Medien in der Türkei

Zensur und Drama

Yilmaz Gülüm, 4. Juli 2011, 09:18
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    In der Türkei gibt es über 1.700 Zeitungen, davon erscheinen etwa 35 landesweit.

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    Die Ergebnisse der Studie der Bilgi Universität zum Thema Zensur, Selbstzensur und die Ängste der JournalistInnen.

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    Die meistverkauften Zeitungen in der Türkei. (Gazete, türk. Zeitung; Kodu, türk. Code; Satis, türk. Verkauf; Önceki, türk. vorher; Fark, türk. Unterschied)

Im Pressefreiheits-Index schneiden der Irak und Ägypten unter Mubarak besser ab als die Türkei - Warum?

"Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient." So lautet ein Joseph Marie de Maistre zugeschriebenes Zitat. Das selbe könnte man wohl auch über Medien sagen. Die türkische Medienlandschaft und - was vielleicht noch wichtiger ist - die Vorgänge innerhalb dieser, sind ein guter Indikator dafür, wie das Land im Gesamten tickt.

Wenn in diesen Tagen über Journalismus in der Türkei gesprochen wird, sind die Sorge um Presse- und Meinungsfreiheit das zentrale Thema. Die Bilgi Universität hat zum Thema Zensur, Selbstzensur und die Ängste der JournalistInnen eine Studie durchgeführt. Die Ergebnisse (sie wurden bereits in einem Vortrages präsentiert, sind jedoch noch nicht öffentlich zugänglich) sind beachtenswert.
67 JournalistInnen quer durch die gesamte Medienlandschaft wurden befragt. 91 Prozent sind demnach der Ansicht, dass Stories von öffentlichem Interesse nicht veröffentlicht werden. 96 Prozent geben als Grund dafür Druck von Seiten der Politik an. 92,4 Prozent sagen, es liegt auch an den Medieneigentümern. Etwa 65 Prozent der Befragten geben an, dass sie Angst haben wegen eines Artikels angezeigt zu werden.

Die Schere im Kopf

Dementsprechend gibt auch über die Hälfte an, schon einmal Stories in abgemilderter Form veröffentlicht zu haben. Ein klassischer Fall von Selbstzensur. Die Themen, bei denen das am häufigsten der Fall ist, sind das Verhältnis zwischen Medieneigentümern und der Regierung (92, 7 Prozent stimmen zu), religiöse Communities und ihre Verbindungen zur Regierung (88,8 Prozent stimmen zu) und Skandale großer Firmen (85,1 Prozent stimmen zu).

Alle JournalstInnen stimmen zu, dass Zensur und Selbstzensur ein weit verbreitetes Problem ist. Über 90 Prozent sind der Ansicht, dass die Verhaftung zahlreicher KollegInnen ein allgemeines Klima der Angst in den Redaktionen verursacht.

Laut einem OSZE-Bericht befinden sich 57 türkische JournalistInnen derzeit im Gefängnis, einige seit längerem in Untersuchungshaft, ohne die Anklageschrift gesehen zu haben. Das brachte der Türkei für 2010 den 138. Platz im Pressefreiheits-Index der "Reporter ohne Grenzen". Sogar der Irak und Ägypten unter Mubarak schneiden noch besser ab.

Die größten Zeitungen

Sehen wir uns dieses Mediensystem etwas genauer an. Es gibt über 1.700 Zeitungen, davon erscheinen etwa 35 landesweit. Das am häufigsten verkaufte Blatt ist die regierungsnahe "Zaman", die auch eine österreichische Schwester namens "Zaman Avusturya" hat. Es gibt jedoch das Gerücht, dass ein Teil der Reichweite erschwindelt wird. Mein Mitbewohner etwa war bis vor kurzem Abonnent, obwohl er die Zeitung nie gelesen hat. Ein Freund von ihm wohnt in einem "Feytullah Gülen Haus" und musste jemanden zum Abonnenten machen, um dort bleiben zu dürfen, sagt er.

Die zweitstärkste Zeitung ist "Posta". Wer große Bilder mag und wissen will, welcher Promi gerade mit wem etwas am Laufen hat, wieso, wie lange noch und überhaupt- was sind die schmutzigen Details?- und nebenbei noch etwas Politik und Weltgeschehen, der ist hier richtig aufgehoben. Boulevard vom Feinsten.

Die erste regierungskritische Zeitung, mit der vermutlich bescheidensten Onlineausgabe, kommt mit "Sözcü" auf Platz fünf. Mir persönlich ist diese Zeitung während des Wahlkampfes aufgefallen, als man statt "Ministerpräsident Erdogan" lieber "Diktator des Schreckensimperiums" schrieb.

