry to say this Mr Mohr...

tignosa
00
10.9.2011, 11:23
man muss nicht Fundi sein, um zu glauben

was für eine Anmaßung, Gott auf eine beleidigte Krämerseele zu reduzieren!

STJ911.org
00
25.8.2011, 09:01

Man kann ja auch Christ sein, ohne Sonntags in die Kirche zu gehen.
Warum kann man dann nicht Muslim sein, ohne täglich 5x zu beten?

tignosa
00
10.9.2011, 11:26
schaun Sie sich mal die jüdischen Quellen aus dem Mittelalter an

was da von Rabbinern alles zum Thema "koschere Ernährung" steht. Hätten jüdische Familien im Mittelalter am Land alles nach dem Buchstaben befolgt, wären sie verhungert. Damals hat man sich nicht einfach ins Auto gesetzt und ist in die nächste Stadt zum koscheren Lebensmittelgeschäft gefahren... Es gilt im Grunde für alle Religionen, was Paulus festgestellt hat, nämlich,d ass der Buchstabe tötet und der Geist lebendig macht.

Dhimmi
00
20.7.2011, 13:58
"dass Herr Mohr keine Ahnung vom Islam hat."

Doch hat er, und deshalb zweifelt er ja.

Er sagt: "Was ist jetzt da alles Offenbarung, also echtes prophetisches Wort, und was ist menschliche Interpretation? "
Und lieber Herr Mohr: Selbst wenn wir dies zweifelsfrei unterscheiden könnten, bleibt dann immer noch die Frage: Was soll denn ein "echtes prophetisches Wort" sein.
Doch nicht etwa die absolute Wahrheit?

Als Mitarbeiter des CC werden Sie doch wissen auf wie wackeligen tönernen Beinen auf sandigem Untergrund das Alles steht.
Nicht einmal einen als authentisch nachgewiesenen Koran haben wir.

Ziehen Sie die Konsequenzen - sonst machen Sie sich als Wissenschaftler noch fragwürdig.

Interrupt
00
30.6.2011, 07:48
aufpassen!

der islam mag auf praktiken beruhen ABER es gilt trotzdem der grundsatz "abgerechnet wird zum schluss". zudem gibt es im islam ja auch keine unendliche hölle, d.h. nachdem gott einen geprüft und für seine sünden bestraft hat geht es in den himmel. somit kann der islam noch so sehr auf strengen praktiken beruhen, solange jemand fest davon überzeugt ist dass es einen gott gibt und mohammed sein prophet ist (ebenso wie christus!), wird er als moslem früher oder später im himmel landen. DESHALB hat mohr auch recht und er KANN sehr wohl seinen eigenen islam definieren.

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