Eigentümerkonzentration

Trotz einer relativ breiten Auswahl an Medien sind die Eigentümer doch recht stark konzentriert. Da gibt es die große und mächtige Dogan Holding. Ihr gehören fünf der landesweit erscheinenden Zeitungen, zwei der größten Fernsehkanäle und eine Nachrichtenagentur. Seit das Finanzministerium eine Anzeige wegen Steuerhinterziehung in Höhe von über einer Milliarde Euro erstattet hat, ist die gesamte Gruppe klar regierungskritischer geworden.

Eine andere wichtige Gruppe ist die Calik Holding. Sie besitzt zwar "nur" zwei der 15 größten Zeitungen und nur einen großen Fernsehsender, hat aber einen interessanten Chef. Berat Albayrak heißt er und ist der Schwiegersohn von Erdogan. Wenig überraschend sind die Produkte dieser Gruppe wenig regierungskritisch.

Serien, Dramen und kein Happy End

Allerdings hat keines dieser journalistischen Produkte im Ausland eine besonders große Bedeutung. Anders sieht es da schon bei anderen Medienprodukten aus, nämlich den Fernsehserien. Es gibt sie zu Dutzenden, jeden Tag mehrere gleichzeitig auf verschiedenen Sendern. Eine Folge dauert in der Regel 90 Minuten, die Handlung schreitet entsprechend eher langsam voran.

Die syrischen Flüchtlinge in den Camps schauen etwa am liebsten "Kurtlar Vadisi" (Tal der Wölfe), so heißt es. In Österreich wurde die Serie bekannt, als der Film dazu in Deutschland aufgrund antisemitischer Tendenzen zunächst verboten wurde. Exportiert werden die Serien etwa nach Usbekistan, Kasachstan, teilweise in den Balkan und zuletzt eben auch in den arabischen Raum.

Und was für Geschichten werden in den Serien so erzählt? Nun, da es ziemlich viele Soaps gibt, sind auch die Geschichten unterschiedlich. Exemplarisch will ich aber (ohne, für Interessierte, zu viel zu verraten) einen Einblick in eine Serie geben. Für mich eine charakteristische Dramaturgie:

"Fatmagül'ün sucu ne?" (Was ist Fatagüls Verbrechen?) Es geht um ein junges (selbstverständlich) hübsches Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen. Am Anfang der Serie wird sie von drei reichen Männern vergewaltigt, einer schaut zu. Danach geht es um die Ehre der Familie, Intrigen, Lügen, Komplotte. Es gibt eine unmoralische Schwägerin und einen Ex-Freund (es gibt immer einen!), der sie zurück haben will. Und die Frage die offen bleibt, ist, ob Fatmagül jemals glücklich sein wird und ob die Täter ihre gerechte Strafe bekommen. Jetzt ist allerdings Sommerpause. Müssen sich die Leute eben mit etwas anderem beschäftigen (Yilmaz Gülüm, 4. Juli, 2011, daStandardat)

Kommentar posten
10 Postings
meleti
40
nicht erwähnenswert

diakonische strafe für kurdische JournalistInnen (unter anderem) sind nicht erwähnenswert herr gülüm ?

Emine Demir ist 24 jahre alt und wurde zu 138 jahren haft verurteilt - rechtskräftigt
http://www.spiegel.de/politik/a... 63,00.html
ist keine ausnahme gibt sonst noch dutzende kurdische journalistInnen mit dem selben schicksaal

ist aber nicht erwähnenswert wenn man einen artikel über die medien zensur usw in der türkei schreibt ...

dia_lektik
00
yilmaz gülüm nimmt eben keine unterscheidung zwischen türkischen und kurdischen journalisten vor...schließlich hat die berufgruppe gesamt mit zensur zu kämpfen.

der von ihnen genannte fall ist ob des ungeheuren strafausmaßes schockierend. aber im von ihnen genannten link geht es um eine journalistin, die für ein pkk-nahes blatt schrieb. ob sie dabei propaganda für die terrororganistation betrieben hat, weiß ich nicht, vielleicht wissen sie mehr.

aber wer zu gewalt aufruft, hetzpropaganda betreibt oder eine terrororganisation unterstützt, muss auch in ö mit anzeigen rechnen. wobei solch drakonische strafen und die beschränkung der pressefreiheit natürlich nicht zu goutieren sind.

der paragraf, der die beleidigung des türkentums unter strafe stellt, führt auch dazu, dass in den türk. gefängissen mehr schriftsteller als verbrecher vorzufinden sind. dieser paragraf gehört längst abgeschafft.

Yilmaz Gülüm
12

Vielleicht sollte ich ab jetzt bei jedem Artikel folgenden Absatz am Ende hinzufügen:

"Der Artikel stellt bezüglich des behandelten, übergeordneten Themas keinen Anspruch auf Vollständigkeit bezüglich aller in Frage kommenden Informationen, Details und Hintergründe. Eine Selektion ist notwendig, das bringt das Format mit sich."

Zu diesem konkreten Fall:
Die Einzelschicksale der inhaftierten JournalistInnen sind natürlich interessant/relevant. Ebenso hätte ich aber noch über auf der Straße erschossene Journalisten schreiben können, oder Journalisten die als Abgeordnete kandidieren, oder die Qualität der Texte, oder die politische Orientierung und Konsens der Medien, oder oder oder. Sie verstehen?

erbeeren
00
Die einzigen Qualitätszeitungen sind mM nach Radikal, Birgün und Cumhurriyet

Und tja was soll man schon zu "Zaman" sagen und der Gülen Bewegung :Gülen definiert das Bildungsziel als Dienst, Hizmet. Der Mensch als Gottes Knecht hat Gott zu dienen. Das geschieht nicht nur in der Beachtung von religiösen Geboten und Verboten, d. h. Schariavorschriften, und der Erfüllung religiöser Pflichten, ‘ibadât, sondern auch durch den Dienst an den Menschen. Gülen sagt: Hizmet bedeutet d. h. Erhöhung von Gottes Wort, was bedeutet: Die Verbreitung des Islam. Gülen schreibt: Es mag verschiedene hizmet-Systeme geben. Der eine eröffnet einen Korankurs, der andere hält in der Moschee sohbets. Es geht Gülen im Grunde genommen um die Religionsfreiheit, genauer gesagt, um die Freiheit, seine Religion zu propagieren.Andere Menschenrechte,

ptz
10
Das ist wieder mal typisch für die Fetullacis!!

Immer bedrohen, diffamieren ihre Gegner, nur ja keine Kritik ...

und das sie " angeblich " die meistverkaufte zeitung in der türkei sind, wundert mich nicht, diesselbe Show haben sie auch hier abgezogen, damit Gülen den Platz 1 belegt siehe da ...
http://www.taz.de/1/leben/k... der-weint/

farsii
00
Zum Thema Fernsehen fällt mir diese Doku ein !!

http://www.youtube.com/watch?v=TAQzaJ-fH2o

Die Türken schauen im Durchschnitt 6 Std/Tag Fernsehen.

dia_lektik
01

guter link, dort werden 5 stunden/tag und die türkei gemeinsam mit italien europaweit als spitzenreiter im tv-konsum genannt. (berlusconi wusste schon, warum er sich all die fernsehsender unter den nagel gerissen hat)

mich erstaunt immer wieder, dass in der türkei der fernseher oft nebenbei rennt. v.a. seifenopern aus südamerika sind sehr beliebt bei hausfrauen, so beliebt, dass nicht wenige männer/kinder sich über angebranntes essen beschwerten ;)

die medienlandschaft ist aber auch sehr vielfältig. "einfache" leute finden genauso ihre serien, die ihre von tradit. normen geprägte welt wiedergeben, wie weniger traditionelle zuschauer, die z.B. an der kultur der maya, an jazzmusik oder trekkingtouren interessiert sind, ihr programm.

mehmetali erbil
10
Irrtum

Es sind vor allem die Seifenopern beliebt, die in der Türkei produziert wurden. Daran kann man sehen, dass wieder Ahnungslose unterwegs sind.

dia_lektik
00
na, fühlt sich ihr selbstbewußtsein wieder gut, nachdem sie anderen ahnungslosigkeit unterstellt haben?

kennen sie den unterschied zwischen seifenoper (=daily soap) und den türkischen serien, die meist einmal pro woche abends gesendet werden.

mag sein, dass in letzter zeit die türk. hausfrau nachmittags mehr die verkuppelungsshows, wo mann/frau nach dem eheglück sucht, oder die "talkshows", wo sich familientragöiden/streiterein live abspielen oder mütter über vermisste kinder weinen, ansieht.

hab auch nicht behauptet, dass die türk. serien am hauptabend von seifenopern aus südamerika abgelöst werden.

aber der begriff "pembe dizi" ("rosa serie") sagt ihnen schon etwas? es gibt sogar einen eigenen tv-kanal, planet pembe, der nur südamerik. soaps sendet, und da muss ja auch wer zuschauen oder?

http://www.planetler.com/pembe/canli.aspx

Dhimmi
23
"schneiden der Irak und Ägypten unter Mubarak besser ab "

Ich weiss nicht, wie man sich hierzulande linksgutmenschlich brainwashed eigentlich Mubarak oder den neuen Irak vorstellt.
Mit der Realität wird es zumindest nicht viel zu tun haben.

Die Erdogan - Türkei ist wieder auf den Kurs des imperialen, herrschsüchtigen osmanischen Reiches mit einer jahrhundertlangen Unterdrückungstradition nach Innen und Aussen eingeschwenkt.
Das in einer Zeit, wo im tiefsten Arabien (Emirate, Oman) im Gegensatz zur Türkei Religionsfreiheit und weitgehende Pressefreiheit praktiziert wird.

Nichts dokumentiert mehr die Rückständigkeit der Erdogan-Türkei. Wirtschaftliche Zuwächse ändern da gar nichts daran.

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